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Wenn wir biblische Geschichten hören, dann gibt es verschiedene Arten
sich zu nähern. Manchmal ist es das Thema, das angesprochen wird, mal
eine bestimmte Handlungsweise Jesu, mal die Zielrichtung der Rede, die
uns vorgesetzt wird. Oft genug ist es auch so, dass man sich mit einer
Person identifiziert, oder die auftretenden Personen genauer betrachtet.
Und letzteres möchte ich heute morgen einmal tun.
Zwei Einzelpersonen, eine Personengruppe und eine nur erzählte Person
treten hier auf. Und jeder handelt anders.
Da ist zunächst die Frau, eine kanaanäische Frau wird gesagt. Also
jemand, der nicht aus dem religiösen Umfeld des Judentums kommt. Eine
Heidin, hätte man damals gesagt. Sie ist Mutter, Mutter eines Kindes,
das krank ist. Sie wird von einem bösen Geist geplagt, heißt es. Was das
für ein Geist ist, wird leider nicht gesagt. Die Mutter ist in Sorge um
ihr Kind. Wie jede Mutter, wird sie sich große Sorgen um ihr Kind
machen. Es ist nicht gesund, es ist auch etwas, das mit herkömmlichen
Mitteln nicht verändert werden kann. Hier muss etwas anderes geschehen.
Eugen Drewermann vermutet hinter dieser Krankheit der Tochter ein
mütterliches Problem. Die Sorge der Mutter, die Überfürsorge der Mutter
nimmt das Kind voll ein, es hat überhaupt keinen Platz mehr zum
eigenständigen Leben. Der böse Geist, der das Kind einnimmt, das sind
vielleicht die verzweifelten Versuche des Kindes, sich Raum zu
verschaffen, diese übergroße Behütung von sich zu schieben, um ein wenig
Raum zum Leben zu haben.
Böse ist der Geist deshalb, weil er sich gegen die Mutter stellt, weil
sie damit nicht fertig wird, weil ihr ganzes, doch so sorgenvolles und
vermeintlich so liebevolles Bemühen nichts bewirkt. Die Situation der
Tochter wird immer schwieriger und sie kann sich nicht richtig
entwickeln und die Abwehr der Mutter nimmt immer mehr Raum ein, was die
Mutter als Böse, als ihrem Kind nicht angemessen ansieht, und das kann
aus ihrer Sicht nur an einem bösen Geist liegen. Ist sie selber dieser
Böse Geist, der das Kind immer wieder einnimmt? Sei vorsichtig! Pass
auf! Das darfst du nicht! Dafür bist du noch zu klein! Lass mich das
machen. und so weiter und so fort. Und langsam hämmern sich diese Sätze
in den Kopf und in den Bauch des Kindes ein, so dass gar keine eigenen
Erfahrungen mehr möglich sind, keine Fehler, keine Erfolge. Das Kind
wird gelebt, statt zu leben. Wie soll es sich entwickeln, wenn das
Überich der Mutter alles begrenzt?
Die Mutter erkennt ihre Hilflosigkeit, ihre eigene Ohnmacht. Sie spürt,
dass sie mit dem, was ihr mit auf den Weg gegeben worden ist, nicht
helfen kann. So macht sie sich auf den Weg, auf den Weg der eigenen
Veränderung. Die Veränderung dieser Frau liegt darin, dass sie ihre
eigenen Möglichkeiten beiseite legt und sich aus der Hand gibt. Sie legt
ihre Religion beiseite, ihre Herkunft, legt das Gelernte und übliche ab,
und geht auf diesen Jesus zu, von dem sie wohl gehört hat und von jetzt
an setzt sie all ihr Vertrauen auf diesen Jesus.
Ach Herr, du Sohn Davids. Dies ist eine glaubensvolles sich aus der Hand
geben. Nicht ich bin Herr meines Lebens, sondern ich muss erkennen, dass
ein anderer Herr ist. Aber zu diesem Herrn begebe ich mich, diesem Herr
vertraue ich mich an, diesem Herrn liefere ich mich aus, für die
Tochter, für die Gesundung ihres Lebens.
Und das war der erste Schritt zur Gesundung der Mutter, was dann zur
Gesundung der Tochter führt. Sie gibt das Leben ab in die Hände des
Sohnes David, in die Hände dessen, der Leben verändern kann. Ihn fleht
sie um Erbarmen an. Die Mutter, die sonst alles macht, legt all ihre
Sorge in die Hände von Jesus.
Nun kommt er in den Blick. Was tut er? Unsere normale Sicht des Jesus
ist, dass er sich hinwendet zu der Frau, sie liebevoll betrachtet und
ihr dann Hilfe gewährt.
Doch das erste, was wir von Jesus hören, das ist, dass er kein Wort
antwortet. Nichts, einfach Stille, keine Reaktion.
Das ist kaum zu ertragen und ist überhaupt nicht zu erwarten gewesen so.
Aber gleichzeitig drückt sich darin auch Erfahrung aus, die Erfahrung
der Frau und die Erfahrung von uns Menschen. Wie oft geht es uns so,
dass wir an unseren Grenzen stehen, Ereignisse uns überrollen, denen wir
zunächst hilflos ausgesetzt sind und unser Hilferuf zu Gott
unbeantwortet bleibt. Herr, erbarme dich. Aber es bleibt alles beim
alten, es ändert sich nichts, es wird nichts laut, worin wir erkennen
können, dass Gott unser Flehen gehört hat.
