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Röm 6, 19-23

Gnade sei mit uns ...
Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.
Mit diesen Worten endet der Predigttext für den heutigen Sonntag. Ja, und nun stehen wir da und sollen uns darüber Gedanken machen. Ich empfang diese Gedanken des Paulus als sehr schwer. Was sollst du dazu sagen? Der Gedankengang des Paulus liegt uns so fern, das sind nicht unsere Denkweisen und deshalb sind es auch keine eingängigen Gedanken. Wie also kann man einen Zugang zu dem finden, was Paulus uns da heute morgen mit auf den Weg geben will?
Zum anderen sind hier unter uns trauernde, die heute der Verstorbenen gedenken wollen und da gewinnt so ein Satz noch einmal eine ganz andere Dimension.
Der Sünde Sold ist der Tod. Soll das etwa heißen, dass die Menschen, die von uns gehen, gleichsam für etwas bestraft werden und deshalb sterben müssen? Das möchte ich doch gleich aufs schärfste zurückweisen. So hat Paulus das nicht gemeint und so etwas ist auch nicht Gedanke des neuen Testamentes.
Versuchen wir uns in den Brief des Paulus an die Römer ein wenig einzudenken.
Paulus schreibt den Christen in Rom, die er demnächst besuchen will. Ob er dort je hingekommen ist, wissen wir nicht. Aber er wollte Ihnen doch seine Gedanken mitteilen und hat einen langen Brief an sie geschrieben. Dieser Brief wird heute gerne als das Testament des Paulus angesehen. Es ist so etwas wie das geistliche Vermächtnis des Apostels.
Und im 6. Kapitel versucht er das neue Leben der Christen zu beschreiben. Für die Menschen damals lag das sehr nahe. Es waren Erwachsene Menschen, die sich haben taufen lassen. Menschen also, die schon eine längere Lebensgeschichte hatten und damit natürlich auch bestimmte Lebenserfahrungen in religiöser Hinsicht. Die Taufe war eine radikale geistliche Lebensveränderung. Und genau daran knüpft Paulus nun an, wenn er das Leben vor der Taufe mit dem Leben nach der Taufe in Beziehung setzt.
Das macht seine Gedanken für uns heute so schwierig. Wir haben in der Regel kein Leben vor der Taufe und wenn war es doch relativ kurz und die Taufe kann insofern wohl kaum als eine Lebensveränderung angesehen werden. Der radikale Bruch, den die ersten Christen erlebt haben und auf die Paulus sie ansprechen konnte, den gibt es bei uns nicht. Christentum, leben im christlichen Sinne - das ist Teil unserer Kultur, in der wir groß geworden sind, die zum Leben dazugehört und die wir in der Regel ohne tieferes Nachdenken übernommen haben. In der Regel würden wir sogar unser Leben als ein christliches bezeichnen. Und das ist sicher auch nicht ganz falsch, denn grundlegende Gedanken des Christentum sind als allgemeine Lebensmaxime Teil des Lebens, dass es auch nicht besonders bedacht wird.
Wenn nun Paulus heute in seinem Brief dieses Vorher - Nachher vor Augen führt, so werden wir aber nun doch einmal mehr aufgefordert, tiefer darüber nachzudenken, was denn das Leben als Christ für Auswirkungen auf unsere Lebensgestaltung hat. Wenn wir denn auch das Vorher der Menschen der Zeitenwende nicht selber kennen und gelebt haben, so werden wir gefragt, wie denn unser Leben heute aussieht als Menschen, die getauft sind, die sich Christen nennen. Paulus will uns ermutigen, unser Christsein zu bedenken und deutlich werden zu lassen. Der christliche Glaube soll eben doch mehr sein, als nur ein Stück Kultur, die wir übernehmen.
In Kurzform könnte man die Gedanken des Paulus nun so formulieren:
Ein Leben ohne Gott ist Sünde und führt zum Tod.
