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Off 5, 1-5

Die biblische Lesung heute bringt uns ein Stichwort, das wir alle vermutlich kennen: das Buch mit den sieben Siegeln. Wir kennen es, wenn wir sagen, dass uns ein Mensch ein Buch mit sieben Siegeln ist oder ein Gegenstand oder eine Wissenschaft. Und wir bringen damit zum Ausdruck, dass wir den Menschen oder die Sache nicht ergründen können. Er ist uns fremd der Mensch. Wir können ihn nicht durchschauen, können ihn nicht einschätzen, er gibt sich nicht so, dass wir ihn einordnen können in unsere Lebenserfahrung und die Bilder, die wir sonst von Menschen haben. Oder, wenn es um eine Wissenschaft geht: das ist etwas, was unserem geistigen Vermögen zu hoch ist, wozu wir einfach keinen Zugang haben.
Und manchmal wird mit dem Buch der sieben Siegel die Bibel selber beschrieben. Auch sie ist für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Verschlossen, unzugänglich, fern. Und dann übertragen wir das auch noch auf Gott, der uns ebenso fern ist, unverständlich, unzugänglich, so dass man schwer verstehen kann, was er eigentlich mit uns vor hat und was er will.
In der Geschichte, die wir eben aus dem letzten Buch der Bibel gehört haben, geht es um die Frage, wer denn würdig ist, das versiegelte Buch zu öffnen, wer berechtigt ist, die Siegel zu brechen. Was macht dieses Buch zu etwas besonderem, warum sollen die Siegel geöffnet werden?
Es geht darin um die Zukunft, um das was vor uns liegt. Nun weiß ein jeder von uns, dass Zukunft niemals offen liegt, auch wenn die Zukunft immer offen ist.
Den Wunsch, die Zukunft zu kennen, den kennen wir alle. Wer hat nicht schon einmal daran gedacht, dass er gerne wissen würde, wie es vielleicht in 500 Jahren hier aussehen wird. Das wäre doch etwas sehr interessantes. Und auch für das eigene Leben wäre es doch manchmal hilfreich zu wissen, was sein würde, wenn ich diesen oder jenen Weg ginge. Zumindest würde ich mir davon Hilfe erhoffen für heutige Entscheidungen.
Aber das Buch ist verschlossen. Mit sieben Siegeln. Eine heilige Zahl in der Bibel. Sieben Tage hat die Woche, sieben mal sieben ist 49 – das sind die Jahre der Schuldknechtschaft im 50. Jahr gibt es Befreiung im so genannten Jubeljahr. 7 das ist in der Antike die Zahl der Vollkommenheit und somit auch eine Zahl Gottes. Gott selber verschließt dieses Buch, er verschließt diese Zukunft.
Ich weinte sehr, weil niemand würdig war, dieses Buch zu öffnen, so heißt es in der Geschichte. Müssen wir weinen, weil wir die Zukunft nicht kennen?
Wir müssten weinen, wenn wir den Herrn der Zukunft nicht kennten, wenn die Zukunft unseres Lebens wirklich ungewiss wäre, wenn wir nicht etwas hätten, was uns auf dem Weg nach vorne Richtung und Wegweisung gäbe, der zu folgen sich lohnt.
Und einer der Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.
Das Buch mit den Sieben Siegeln es bleibt nicht ungeöffnet. Da ist jemand, der Zukunft öffnet. Es wird dabei zurückgegriffen auf eine Altes Bild aus dem Propheten Jesaja: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN.
Es ist ein Ros entsprungen, so haben wir vorhin gesungen. Eigentlich schon ein Weihnachtslied, doch es hat auch seinen Platz in diesem Adventsgottesdienst.
Der Zweig aus der Wurzel bringt neues Leben. Ein Zweig verheißt Zukunft, zeigt, dass selbst im Zustand des Endes noch Hoffnung und Zukunft möglich sein kann. Und diese Zweig begann zu wachsen vor 2000 Jahren, als Jesus in die Welt kam, als deutlich wurde, mit diesem Jesus beginnt die neue Zukunft Gottes mit den Menschen.
Nicht dass damit gleichsam jeder Tag unseres Lebens, unsers zukünftigen Lebens auf dem Tisch liegt und wir in dem Buch unserer Zukunft lesen könnten, nein, so ist das nicht. Aber Jesus öffnet den Zugang zu Gott, zur Botschaft der Bibel, die uns ansonsten mit sieben Siegeln verschlossen ist. Mit Jesus verliert die Zukunft ihre dunkle Seite, sie wird erfüllt mit einem Licht, dem entgegen zu gehen, verbunden ist mit Hoffnung und Zuversicht.
Und ich sage das auch, wenn ich weiß, dass es Lebenserfahrungen gibt, von denen überhaupt keine Hoffnung ausgeht. Ich haben da diejenigen vor Augen, denen der Gesundheitszustand keine lange Zukunft voraussagt, oder diejenigen, die - durch Schicksalsschläge getroffen – wissen, die nächste Zeit wird schwer. Weihnachten alleine in der geschmückten Stube sitzen, vielleicht zum ersten Mal, das ist eine furchtbare Vorstellung. Keine Arbeit haben und wissen, es wird vielleicht noch lange dauern, bis sich das ändert, wenn es sich überhaupt ändert – und die Päckchen werden sehr klein sein. Und vielleicht treiben uns überhaupt sorgenvolle Gedanken, wenn wir an die Zukunft unserer Gesellschaft denken, mit den vielen Problemen, die es zu lösen gilt.
Jesus öffnet das Buch der Zukunft nicht so, dass wir wissen, wie morgen der nächste Tag aussieht, oder wie wir durch bestimmte Lebenssituationen durchkommen. Er öffnet die Zukunft so, dass wir ganz allgemein und doch darin auch ganz konkret darauf vertrauen dürfen, dass Gott auch in der schwierigsten Situation Hoffnung und Zukunft schenkt. Die Wurzel Jesse: da steht vor meinem Inneren Auge ein Wurzelstumpf. Der Baum, längst zersägt, auf dem Holzstapel liegen. Wir warten auf das Verrotten des Stumpfes. Und dann öffnet sich dieser Stumpf, ein Reis wird sichtbar, aus dem verbunden mit der Wurzel der neue Baum entstehen kann. Das Alte ist vergangen und doch entsteht in Verbundenheit mit dem Alten das neue Leben.
