Predigt - Off 1, 9-18
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Off 1, 9-18

Drei biblische Lesungen (AT, Evangelium, Predigttext) haben sie heute in diesem Gottesdienst schon gehört. Jeder dieser Texte ist inhaltsschwer genug, um mindestens eine Predigt daraus zu gestalten, um die Texte besser zu verstehen, um ihre geistliche Bedeutung für uns deutlicher herauszustellen. In allen drei Texten geht es um eine Gotteserscheinung, um eine – wie wir sagen – verklärte Erscheinung Gottes: einmal im Feuer, das den Dornbusch nicht verbrennt; dann auf dem Berg, in Jesus, der sich in eine helle Lichtgestalt verwandelt und dann aus dem letzten Buch der Bibel diese Erscheinung eines Menschen, der sich als der Auferstandene preisgibt. Ungewöhnliche, unglaubliche Geschichten, deren Wirkung sich nicht sofort entfaltet, sondern die eine Zeit brauchen, um in uns ihre Wirkung zu zeigen.
Die letzte Erscheinung soll uns heute speziell beschäftigen, ihr wollen wir unser besonderes Augenmerk schenken. Erzählt wird eine Vision, wie sie uns in heutigen Science-Fiction-Filmen durchaus begegnen könnten. Die Phantasie solcher Filme ist nicht größer als die, dieses Bildes aus der Offenbarung des Johannes.
Johannes, der hier schreibt, sieht vor sich die Vision einer Lichtgestalt mit goldenem Gürtel. Die Augen wie eine Feuerflamme, die Füße gülden strahlend, die Stimme wie ein gewaltiges Wasserrauschen. Aus seinem Mund ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, sein Angesicht ist leuchtend, wie die Sonne. Johannes hat dieser Anblick im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen. Angst war wohl die Ursache für diese Reaktion auf diese Erscheinung.
Johannes schildert mit dieser Beschreibung das Bild eines Menschen mit kraftvoller Ausstrahlung bei gleichzeitiger Unnahbarkeit. Als ich mir diese Person vorgestellt habe, da fühlte ich in mir so ein Gefühl, wie ein ausbrechender Vulkan, so viel Kraft und Dynamik liegt darin, gleichzeitig etwas wohlig, warmes, das einen umgibt, das mich einhüllt, dann auch dieses lichtstrahlende, das nicht zu beschreiben und zu erfassen ist und das, ich zumindest, nicht bedrohlich empfinde, sondern als wahrlich erhellend. Und in allem liegt diese Unnahbarkeit, die darin zu spüren ist. Angezogen sein, festgehalten werden und doch wissend, hier ist ein Abstand, hier ist keine unmittelbare Nähe, hier ist auch Distanz. Jedoch eine, die von der anderen Seite her überwunden wird, die einfach durch die Anziehungskraft dieser Lichtgestalt nicht mehr als Distanz erscheint, sondern als die enge Verbundenheit ungleicher Gegenüber.
Es ist ungeheuer schwer, das zu beschreiben, weil ja auch all dies, was ich eben gesagt habe, innere Bilder sind, anders als die des Johannes, aber eben doch Bilder, die ich nur schwer in Worte fassen kann. Aber in diesem Bildern liegt für mich eine doch sehr bedeutsame Beschreibung dessen, der den Mittelpunkt unseres Glaubens bildet: Jesus Christus.
Um ihn geht es ja, in diesem Text, seine Person, seine Bedeutung für unseren Glauben, steckt in diesen Bildern drin und dies wird natürlich mit lebendig, wenn ich in der eben beschriebenen Weise auf die Gefühle in mir schaue, angesichts der von Johannes genutzten Bilder.
