| Predigt | NT |
|
Jedes Mal, wenn ich eine Predigt zu machen habe, muss ich mir überlegen, was an diesem Tag im Mittelpunkt stehen soll. Denn die Herangehensweise an einen biblischen Text ist ja unterschiedlich. Auch ist die Situation, in der man biblische Texte liest immer eine andere, so wirken sie auch anders. Und ich finde das gut, denn so wird doch deutlich, wie vielfältig und lebendig diese Geschichten sind. Es sind eben Worte, die weiterreichen als bloße kurze Informationen oder Geschehnisberichte. Ich möchte mich in den Gedanken heute Abend vor allem mit der Hauptperson dieser Geschichte beschäftigen, dem Hauptmann von Kapernaum. Ich möchte schauen, wie er gehandelt hat, was aus den wenigen Andeutungen aus seinem Umfeld abzulesen ist für unser Leben. Dieser Hauptmann ist ein römischer Soldat. Er gehört zu den Herrschenden, zu denen die das Sagen haben und denen man untertan zu sein hat. Seine Befehle gelten. Und das nicht nur gegenüber den Unterdrückten, in diesem Falle also dem jüdischen Volk, sondern auch innerhalb der Hierarchie des römischen Heeres. Dieser Hauptmann nun hat einen Knecht. Von dem wird nichts weiter berichtet, als dass er zu Hause liege, gelähmt ist und große Qualen leidet. Wir wissen nicht, ob er ein Bürger Israels und damit ein Angehöriger des jüdischen Volkes ist oder ob es römischer Bürger ist, der dem Hauptmann da zu Diensten ist. Das ist auch nicht so entscheidend, wichtig ist, der Herr setzt sich für seinen Diener ein. Hier steht kein Unmensch vor uns, einer dem das Leben der anderen gleichgültig ist. Das wird ja von vielen Soldaten so gesagt und manch kriegerische Ereignisse lassen diesen Schluss ja leider auch zu. Wer Macht hat und eine Waffe hat, der wird oft ungerecht, unmenschlich, zumindest wenn es darum geht, die eigenen Ziele oder die vorgegebenen Anweisungen durchzusetzen. Bis heute hin sind die Kriegsverbrechen des 2. Weltkrieges auf allen Seiten etwas, was Beziehungen zu Völkern belastet. Und in jeder kriegerischen Auseinandersetzung unserer Tage ist dies immer wieder zu beobachten. Doch es liegt nicht am Soldatenberuf, sondern daran wie Menschen diesen Beruf ausfüllen, wie sie ihn mit ihrem persönlichen Leben verbinden und mit welcher inneren Einstellung sie ihn ausüben. So eben auch unser Hauptmann von Kapernaum. Der Mensch an seiner Seite, der Knecht, der zu tun, was ihm gesagt wird, dessen Aufgabe es ist, dem Wort des Höhergestellten zu folgen, dieser Knecht ist im Blick dessen, der das Sagen hat. Fürsorgepflicht heißt das in unserer Gesellschaft. Die Pflicht der Fürsorge für andere. Nicht nur für die, die aus persönlicher Verbundenheit sowieso im Blick sind, sondern Verantwortung für die Menschen, die im Dienste des anderen stehen ist hier angesprochen. In einem System, wo soziale Absicherung durch den Staat gewährleistet ist, ist diese Dimension des Handelns nicht so intensiv im Blick. Aber ich spüre es immer wieder, dass diese Verantwortung nicht wahrgenommen wird, wo z.B. große Firmen um kurzfristiger Profite willen Menschen in die Arbeitslosigkeit schicken. Arbeitsplatzabbau, Freisetzen von Arbeitskräften, wie das beschönigend genannt wird. Wo bleibt die Verantwortung für die Menschen, die sich für einen Betrieb einsetzen, wenn diese Arbeitnehmer letztlich nur Spielball von wirtschaftlichen Spekulationen werden. Die anderen – der Staat – wird’s schon richten, Hauptsache die Aktienkurse steigen nach solchen Nachrichten. Der Hauptmann von Kapernaum zeigt was Fürsorgepflicht ist. Nun ist das gewiss einfacher, wenn es eine Auge-in-Auge-Beziehung ist, wie in der Geschichte und nicht eine Belegschaft von tausenden Mitarbeitern. Aber ich denke, die Verantwortung bleibt dieselbe, auch wenn sie anders zu realisieren ist. Nun kommt also dieser römische Hauptmann und geht auf Jesus zu, der gerade nach Kapernaum gekommen ist. Eine für damalige Zeit ungewöhnliche Situation. Der römische Heide und politische Besatzer geht auf einen jüdischen Rabbi zu und erbittet von ihm Hilfe. Eigentlich eine gesellschaftliche