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Röm. 12, 1-2.9-21

Ich weiß nicht wie es ihnen gegangen ist, als sie die erste Lesung dieses Gottesdienstes gehört haben, von der ich ja gleich andeutete, dass sie wir in der Predigt intensiver darüber nachdenken wollen. Mit geht es oft so, wenn ich solche Bibeltexte lese, dass ich dann denke: ja das hast du alles schon so oft gesagt, wir haben das alle schon sehr oft gehört: wir Christen sollen Liebe üben. Das weiß jeder, auch derjenige, der nicht in großem Kontakt zur Kirche steht. Kirche und Nächstenliebe das gehört zusammen, das haben wir so gelernt. Wenn irgendwo Not ist, dann wird bei der Kirche nachgefragt, das ist eine Institution, die dafür zuständig ist, wenn andere nicht mehr helfen können. Und das gilt nicht nur bei materieller Not, sondern natürlich auch immer wieder bei seelischer Not, selbst wenn das heutzutage doch recht selten in Anspruch genommen wird.
Gleichzeitig denke ich, dass das Verhalten der Nächstenliebe doch im Grunde gar nichts besonderes ist. Jeder von uns hier würde doch sagen, natürlich helfe ich gerne, wenn meine Hilfe gebraucht wird. Wir leben hier im Dorfe so eng zusammen, da ist Nachbarschaftshilfe selbstverständlich, darüber brauchen wir überhaupt nicht zu reden.
Wenn das so ist, wozu brauchen wir dann noch die Worte des Paulus? Können wir sie dann nicht getrost beiseite legen und uns anderen Themen widmen, die uns stärker betreffen?
Das wäre zumindest eine mögliche Antwort auf solche Worte. Aber, so würde ich dagegen fragen, geht christliche Liebe wirklich auf in Nachbarschaftshilfe, geht christliche Liebe darin auf, den Menschen im engeren Lebenskreis nett, freundlich und hilfsbereit zu begegnen und auszuhelfen, wo Not am Mann oder an der Frau ist? Ist christliche Nächstenliebe schon das, was irgendwo jeder tut?
Ich denke, so sehr sich christliche Liebe in all diesen Tätigkeiten zeigen kann, dennoch geht sie darin nicht auf. Christliche Nächstenliebe, der christliche Umgang mit den Mitmenschen reicht tiefer und bestimmt dadurch auch das Leben in ganz anderer Weise als es die schlichte Nachbarschaftshilfe tut.
Der Apostel Paulus macht das darin deutlich, dass er seine Aussagen zum gemeinsamen Leben in der christlichen Gemeinde in einen ganz bestimmten Zusammenhang stellt. So schreibt er am Anfang des 12. Kapitels: Ich ermahne euch nun liebe Geschwister, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Paulus stellt seine Ermahnungen zum christlichen Leben in einen ganz besonderen Zusammenhang. Er sagt: das Leben, das ihr Christen führt, ist in allen Situationen Gottesdienst, euer Leben in der menschlichen Gemeinschaft ist das lebendige Opfer, das ihr Gott darbringt und das Gott wohlgefällig ist. Und weil euer Leben Gottesdienst ist, ihr Gott darin dient, sei dieses Leben auch von ihm bestimmt. Sein Handeln gegenüber den Menschen, seine Zuwendung, seine Barmherzigkeit sind das Bild des christlichen Handelns gegenüber den Menschen.
Daran sind wir gebunden und darin liegt die Erneuerung des Sinnes von der Paulus spricht und die Erfüllung des Anspruches: stellt euch nicht dieser Welt gleich. Christen, so sagt Paulus, leben in der Welt, sie handeln in der Welt und können nicht anders als in dieser Welt leben und handeln, darin sind sie voll und ganz der Welt verhaftet. Deshalb sind sie auch von vornherein keine besseren Menschen. Sie sind genauso gut und genauso schlecht wie andere. Sie haben die gleichen Fehler, machen die gleichen Fehler, uns leben an vielen Stellen wie alle anderen Menschen. Doch gleichzeitig sind wir Christen Menschen, die durch die Taufe zu Gott gehören, mit ihm verbunden sind, und die dadurch schon Anteil an der zukünftigen Welt Gottes und seinen Gesetzen und Handlungsmaximen. Im Vaterunser steht deshalb ja auch die Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Und von dieser anderen Denkweise der zukünftigen Welt Gottes her versteht Paulus dann auch die christliche Liebe. Und von daher möchte ich auch einmal einige der Aufforderungen des Paulus näher beleuchten.
