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Röm 9,14-24

Wir werden am heutigen Tag mit einem Text aus dem Römerbrief des Paulus konfrontiert, der uns hineinnimmt in eine Auseinandersetzung zwischen den Juden und den Christen. Die Juden waren ja das von Gott erwählte Volk, sie wurden von Gott in besonderer Weise behandelt. Und nun tauchen die Christen auf und sagen: Gottes Barmherzigkeit gilt durch Jesus Christus allen Menschen, auch den sogenannten Hei- den, mit denen die Juden überhaupt nichts zu tun haben wollten. Paulus sagt dann: ihr Juden seid erst einmal weniger im Blickfeld, bis ihr erkennt und darauf vertraut, dass Jesus Christus der Weg zu Gott ist. Und Paulus geht dann sogar so weit, dass er andeutet, dass die Juden also im Augenblick von Gott verstoßen sind und die Heiden erwählt sind. Über solche Gedanken sind natürlich die Juden sehr ärgerlich, denn sie sind doch das erwählte Volk. Gott müsste also ungerecht sein, würde er wirklich so handeln. Auf dem Hintergrund dieser Gedanken schrieb Paulus folgenden Text, den er wie ein Gespräch gestaltet hat:

Was sollen wir sagen? Handelt Gott ungerecht? Auf keinen Fall! Sagt er doch zu Mose: ich werde barmherzig sein, wem ich barmherzig sein will; und ich werde Erbarmen erweisen, wem ich es erweisen will. Also liegt es nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes freiem Erbarmen. Denn die Schrift sagt zu Pharao (den Gott verstockt hat): dazu habe ich dich auftreten lassen, um an dir meine Macht zu erweisen und meinen Namen auf der ganzen Erde kundwerden zu lassen. Also erbarmt er sich, wessen er will, aber verstockt auch, wen er will.

Da wendest du ein: Wie kann er uns dann noch Vorwürfe machen - wer kann sich denn seinem Willen widersetzen? Oh, Mensch, wer bist du, dass du von Gott Rechenschaft verlangen willst? Es kann doch das Geschöpf nicht zu seinem Schöpfer sagen: warum hast du mich gerade so gemacht? Hat nicht vielmehr der Töpfer Verfügungsgewalt über seinen Ton und kann aus eben derselben Masse das eine zu einem ansehnlichen Gefäß machen und das andere zu einem unansehnlichen? Wenn nun Gott die zur Vernichtung in seinem Zorngericht zubereiteten Gefäße mit großer Geduld getragen hat, um seinen Zorn an ihnen zu erweisen und seine Macht an ihnen kundzutun, aber andererseits, um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen seines Erbarmens kundzutun, die er zur Herrlichkeit bestimmt hat - (hier bricht der Satz ab, den Paulus geschrieben hat: wir haben dann wohl zu ergänzen: dann haben wir nicht das Recht dazu etwas zu sagen. Zumal nicht, seit in Jesus Christus das Erbarmen Gottes gegenüber den Sündern gilt.) Die Erbarmen empfangen, das aber sind wir, die er nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heidenvölkern berufen hat!

Dies ist ein langer Text gewesen, der uns heute hier im Gottesdienst vorgelegt wird. Und wenn man meine Vorbemerkungen gehört hat, dann kann man sich wohl auch fragen, was können diese Worte des Paulus uns zu sagen haben? Es geht doch in ihnen scheinbar um das Verhältnis von Juden und Christen und nicht um heutige Fragen des Christseins. Wir werden hineingenommen in eine ganz andere Welt, in uns fremde und in manchen Gedanken auch unangenehme geistige Auseinandersetzung. Aber ich meine, so weit weg sind diese Gedanken des Paulus sind wir gar nicht, denn es werden in ihnen unsere alltäglichen Fragen des Glaubens laut.

Gott erbarmt sich wessen er will, er verstockt aber auch wen er will, so hieß es bei Paulus. Menschen erleben gute Tage, andere Menschen erleben schwere Tage. Wir haben es selber erlebt in den letzten Wochen dass z.B. junge Menschen durch Unfälle umkommen. Unser Basar hilft Eltern mit krebskranken Kindern. Das ist die Realität unserer Welt, ein Blick in die Zeitung genügt, um sich dies vor Augen zu führen. Und dieses Leiden betrifft auch viele erwachsene Menschen, viele die wir als gute Menschen bezeichnen würden, denen wir das also nicht wünschen würden, ja bei denen es uns besonders schwer fällt zu ertragen, dass diese Menschen leiden müssen. Vor allem dann fällt es uns schwer, wenn wir daneben vielleicht sogar Menschen sehen, die wir als weniger gute Menschen bezeichnen würden, denen es im Leben gut geht.

Dann taucht auch bei uns die Frage auf, die der Apostel Paulus aufwirft: Handelt Gott ungerecht? Und wenn sie einmal daran denken, was ich zur Taufe immer wieder sage, dass Gott in der Taufe zusagt, dass er unsere Wege mitgeht, dass er uns liebt, dann wird diese Frage von uns Menschen noch bedrängender: Handelt er nicht vor allem dann ungerecht, wenn er uns in der Taufe seine Liebe versprochen hat?

