| Predigt | NT |
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Die erste Woche des Advent liegt hinter uns. Das Wetter ist winterlich. Mir geht es so, dass es eigentlich eher Gefühle von Januar oder Februar hervorruft, denn solch eine Witterung kennt man eher aus der Zeit nach Weihnachten. Nun aber befinden wir uns kalendarisch in der Zeit vor Weihnachten, Vorbereitungszeit auf das Kommen Jesu. Der zweite Advent steht heute im Mittelpunkt. Kirchlich und geistlich wird der zweite Advent mit der Wiederkunft Christi verbunden. Das zweite Kommen Jesu am Ende der Tage. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber ich muss ehrlich gestehen, das ist ein Denken, das mir sehr fern liegt. In der Anfangszeit des Christentum war dieser Gedanke sehr lebendig: Jesus der Auferstandene, der zum Himmel Aufgefahrene wird in Kürze wiederkommen und die Welt verändern. Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes wird aufgerichtet, alles verändert sich zu einem anderen, wohl besseren Leben. Seit 2000 Jahren warten die Christen nun schon darauf – wenn sie denn darauf warten. Ich möchte die heutigen biblischen Gedanken einmal anders sehen. Ich möchte nicht danach schauen, was es bei uns an Ereignissen gibt, die für uns zu Endzeitgedanken heute taugen, sondern ich möchte unseren biblischen Text einmal anders sehen und bedenken. Ich möchte es einmal betrachten von der anderen Seite her. Zerstörung und Vernichtung das hat ja nicht nur ein tragische Seite, sondern etwas zu beseitigen hat ja auch eine positive Seite: das, was nicht dem Leben dient, wird beiseite geschoben, damit anderes Platz hat sich zu entwickeln. Unser Predigttext beginnt mit den Worten: Jesus verließ den Tempel und war im Begriff wegzugehen. Wir können das lesen und hören in dem Bewusstsein: Jesus verlässt das Tempelgebäude, um an einen anderen Ort in der Stadt Jerusalem zu gehen. Eine rein geographische Angabe also. Das könnte so sein. Wir können es aber auch anders hören: Der Tempel, das ist doch der Ort, wo man meint: hier ist Gott zuhause. Hier finde ich ihn. Und nun heiß es: Jesus verließ den Tempel, er zieht sich aus diesem vermeintlichen Ort der Gottesgegenwart zurück. Wo ist eigentlich Gott? Wo machen wir ihn fest in unserer Kirche in unserem Glauben? Jede der vielen Kirchen, die es gibt – und ich meine damit nicht die Gebäude, sondern die Institutionen Kirche, die evangelische, die römisch-katholische, die orthodoxe, die verschiedensten Freikirchen. Sie alle halten sich für den Ort, wo Gott zuhause ist. Jede hat den Anspruch, die Wahrheit über Gott zu verkünden. Kein Heil außerhalb der Kirche, so sagte man schon in der alten Kirche und bis heute hält die römisch-katholische Kirche diesen Anspruch für sich aufrecht und lässt uns evangelische z.B. nicht als Kirche gelten. Und nun heißt es da: Jesus verließ den Tempel. Im Blick auf die zweite Ankunft Christi heißt das für mich: Am Ende geht es nicht um eine Konfession, sondern um die Gemeinschaft des Glauben. Jesus geht immer heraus aus den eingefahrenen Gedanken. Jesus bindet sich nicht an Institutionen und ihre festgefügten Gedanken. Wenn es um das Reich Gottes geht, wenn es um die Fülle des Lebens für den Menschen geht, dann bedarf es einer immer wieder neuen Orientierung. Glaubenswege gehen heißt nicht, sich im Tempel festzusetzen, sondern sich vom dem zu entfernen, was den Glauben, was das menschliche Leben einschränken will. Wenn es richtig ist, dass Jesus den Menschen Gottes darstellt, den Menschen der frei und ungebunden vor Gott für die Welt da ist, dann ist dieser kurze Satz: Jesus verließ den Tempel in seiner bildlichen Bedeutung eine Zumutung an uns Glaubenden, die Sicherheit der Institution und ihrer Gedanken aufzugeben. Wahres Menschsein ist nicht gebunden an die Institution, sondern an das, was Jesus vorgelebt hat: die Freiheit des Menschen, die Überwindung von