Die Liebe sei ohne Falsch, so sagt Paulus. Anders und positiv formuliert könnte es heißen: in der Begegnung mit anderen Menschen sei eure Zuwendung wahrhaftig und tief. Die Liebe, die als Nächstenliebe erwartet wird, ist eine Liebe, die nicht getrieben ist von anderen Motiven: davon etwa, dass ich etwas von anderen zurück erwarte - nach dem Motto: hilfst du mir, helf ich dir -, oder dass ich liebe, um geliebt zu werden, also um die Zuneigung eines anderen zu erfahren, wohinter sich im Grunde so etwas wie Selbstliebe verbirgt. Oder wir lieben, weil wir als Christen es eben müssen, und spielen damit nur ein äußeres Spiel. All diese Formen der Nächstenliebe sind Spielarten der menschlichen Nächstenliebe, die jedoch gefangen sind im Bereich unserer alltäglichen Denkstrukturen, die uns einprägen: von nichts kommt nichts, und ich möchte auch etwas wiederbekommen, wenn ich etwas gebe.
Wenn Paulus von einem Opfer der Leiber spricht, dann meint er damit auch, dass Nächstenliebe nur dann wahrhaftige Liebe ist, wenn sie wirklich Opfer ist, wirklich ein Wegsehen von eigenen Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe ist das reine im-Auge-Haben des Anderen. Nächstenliebe ist immer Zuwendung um des anderen willen, nicht um meiner selbst willen und auch nicht um Gottes willen. Denn auch Gott will nicht, dass wir den anderen um seinetwillen lieben, sondern so wie er den Menschen um seiner selbst willen liebt, so sollen auch wir den Nächsten um seiner selbst willen lieben.
Näher führt das Paulus aus, wenn er weiter sagt: die geschwisterliche Liebe untereinander sei herzlich. einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor, oder wie es wohl genauer heißt: einer übertreffe den anderen mit Wertschätzung. Gerade dieser letzte Satz macht die Andersartigkeit des christlichen Lebens und seiner Liebe deutlich. Wir sind es gewohnt, untereinander gewisse Rangordnungen aufzustellen. Da sind Menschen mit höheren Posten, mit gehobener Bildung, mehr viel Geld oder hohem Einfluß, und diesen Menschen wird besonders begegnet. Da gilt dem Oberbürgermeister einer großen Stadt mehr Ehre als dem Ortsvorsteher eines Dorfes, dem Abteilungsleiter mehr Ehre als dem Fließbandarbeiter, dem Propst mehr Ehre als der Küsterin. Das ist in unserer Gesellschaft so, das wird uns jeden Tag so vorgelebt. Es gibt sicherlich auch Unterschiede zwischen dem einen und anderen, aber sagen diese Unterschiede denn etwas über die Wertschätzung der Menschen untereinander aus? Einer übertreffe den anderen mit Wertschätzung, das heißt nicht, dass wir einander nun womöglich heuchlerisch hochjubeln. Auch brauchen uns nicht übereinander zu überheben, wir brauchen nicht den anderen klein zu machen, damit wir größer dastehen. Die Wertschätzung der Menschen durch uns Christen ist nicht bestimmt von den Maßstäben dieser Welt, sie ist bestimmt von der Liebe Gottes und der Liebe, die Jesus Christus in seinem Leben deutlich gemacht hat. Und diese Liebe fragt nicht nach arm oder reich, nach Herkunft und Abstammung, nach den Gründen, warum Zuneigung und Hilfe gewährt werden soll. Christliche Liebe sieht den Menschen nicht mit den Augen der Welt, sondern mit den Augen Gottes und so handelt die christliche Liebe eben oftmals gegen die allgemeine Meinung und erscheint in den Augen der Welt weltfremd, naiv, idealistisch und unsinnig. So wie beim barmherzigen Samariter, der sich um einen Ausländer kümmert und auch noch sein Geld für die Krankenpflege opfert.
Paulus macht das noch in anderer Weise deutlich, wenn er sagt: segnet, die euch verfolgen, segnet und flucht nicht. Wünscht gutes, tut gutes, selbst dann, wenn euch etwas ganz anderes widerfährt. Und Paulus zitiert aus dem Alten Testament: "Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf seinem Haupt sammeln."