Ein Leben mit Gott ist heilig und führt zum ewigen Leben.
Was aber ist ein Leben ohne Gott? Ist das das Leben der Atheisten, die einfach sagen: Gott ist nicht, darum muss ich mich nicht scheren? Ist es das Leben derer, die bestimmte Moralvorstellungen nicht einhalten und deshalb schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt werden? So ganz einfach ist das gar nicht zu beschreiben. Und was ist dann eigentlich die Sünde? Das ist ja ein vielgebrauchter Begriff, der aber in der Regel nur fest gemacht wird an bestimmten Taten der Menschen - entweder ganz kleinen und unbedeutenden: kann denn Liebe Sünde sein, oder wir sündigen, wenn wir wieder mal ein Stück Kuchen zu viel essen. Das aber kann Paulus ja nicht meinen, wenn er sagt: der Sünde Sold ist der Tod.
Und wie sieht das mit dem Leben mit Gott aus? Jeden Sonntag in die Kirche, fleißig in der Bibel lesen, jeden Tag beten und fleißig "Brot für die Welt" unterstützen. Ist das heiliges Leben?
Wir merken schon beim Hören, so kann es nicht sein. Aber wie kann es dann sein? Wie sehen wir das jeder für uns und wie stehen unsere Gedanken dazu zu dem, was Paulus vor Augen stellt. Eigentlich sollten wir uns jetzt gegenseitig davon erzählen, wie wir das sehen. Aber das wird wahrscheinlich genauso schwierig wie diese Predigt, denn es in Worte zu fassen, in solche Worte, die dann auch nachvollziehbar sind, das ist schwer.
Ich will es dennoch weiter versuchen.
Das Leben der Sünde führt zum Tod. Wenn ich einmal davon ausgehe, dass Paulus nicht das Lebensende meint, sondern das Ende von lebendiger Beziehung mitten im Leben, das Ende von Lebensmöglichkeiten mitten im Leben, dann könnte man sagen: das Leben ohne Gott ist eines, das Lebensmöglichkeiten hindert. Und alles, was Lebensmöglichkeiten hindert, das führt zum Tod dieser Lebensmöglichkeiten.
Ein Beispiel dafür ist die Verweigerung von Gespräch. Wir erleben es in Israel und Palästina, wie Menschen sich verhärten, Gespräche und Beziehungen verweigern, und dadurch Lebensbedingungen schaffen, die tödlich sind. Natürlich gibt es gute Gründe dort, sich nicht alles gefallen zu lassen, Gewalt kann man nicht einfach ignorieren, da muss etwas gegen getan werden. Nur wie tue ich das? Tue ich das so, dass ich neue Lebensmöglichkeiten eröffne, oder tue ich das, indem ich mich verschließe, mit Gegengewalt antworte und so einen Raum schaffe, der letztlich nur zum Tod führen kann? Wo ich nur die eigenen Gedanken erfüllt wissen will, wo ich also nur das eigene Denken in den Vordergrund stelle, da beende ich Veränderung, da enden Lebensmöglichkeiten, da herrscht der Tod mitten im Leben.
Ähnliches mag gelten für die vielen Gespräche, die gerade geführt werden über die Zukunft dort im Heiligen Land. Hochrangige Menschen sitzen zusammen, treffen Entscheidungen über ein Land und deren Menschen. Aber auch dies ist ein Wunschdenken weniger, die mit ihrer Macht versuchen wollen etwas durchzusetzen. Und ich denke, wer ohne die Beteiligten Lösungen sucht, der kann nur in dem Enden, was Paulus bildlich den Tod nennt.