Das ist für mich eines der schönsten Bilder der Bibel, denn es ist nicht nur ein Bild für Jesus, der Gottes Botschaft neu in die Welt bringt, sondern eben auch ein Bild für uns, an dem wir uns festhalten können, wo wir nur auf den Stumpf unseres Lebens bringen, oder zumindest den Eindruck haben, dass dort nur noch ein Stumpf steht.
Jesus Christus ist der große Hoffnungsträger, der mit dem Öffnen der Siegel die Zukunft des Lebens groß macht, der den Weg nach vorne auf unbeschreibliche Weise eröffnet hat. Sein Lebensweg, der das deutlich gemacht hat, ist dabei kein leichter gewesen und am Ende standen Leiden und Tod Aber gerade deshalb ist er für uns Menschen so wichtig, gerade deshalb ist er für uns Hoffnungsträger und derjenige, der Zukunft eröffnet. Er ist derjenige, dem zu folgen sich lohnt, der in seiner Nachfolge Leben verheißt.
Und ein wenig dieses Lebens versuchen wir hier im Pfarrverband Elbe auch umzusetzen. Denn Nachfolge Jesu heißt ja nicht nur im ganz persönlichen Vertrauen seine Hoffnung auf ihn zu setzen und daraus Zuversicht für das Morgen zu gewinnen. Sondern das heißt auch, dass wir Wege der Zukunft ermöglichen und stärken wollen in dem, was wir tun.
Am 1. Advent, wo wir heute die Botschaft hören, Gott will Menschen ein hoffnungsvolles Morgen ermöglichen, da wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass Menschen dahin kommen können, dass sie dem Morgen etwas zutrauen, dass sie vertrauensvoll nach vorne schauen können.
Unsere beiden Projekte, die das zum Ausdruck bringen, sind für mich wirkliche Hoffnungsprojekte:
so wollen wir das Elternhaus in Göttingen wieder unterstützen. Da sind Eltern, die um ihre krebskranken Kinder bangen, die im gegenüberliegenden Krankenhaus behandelt werden. Es sind Menschen, die von großer Sorge zum die Zukunft ihrer Kinder geplagt sind. Im Elternhaus finden sie eine Ort, an dem sie mit all ihrer Sorge aufgenommen sind. Da sind Menschen, die ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, da sind ebenfalls Betroffene, die sich gegenseitig stützen können. Da sind Räume in denen gemeinsam mögliche Zeit verbracht werden kann. Da ist ein Ort geschaffen, in dem ich in der Not hier und jetzt Hilfe erfahre, Kraft tanken kann, um dem Morgen entgegen gehen zu können. Es ist ein Ort, in dem Hoffnung gedeihen kann. Hoffnung, die auch über die Grenzen des möglichen und tatsächlichen Todes hinausgeht. Auch so wird Zukunft geschaffen, wird Lebenshilfe und Lebensmöglichkeit eröffnet, auch wenn das schlimmste vor Augen ist. Denn christliche Hoffnung bleibt nicht am Ende des Lebens stehen, sondern Jesus hat gerade dort das Tor der Zuversicht geöffnet. Und wir möchten mithelfen, dass hier Menschen ganz konkret Zuversicht vermittelt wird, dass ihnen Halt gegeben wird in schwierigster Zeit. Sie sollen darin etwas spüren von der Gegenwart des lebendigen Gottes.
Und das ist auch Ziel unseres zweiten Projektes, das wir nun ebenfalls seit vielen Jahren unterstützen: der Life-Line-Express in Indien. Ein Eisenbahnzug, umgebaut zu einem mobilen Krankenhaus. Es fährt in entlegenste Gegenden Indiens, um dort Menschen Hilfe anzubieten, die sonst keinerlei Möglichkeiten haben, solche Hilfe zu erhalten. Für sind es keine 20 Kilometer zum nächsten Krankenhaus, keine 3 Kilometer zum nächsten Arzt. Wir haben ein System der Krankenversicherung, das uns trägt. Für viele Menschen in Indien ist selbst die einfachste Krankheit manchmal ein riesiges Problem, weil der nächste Arzt eben 30 – 60 – 100km weit weg ist und das Geld für Busfahrt, Arzt und Medikamente nicht vorhanden ist. Schulden und Schuldenfalle nehmen der Zukunft ihren Raum. Der Krankenhauszug kann – oft mit kleinsten Mitteln – großes bewirken, kann so einem Menschen, einer ganzen Familie neue Zukunft schenken und neue Lebenshoffnung wecken. Natürlich ist dies immer wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch für diejenigen, die dieser Tropfen erreicht, ein Zeichen der Zuversicht.
Christliche Hoffnung ist persönliche Hoffnung und gleichzeitig Antrieb diese Hoffnung weiter zu geben. Christliche Hoffnung ist Ausdruck dafür, dass jedem Menschen Zukunft in menschenwürdigem Dasein möglich sein soll. Christliche Hoffnung ist Lebensantrieb für den Weg, der nach vorne gerichtet ist auch im Angesicht des Baumstupfes, der so wenig Hoffnung ausstrahlt. Doch von dem, der die sieben Siegel lösen kann, der also der Zukunftshoffnung ein menschliches Gesicht gibt, von ihm geht Kraft, Reichtum, Weisheit und Stärke aus, sagt das letzte Buch der Bibel. Darum gilt ihm Ehre, Preis und Lob, durch die Stimme unsers Mundes, durch Wärme unseres Herzen, durch die Tat unserer Hände und durch das Mutige nach vorne schauen im Leben.
Möge Jesus Christus selber uns durch seinen Geist zu einem solchen Leben führen und uns zur Hoffnung ermutigen. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: EG NsB 538 Lobt den Herrn
Psalm 24 mit Liedruf

