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Drei biblische Lesungen (AT, Evangelium, Predigttext) haben sie heute
in diesem Gottesdienst schon gehört. Jeder dieser Texte ist inhaltsschwer
genug, um mindestens eine Predigt daraus zu gestalten, um die Texte besser
zu verstehen, um ihre geistliche Bedeutung für uns deutlicher herauszustellen.
In allen drei Texten geht es um eine Gotteserscheinung, um eine – wie wir
sagen – verklärte Erscheinung Gottes: einmal im Feuer, das den Dornbusch
nicht verbrennt; dann auf dem Berg, in Jesus, der sich in eine helle Lichtgestalt
verwandelt und dann aus dem letzten Buch der Bibel diese Erscheinung eines
Menschen, der sich als der Auferstandene preisgibt. Ungewöhnliche,
unglaubliche Geschichten, deren Wirkung sich nicht sofort entfaltet, sondern
die eine Zeit brauchen, um in uns ihre Wirkung zu zeigen.
Die letzte Erscheinung soll uns heute speziell beschäftigen, ihr
wollen wir unser besonderes Augenmerk schenken. Erzählt wird eine
Vision, wie sie uns in heutigen Science-Fiction-Filmen durchaus begegnen
könnten. Die Phantasie solcher Filme ist nicht größer als
die, dieses Bildes aus der Offenbarung des Johannes.
Johannes, der hier schreibt, sieht vor sich die Vision einer Lichtgestalt
mit goldenem Gürtel. Die Augen wie eine Feuerflamme, die Füße
gülden strahlend, die Stimme wie ein gewaltiges Wasserrauschen. Aus
seinem Mund ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, sein Angesicht
ist leuchtend, wie die Sonne. Johannes hat dieser Anblick im wahrsten Sinne
des Wortes umgehauen. Angst war wohl die Ursache für diese Reaktion
auf diese Erscheinung.
Johannes schildert mit dieser Beschreibung das Bild eines Menschen
mit kraftvoller Ausstrahlung bei gleichzeitiger Unnahbarkeit. Als ich mir
diese Person vorgestellt habe, da fühlte ich in mir so ein Gefühl,
wie ein ausbrechender Vulkan, so viel Kraft und Dynamik liegt darin, gleichzeitig
etwas wohlig, warmes, das einen umgibt, das mich einhüllt, dann auch
dieses lichtstrahlende, das nicht zu beschreiben und zu erfassen ist und
das, ich zumindest, nicht bedrohlich empfinde, sondern als wahrlich erhellend.
Und in allem liegt diese Unnahbarkeit, die darin zu spüren ist. Angezogen
sein, festgehalten werden und doch wissend, hier ist ein Abstand, hier
ist keine unmittelbare Nähe, hier ist auch Distanz. Jedoch eine, die
von der anderen Seite her überwunden wird, die einfach durch die Anziehungskraft
dieser Lichtgestalt nicht mehr als Distanz erscheint, sondern als die enge
Verbundenheit ungleicher Gegenüber.
Es ist ungeheuer schwer, das zu beschreiben, weil ja auch all dies,
was ich eben gesagt habe, innere Bilder sind, anders als die des Johannes,
aber eben doch Bilder, die ich nur schwer in Worte fassen kann. Aber in
diesem Bildern liegt für mich eine doch sehr bedeutsame Beschreibung
dessen, der den Mittelpunkt unseres Glaubens bildet: Jesus Christus.
Um ihn geht es ja, in diesem Text, seine Person, seine Bedeutung für
unseren Glauben, steckt in diesen Bildern drin und dies wird natürlich
mit lebendig, wenn ich in der eben beschriebenen Weise auf die Gefühle
in mir schaue, angesichts der von Johannes genutzten Bilder.
Johannes stellt mir in seinen Bildern Jesus als den vor Augen der in
seiner Bedeutsamkeit letztlich unerklärbar ist. Das weiße Haupt
mit dem weißen Haar, wir kennen das vielleicht von Bilder alter Meister.