In diesen Worten wird sehr deutlich: christliche Nächstenliebe ist eine Liebe gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand, aber gerade darin liegt das Besondere der christlichen Liebe. Sie ist nicht orientiert an dem menschlichen Denken und den menschlichen Gepflogenheiten dieser Welt, sondern sie gewinnt ihren Maßstab aus dem Handeln Gottes. Menschliche Liebe wird darin Gottes Liebe gleich und erweist sich darin als wirkliche Heilsmacht mitten in unserem oft heillosen Leben. Gottes Liebe ist die Liebe des Paradoxes: sie gilt genau denen, die sie in den Augen der Welt nicht verdient haben, sie gilt denen, die Gott ablehnen, den Sündern, wie es die Sprache der Bibel sagt. Gerade zu ihnen ist er gegangen, hat in seinen Sohn Jesus Christus ihnen zugesagt, ihr gehört zu mir, ja Gott ist sogar soweit gegangen, dass sein Sohn sich am Kreuz geopfert hat, um darin seine Hinwendung zum Menschen zu zeigen.
Von daher gewinnt die christliche Nächstenliebe ihre Konkretion: sie wird sichtbar in den alltäglichen Taten für den Nächsten gerade dort, wo sie gegen die Anschauungen der Welt, gegen das menschlich Normale durchgehalten wird, auch wenn dieses Handeln in den Augen vieler als unsinnig angesehen wird. Darin wird christliche Nächstenliebe dem Opfer Jesus Christi gleich und darin erfüllen wir Gottes Willen, der durch uns sein Reich inmitten dieser Welt aufrichten will.
Und deshalb sage ich eben auch, dass christliche Nächstenliebe nicht aufgeht in der einfachen Nachbarschaftshilfe. Christliche Nächstenliebe ist mehr, sie ist Opfer, weil sie von uns ein anderes Denken und Handeln erfordert, als es menschlich üblich ist. Gerade dadurch aber verändern wir Christen die Welt und ihr Denken, indem wir uns nicht von der Welt, sondern von Gott leiten lassen. Möge er uns dabei helfen und seinen Willen lebendig halten. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Gebet des Tages:
Barmherziger und ewiger Gott!
Du bist die Liebe, so heißt es in einem Brief aus dem Neuen Testament, und deine Liebe wird sichtbar in den Taten deines Sohnes und deiner Gläubigen. Wir bitten dich, laß uns diese Liebe immer wieder spüren, laß uns auf diese Liebe vertrauen, wenn wir meinen sie nicht verdient zu haben und mache uns bereit, anderen Menschen deine Liebe weiterzugeben, auch dort wo es uns schwer fällt. Das bitten wir durch Jesus Christus uns Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Fürbittengebet:
Gütiger Gott!
Aus deiner Liebe leben wir, deine Liebe begleitet und führt uns. Laß diese Liebe auch in unserer Liebe zu den Menschen sichtbar werden. Hilf uns opferbereit zu sein, hilf uns auf Menschen zu zugehen, die nicht liebevoll mit uns umgehen. Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für alle Menschen, die der Liebe bedürfen:
für alle Mitmenschen, mit denen wir verbunden sind, für alle, die unserer Sorge anvertraut sind: für die Kinder, die in der nächsten Woche ihre Zeugnisse bekommen, für die Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen machen, für all jene, die nun den weiteren Lebensweg nach der Schule beschreiten. Sei du Gott nahe. Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für alle Menschen, die im Rahmen der Diakonie die christliche Nächstenliebe weitertragen. Hilf den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass ihre Arbeit von deiner Liebe getragen ist, dass nicht der Jobgedanke ihr Tun bestimmt, sondern deine Menschenfreundlichkeit. Wo Ablehnung und Widerstände sind, da gib du Gott, Kraft zum durchhalten. Darum rufen wir zu dir:
Wir bitten für eine lebensfähige und menschliche Gesellschaft, in der sinnvolle Arbeit für alle da ist, um wechselseitiges Vertrauen überall, wo Menschen zusammenarbeiten. Wir bitten für eine gute Zukunft in unserem Land und dass Sorge getragen wird für die gerechte Verteilung der Güter in unserem Land und in aller Welt. Darum rufen wir zu dir: Stille - Vaterunser
 

 

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Die Predigt wurde gehalten in
Immenrode
4. n. Trin.

23. 6. 1996

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