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Röm 14, 10-13


In diesem biblischen Text von dem wir in der ersten Lesung gehört haben, geht es um Beziehungen. Beziehungen wollen gelebt sein - aber gerade das Leben macht Beziehungen schwierig. Wo Menschen ihr Miteinander planen und andeuten, klingt es oft stimmig. Da stören keine Misstöne, kein falscher Klang. Da sind die Phantasie und die Träume, die alles in bunte, fröhliche Farben kleidet. Kommt das Leben hinein, dann knirscht es allzu schnell im Getriebe. Beziehungen geraten oft genug hart in die Probe.
Das gilt im engsten Kreis der Familie genauso wie im Miteinander einer christlichen Gemeinde.
Und Paulus geht es in seinem Brief darum, dass er dieses Knirschen wahrnimmt, das zu einer massiven Störung der christlichen Gemeinde in Rom geworden ist. Da richtet einer den anderen - zugrunde. Meinungen und Positionen sind innerhalb der römischen Christengemeinde hart aufeinander geprallt. Paulus beschreibt mit klaren Worten, wie er ihr Miteinander sieht: Ihr richtet, ihr verachtet. Ihr steht euch gegenüber als Starke und Schwache.
Worum ging der Streit überhaupt. Die römische Gemeinde stritt über christliche Speisegebote. Uns heutigen Christen scheint es seltsam, dass man sich über solch ein Thema streiten kann. Wir diskutieren allenfalls über gesundes und ungesundes Essen, über Kalorien, Fettverwertung oder Bioprodukte. Aber uns küm mert es doch kaum noch, was Gott zu unserem Essen zu sagen hat. Unsere Küchen- und Esstische stehen räumlich und in unserem Denken weit entfernt vom Tisch des Herrn. Zu weit, als dass wir über christliche Ernährungsfragen zu Gericht sitzen würden. Aber für die christlichen Gemeinden war es schon immer wieder ein Problem, wie man u.a. mit Opferfleisch umgehen soll, das auf den Märkten verkauft wird. Darf man es essen oder versündigt man sich gegen Gott, weil dieses Fleisch ja einem anderen Gott geopfert wurde.
Im kirchlichen Bereich der Gemeinden gibt es kaum eine Auseinandersetzung, die wirklich geistlich begründet ist oder einen geistlichen Ursprung hat. Wir streiten – wenn überhaupt - über Alltäglichkeiten.
Doch es ist interessant, wie Paulus auf diesen Streit reagiert, wie er in die knirschende Beziehung von Menschen eingreift.
»Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder?« Es ist ein Brief, aber vielleicht hilft die Vorstellung, dass Paulus hier Menschen ganz direkt anspricht, so als zeige Paulus mit dem Finger auf Einzelne, auf jeden ganz persönlich. Du – und du, wie gehst du mit deinen Glaubensgeschwistern um? Du richtest - ja du verachtest! Aus dem Grenzen ziehen ist mehr geworden: abgewertet, klein und gedemütigt bleibt das Gemeindeglied mit anderer Meinung stehen. Buchstäblich in die Knie gezwungen. Doch wo wir einander in die Knie zwingen, da gibt es kein Voranschreiten mehr, keine Bewegung. Da ist Stillstand. In diesem Fall ist das Ergebnis des hehren Versuchs, Gott zu schützen und zu verteidigen: der Mitmensch liegt danieder, das eigene Gemeindeglied am Boden.
Und nun kommt Paulus und stellt die beiden Streitenden wieder auf die Beine. Dabei stellt er sie nebeneinander, jedoch nicht als Richter, sondern als einer, der wie sie dasteht: »Du und Du und Ich, wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.«
Viele von uns haben bei dem Wort »Gottesgericht« bildliche Darstellungen aus Kirchen und Klöstern vor Augen. Da sind kleine Menschenseelen zu sehen, schutzlos, nackt, erbärmlich. Sie werden auf einer Waage gewogen: In aller Strenge lassen sie sich durchschauen, entlarven und dann einem entsprechenden Bereich zuordnen. Der eine Bereich: das ist der Himmel mit seinen Engeln, seiner Weite, seiner Leichtigkeit, wo man aufsteigen und sich wohl fühlen kann, leben kann. Und der andere Bereich erscheint als Hölle, eng, düster, verzweifelt. Biestige kleine Teufelchen zerren die nackten Seelen hinter sich her, hohnlachend. Kein Leben mehr!
Ist das wirklich das Bild von Gericht, das Paulus zeichnet und das der Verkündigung des barmherzigen und liebenden Gottes entspricht?
Paulus zitiert ein Wort des Propheten Jesaja. »So wahr ich lebe, spricht der Herr«. Vom Leben redet Gott, sein eigenes Lebendigsein wirft ER in die Waagschale. Ja, Gott schwört bei Seinem Leben, und da darf sich nichts Lebenszerstörendes dagegen stellen. Wir feiern einen Gott, der Leben will und der Leben schenkt. Vielleicht haben wir dieses Geschenk aus unseren Köpfen und Herzen weit zurückgedrängt. Leben hat gerade in unserer Gesellschaft viel mit Pflichten und Erfolgen zu tun, mit unermüdlicher Arbeit und nachweisbaren Leistungen. Die Bibel redet anders vom Leben. Der Schöpfungsbericht mit seinem Jubel, in den er jeden Tag ausmündet: siehe, es ist alles sehr gut. Das Volk Israel mit seinen Erfahrungen: Gott geht mit uns. Das Herz dessen, der seinen Fehler vor Gott bekannt hat, hört: seid fröhlich und jauchzet! Die Lebensbotschaft des barmherzigen Vaters: »Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist gefunden worden.« Oder auch die Emmausjünger, als sie den Auferstandenen erkannt hatten: »Brannte nicht unser Herz?« Das ist Leben. Wenn Freude und Umkehr genügend Raum haben. Wenn Beziehungen wieder möglich sind. Wenn einem das Herz aufgeht.