Grenzen, die Hinwendung zu den Menschen, die Gemeinschaft aller in einer menschlich verbundenen Welt. Aber ist das nicht reine Fiktion, ein schöner Gedanke, der das wirkliche Leben nicht im Blick hat. Da traten seine Jünger zu ihm und machten ihn auf die Pracht der Tempelbauten aufmerksam. Die Jünger zeigen die Realität, sie zeigen wie alles wohl geordnet ist und gut funktioniert. Wie ja auch bei uns: gesellschaftlich: wir haben eine gute Demokratie, haben soziale Sicherungssysteme, haben eine gut funktionierende Wirtschaft, wir sind eingebunden in eine weltweite und mit Großmächten verbundenen Verteidigungsgemeinschaft. Kirchlich: Wir haben eine Volkskirche, das Christentum prägt dieses Land, die Kirchensteuer wird zwar weniger, aber noch können wir davon leben. Alles wohl geordnet, weltweit beachtet und geachtet. Ein Prachtbau – eigentlich. »Das alles beeindruckt euch, nicht wahr?«, sagte Jesus. »Doch ich versichere euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben; es wird alles zerstört werden.« Jesus sagt es und wir erleben es selber: das, worauf wir uns gründen, ist wackelig. Die wirtschaftlichen Grundlagen können binnen kurzen durch ein paar Wirtschaftsspekulanten in die Tiefe gerissen werden. Noch ist die Krise der Banken nicht überwunden, europäische Staaten können da noch einiges ins Wanken bringen. Das Ende des Kalten Krieges hat auch noch nicht dazu geführt, dass kriegerische Auseinandersetzungen zu Ende sind. Und wie wird die Zukunft werden, wenn die Ressourcen der Erde knapper werden, angefangen vom Oel und wichtigen Bodenschätzen bis hin zum Trinkwasser? Wie wird da der Tempel der weltweiten Wirtschaftsgemeinschaft halten? Ich bin da sehr skeptisch. Und der Erhalt von wirtschaftlicher Macht, er wird erkauft durch die Ausbeutung der Schöpfung mit allen zerstörerischen Kräften, die dadurch frei werden. Der Tempel der Sicherheit des Lebens, er ist bröckelig geworden. Und das gilt ja auch für die Kirche, die angesichts der immer geringer werdenden Einnahmen vieles verändern muss. Und auch im ganz persönlichen Leben gibt es große Zusammenbrüche: Wenn die Ehe zerbricht, wenn der Partner verstirbt, wenn die Arbeit gekündigt wird. Das alles sind oft genug tiefe Einschnitte in einen Lebenstempel, der mit einem Male nicht mehr die Sicherheit bietet, die vorher da war. Da stehen Menschen vor den Trümmerhaufen ihres Lebens und wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Es gibt Bereiche, in denen ist es gut, wenn ein Ende möglich ist, wenn etwas zerstört wird, überall dort nämlich, wo menschliches Leben nicht zur Erfüllung kommt. Da ist es auch gut, wenn Beziehungen nicht weiter geführt werden. Da ist es gut, wenn ein zerstörerischer Krebs mit zerstörerischen Mitteln bekämpft wird. Es ist gut, wenn falsche Sicherheit aufgegeben wird, wie z.B. die von Rüstung und Waffen, auch wenn zuerst die Hilflosigkeit und Angst den Raum einnehmen wird. Es gibt viele Bereiche, in denen wir gewiss der Veränderung kritisch gegenüber stehen, weil wir nicht wissen, was dann kommt. Wir haben Angst vor dem, was sein wird, weil wir es nicht kennen, weil wir keine Sicherheiten sehen, weil uns das bekannte, vertraute, bergende Lebenshaus fehlt, vor dessen Trümmern wir dann stehen würden. Da ist es gut, die Worte zu hören, die Jesu mittendrin sagt: Das ist noch nicht das Ende. Wir können das so lesen, wie wir es oft hören: es wird alles nur noch schlimmer. Das ist noch nicht das Ende, es kommt noch viel dicker – so denken wir oft genug. Doch vielleicht können wir diesen Satz ja auch mal ganz anders verstehen: Das ist nicht das Ende – das was da erlebt wird, bedeutet nicht den Untergang. Nicht die Trümmer sind das letzte Wort Gottes, sondern da kommt noch etwas, etwas ganz anderes. Wenn man diese Worte so versteht, dann wird deutlich, dass es Worte der Hoffnung sind, und dass das Zerstörungsszenario, das