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Ich weiß nicht wie es ihnen gegangen ist, als sie die erste Lesung
dieses Gottesdienstes gehört haben, von der ich ja gleich andeutete,
dass sie wir in der Predigt intensiver darüber nachdenken wollen. Mit
geht es oft so, wenn ich solche Bibeltexte lese, dass ich dann denke: ja
das hast du alles schon so oft gesagt, wir haben das alle schon sehr oft
gehört: wir Christen sollen Liebe üben. Das weiß jeder, auch derjenige,
der nicht in großem Kontakt zur Kirche steht. Kirche und Nächstenliebe
das gehört zusammen, das haben wir so gelernt. Wenn irgendwo Not ist,
dann wird bei der Kirche nachgefragt, das ist eine Institution, die
dafür zuständig ist, wenn andere nicht mehr helfen können. Und das gilt
nicht nur bei materieller Not, sondern natürlich auch immer wieder bei
seelischer Not, selbst wenn das heutzutage doch recht selten in Anspruch
genommen wird.
Gleichzeitig denke ich, dass das Verhalten der Nächstenliebe doch im
Grunde gar nichts besonderes ist. Jeder von uns hier würde doch sagen,
natürlich helfe ich gerne, wenn meine Hilfe gebraucht wird. Wir leben
hier im Dorfe so eng zusammen, da ist Nachbarschaftshilfe
selbstverständlich, darüber brauchen wir überhaupt nicht zu reden.
Wenn das so ist, wozu brauchen wir dann noch die Worte des Paulus?
Können wir sie dann nicht getrost beiseite legen und uns anderen Themen
widmen, die uns stärker betreffen?
Das wäre zumindest eine mögliche Antwort auf solche Worte. Aber, so
würde ich dagegen fragen, geht christliche Liebe wirklich auf in
Nachbarschaftshilfe, geht christliche Liebe darin auf, den Menschen im
engeren Lebenskreis nett, freundlich und hilfsbereit zu begegnen und
auszuhelfen, wo Not am Mann oder an der Frau ist? Ist christliche
Nächstenliebe schon das, was irgendwo jeder tut?
Ich denke, so sehr sich christliche Liebe in all diesen Tätigkeiten
zeigen kann, dennoch geht sie darin nicht auf. Christliche
Nächstenliebe, der christliche Umgang mit den Mitmenschen reicht tiefer
und bestimmt dadurch auch das Leben in ganz anderer Weise als es die
schlichte Nachbarschaftshilfe tut.
Der Apostel Paulus macht das darin deutlich, dass er seine Aussagen zum
gemeinsamen Leben in der christlichen Gemeinde in einen ganz bestimmten
Zusammenhang stellt. So schreibt er am Anfang des 12. Kapitels: Ich
ermahne euch nun liebe Geschwister, durch die Barmherzigkeit Gottes,
dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und
Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und
stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch
Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Paulus stellt seine Ermahnungen zum christlichen Leben in einen ganz
besonderen Zusammenhang. Er sagt: das Leben, das ihr Christen führt, ist
in allen Situationen Gottesdienst, euer Leben in der menschlichen
Gemeinschaft ist das lebendige Opfer, das ihr Gott darbringt und das
Gott wohlgefällig ist. Und weil euer Leben Gottesdienst ist, ihr Gott
darin dient, sei dieses Leben auch von ihm bestimmt. Sein Handeln
gegenüber den Menschen, seine Zuwendung, seine Barmherzigkeit sind das
Bild des christlichen Handelns gegenüber den Menschen.
Daran sind wir gebunden und darin liegt die Erneuerung des Sinnes von
der Paulus spricht und die Erfüllung des Anspruches: stellt euch nicht
dieser Welt gleich. Christen, so sagt Paulus, leben in der Welt, sie
handeln in der Welt und können nicht anders als in dieser Welt leben und
handeln, darin sind sie voll und ganz der Welt verhaftet. Deshalb sind
sie auch von vornherein keine besseren Menschen. Sie sind genauso gut
und genauso schlecht wie andere. Sie haben die gleichen Fehler, machen
die gleichen Fehler, uns leben an vielen Stellen wie alle anderen
Menschen. Doch gleichzeitig sind wir Christen Menschen, die durch die
Taufe zu Gott gehören, mit ihm verbunden sind, und die dadurch schon
Anteil an der zukünftigen Welt Gottes und seinen Gesetzen und
Handlungsmaximen. Im Vaterunser steht deshalb ja auch die Bitte: Dein
Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Und von dieser anderen
Denkweise der zukünftigen Welt Gottes her versteht Paulus dann auch die
christliche Liebe. Und von daher möchte ich auch einmal einige der
Aufforderungen des Paulus näher beleuchten.