Gott schwört bei Seinem Leben, bei dem Willen, dass Menschen freudig und fröhlich am Leben teilhaben können. »Mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« Gott richtet nicht zugrunde. Er stellt richtig. Im Gericht lässt sich Gott erkennen als der, dem die Ehre gebührt. Gott zwingt nicht in die Knie, aber vor Gott erkennt der Mensch, dass er seine Knie vor Gott beugen muss. Nicht weiß Gott uns Menschen klein haben will, nein. Sondern weil wir erkennen, dass wir allein aus Gottes Güte leben. Unsere menschliche Größe haben wir, weil der gütige Gott uns so groß macht, weil wir ihm wichtig sind, und das erkennen wir, wo wir uns wirklich vor Gott sehen, vor dem Gericht Gottes, das letztlich nichts anderes ist als die Begegnung mit Gott, in der wir uns selber erkennen, wie wir sind und – und das ist ganz wichtig dabei – und wie wir von Gott angesehen werden. Nämlich als Menschen, die Sünder sind und doch von Gott geliebt.
Und dann verändert sich das Leben auch. Wer sich vor Gott stehend erlebt, der sieht auch, was er aufgeben muss: Den Wunsch des Geschöpfes größer zu sein als der Schöpfer, und auch die Größe der menschlichen Macht bekommt einen neuen Stellenwert, denn nicht in Macht und Einfluss, Ruhm und Leistung, Hierarchie und Gewalt liegt die Größe, sondern eben wirklich darin, dass Gott uns Größe verleiht.
Wo wir dies erkennen, da geschieht Gericht, befreiendes, Leben schaffendes Gericht. Gott ist Gott, und du und ich, wir sind sein Geschöpf. Jesaja beobachtet, wie der Mensch, der Gott erkannt hat, reagiert. Er beugt die Knie und bekennt mit seiner Zunge Gott. Ein körperliches Geschehen. Oben und Unten des Körpers, Mund und Knie arbeiten endlich zusammen. Gelenk und Zunge finden sich in derselben Bewegung wieder. Das alles geschieht wie von selbst. Der Mensch wird nicht in die Knie gezwungen, seine Worte werden nicht erzwungen. Sondern dies geschieht in der Achtung und Hingabe an den, der mit seiner ganzem Liebe dem Menschen entgegenkommt. Und in einem solchen Gericht ist der Mensch ganz bei sich selber angekommen, weil er bei Gott angekommen ist. Jede und jeder ganz persönlich.
Das ist ein heilsamer Prozess, der da geschieht, den Gott mit uns führt. Gottes Gericht lässt uns erkennen, wie er ist, und es formt in uns Worte, den heilsamen Gott auch zu bekennen. Und das hat für uns Konsequenzen, die uns zum Anfang der Predigt zurückführen.
Wer sich selber so vor Gott sieht, der wird nicht über andere Menschen richten. Das wird uns nicht aus moralischen oder ethischen Gründen untersagt. Der Grund liegt tiefer. Wir sind gar nicht in der Lage, unseren Mitmenschen einen solch heilsamen Prozess zu führen, so wie Gott es kann. Unser Urteil kann immer nur einseitig und menschlich eigensinnig sein. Was haben wir von Jesus gehört: den Splitter im Augen des anderen sehen wir, aber den Balken im eigenen Auge übersehen wir. Gott urteilt letztlich über uns alle und dessen müssen wir uns bewusst sein.
Heißt das, dass wir Christen nicht streiten dürfen oder Menschen die Meinung nicht sagen dürfen, weil wir selber ja auch nicht frei von Fehlern sind? Müssen wir also künftig allen Konflikten aus dem Weg gehen? Zu jedem und zu allem Ja und Amen sagen?
Ich denke, das wäre falsch und so meint es Paulus auch nicht. Auseinandersetzung muss sein, Menschen müssen ihre unterschiedlichen Anschauungen auch offen legen, im Alltag und in der Kirche. Aber Paulus nimmt es ernst, dass alle Glaubensgeschwister im Gericht nebeneinander vor Gott stehen und erst in Gott ihr Gegenüber finden können. Und darum muss unser Umgang in den Auseinandersetzungen auf Gemeinschaft ausgerichtet werden, die nicht durch Urteile und Verurteilungen bestimmt ist.
Das gilt für Auseinandersetzungen, die sich auf Gott gründen genauso wie auf die Auseinandersetzungen und Fehler, denen wir im Alltag begegnen.
Die Richtung die Gott vorgibt ist nicht die, dass wir unser Recht haben, sondern dass wir in der Unterschiedlichkeit des Lebens das Miteinander suchen. Das mag in Konflikten schwer werden. Mit einander reden, auch streiten um das, was Menschen tun dürfen, was dem Christentum Ausdruck verleiht, ist dringend nötig. Wir dürfen und sollen uns einbringen mit unseren eigenen Meinungen. Dabei darf aber das eine nicht passieren: dass andere am Ende matt gesetzt sein, an den Boden gedrückt werden, ja erdrückt werden.
Das nebeneinander Stehen vor Gott verpflichtet uns Menschen zum Miteinander auf Erden. Das gilt uns allen. Es ist unendlich schwer umzusetzen, auch in der Kirche, auch in der christlichen Gemeinde, aber dafür gibt es ja die Predigt, die uns immer wieder darauf hinweist, die uns Orientierung gibt für das, was uns zu einem guten, gemeinsamen Leben vor Gott bringen kann.
Lassen wir uns von Paulus dazu ermutigen, die Auseinandersetzung nicht zu scheuen und die Achtung des Leben des Anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Amen

