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Titus 3,4-8

Das Wort Wende haben wir in den vergangenen 10-15 Jahren sehr oft gehört. Angefangen hat es mit den politischen Ereignissen in der DDR, die zur Einheit Deutschlands führten und es ging weiter in den anderen Ländern des so genannten Ostblocks, der keiner mehr ist. Immer mehr Staaten, immer mehr politisch Verantwortliche musste erkennen, dass es so nicht mehr weitergeht, dass sich etwas ändern muss. Die Menschen gingen dafür auf die Straße, in den einigen Ländern auch in den Tod. Überall wo die jeweilige Wende vollzogen wurde, mussten und müssen die Menschen ein neues Leben aufbauen, und wir alle begreifen, wie schwer das ist, wie sehr wir Menschen dem alten verhaftet sind oder wie wenig wir uns auf das Neue einstellen können. Eine Wende braucht Zeit, sie braucht bereite Menschen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, diese Wende auch im praktischen Leben zu vollziehen, so dass sie für die Menschen gute und nützliche Auswirkungen hat.
Diese Beschreibung von Wende mit seinen menschlichen Schwierigkeiten hat auch etwas mit dem biblischen Text zu tun, den ich vorhin als Predigttext vorgelesen habe. Ich vermute, dass dieser sehr schwierige Satz schon wieder aus Ihrem Gedächtnis entschwunden ist, deshalb möchte ich ihn noch mal in einer anderen Übersetzung vorlesen und ich nehme noch einige Verse hinzu: Wir wollen nicht vergessen, dass wir selbst früher unverständig und ungehorsam waren. Wir waren vom rechten Weg abgeirrt und wurden von allen möglichen Wünschen und Leidenschaften beherrscht. Wir lebten in Bosheit und Neid, waren hassenswert und hassten uns gegenseitig. Dann aber kam die Wende, es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters. Wir selbst hatten nicht vorzuweisen, womit wir sie verdient hätten; doch Gott hatte Erbarmen mit uns. Er hat uns gerettet und zu neuem Leben geboren durch das Wasser der Taufe und den heiligen Geist. Diesen Geist hat uns Gott in reichem Maß durch Jesus Christus, unseren Retter, geschenkt. Weil Christus uns die Begnadigung erwirkt hat, können wir vor Gott bestehen und dürfen darauf hoffen, dass er uns ewiges Leben schenkt. Diese Botschaft ist gewisslich wahr. Ich erwarte, dass du mit Nachdruck für sie eintrittst und sie weitergibst. Dann werden alle, die Gott als ihren Herrn angenommen haben, sich auch darum Mühen, Liebe zu üben. Das ist gut und bringt den Menschen Nutzen.
Auch der Schreiber dieser Zeilen wusste um eine Wende in dem Leben seiner Gemeinde. Allerdings ging es nicht um eine so große politische Wende, wie wir sie - wie gesagt - in den letzten Jahren erlebt haben, aber es war für ihn doch eine radikale Änderung seines Lebens. Er beschreibt die Wende, die für diesen Menschen durch Weihnachten geschah, die für ihn durch die Taufe geschah. Die Menschwerdung Gottes, das Erscheinen der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, das bedeutet für diesen Schreiber und für die Christen, denen er diesen Brief schrieb, eine Veränderung des bisherigen Lebens. Sie legten all ihre heidnischen Bräuche ab, sie hielten sich an die Worte Jesu und sie ließen sich taufen. Ja die Taufe, das war sogar der entscheidende Punkt ihrer Lebensveränderung, mit dem Tag der Taufe wurde die Menschenfreundlichkeit Gottes in ihrem Leben lebendig und von nun an war ihr Leben ganz neu. Das spürten sie, danach lebten sie, das gaben die Christen damals weiter. Die Taufe das war so etwas wie lebendige Weihnachten und hatte Konsequenzen in ihrem Leben. Gott hat uns gerettet durch die Taufe und den heiligen Geist, denn er ist so ganz menschlich zu uns gekommen und deshalb dürfen wir auch darauf hoffen, dass er uns ewiges Leben schenkt. Und weil das so ist, soll unser Leben neu und anders aussehen. Liebe zum Menschen soll das Leben bestimmten.
So war das, liebe Gemeinde, damals auf Kreta in der Gemeinde, in der der Briefempfänger Titus sein Leben verbrachte. Weihnachten und die Taufe, das haben diese Menschen zusammen gesehen und beides hatte für sie tiefgreifende Konsequenzen. Hat Weihnachten auch für uns Konsequenzen, ist die Taufe etwas, was uns das Weihnachtsgeschehen lebendig macht oder umgekehrt? Bewirkt die Taufe etwas in unserem Leben? Ist Weihnachten oder die Taufe ein Wendepunkt in unserem Leben? Ich vermute mal, dass es ihnen nicht anders geht wie mir: Weihnachten ist schon ein schönes Fest und wir feiern es gerne. Die Weihnachtslieder machen Freude und auch die Stimmung genießen wir gerne. Aber es bleibt kaum Bewegendes zurück. Wir erleben diesen Tag eben nicht als Wendepunkt, höchstens als Höhepunkt des Jahres, als Fest auch der Dankbarkeit für gewesenes. Und noch mehr geht es uns ja so mit der Taufe. Sie ist noch viel weniger Wendepunkt des Lebens. Zumeist als Säuglinge sind wir getauft. Wie können wir da von einem Wendepunkt sprechen, wo kaum das Leben angefangen hat?