die Bibel hier vor Augen stellt, nicht das Ende der Welt einläutet, sondern das Ende all dessen, was sowieso zum Scheitern verurteilt ist, das Ende dessen, was menschliches Leben verhindert, statt es zu fördern. Wenn die Veränderung, wenn das Zerbröseln des sowieso nicht Tragfähigen Zeichen der Endzeit ist, dann liegt darin die große Hoffnung, dass Jesu Kommen ein neues Leben verheißt. Das Ende ist nicht die Zerstörung – diese Veränderung ist Weg zum Leben, denn letztlich ist es kein noch so schönes Lebensgebäude, das uns im letzten hält, sondern es ist allein die Hoffnung, dass das Leben in Gott seine Fülle erhält. In anderer Weise macht Jesus das ja lebendig, in den Seligpreisungen. Die beginnen schon damit, dass das Himmelreich denen gehören wird, die allein von der Hoffnung leben – geistlich arm sind. Nicht das Leid ist das Ende sondern der Trost, die Annahme durch Gott. Nicht die Machthaber, nicht die Gewaltigen stehen am Ende groß da, sondern die Sanftmütigen – ihnen gehört die Erde, sie leben in der Fülle Gottes. Nicht die Ungerechtigkeit ist das Ende, sondern die Gerechtigkeit, die Gott aufrichten wird – indem alle Ungerechtigkeit zerstört wird. Am Ende wird Barmherzigkeit siegen, Gott werden schauen, die reinen Herzens sind, und die Friedfertigen werden Gottes Kinder heißen. Und die, die für diese Vision ausgelacht und verfolgt werden, ihren wird das Himmelreich gehören. Was heißt das nun am Ende der Predigt? Das zweite Kommen Jesu ist ein wichtiger Hoffnungsgedanke, der uns hilft, auf dem Weg zu einem lebendigen Glauben. Die Hoffnung hilft uns, all das zu verändern, was dem menschlichen Antlitz Gottes – das in dem Kind in der Krippe lebendig wurde - entgegensteht in Gesellschaft und Kirche. Sie hilft uns, wenn wir ängstlich werden auf unserem Weg, weil wir als zerstörerisch angesehen werden. Die Hoffnung auf den kommenden Christus, der Menschenverachtendes beseitigen will, ermutigt uns, den Weg des Glaubens konsequent weiter zu gehen, auch dort, wo wir uns am Ende fühlen. Das ist nicht das Ende – das Ende sieht anders aus. Es ist erfüllt von Christus, der den Tempel neu aufbaut. Amen Liturgischer Ablauf Orgelvorspiel Lied: 1,1,2,5 Psalm 80 Eingangsliturgie Gebet Herr, Jesus Christus, komme du zu uns. Komme und erfülle uns mit deiner Hoffnung, die über alle Grenzen hinweg uns stärkt zum Leben. Lass aus allem, was sich in unserem Leben verändert, Gutes erwachsen, auf dass wir auf dich hoffend, erfüllt leben können. Das bitten wir … Lesung: Jak 5, 7-8 Lied 7,1-4 Lesung Mt 24, 1-14 Glaubensbekenntnis Lied 11,1-3+9 Predigt Lied 16,1-5 Abkündigungen Fürbittengebet Gott, die Welt hat so viele Seiten, viele gute und viel schwierige. Hilf uns, das Gute zu fördern und das Schlechte zu mindern. Hilf uns so, dein Reich mit aufzubauen, das du am Ende aller Zeit vollenden wirst. Sei bei allen, die an dem Zerstörerischen dieser Welt leiden, den Opfern von Krieg und Gewalt, den Kranken und Sterbenden, den seelisch und körperlich gebeugten. Stärke in ihnen die Hoffnung, die auch Christus in sich trug, dass du das Ende von allem in deinen Händen hältst. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Sei bei allen, die sich einsetzen für eine menschlichere Welt. Stärke sie in ihren Bemühungen, bewahre sie in den Enttäuschungen, gib ihnen Kraft gegen alle Widerstände um das Leben der Menschen und deiner Schöpfung zu fördern. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich Sei bei allen, die nur das hier und heute sehen, die für sich dahinleben, ohne Rücksicht auf Verluste. Öffne die Augen für das, was daraus entsteht und hilf ihnen, neue Wege zum Leben zu entdecken. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich So sei mit uns allen, dass wir in unseren ganz persönlichen Nöten und Freuden gehalten sind in deiner Gnade. Vaterunser Segen 163
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