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Das Wort Wende haben wir in den vergangenen 10-15 Jahren
sehr oft gehört. Angefangen hat es mit den politischen Ereignissen in der
DDR, die zur Einheit Deutschlands führten und es ging weiter in den
anderen Ländern des so genannten Ostblocks, der keiner mehr ist. Immer
mehr Staaten, immer mehr politisch Verantwortliche musste erkennen, dass
es so nicht mehr weitergeht, dass sich etwas ändern muss. Die Menschen
gingen dafür auf die Straße, in den einigen Ländern auch in den Tod.
Überall wo die jeweilige Wende vollzogen wurde, mussten und müssen die
Menschen ein neues Leben aufbauen, und wir alle begreifen, wie schwer das
ist, wie sehr wir Menschen dem alten verhaftet sind oder wie wenig wir uns
auf das Neue einstellen können. Eine Wende braucht Zeit, sie braucht
bereite Menschen, die Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, diese Wende
auch im praktischen Leben zu vollziehen, so dass sie für die Menschen gute
und nützliche Auswirkungen hat.
Diese Beschreibung von Wende mit seinen menschlichen Schwierigkeiten hat
auch etwas mit dem biblischen Text zu tun, den ich vorhin als Predigttext
vorgelesen habe. Ich vermute, dass dieser sehr schwierige Satz schon
wieder aus Ihrem Gedächtnis entschwunden ist, deshalb möchte ich ihn noch
mal in einer anderen Übersetzung vorlesen und ich nehme noch einige Verse
hinzu: Wir wollen nicht vergessen, dass wir selbst früher unverständig und
ungehorsam waren. Wir waren vom rechten Weg abgeirrt und wurden von allen
möglichen Wünschen und Leidenschaften beherrscht. Wir lebten in Bosheit
und Neid, waren hassenswert und hassten uns gegenseitig. Dann aber kam die
Wende, es erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres
Retters. Wir selbst hatten nicht vorzuweisen, womit wir sie verdient
hätten; doch Gott hatte Erbarmen mit uns. Er hat uns gerettet und zu neuem
Leben geboren durch das Wasser der Taufe und den heiligen Geist. Diesen
Geist hat uns Gott in reichem Maß durch Jesus Christus, unseren Retter,
geschenkt. Weil Christus uns die Begnadigung erwirkt hat, können wir vor
Gott bestehen und dürfen darauf hoffen, dass er uns ewiges Leben schenkt.
Diese Botschaft ist gewisslich wahr. Ich erwarte, dass du mit Nachdruck
für sie eintrittst und sie weitergibst. Dann werden alle, die Gott als
ihren Herrn angenommen haben, sich auch darum Mühen, Liebe zu üben. Das
ist gut und bringt den Menschen Nutzen.
Auch der Schreiber dieser Zeilen wusste um eine Wende in dem Leben seiner
Gemeinde. Allerdings ging es nicht um eine so große politische Wende, wie
wir sie - wie gesagt - in den letzten Jahren erlebt haben, aber es war für
ihn doch eine radikale Änderung seines Lebens. Er beschreibt die Wende,
die für diesen Menschen durch Weihnachten geschah, die für ihn durch die
Taufe geschah. Die Menschwerdung Gottes, das Erscheinen der Freundlichkeit
und Menschenliebe Gottes, das bedeutet für diesen Schreiber und für die
Christen, denen er diesen Brief schrieb, eine Veränderung des bisherigen
Lebens. Sie legten all ihre heidnischen Bräuche ab, sie hielten sich an
die Worte Jesu und sie ließen sich taufen. Ja die Taufe, das war sogar der
entscheidende Punkt ihrer Lebensveränderung, mit dem Tag der Taufe wurde
die Menschenfreundlichkeit Gottes in ihrem Leben lebendig und von nun an
war ihr Leben ganz neu. Das spürten sie, danach lebten sie, das gaben die
Christen damals weiter. Die Taufe das war so etwas wie lebendige
Weihnachten und hatte Konsequenzen in ihrem Leben. Gott hat uns gerettet
durch die Taufe und den heiligen Geist, denn er ist so ganz menschlich zu
uns gekommen und deshalb dürfen wir auch darauf hoffen, dass er uns ewiges
Leben schenkt. Und weil das so ist, soll unser Leben neu und anders
aussehen. Liebe zum Menschen soll das Leben bestimmten.