Die Grundgedanken dieser Predigt stammen von Sigrid Schramm, die diese in den Lesepredigten des Gütersloher Verlagshauses veröffentlicht hat.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 166, 1-3+5
Ps 42 EG 723
Eingangsliturgie
Gebet: EGb S. 357 Gebet 3
Lesung: Röm 14, 10-13
Lied: 503, 1,3,7,13
Lesung: Lk 6, 36-42
Glaubensbekenntnis
Lied: 419,1-5
Predigt
Lied: 428, 1--5
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vater im Himmel!
In unserem Leben sind wir immer auf der Suche nach dem richtigen Weg des Lebens. Viele Menschen weisen uns die Richtung, wir selber wollen die Richtung angeben, doch wir wissen oft nicht, wohin uns der Weg führt. Dafür brauchen wir deine Richtungsweisung. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Zeige du uns den Weg für das Miteinander in den Familien und Nachbarschaften. Lass uns darin Wege des liebevollen Füreinanders und Miteinanders finden. Wo wir übereinander urteilen, da hilf uns einander nicht zu verurteilen. Lass uns erkennen, dass wir alle durch dich unser Urteil empfangen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Zeige du den Weg für all diejenigen, die Menschen ins Leben begleiten, die Kinder zum Leben ermutigen. Lass uns darin hoffnungsvolle und zukunftsweisenden Wege gehen, auf dass unsere Kinder eine gute Lebensperspektive haben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Zeige du den Weg für die Verantwortlichen dieser Welt, dass sie ihren Blick öffnen für das Überleben der Schöpfung, das Überleben aller Menschen in dieser Welt. Hilf auf dem Weg des Friedens und der Gewaltlosigkeit, auf dem Weg der Hilfe gegen Armut und Unterdrückung. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Zeige den Weg für alle, die an den Grenzen des Lebens stehen, für Kranke, Schwache, Sterbende und Trauernde. Eröffne du Perspektiven der Hoffnung, die weiter reichen als all unser menschliches Denke. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
163

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt  Klein Elbe

4. 7. und  11. 7. 2004

Liturgischer
Ablauf
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