Der Apostel Paulus antwortet auf solche verständlichen Gedanken sehr massiv: Auf gar keinen Fall handelt Gott ungerecht! Wie kommt Paulus zu einer solchen massiven Aussage, wo er selber doch auch viel Leid und Ungerechtigkeit in seinem Leben erfahren hat? Paulus war ein Mensch, der sich zeitlebens mit Religion und mit Gott beschäftigt hat. Gott war für ihn ständiges Gegen- über, er wusste auch in der Heiligen Schrift, dem Alten Testament gut bescheid. Und darin fand er die Worte, dass Gott sich derer erbarmt, derer er will, und dass er Menschen aber auch verstockt, wenn er es will.

Paulus hat für sich erkannt, dass Gott in seinem Handeln. völlig frei ist, dass sein Handeln von nichts und niemand abhängig ist. Es liegt also nicht an jemandes laufen oder wollen, so sagt er, es liegt nicht daran, ob wir nach außen hin gute Menschen sind, ob wir uns nach allen Kräften bemühen, Gottes Forderungen zu entsprechen, sondern es liegt alles in unserem Leben an Gottes freiem Erbarmen. Nicht unser Tun und Lassen bewirkt Gottes Barmherzigkeit, auch nicht die heiligen Handlungen wie die Taufe bewirken automatisch ein gutes Leben für uns. Gleichzeitig können wir nicht bei anderen Menschen sagen, dass es an Gottes Zorn liegt, dass es einem Menschen schlecht geht. Gott ist in all seinem Handeln frei. Wie er mit uns handelt, was wir aus seiner Hand entgegennehmen müssen, das liegt allein bei ihm beschlossen, daran können wir nicht rühren.

Das ist sicherlich eine harte Erkenntnis, die Paulus uns hier vorlegt, aber es ist die einzige Erkenntnis, die Gott und dem Glauben wirklich entspricht. Sie nimmt ernst dass Gott wirklich Gott ist und nicht jemand, der nach unseren Vorstellungen zu handeln hat. Wir haben so auch nicht einmal die Möglichkeit, Gott über sein Handeln Rechenschaft abzufordern. Paulus macht uns sehr schnell deutlich, dass wir, wo wir von Gott Rechenschaft fordern, uns überheben und uns auf die gleiche Stufe mit Gott stellen würden: es kann doch das Geschöpf nicht zu seinem Schöpfer sagen, warum hast du mich so gemacht. Und er erweitert dies noch indem er am Bild vom Töpfer und Ton deutlich macht, dass Gott eben frei ist in seinem Handeln gegenüber den Menschen. Er wird durch nichts am Menschen gezwungen, alles liegt an seinem Erbarmen. Woran aber können wir uns dann noch halten, wenn wir doch gegenüber Gott nichts tun können, ja vielleicht sogar der Eindruck entstanden sein mag, Gott handelt mit den Menschen in gewisser Weise selbstherrlich? Was gibt uns dann noch Hoffnung für unser Leben, gerade auch angesichts vieler Erlebnisse in der Welt, die wir als Ungerechtigkeit Gottes beschreiben würden?

Ich habe deutlich gemacht an den Worten des Paulus, dass wir Menschen es nicht in der Hand haben, Gottes Barmherzigkeit zu erwirken. Gott selber ist es, der das Erbarmen über die Menschen entscheidet. Das ist ein wichtiger Gedanke innerhalb unseres christlichen Glaubens, an dem wir auch nichts abstreichen können. Aber wenn auch der Mensch Gottes Erbarmen nicht beeinflussen und festlegen kann, so hat aber Gott sich in seinem Erbarmen festgelegt. Er hat dies getan in Jesus Christus: in seinem Leben, Sterben und Auferstehen hat Gott sein Erbarmen für die Menschen gezeigt, in ihm hat Gott sein Erbarmen auch festgelegt, in ihm hat Gott gezeigt, dass er sich aller Menschen erbarmen will. Und dieses Erbarmen bekommt bei Jesus auch ein ganz besonderes Aussehen. Ich habe vorhin davon gesprochen, dass wir oftmals an äußeren Gegebenheiten festzumachen versuchen, wo Gottes Erbarmen sichtbar wird. Bei Jesus werden diese Maßstäbe zunichte gemacht: da gilt Gottes Erbarmen gerade denen, die es nach außen hin nicht verdient haben, den Sündern, Gottes Erbarmen wird auch sichtbar dort, wo wir es gerade vermissen, im Leiden, und Gottes Barmherzigkeit wird auch durch den Tod nicht zerstört. Auf Gottes Barmherzigkeit dürfen wir durch Jesus Christus in jeder Lebenslage hoffen, es gibt keine Lebenslage in der wir uns als verworfene betrachten müssen. Denn so wie Gott sich des leidenden Jesus Christus am Kreuz erbarmt hat, der in dem Satz: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, seine ganze Gottverlassenheit herausgeschrieen hat, so erbarmt sich Gott auch über uns, wo wir uns in solchen Situationen befinden. Das wird uns in der Taufe zugesagt, denn in der Taufe werden wir ja in das Leben und Sterben Jesu mit hineingenommen. Das Zeichen des Kreuzes auf der Stirn will das deutlich machen; unser Leben wird nicht leidlos sein, wir erleben immer wieder auch Tiefen, daraus entnimmt uns kein Glaube und keine Taufe. Sie ist genauso wenig Garantie für ein leidloses Leben, wie es für das Volk Israel eine Garantie war, Gottes Volk zu sein. Gott ist frei, aber die Taufe versichert uns, dass wir in unserem ganzen Leben dennoch unter Gottes Erbarmen stehen, dass wir den Weg des Leidens nicht alleine gehen.