Dennoch hat Weihnachten seine Bedeutung nicht verloren, obgleich sich bei uns nichts mehr bewegt, auch die Taufe hat ihre Bedeutung nicht verloren, nur weil wir nichts davon merken. Weihnachten und die Taufe, sie haben eine Wende gebracht, die gültig ist, die wir nur für unser Leben vollziehen müssen. Es genügt eben nicht nur zu hören, dass die Wende gekommen ist, sie muss auch angenommen werden, sie muss im Leben Früchte zeigen, sie ist Gabe und Aufgabe. Das ist in der Wende des Glaubens genauso wie in der Wende der Politik. Und das heißt für mich, ich möchte mich von dem Ereignis der Menschenliebe Gottes, wie sie Weihnachten in Jesus Christus als Kind in der Krippe lebendig wurde und wie sie mir als Kind über der Taufe zugesprochen wurde anstecken lassen, ich möchte mich von dieser Menschenliebe Gottes anstecken lassen, ich möchte sie für mich selber für die anderen Menschen in meinem Leben gelten lassen. Wenn ich mich also ein auf die Wende einlasse, nicht mehr das Leben nur mit meinen Vorstellungen betrachte, die Menschen nicht mehr mit meinen Antipathien und Sympathien sehe, sondern sie mit Gottes Augen zu sehe, mit den Augen seiner Menschenliebe, dann kann sich etwas in meinem Leben und in dem Leben anderer Menschen ändern. Ich möchte dies nicht nur einfach so in den Raum stellen, sondern ich möchte versuchen, das auch in einigen Beispielen deutlich zu machen, was es heißen kann, sich dem Leben mit den Augen Gottes zuzuwenden.
Ich habe 1989 10 Monate lang in dem Behindertendorf Neuerkerode beim Elm gearbeitet auf einer Schwerstbehindertengruppe von Kindern im Alter von 15-25 Jahren. Von diesen Kinder, wie sie von uns genannt wurden, mussten die meisten wie Babys versorgt werden: Windeln, waschen, füttern und alles, was dazu gehört. Zu vielen menschlichen Regungen waren diese Menschen nicht fähig. Im dritten Reich sind solche Menschen als unwertes Leben in Gaskammern oder anderswo vernichtet worden. In den ersten Tagen dieser Arbeit war es schwer diesen Menschen entsprechend zu begegnen, sie im wirklichen menschlichen Sinne zu betreuen. Bis ich dann eines Abends vor dem Bett eines Jungen stand, der fast nur steif im Bett lag und durch heftige Bewegungen oder durch Essensverweigerung oder guten Appetit seine Gefühlsregungen zeigen konnte. Nachdem ich ihn zu Bett gebracht hatte, stand ich vor dem Bett und es ging mir durch den Kopf: diesem Menschen gilt Gottes Menschenliebe, auch er ist ganz mit dieser Liebe gemeint. Das war für mich ein Wendepunkt im Umgang mit diesen Menschen, es war aber auch ein Wendepunkt für meinen Glauben. Ich konnte meine eigenen Gedanken ersetzen durch Gottes Gedanken, ich konnte die Menschen sehen, so wie Gott sie sieht. Nun kann nicht jeder von uns solche Erfahrungen machen, vielleicht ist und bleibt dies meine ganz persönliche Lebens- und Glaubenserfahrung. Aber gerade Weihnachten wird diese Glaubenserfahrung wieder lebendig, Gott will Mensch sein, er will den Menschen in Liebe und Barmherzig zugewandt sein. Und er will diese Liebe ganz menschlich geben. Er will sie mir und ihnen ganz persönlich geben, so wie wir das auch in der Taufe sichtbar werden lassen, aber er will sie auch durch mich und durch Sie hindurch geben.
Mich selber also im Lichte dieser Menschenliebe Gottes sehen und den anderen von dieser Menschenliebe Gottes aus sehen, das ist Ziel von Weihnachten. Dies gilt es, in unserem Leben dann lebendig werden zu lassen. Und wo wir das dann tun, können wir eher auf die Menschen zugehen, die anders sind als wir: Menschen, die wir von ihrem Aussehen her ablehnen, die wir schief anschauen, die nicht in unsere Welt passen. Sie passen in Gottes Welt und zu ihr gehören sie und ich. Wir können dann auch den anderen seine Eigenheiten lassen, wenn wir uns wieder einmal über einander ärgern, sei es über den Gartenzaun hinweg in der Nachbarschaft, in der eigenen Familie oder im Betrieb. Den anderen gelten lassen, auch das gehört zur Menschenliebe Gottes, denn er lässt den anderen und mich gelten. Den Menschen mit den Augen der Menschenliebe Gottes sehen, das heißt auch dem Leiden nicht auszuweichen, dem Kranken die Hand zu reichen, auch wenn es uns schwer fällt. Darin wird Gottes Freundlichkeit sichtbar, dass wir nicht nur unsere eigene Person sehen und unsere eigenen Gedanken. Sondern dass wir offen und bereit sind für die ganz anderen Gedanken Gottes. Denn, so heißt es beim Propheten Jesaja: meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege spricht der Herrn. Weihnachten ist ein guter Anfang für diese Wende in unserem Leben. Amen
 