Johannes stellt mir in seinen Bildern Jesus als den vor Augen der in seiner Bedeutsamkeit letztlich unerklärbar ist. Das weiße Haupt mit dem weißen Haar, wir kennen das vielleicht von Bilder alter Meister. Es stellt dieses Entrücktsein Jesu vor Augen. Für mich ist dies ein Bild dafür, dass wir Jesus nicht klar vor Augen haben. Es gibt kein eindeutiges Jesusbild. Und das ist schon seit den ersten Tagen der Christenheit so. Für jeden ist etwas anderes wichtig, jeder erkennt etwas anderes als bedeutsam an, bzw. auch im Laufe des eigenen Lebens wandelt sich das Bild dieses Jesus von Nazareth, der als der Christus der Welt, als der Erlöser geglaubt wird. Und das ist gut so für unser Leben und das entspricht ihm eben auch, als einer Gestalt, die nicht einförmig auf eines festgelegt werden kann, sondern die immer wieder neu in unserem Leben seine Kraft auf verschiedenste Weise entfaltet. Deshalb sollte man auch vorsichtig sein, sich allzu festen Jesusvorstellungen hinzugeben. Gruppierungen, die dies versuchen, sind meistens Gruppierungen, die diese Offenheit für das ganz andere nicht mehr haben und deshalb sektiererisch werden. Jesus ist unserem Vorstellungen immer nahe, aber er gehen nicht in ihnen auf, er ist ihnen entrückt und das wollen die Bilder des verklärten Jesu auch festhalten. Gleichzeitig wollen sie festhalten, dass Jesus nicht nur Mensch war, sondern dass wir in ihm der göttlichen Zuwendung begegnen. Wir stehen nicht nur dem Menschen Jesus von Nazareth gegenüber, der ein guter Mensch war und gute menschliche Dinge gesagt hat, sondern Jesusbegegnung ist immer auch Gottesbegegnung. In Christus spricht Gott zu uns, sein Wort ist die Anrede Gottes an uns. Johannes  hat diese Erfahrung umgehauen, er fiel um wie tot. Gottesbegegnung hat etwas von Ende, von letzter Verantwortung am Ende der Tage. Aber die biblischen Texte des neuen Testamentes sagen: nicht am Ende, sondern mitten im Leben begegnet ihr Gott in Jesus Christus. Sicher dieser Christus hat Augen wie Feuerflammen, er sieht uns Menschen mit einem Blick, der uns wie ein Feuer verzehren will. Da wird einem Heiß, wenn man sich von diesem Jesus anschauen läßt. Und das tun wir ja, wenn wir uns seinem Wort aussetzen, wenn wir es wirken lassen in uns, wenn wir uns selber mit seinen Augen betrachten. Wieviel entdecken wir da, was anders sein müßte, was das Gewissen belastet, was uns in eine andere Lebensrichtung drängen müßte. DA wird uns heiß, weil wir merken, wie wenig wir mit unserem Leben Gottes Wunsch und Willen für diese Welt entsprechen. Auch das macht Angst, das will man eigentlich nicht hören. Deshalb möchten so viele Menschen ja auch mit dem Wort Jesu nichts zu tun haben, gehen lieber in den Wald, um nur die eigene Stimme zu hören, um nicht dem läuternden Feuer Gottes zu begegnen.
Aber dieses Feuer Jesu ist ja nicht nur verbrennendes Feuer, sondern auch wärmendes Feuer. Wieviel tröstliche Worte empfangen wir von ihm her. Worte, die nicht an uns vorüber gehen wie Schall und Rauch, sondern Worte, die treffen, die uns wahrlich ansprechen, und unser Innerstes erwärmen können, und so zu Worten des Lebens werden.
Jesu Stimme ist ein großes Wasserrauschen: Wer schon einmal neben einem großen Wasserfall gestanden hat, der weiß, welche Kraft hinter solch einem Wasserrauschen steckt. Jesu Worte sind Worte wie Wasser: lebenspendend, wie das Wasser als Urelement des Lebens, reinigend, wie das Wasser, das wegspült, was nicht zu uns gehören soll. Wasser, das erfrischt, wie das Glas Wasser bei großem Durst. Wasser, das sich Bahn bricht, auch dort, wo etwas im Wege ist. Ein kleiner Durchlaß und der stete Fluß bahnt sich seinen Weg. Wasser aber auch, in dem untergeht und verschwindet, was seine Berechtigung verloren hat. Was für ein Bild für die Bedeutung des Wortes Jesu bei uns.