Die Liebe sei ohne Falsch, so sagt Paulus. Anders und positiv formuliert
könnte es heißen: in der Begegnung mit anderen Menschen sei eure
Zuwendung wahrhaftig und tief. Die Liebe, die als Nächstenliebe erwartet
wird, ist eine Liebe, die nicht getrieben ist von anderen Motiven: davon
etwa, dass ich etwas von anderen zurück erwarte - nach dem Motto: hilfst
du mir, helf ich dir -, oder dass ich liebe, um geliebt zu werden, also
um die Zuneigung eines anderen zu erfahren, wohinter sich im Grunde so
etwas wie Selbstliebe verbirgt. Oder wir lieben, weil wir als Christen
es eben müssen, und spielen damit nur ein äußeres Spiel. All diese
Formen der Nächstenliebe sind Spielarten der menschlichen Nächstenliebe,
die jedoch gefangen sind im Bereich unserer alltäglichen Denkstrukturen,
die uns einprägen: von nichts kommt nichts, und ich möchte auch etwas
wiederbekommen, wenn ich etwas gebe.
Wenn Paulus von einem Opfer der Leiber spricht, dann meint er damit
auch, dass Nächstenliebe nur dann wahrhaftige Liebe ist, wenn sie
wirklich Opfer ist, wirklich ein Wegsehen von eigenen Wünschen,
Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe ist das reine im-Auge-Haben des
Anderen. Nächstenliebe ist immer Zuwendung um des anderen willen, nicht
um meiner selbst willen und auch nicht um Gottes willen. Denn auch Gott
will nicht, dass wir den anderen um seinetwillen lieben, sondern so wie
er den Menschen um seiner selbst willen liebt, so sollen auch wir den
Nächsten um seiner selbst willen lieben.
Näher führt das Paulus aus, wenn er weiter sagt: die geschwisterliche
Liebe untereinander sei herzlich. einer komme dem anderen mit
Ehrerbietung zuvor, oder wie es wohl genauer heißt: einer übertreffe den
anderen mit Wertschätzung. Gerade dieser letzte Satz macht die
Andersartigkeit des christlichen Lebens und seiner Liebe deutlich. Wir
sind es gewohnt, untereinander gewisse Rangordnungen aufzustellen. Da
sind Menschen mit höheren Posten, mit gehobener Bildung, mehr viel Geld
oder hohem Einfluß, und diesen Menschen wird besonders begegnet. Da gilt
dem Oberbürgermeister einer großen Stadt mehr Ehre als dem Ortsvorsteher
eines Dorfes, dem Abteilungsleiter mehr Ehre als dem Fließbandarbeiter,
dem Propst mehr Ehre als der Küsterin. Das ist in unserer Gesellschaft
so, das wird uns jeden Tag so vorgelebt. Es gibt sicherlich auch
Unterschiede zwischen dem einen und anderen, aber sagen diese
Unterschiede denn etwas über die Wertschätzung der Menschen
untereinander aus? Einer übertreffe den anderen mit Wertschätzung, das
heißt nicht, dass wir einander nun womöglich heuchlerisch hochjubeln.
Auch brauchen uns nicht übereinander zu überheben, wir brauchen nicht
den anderen klein zu machen, damit wir größer dastehen. Die
Wertschätzung der Menschen durch uns Christen ist nicht bestimmt von den
Maßstäben dieser Welt, sie ist bestimmt von der Liebe Gottes und der
Liebe, die Jesus Christus in seinem Leben deutlich gemacht hat. Und
diese Liebe fragt nicht nach arm oder reich, nach Herkunft und
Abstammung, nach den Gründen, warum Zuneigung und Hilfe gewährt werden
soll. Christliche Liebe sieht den Menschen nicht mit den Augen der Welt,
sondern mit den Augen Gottes und so handelt die christliche Liebe eben
oftmals gegen die allgemeine Meinung und erscheint in den Augen der Welt
weltfremd, naiv, idealistisch und unsinnig. So wie beim barmherzigen
Samariter, der sich um einen Ausländer kümmert und auch noch sein Geld
für die Krankenpflege opfert.
Paulus macht das noch in anderer Weise deutlich, wenn er sagt: segnet,
die euch verfolgen, segnet und flucht nicht. Wünscht gutes, tut gutes,
selbst dann, wenn euch etwas ganz anderes widerfährt. Und Paulus zitiert
aus dem Alten Testament: "Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu
essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du
feurige Kohlen auf seinem Haupt sammeln."