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 24,1-4
Psalm 96
Eingangsliturgie
Gebet Gütiger, menschenfreundlicher Gott!
Wir danken dir für die Geburt deines Sohnes. Unser Leben kann neu werden und eine Wende erfahren. Wir bitten dich: Schenke uns Kraft für einen Neuanfang. Lass unser Hoffnung für unser Leben und deine Zukunft kraftvoll werden. Das bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, der uns ein Bruder geworden ist und der mit dir und dem heiligen Geist ...
Lesung Titus 3, 4-8
Glaubensbekenntnis
Lied: 30, 1-4
Predigt
Lied 42,1-5
Abkündigungen
Fürbittengebet:
Jesus Christus, du Sohn Gottes, unser Bruder
wir danken dir, dass du uns nahe gekommen bist in deinem Sohn Jesus Christus. An Weihnachten und in der Taufe hast du uns deine ganze Liebe geschenkt. Dafür sind wir dankbar und freuen uns. Lass uns dies immer wieder begreifen, wenn wir das Fest deiner Weihnacht feiern.
Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich: Schenke deinen Weihnachtsfrieden allen Menschen dieser Welt. Hilf uns, den Hunger zu besiegen, Not zu lindern, Armut zu bekämpfen. Sei mit den Kranken, begleite die Sterbenden, schick uns zu den Einsamen. Lass darin Weihnachten werden in der Welt. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Gott, wir bitten dich um deinen Segen an diesem Tag des Lichtes Jesu Christi. In seinem Licht leben wir, lass uns in seinem Licht unser Leben gestalten, sein Licht weitergeben und so Liebe in die Welt tragen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich, lass in uns und allen Menschen wirklich Weihnachten werden, auf dass wir dort den Halt haben und finden, den wir für unser Leben brauchen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
44

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt  Klein Elbe

26. 12. 2003

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