Und was uns im Augenblick im Großen der Politik vor Augen geführt wird, das können wir im Kleinen unseres Lebens schnell nachvollziehen: Verweigerung von Gespräch führt zum Tod von Beziehungen und führt nicht zu lebendigen Lebensmöglichkeiten. Mit dem rede ich nicht mehr, der hat mir irgendetwas getan. Ich fühle mich angegriffen oder falsch behandelt oder schlecht gemacht oder was immer wir aus unserem Alltag kennen. Und dann wird der Kontakt abgebrochen. Meine eigenen Gedanken und Verletzungen werden immer größer, der andere wird in meiner Fantasie immer schlimmer und letztlich führt das ganze zum Tod: zum Tod der Beziehung, der andere ist für mich gestorben, so sagen wir es ja dann auch bildhaft. Und da haben wir ihn wieder, den Tod mitten im Leben.
Das Ich mit seiner Sorge um sich selber, das Ich, mit der Angst zu kurz zu kommen, das Ich, das sich an erste Stelle stellt, das Ich, das seine eigenen Sichtweisen und Gedanken absolut setzt und anderen Gedanken keinen Raum mehr lässt, dieses Ich, das sich allein auf sich und seine Möglichkeiten konzentriert, dieses Ich führt letztlich dazu, dass dieser Tod mitten im Leben immer wieder Raum gewinnt.
Dieses Ich ist aber in der Taufe gestorben, sagt Paulus, dieses angst- und sorgenvolle Ich, das gebunden ist an die eigene Gedankenwelt, ist doch längst untergegangen. Und Gott hat euch doch ein ganz anderes Ich geschenkt, eines, das solch ein lebensbedrohendes Handeln nicht mehr nötig macht. Gott hat euch nicht dem Tod unterstellt, sondern dem ewigen Leben, dem Leben, das dir selbst und anderen Hilfe und Zukunft eröffnen soll.
Dieses neue Ich anzunehmen, es lebendig werden zu lassen, als Christ von Christus her zu leben, das ist die eigentliche Aufgabe der Christen, zu der uns Paulus ermutigen will.
Ich muss mich nicht um mich sorgen, muss nicht krampfhaft meine eigene Position festhalten, ich kann dem anderen auch entgegengehen, wenn er sich gegen mich gestellt hat. Gespräch, Gemeinsamkeit, den anderen in seiner Andersheit annehmen und akzeptieren, das ermöglicht gemeinsames Leben, schafft Raum, wo sich ein Klima entwickeln kann, wo man einander in gegenseitiger Achtung respektieren kann. Und das nenne ich Leben.
Dort wo ich nicht immer darauf schauen muss, dass ich es auch schaffe, dass ich auch alles richtig gemacht habe, dass ich die Herausforderungen des Lebens auch in meinen eigenen Hände habe, da entstehen neue Lebensräume. Da darf ich auch Fehler machen, da darf ich auch meine eigenen Grenzen sehen und annehmen, wissend, dass ich damit nicht am Ende bin, sondern eben gerade darin Mensch vor Gott bin. Sie, liebe Familie L. haben das erlebt in der Zeit des Abschiedes, diese Ohnmacht, Hilflosigkeit und dieses Mehr-Tun-Wollen aber nicht können. Sich darin gefangen nehmen zu lassen, bedeutet den Tod einzulassen, es anzunehmen und Gott in die Hände zu legen, bedeutet dem Leben Raum zu geben.
Das eigene Leben, das Ich nicht aus der eigenen Sichtweise zu sehen, sondern sie immer wieder zu übersteigen oder hinter sich zu lassen, das eigene Leben und das Leben anderer aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen, das schafft Räume des Lebens, das schafft Erneuerung und Veränderung. Und darin wird dann auch christliches Leben als ein besonderes Leben offenbar. Nicht so sehr, dass man sein religiöses Leben nach außen kehrt in bestimmten Handlungen, sondern eben, dass man das Leben immer wieder auf Gott hin bezieht, sich von ihm her erneuern und verändern lässt, dass man in dem, was man tut und lässt, Gottes Handeln mit den Menschen lebendig werden lässt. Sünde ist, Gott nicht ins Leben einzubeziehen, ihn nicht lebendig werden zu lassen in dem, was wir tun, und das führt über kurz oder lang zum Tod, so wie Paulus ihn bildlich versteht. Das Verstrauen zu Gott aber schafft ein Leben, das eben tief erfüllt ist davon, dass mein eigenes Leben genauso wie das der anderen von diesem Gott umgeben ist, der größer, weiter und reicher ist, als alles, was wir in unseren Möglichkeiten haben.