So war das, liebe Gemeinde, damals auf Kreta in der Gemeinde, in der der
Briefempfänger Titus sein Leben verbrachte. Weihnachten und die Taufe, das
haben diese Menschen zusammen gesehen und beides hatte für sie
tiefgreifende Konsequenzen. Hat Weihnachten auch für uns Konsequenzen, ist
die Taufe etwas, was uns das Weihnachtsgeschehen lebendig macht oder
umgekehrt? Bewirkt die Taufe etwas in unserem Leben? Ist Weihnachten oder
die Taufe ein Wendepunkt in unserem Leben? Ich vermute mal, dass es ihnen
nicht anders geht wie mir: Weihnachten ist schon ein schönes Fest und wir
feiern es gerne. Die Weihnachtslieder machen Freude und auch die Stimmung
genießen wir gerne. Aber es bleibt kaum Bewegendes zurück. Wir erleben
diesen Tag eben nicht als Wendepunkt, höchstens als Höhepunkt des Jahres,
als Fest auch der Dankbarkeit für gewesenes. Und noch mehr geht es uns ja
so mit der Taufe. Sie ist noch viel weniger Wendepunkt des Lebens. Zumeist
als Säuglinge sind wir getauft. Wie können wir da von einem Wendepunkt
sprechen, wo kaum das Leben angefangen hat?
Dennoch hat Weihnachten seine Bedeutung nicht verloren, obgleich sich bei
uns nichts mehr bewegt, auch die Taufe hat ihre Bedeutung nicht verloren,
nur weil wir nichts davon merken. Weihnachten und die Taufe, sie haben
eine Wende gebracht, die gültig ist, die wir nur für unser Leben
vollziehen müssen. Es genügt eben nicht nur zu hören, dass die Wende
gekommen ist, sie muss auch angenommen werden, sie muss im Leben Früchte
zeigen, sie ist Gabe und Aufgabe. Das ist in der Wende des Glaubens
genauso wie in der Wende der Politik. Und das heißt für mich, ich möchte
mich von dem Ereignis der Menschenliebe Gottes, wie sie Weihnachten in
Jesus Christus als Kind in der Krippe lebendig wurde und wie sie mir als
Kind über der Taufe zugesprochen wurde anstecken lassen, ich möchte mich
von dieser Menschenliebe Gottes anstecken lassen, ich möchte sie für mich
selber für die anderen Menschen in meinem Leben gelten lassen. Wenn ich
mich also ein auf die Wende einlasse, nicht mehr das Leben nur mit meinen
Vorstellungen betrachte, die Menschen nicht mehr mit meinen Antipathien
und Sympathien sehe, sondern sie mit Gottes Augen zu sehe, mit den Augen
seiner Menschenliebe, dann kann sich etwas in meinem Leben und in dem
Leben anderer Menschen ändern. Ich möchte dies nicht nur einfach so in den
Raum stellen, sondern ich möchte versuchen, das auch in einigen Beispielen
deutlich zu machen, was es heißen kann, sich dem Leben mit den Augen
Gottes zuzuwenden.
Ich habe 1989 10 Monate lang in dem Behindertendorf Neuerkerode beim Elm
gearbeitet auf einer Schwerstbehindertengruppe von Kindern im Alter von
15-25 Jahren. Von diesen Kinder, wie sie von uns genannt wurden, mussten
die meisten wie Babys versorgt werden: Windeln, waschen, füttern und
alles, was dazu gehört. Zu vielen menschlichen Regungen waren diese
Menschen nicht fähig. Im dritten Reich sind solche Menschen als unwertes
Leben in Gaskammern oder anderswo vernichtet worden. In den ersten Tagen
dieser Arbeit war es schwer diesen Menschen entsprechend zu begegnen, sie
im wirklichen menschlichen Sinne zu betreuen. Bis ich dann eines Abends
vor dem Bett eines Jungen stand, der fast nur steif im Bett lag und durch
heftige Bewegungen oder durch Essensverweigerung oder guten Appetit seine
Gefühlsregungen zeigen konnte. Nachdem ich ihn zu Bett gebracht hatte,
stand ich vor dem Bett und es ging mir durch den Kopf: diesem Menschen
gilt Gottes Menschenliebe, auch er ist ganz mit dieser Liebe gemeint. Das
war für mich ein Wendepunkt im Umgang mit diesen Menschen, es war aber
auch ein Wendepunkt für meinen Glauben. Ich konnte meine eigenen Gedanken
ersetzen durch Gottes Gedanken, ich konnte die Menschen sehen, so wie Gott
sie sieht. Nun kann nicht jeder von uns solche Erfahrungen machen,
vielleicht ist und bleibt dies meine ganz persönliche Lebens- und
Glaubenserfahrung. Aber gerade Weihnachten wird diese Glaubenserfahrung
wieder lebendig, Gott will Mensch sein, er will den Menschen in Liebe und
Barmherzig zugewandt sein. Und er will diese Liebe ganz menschlich geben.