Unmöglichkeit, so etwas tat man nicht, das war ein Handeln wider die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Doch was sind gesellschaftliche Gepflogenheiten, wenn es darum geht einem Menschen etwas Gutes zu tun. Der Hauptmann zeigt, dass es im Einsatz für einen Menschen keine Grenzen geben darf. Hier muss jeder Weg beschritten werden, auch wenn es ein ungewöhnlicher Weg ist, wenn hier Konventionen überschritten werden müssen. Die Not der Menschen muss dazu führen, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Wie oft wird hilfreiches Handeln verhindert, weil nur die eingefahrenen Wege gegangen werden, weil Regeln und geschriebene und ungeschriebene Gesetze eingehalten werden sollen. Unbürokratische und unkonventionelle Hilfe sind selten, aber doch immer wieder nötig, um etwas zu erreichen. Darin ist der Hauptmann Vorbild und Identifikationsfigur. Als er Jesus sein Anliegen vorgetragen hat, sagt Jesus zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. ER verspricht zukünftige und persönliche Hilfe. Oh ja, wann kann das sein? Wann wirst du kommen? Dann will ich schon mal alles vorbereiten. Essen, Trinken und alles, was dazu gehört einen Gast zu bewirten. So hätte es jetzt heißen können und darin hätte der Hauptmann sich gewiss richtig verhalten. Aber er tat es nicht. Von ihm wird etwas anderes berichtet. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. An dieser Stelle wird der Hauptmann zu einem Vorbild des Glaubens. Zwei Dinge werden in einem Satz zusammengefügt. Als erstes das Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit und als zweites das Vertrauen, dass Hilfe, dass Antwort möglich ist. Hier wird eine Gottesbeziehung lebendig, die beispielhaft für den christlichen Glauben ist und darum ist die Geschichte auch so bedeutsam. Der Mensch vor Gott erkennt sich als jemand, der im Grunde genommen des Wirkens Gottes und seiner Hilfe unwürdig ist. Was wäre es auch an Menschen, was Gott veranlassen sollte, zu handeln. Der Soldat wird um die Problematik seines Berufes wissen, aber auch um die tiefe Verderbtheit des Menschen, der lieber sich selber als andere im Mittelpunkt sieht. Und er spricht es aus, er macht diese Erkenntnis des Glaubens öffentlich. Aber zu dieser Erkenntnis gehört die zweite Seite dazu: Gott gibt nicht, weil der Mensch eine Vorleistung gebracht hat, sondern er schenkt, weil er den Menschen liebt. Darauf vertraut der Hauptmann: sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund. In der katholischen Abendmahlsfeier taucht dieser Satz übrigens auch auf: Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, doch sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund heißt es da. Im Abendmahl werden wir uns der eigenen Unwürdigkeit bewusst und begeben uns ganz in Gottes Hände, der allein durch das Geschenk seiner Liebe die Beziehung erneuern kann, so dass unsere Seele wieder neuen Halt hat und gesunden kann. Das eine Wort ist das Wort der Vergebung, das Wort der Liebe zu uns Menschen, es ist das Ja des großen Gottes zum Sünder, zum Menschen, der sich abgekehrt hat und nun vom gütigen Vater wieder in die Arme geschlossen wird. Demut und Vertrauen, Ehrliche Selbstwahrnehmung und hoffnungsvolles auf Gott Schauen, das gehört zusammen, das prägt das Leben des Glaubens. Darin ist der römische Hauptmann Vorbild des Glaubens, wie Jesus es nachher auch deutlich macht. Und das Vorbild hat auch eine inhaltliche Seite. Es geht um das Vertrauen zum Wort. Der Soldat weiß um die Wirkung des Wortes, er zieht diese Erkenntnis aus dem soldatischen Befehlsbereich. Aber es ist für ihn Zeichen dafür, dass durch das Wort Jesu vieles geschehen kann. Und auch wir kennen ja die Wirkung mancher Worte. Da gibt es solche, die zur richtigen Zeit gesagt uns glücklich machen, aufbauen und stärken. Das Lob für Kinder, der Dank die Anerkennung für Erwachsene gehört gewiss in diesen Bereich mit hinein. Und es gibt das Gegenteil: das negative Wort, das einen völlig fertig macht, dass einen krank machen kann, ja im gesellschaftlichen