Allerdings, so sagt uns Johannes in seiner Vision, diese Worte sind scharfe und zweischneidige Worte. Wir möchten Jesus oft genug lieber nur auf der lieben Seite des Lebens haben. Tröstlich, zugewandt, liebevoll, aufmunternd. Jesus ist so, Jesus tröstet, wendet sich den Menschen zu, nimmt sie liebevoll an, ermutigt zu neuem Leben. Aber Jesus ist auch hart, er redet uns Menschen nicht nach dem Munde, er ist der, der Menschen auch zurechtweist, der daran erinnert, dass wir als Menschen Verantwortung vor Gott tragen, dass wir eine Aufgabe in dieser Welt haben als Menschen, dass wir als Menschen untereinander verbunden sind und nicht nur für uns selber und ohne Bezug zu denen, die neben, vor und nach uns leben. Jesu Wort kann da messerscharf unser Leben beurteilen und uns treffen, schmerzlich treffen. Nicht umsonst werden Jesu Worte in entscheidenden Phasen des Lebens oder in bestimmten politischen Lebenssituationen als nicht brauchbar abgelehnt. Es liegt oft genug daran, weil gespürt wird, wieviel Schärfe darin liegt, und wieviel Kraft und Mut es bedeuten würde sich diesem Wort wirklich anzuvertrauen. Da schieben wir es lieber beiseite, dann müssen wir uns nicht so sehr darum bemühen. Aber hilft das dann wirklich weiter?
Ist das nicht die Angst, die uns lähmt, die unser Handeln behindert und die uns sein läßt wie tot?
Ich denke, dass wir wirklich lebendig nur seinen können, wenn wir uns aussetzen, wenn wir uns der Schärfe des Wortes Jesu aussetzen, die ja nicht nur schneidende und damit schmerzhafte Schärfe ist, sondern darin liegt ja im Endeffekt das Element, das das aus unserem Leben herausschneidet, was das Leben hindert, was uns im Wege ist. Auch wenn das schmerzhaft ist, es ist der Weg, der unser Leben letztlich vor Gott und den Menschen wertvoll, reich und bedeutsam macht, bis hinein in die schwierigsten Seiten unseres Leben.
Jesus ermutigt uns dazu, wenn er dem Johannes die Hand auflegt und zu im spricht: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Fürchte dich nicht, ich bin der erste und der Letzte. Ich umgebe wirklich alles. Anfang und Ende nicht nur deines Lebens, sondern allen Lebens dieser Schöpfung liegen in meiner Hand. Da ist und war nichts ohne mich, ohne das ich nicht von Anfang an dabei war. Da ist nichts, was ohne mich zu Ende geht, es gibt kein nach mir , genausowenig wie ein vor mir. In mir war alles und wird alles sein, ich bin der Lebendige, der immer wieder neu präsent ist und wirkt. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Ich habe die Macht Tod und Hölle zu überwinden.
Und genau dazu ruft uns Johannes auf. Dass wir uns dieser Macht Jesu anvertrauen, dass wir seiner Macht in unserem Leben vertrauen, um so die Geschehnisse des Lebens getrost annehmen zu können. Wir wissen, dass wir das nur im Glauben können, dass wir an dieser Macht Jesu immer nur im Glauben teilhaftig werden können, dass wir ihn nicht vereinnahmen können, dass er sich uns immer wieder auch entzieht, wie bei der Verklärung. Und dennoch können wir diese Macht, die die Macht Gottes ist, erfahren, im Glauben mitten im Leben. Denn wir haben Anteil an dem, der der Erste und der Letzte und der Lebendige ist. Amen

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
Gustedt
 Letzter Sonntag  nach Epiphanias
13.2.2000
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