Es stellt dieses Entrücktsein Jesu vor Augen. Für mich ist dies
ein Bild dafür, dass wir Jesus nicht klar vor Augen haben. Es gibt
kein eindeutiges Jesusbild. Und das ist schon seit den ersten Tagen der
Christenheit so. Für jeden ist etwas anderes wichtig, jeder erkennt
etwas anderes als bedeutsam an, bzw. auch im Laufe des eigenen Lebens wandelt
sich das Bild dieses Jesus von Nazareth, der als der Christus der Welt,
als der Erlöser geglaubt wird. Und das ist gut so für unser Leben
und das entspricht ihm eben auch, als einer Gestalt, die nicht einförmig
auf eines festgelegt werden kann, sondern die immer wieder neu in unserem
Leben seine Kraft auf verschiedenste Weise entfaltet. Deshalb sollte man
auch vorsichtig sein, sich allzu festen Jesusvorstellungen hinzugeben.
Gruppierungen, die dies versuchen, sind meistens Gruppierungen, die diese
Offenheit für das ganz andere nicht mehr haben und deshalb sektiererisch
werden. Jesus ist unserem Vorstellungen immer nahe, aber er gehen nicht
in ihnen auf, er ist ihnen entrückt und das wollen die Bilder des
verklärten Jesu auch festhalten. Gleichzeitig wollen sie festhalten,
dass Jesus nicht nur Mensch war, sondern dass wir in ihm der göttlichen
Zuwendung begegnen. Wir stehen nicht nur dem Menschen Jesus von Nazareth
gegenüber, der ein guter Mensch war und gute menschliche Dinge gesagt
hat, sondern Jesusbegegnung ist immer auch Gottesbegegnung. In Christus
spricht Gott zu uns, sein Wort ist die Anrede Gottes an uns. Johannes
hat diese Erfahrung umgehauen, er fiel um wie tot. Gottesbegegnung hat
etwas von Ende, von letzter Verantwortung am Ende der Tage. Aber die biblischen
Texte des neuen Testamentes sagen: nicht am Ende, sondern mitten im Leben
begegnet ihr Gott in Jesus Christus. Sicher dieser Christus hat Augen wie
Feuerflammen, er sieht uns Menschen mit einem Blick, der uns wie ein Feuer
verzehren will. Da wird einem Heiß, wenn man sich von diesem Jesus
anschauen läßt. Und das tun wir ja, wenn wir uns seinem Wort
aussetzen, wenn wir es wirken lassen in uns, wenn wir uns selber mit seinen
Augen betrachten. Wieviel entdecken wir da, was anders sein müßte,
was das Gewissen belastet, was uns in eine andere Lebensrichtung drängen
müßte. DA wird uns heiß, weil wir merken, wie wenig wir
mit unserem Leben Gottes Wunsch und Willen für diese Welt entsprechen.
Auch das macht Angst, das will man eigentlich nicht hören. Deshalb
möchten so viele Menschen ja auch mit dem Wort Jesu nichts zu tun
haben, gehen lieber in den Wald, um nur die eigene Stimme zu hören,
um nicht dem läuternden Feuer Gottes zu begegnen.
Aber dieses Feuer Jesu ist ja nicht nur verbrennendes Feuer, sondern
auch wärmendes Feuer. Wieviel tröstliche Worte empfangen wir
von ihm her. Worte, die nicht an uns vorüber gehen wie Schall und
Rauch, sondern Worte, die treffen, die uns wahrlich ansprechen, und unser
Innerstes erwärmen können, und so zu Worten des Lebens werden.
Jesu Stimme ist ein großes Wasserrauschen: Wer schon einmal neben
einem großen Wasserfall gestanden hat, der weiß, welche Kraft
hinter solch einem Wasserrauschen steckt. Jesu Worte sind Worte wie Wasser:
lebenspendend, wie das Wasser als Urelement des Lebens, reinigend, wie
das Wasser, das wegspült, was nicht zu uns gehören soll. Wasser,
das erfrischt, wie das Glas Wasser bei großem Durst. Wasser, das
sich Bahn bricht, auch dort, wo etwas im Wege ist. Ein kleiner Durchlaß
und der stete Fluß bahnt sich seinen Weg. Wasser aber auch, in dem
untergeht und verschwindet, was seine Berechtigung verloren hat. Was für
ein Bild für die Bedeutung des Wortes Jesu bei uns.