Bereich vernichten kann. Worte haben Macht. Der Hauptmann sagt: dein Wort Jesu hat Macht. Dieses Wort schafft eine neue Wirklichkeit und ich vertraue auf diese Macht und diese Wirklichkeit. Ich lasse mein Leben davon bestimmen. Ich muss nicht daneben stehen, sehen, wie du heilst. Mir reicht dein Wort, darauf will ich bauen, darauf will ich vertrauen und damit will ich mein Leben gestalten. Die Gewissheit des Hauptmanns liegt nicht im Erfolg des Wortes, sondern wirklich in dem Vertrauen zu Jesus. Allein dieses Vertrauen, allein dieser Glaube macht ihn gewiss und hoffnungsvoll. Darum sagt Jesus auch: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Der römische Heide hat den Angehörigen des Volkes Gottes gezeigt, was Vertrauen heißt, was Glaube heißt, nämlich sich einlassen auf das Wort Jesu. Darin liegt das Heil – die Heilung.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde. Die Geschichte erzählt, dass der Hauptmann zu Hause die Gesundung feststellen konnte. Doch es gilt noch einmal festzuhalten, dass Jesus nicht den Glauben gelobt hat, der entstanden ist, weil der Knecht gesund geworden ist, sondern den Glauben, den der Hauptmann aufgebracht hat, um die nachfolgende Gesundung zu erbitten. Das soll noch einmal festgehalten werden, denn darum geht es. Auf Gott vertrauen, weil bestimmte Dinge eingetroffen sind, das ist gewiss auch ein Akt der Dankbarkeit. Aber viel wichtiger ist, dieses Vertrauen zu bewahren in Situationen, wo wir nicht wissen was geschieht, wo wir uns ganz in die Hände des anderen begeben, wo wir unfähig sind, zu verändern, wo wir alles nur noch Gott anheim geben können. Dieser Glaube ist letztlich der, um den es geht. Alles zu erwarten von Gott und offen zu sein für das, was dann kommt. Offen zu bleiben, auch wenn das Erbetene letztlich nicht eintrifft. Denn zum Glauben gehört auch anzuerkennen, dass Gott nach seinem Willen handelt. Mögen wir das tiefe Vertrauen des Hauptmanns in uns tragen, mögen wir seine Liebe und Fürsorge für andere in uns haben und die Hoffnung darauf, dass Gott wirksam ist. Liturgischer Ablauf
Begrüßung - Orgelvorspiel Lied: 71,1,3,5,6 Psalm 86 Eingangsliturgie - Gebet: Gott voll ungeahnter Möglichkeiten, zu dir kommen wir, weil wir erkennen, dass wir nicht allein aus uns selber leben können, sondern dein Wirken brauchen. Schenke uns Mut, der unsere Ängste überwindet, Phantasie, die unseren Träumen Flügel leiht; lass uns spüren, was uns lebendig macht, auf dass wir durch dich Leben in deine Schöpfung hineintragen. Auf dich hoffen wir in Zeit und Ewigkeit. Lesung: Röm 1, 16-17 Lied: 293,1-2 Lesung: Mt 8, 5-13 Glaubensbekenntnis Lied: 354,1-3+7 Predigt Lied: 346, 1-5 Abkündigungen Fürbittengebet Vater im Himmel! Wir danken dir, dass du uns ansprichst mit deinem Wort. Es sind gute Worte, auch wenn wir sie manchmal anders sehen. Hilf uns dabei, zu verstehen, was du für uns bereit hast, hilf uns darin deinen guten Worten zu vertrauen. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich. Wir bitten dich für alle Menschen, die Verantwortung haben füreinander. Dass sie einander wahrnehmen und hilfreich zur Seite stehen, dass sie Sorgen teilen und füreinander sorgen, das sie Freude teilen und einander Freude schenken. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich. Wir bitten dich für alle, die andere brauchen für ihr Leben, dass sie Hilfe annehmen können und dankbar bleiben für jede Hilfe, dass sie herzlich sind im Umgang miteinander. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich. Wir bitten für alle, die durch Worte verletzt wurden, dass sie andere Worte hören, die ihr Leben verändern. Und gib deinen Worten die Kraft, neue Wege zu beschreiten. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich. Für alle die Krank danieder liegen bitten wir um deine Hilfe. Lass in aller Bedrückung deine Hoffnung wirksam sein. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich. Vaterunser Segen 163
|
|
|||||||||||||||||||||||||
|
© für alle Seiten und Inhalte liegen bei Jürgen Grote |