Melodie - Notendownload

Eingangsliturgie
Gebet EGb 243 Gebet 2
Lesung: Off 5,1-5
Glaubensbekenntnis
Lied: 30, 1-4
Predigt
Lied: 1, 1-3+5
Abkündigungen
Fürbittengebet
Liedruf: Machet die Tore weit - s.o.
Wir möchten gerne die Tore öffnen für dich, Gott, dass du in unser Leben trittst. Komm zu uns und verwandle uns. Hilf, dass wir dich einlassen unter uns: dass deine Wärme in die Kälte zwischen uns verdrängt, dass dein Friede unsere Auseinandersetzungen beilegt, dass deine Liebe unsere Augen für den andern öffnet So kommt du zu uns, König der Ehre.
Liedruf
Komm, zieh ein und öffne die Türen der Herzens für die Menschen, die Heil und Leben für sich suchen. Lass dein Licht unter ihnen aufleuchten, komme mit deinem Licht der Hoffnung entgegen. Komm so zu denen, die Sehnsucht nach dir haben, als König der Ehre.
Liedruf
Komm und öffne die Türen für alle, die im Dunkeln sitzen und denen das Licht der Hoffnung weit weg ist. Sei bei Kranken, Sterbenden und Trauernden, bei Verfolgten und von Gewalt betroffenen, bei denen die nach Gerechtigkeit Ausschau halten. Schenke ihnen allen das Licht der Zukunft und komme so zu ihnen als König der Ehre.
Liedruf
Komme zu uns in unsere ganz persönliche Not, die wir in der Stille vor dir ausbreiten.
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt  Klein Elbe

27. 11. 2005
1. Advent

Liturgischer
Ablauf
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