In diesen Worten wird sehr deutlich: christliche Nächstenliebe ist eine
Liebe gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand, aber gerade darin
liegt das Besondere der christlichen Liebe. Sie ist nicht orientiert an
dem menschlichen Denken und den menschlichen Gepflogenheiten dieser
Welt, sondern sie gewinnt ihren Maßstab aus dem Handeln Gottes.
Menschliche Liebe wird darin Gottes Liebe gleich und erweist sich darin
als wirkliche Heilsmacht mitten in unserem oft heillosen Leben. Gottes
Liebe ist die Liebe des Paradoxes: sie gilt genau denen, die sie in den
Augen der Welt nicht verdient haben, sie gilt denen, die Gott ablehnen,
den Sündern, wie es die Sprache der Bibel sagt. Gerade zu ihnen ist er
gegangen, hat in seinen Sohn Jesus Christus ihnen zugesagt, ihr gehört
zu mir, ja Gott ist sogar soweit gegangen, dass sein Sohn sich am Kreuz
geopfert hat, um darin seine Hinwendung zum Menschen zu zeigen.
Von daher gewinnt die christliche Nächstenliebe ihre Konkretion: sie
wird sichtbar in den alltäglichen Taten für den Nächsten gerade dort, wo
sie gegen die Anschauungen der Welt, gegen das menschlich Normale
durchgehalten wird, auch wenn dieses Handeln in den Augen vieler als
unsinnig angesehen wird. Darin wird christliche Nächstenliebe dem Opfer
Jesus Christi gleich und darin erfüllen wir Gottes Willen, der durch uns
sein Reich inmitten dieser Welt aufrichten will.
Und deshalb sage ich eben auch, dass christliche Nächstenliebe nicht
aufgeht in der einfachen Nachbarschaftshilfe. Christliche Nächstenliebe
ist mehr, sie ist Opfer, weil sie von uns ein anderes Denken und Handeln
erfordert, als es menschlich üblich ist. Gerade dadurch aber verändern
wir Christen die Welt und ihr Denken, indem wir uns nicht von der Welt,
sondern von Gott leiten lassen. Möge er uns dabei helfen und seinen
Willen lebendig halten. Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Gebet des Tages:
Barmherziger und ewiger Gott!
Du bist die Liebe, so heißt es in einem Brief aus dem Neuen Testament,
und deine Liebe wird sichtbar in den Taten deines Sohnes und deiner
Gläubigen. Wir bitten dich, laß uns diese Liebe immer wieder spüren, laß
uns auf diese Liebe vertrauen, wenn wir meinen sie nicht verdient zu
haben und mache uns bereit, anderen Menschen deine Liebe weiterzugeben,
auch dort wo es uns schwer fällt. Das bitten wir durch Jesus Christus
uns Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Herrscht von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Fürbittengebet:
Gütiger Gott!
Aus deiner Liebe leben wir, deine Liebe begleitet und führt uns. Laß
diese Liebe auch in unserer Liebe zu den Menschen sichtbar werden. Hilf
uns opferbereit zu sein, hilf uns auf Menschen zu zugehen, die nicht
liebevoll mit uns umgehen. Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für alle Menschen, die der Liebe bedürfen:
für alle Mitmenschen, mit denen wir verbunden sind, für alle, die
unserer Sorge anvertraut sind: für die Kinder, die in der nächsten Woche
ihre Zeugnisse bekommen, für die Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen
machen, für all jene, die nun den weiteren Lebensweg nach der Schule
beschreiten. Sei du Gott nahe. Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für alle Menschen, die im Rahmen der Diakonie die christliche
Nächstenliebe weitertragen. Hilf den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern,
dass ihre Arbeit von deiner Liebe getragen ist, dass nicht der
Jobgedanke ihr Tun bestimmt, sondern deine Menschenfreundlichkeit. Wo
Ablehnung und Widerstände sind, da gib du Gott, Kraft zum durchhalten.
Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für eine lebensfähige und menschliche Gesellschaft, in der
sinnvolle Arbeit für alle da ist, um wechselseitiges Vertrauen überall,
wo Menschen zusammenarbeiten. Wir bitten für eine gute Zukunft in
unserem Land und dass Sorge getragen wird für die gerechte Verteilung
der Güter in unserem Land und in aller Welt. Darum rufen wir zu dir:
Stille - Vaterunser
oben
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