Er will sie mir und ihnen ganz persönlich geben, so wie wir das auch in
der Taufe sichtbar werden lassen, aber er will sie auch durch mich und
durch Sie hindurch geben.
Mich selber also im Lichte dieser Menschenliebe Gottes sehen und den
anderen von dieser Menschenliebe Gottes aus sehen, das ist Ziel von
Weihnachten. Dies gilt es, in unserem Leben dann lebendig werden zu
lassen. Und wo wir das dann tun, können wir eher auf die Menschen zugehen,
die anders sind als wir: Menschen, die wir von ihrem Aussehen her
ablehnen, die wir schief anschauen, die nicht in unsere Welt passen. Sie
passen in Gottes Welt und zu ihr gehören sie und ich. Wir können dann auch
den anderen seine Eigenheiten lassen, wenn wir uns wieder einmal über
einander ärgern, sei es über den Gartenzaun hinweg in der Nachbarschaft,
in der eigenen Familie oder im Betrieb. Den anderen gelten lassen, auch
das gehört zur Menschenliebe Gottes, denn er lässt den anderen und mich
gelten. Den Menschen mit den Augen der Menschenliebe Gottes sehen, das
heißt auch dem Leiden nicht auszuweichen, dem Kranken die Hand zu reichen,
auch wenn es uns schwer fällt. Darin wird Gottes Freundlichkeit sichtbar,
dass wir nicht nur unsere eigene Person sehen und unsere eigenen Gedanken.
Sondern dass wir offen und bereit sind für die ganz anderen Gedanken
Gottes. Denn, so heißt es beim Propheten Jesaja: meine Gedanken sind nicht
eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege spricht der Herrn.
Weihnachten ist ein guter Anfang für diese Wende in unserem Leben.
Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 24,1-4
Psalm 96
Eingangsliturgie
Gebet Gütiger, menschenfreundlicher Gott!
Wir danken dir für die Geburt deines Sohnes. Unser Leben kann neu werden
und eine Wende erfahren. Wir bitten dich: Schenke uns Kraft für einen
Neuanfang. Lass unser Hoffnung für unser Leben und deine Zukunft kraftvoll
werden. Das bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, der uns ein
Bruder geworden ist und der mit dir und dem heiligen Geist ...
Lesung Titus 3, 4-8
Glaubensbekenntnis
Lied: 30, 1-4
Predigt
Lied 42,1-5
Abkündigungen
Fürbittengebet:
Jesus Christus, du Sohn Gottes, unser Bruder
wir danken dir, dass du uns nahe gekommen bist in deinem Sohn Jesus
Christus. An Weihnachten und in der Taufe hast du uns deine ganze Liebe
geschenkt. Dafür sind wir dankbar und freuen uns. Lass uns dies immer
wieder begreifen, wenn wir das Fest deiner Weihnacht feiern.
Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich: Schenke deinen Weihnachtsfrieden allen Menschen dieser
Welt. Hilf uns, den Hunger zu besiegen, Not zu lindern, Armut zu
bekämpfen. Sei mit den Kranken, begleite die Sterbenden, schick uns zu den
Einsamen. Lass darin Weihnachten werden in der Welt. Darum rufen wir zu
dir: Herr, erbarme dich.
Gott, wir bitten dich um deinen Segen an diesem Tag des Lichtes Jesu
Christi. In seinem Licht leben wir, lass uns in seinem Licht unser Leben
gestalten, sein Licht weitergeben und so Liebe in die Welt tragen. Darum
rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich, lass in uns und allen Menschen wirklich Weihnachten
werden, auf dass wir dort den Halt haben und finden, den wir für unser
Leben brauchen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
44
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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