Heiliges Leben, als Christ leben, das heißt eben, sich in allen Lebensvollzügen von dem Vertrauen zu diesem Gott leiten zu lassen. Unsere Möglichkeiten in seinen Dienst stellen, unsere Fehler und Schwächen von ihm getragen zu wissen, den anderen Menschen als gleich wichtig wie mich selber ansehen, den Fremden als Nächsten ansehen, den Menschen Gerechtigkeit schaffen und alles Tun und Lassen von dem liebenden Gott her sehen und ihm übergeben, das bedeutet heiliges Leben, das sich aus der Taufe ergibt.
Mag es dabei für uns auch kein Vorher - Nachher geben angesichts der Taufe als Babys, wie es ja in der Regel gewesen ist, so gibt es aber für uns jeden Tag neu den Gedanken: heute möchte ich dem Leben dienen, heute möchte ich von Gott her und für Gott leben. Ist Gestern etwas misslungen, so will ich mich heute um Gelingen bemühen. Ist gestern etwas unvollendet geblieben, so will ich mich um Vollendung bemühen oder es Gott zur Vollendung übergeben. Das Vorher und Nachher des Paulus könnten wir als ein stetes "Gestern und Heute" ansehen, das uns dazu ermutigt jeden Tag neu Gottes Liebe und Zuwendung anzunehmen und weiterzugeben in unserem Alltag.
Der Sünde Sold ist der Tod - die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn. Wir haben dieses ewige Leben in der Taufe empfangen, lassen wir es mit unseren Gaben und Möglichkeiten lebendig werden. Amen.

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Liturgischer Ablauf


Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 447, 1,2,7,8
Psalm 48 i.A. s. Lektionar
Eingangsliturgie - Gebet:
Gütiger Gott!
Du bist für uns da als ein Gott, der unser Leben begleitet und führt, der uns tröstet und stärkt, der uns hilft unser Leben menschlich zu gestalten. Wir danken dir dafür und bitten dich, lass uns dies immer wieder erkennen, auf dass wir getrost leben können und unser Leben dein Güte widerspiegelt und für andere sichtbar macht.
Das bitten wir durch Jesus Christus ....
Lesung: Röm 6, 19-23
Lied: 352,1-3
Lesung: Mt. 5,13-16
Glaubensbekenntnis
Lied: 419, 1-5
Predigt
Lied: 389,1-4
Abkündigungen - Fürbittengebet
Lied 99
Gott, du bist das Licht, dass uns allen neues Leben eröffnet.
Öffne unser Leben für dieses Licht, dass wir einander nicht als Feinde, sondern als Partner begegnen; dass wir nicht gegeneinander leben, sondern einander vertrauen; dass wir einander Leben nicht schwer machen, sondern Leben ermöglichen.
Erleuchte uns mit deiner Wahrheit, dass wir es wagen, loszulassen, womit wir uns gegenseitig beschweren, dass wir miteinander suchen, was unser Leben trägt und erfüllt.
Mach unsere Fantasie fruchtbar, um die Grenzen, die uns trennen, zu überwinden; um Waffen, mit denen wir drohen, zu begraben; hilf uns, das aus Angst Entstandene zu verwandeln, auf dass wir im Vertrauen auf die Liebe Gottes in guter Gemeinschaft leben können.
(in Anlehnung an: Agende I der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel, 1986, S. 337)
Segen
163

 

 

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Die Predigt wurde gehalten in
Gustedt
8.n. Trinitatis
 21. 7. 02
Liturgischer
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