Wir dürfen uns wirklich fest darauf verlassen, dass Gottes Erbarmen uns genauso gilt wie Jesus Christus, denn in ihn hinein werden wir ja getauft, also gilt uns auch, was Gott an ihm getan hat. Die Taufe ist das äußere Zeichen, dass Gott sich unser erbarmt, darauf können wir auch unseren Glauben gründen, denn diese Zusage ist unabhängig vom Wollen und Laufen der Menschen, sondern allein von der freien Entscheidung Gottes.

In aller Anfechtung unseres Lebens, in aller Unverständlichkeit und Widersprüchlichkeit, die wir tagtäglich erleben und in der wir auch die Freiheit des Handelns Gottes hinnehmen und annehmen müssen, dürfen wir durch Jesus Christus darauf vertrauen, dass Gott uns barmherzig ist. Denn Gott sagt uns nicht ein freudiges Leben zu, sondern dass er uns auf dem Lebensweg begleitet und nahe ist, gleich was uns geschieht. Darin verliert dann auch der Gedanke, dass Gott handeln kann wie er will seine Bedrohlichkeit, denn sein Wollen ist im letzten immer das Wollen der Barmherzigkeit. Amen

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 585, 1-3
Psalm Ps 31, 20-25
Eingangsliturgie - Gebet: Gott im Himmel! Wir sehen die Welt, wie sie ist. Wir hören von dir und können an vielen Stellen beides nicht miteinander verbinden. Elend, Not, Leid und Tod auf der einen Seite, Barmherzigkeit, Liebe und Gnade auf der anderen Seite. Wer bist du, wie bist du? Hilf uns dabei, dich besser zu verstehen und dir zu vertrauen. Das bitten wir durch Jesus Christus ....
Lesung: Jer 9, 22-23
Lied: 620, 1-4
Lesung: Mt 20, 1-16a
Glaubensbekenntnis
 Lied: 603, 1-3
 Predigt
Lied 372, 1-2+5+6
Abkündigungen – Fürbittengebet
Ja, Herr, es ist wahr: Nicht unser Verdienst ist es, dass wir stark sind. Nicht unser Verdienst ist es, wenn wir in geordneten Verhältnissen leben. Nicht unser Verdienst ist es, wo wir genügend von dem haben, was wir zum Leben brauchen. Darum danken wir dir und rufen dich an: Herr erbarme dich.
Ja, Herr, es ist nicht unser Verdienst, wenn wir von Schicksalsschlagen verschont bleiben, die uns den Lebensmut rauben könnten Es ist nicht unser Verdienst, wenn uns keine schwere Sorge dem Alkohol verfallen ließ Es ist nicht unser Verdienst, wenn uns noch keine lieblose Umgebung in Konflikt mit den Gesetzen führte - Darum danken wir dir und rufen dich an: Herr erbarme dich.
Und erst recht, Herr, ist es nicht unser Verdienst, dass du uns in deiner grenzenlosen Liebe angenommen hast Wir tun oft so, als sei alles ganz natürlich Wir meinen vielleicht, es sei alles unsere persönliche Leistung Das bekennen wir als unsere Überheblichkeit - und rufen dich an: Herr, erbarme dich.
Herr, wir bitten dich! Verzeih uns unseren Mangel an Demut. Verzeih uns, wo wir dadurch hart und hochmütig und schuldig wurden an all denen, die unsere Möglichkeiten nicht haben. Lass uns nicht vergessen, dass der Anfang von allein deine Liebe ist und dass alles, was wir haben, dein Geschenk bleibt Wir rufen dich an: Herr, erbarme dich.
Herr, über so vielem Reichtum müssten uns die Augen aufgehen für all die Bedürftigen, zu kurz Gekommenen und Vergessenen, die nichts nötiger brauchen als Liebe. Herr, es müssten unsere Herzen weit werden für die Schwachen, die Gestrauchelten und Randsiedler unserer Gesellschaft, die nichts nötiger brauchen als Vertrauen. Herr, es müsste unsere Phantasie überströmen von Einfällen, was wir tun könnten, um den Unglücklichen, Einsamen, Heimatlosen und Verachteten, die uns nahe kommen, helfen zu können. - Um all das rufen wir zu dir: Herr erbarme dich
Vaterunser Segen 163

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
Klein Elbe
 Septuagesmae 26.1.2002
Liturgischer
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