Allerdings, so sagt uns Johannes in seiner Vision, diese Worte sind
scharfe und zweischneidige Worte. Wir möchten Jesus oft genug lieber
nur auf der lieben Seite des Lebens haben. Tröstlich, zugewandt, liebevoll,
aufmunternd. Jesus ist so, Jesus tröstet, wendet sich den Menschen
zu, nimmt sie liebevoll an, ermutigt zu neuem Leben. Aber Jesus ist auch
hart, er redet uns Menschen nicht nach dem Munde, er ist der, der Menschen
auch zurechtweist, der daran erinnert, dass wir als Menschen Verantwortung
vor Gott tragen, dass wir eine Aufgabe in dieser Welt haben als Menschen,
dass wir als Menschen untereinander verbunden sind und nicht nur für
uns selber und ohne Bezug zu denen, die neben, vor und nach uns leben.
Jesu Wort kann da messerscharf unser Leben beurteilen und uns treffen,
schmerzlich treffen. Nicht umsonst werden Jesu Worte in entscheidenden
Phasen des Lebens oder in bestimmten politischen Lebenssituationen als
nicht brauchbar abgelehnt. Es liegt oft genug daran, weil gespürt
wird, wieviel Schärfe darin liegt, und wieviel Kraft und Mut es bedeuten
würde sich diesem Wort wirklich anzuvertrauen. Da schieben wir es
lieber beiseite, dann müssen wir uns nicht so sehr darum bemühen.
Aber hilft das dann wirklich weiter?
Ist das nicht die Angst, die uns lähmt, die unser Handeln behindert
und die uns sein läßt wie tot?
Ich denke, dass wir wirklich lebendig nur seinen können, wenn
wir uns aussetzen, wenn wir uns der Schärfe des Wortes Jesu aussetzen,
die ja nicht nur schneidende und damit schmerzhafte Schärfe ist, sondern
darin liegt ja im Endeffekt das Element, das das aus unserem Leben herausschneidet,
was das Leben hindert, was uns im Wege ist. Auch wenn das schmerzhaft ist,
es ist der Weg, der unser Leben letztlich vor Gott und den Menschen wertvoll,
reich und bedeutsam macht, bis hinein in die schwierigsten Seiten unseres
Leben.
Jesus ermutigt uns dazu, wenn er dem Johannes die Hand auflegt und
zu im spricht: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit
zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Fürchte dich nicht, ich bin der erste und der Letzte. Ich umgebe
wirklich alles. Anfang und Ende nicht nur deines Lebens, sondern allen
Lebens dieser Schöpfung liegen in meiner Hand. Da ist und war nichts
ohne mich, ohne das ich nicht von Anfang an dabei war. Da ist nichts, was
ohne mich zu Ende geht, es gibt kein nach mir , genausowenig wie ein vor
mir. In mir war alles und wird alles sein, ich bin der Lebendige, der immer
wieder neu präsent ist und wirkt. Ich war tot, und siehe, ich bin
lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes
und der Hölle. Ich habe die Macht Tod und Hölle zu überwinden.
Und genau dazu ruft uns Johannes auf. Dass wir uns dieser Macht Jesu
anvertrauen, dass wir seiner Macht in unserem Leben vertrauen, um so die
Geschehnisse des Lebens getrost annehmen zu können. Wir wissen, dass
wir das nur im Glauben können, dass wir an dieser Macht Jesu immer
nur im Glauben teilhaftig werden können, dass wir ihn nicht vereinnahmen
können, dass er sich uns immer wieder auch entzieht, wie bei der Verklärung.
Und dennoch können wir diese Macht, die die Macht Gottes ist, erfahren,
im Glauben mitten im Leben. Denn wir haben Anteil an dem, der der Erste
und der Letzte und der Lebendige ist. Amen
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
Gustedt |
Letzter Sonntag nach Epiphanias
13.2.2000 |
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