Will er nichts mit mir zu tun haben? Habe ich es nicht verdient von Gott
erhört zu werden? Ist da überhaupt ein Gott, der für mich da ist? Hat
das Zweck, dass ich diesen Gott um Erbarmen anrufen, wenn ich doch keine
Reaktion von ihm bekomme? Dann kann ich doch auch bei mir selber
bleiben.
Wer hat nicht schon solche Gedanken in sich getragen. Ich denke jeder,
der in schwierigen Situationen Gott angerufen hat, kennt auch dieses
Schweigen, dieses schmerzhafte Schweigen Gottes, wo doch ein Wort so
hilfreich und wichtig wäre. Doch: er antwortet ihr kein Wort.
Nun treten die Jünger auf. Bitten ihn: lass sie doch gehen, denn sie
schreit uns nach. Wie soll man das verstehen? Es sind Menschen, die auf
der Seite Jesu stehen und deshalb auch Jesus und sich selber ein wenig
schützen wollen. Lass sie doch gehen, darin sehe ich den Gedanken: gib
ihr, was sie will, dann haben wir endlich unseres Ruhe. Es scheint eine
Verrückte zu sein. Segne sie und dann haben wir wieder unsere Ruhe.
Schöner wäre es sicher, wenn wir diesen Satz als Fürbitte verstehen
könnten. In der Not ist die Frau dann nicht alleine, andere schließen
sich ihrer Bitte an, treten ein für sie, verstärken ihr Anliegen. Aber
ich denke, das ist es hier nicht, und das wäre im Augenblick auch keine
wirkliche Hilfe für die Situation.
Jesus reagiert auf die Worte der Jünger und gibt eine Begründung ab: Ich
bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen Israels. Das ist eine
Begründung, die uns 2000 Jahre später mit Befremden erfüllt. So haben
wir Jesus bisher nicht erlebt und so steht er uns nicht vor Augen. Aber
seine Mission, war aus der Sicht des Matthäusevangeliums zunächst eine,
die allein das Volk Gottes betraf. Dieses Volk Gottes sollte
zurückgeholt werden, durch die Botschaft Jesu sollte das Volk der Juden
verändert werden.
Die Frau jedoch lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie ist auf dem Weg
zur Heilung und will nicht zurückgewiesen werden. Sie fällt vor ihm
nieder und ruft ihn wieder um Erbarmen an. Sie fällt nieder, das heißt,
sie verlässt wirklich ihren Stand, sie verändert ihre Lebensposition,
sie weiß, dass nur noch in der Aufgabe des eigenen Lebens, in dem sich
ganz öffnen für diesen Jesus ihre Chance liegt.
Und Jesus weist die Frau zum dritten mal ab. Es ist nicht recht, dass
man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Es ist
erstaunlich, was diese Frau sich hier antut. In solch einer Situation
hätte man doch wohl eher ein Protest erwartet. Sag mal, steht es so mit
deiner Botschaft der Liebe zum Nächsten! Diesen Satz trägst du in die
Welt, aber selber richtest du dich nicht danach. Was bist du für ein
herzloser Mensch und du willst von Gott kommen? Bin ich nicht auch ein
Geschöpf Gottes, das Liebe verdient hat?
Und spinnt man das Bild weiter, würde man erwarten, dass sie sich wütend
umdreht, vielleicht noch auf den Boden spuckt und dann Jesus stehen
lässt und sich von seiner Botschaft abwendet, der sie doch so viel
zugetraut hat.
Sie äußert aber nichts dergleichen, im Gegenteil: sie bestätigt seine
Position sogar: Ja Herr, so ist es wohl. Ich weiß, dass ich nicht würdig
bin, dass du dich meiner Annimmst, so habe ich es gelernt in meinem
Leben, so ist es dann wohl auch. Aber, und darin zeigt sie eine große
Schlagfertigkeit, aber die Hunde fressen von den Brosamen, die vom Tisch
ihrer Herren fallen. Ich mag nicht am Tisch sitzen, aber ich muss auch
nicht verhungern. Ich mag kein Kind Israels sein, aber ich habe große
Hoffnung, dass ich in dir, die Hilfe finde, die ich brauche.
Die Frau lässt sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen, auch nicht als
sie zunächst auf Unverständnis stößt. Sie glaubt an die sich
letztendlich durchsetzende Barmherzigkeit Jesu. Sie gibt sich wirklich
ganz und gar aus der Hand. Da bleibt nichts mehr übrig von der
menschlichen Macht, sondern bis zum letzten gibt sich die Frau aus der
Hand, gibt sie sich ganz in die Hand Jesu. Jeder Rest von eigenem wird
beiseite geschoben, alles, aber auch wirklich alles, sucht die alleinige
Hilfe bei dem, der wirklich Hilfe geben kann. Und der gibt ihr am Ende
recht. Mit ihrer unnachgiebigen Haltung bewegt diese Frau Jesu Gemüt -
und berührt sein Herz. Jesus erkennt, wie viel die Frau hier
hineingegeben hat an Glauben, an Vertrauen zu ihm, so dass er ihre
leeren Hände nun füllt.
Dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst.
Die Frau war nur noch Vertrauen. Sie war nicht Forderung, nicht
Besserwisserei, nicht Überredende, sondern sie war nur wirklich
bittenden mit leeren Händen. Und dieses leeren Hände waren Zeichen des
unbedingten Vertrauens, das sie Jesus und damit Gott entgegengebracht
hat. Und dieses unbedingte Vertrauen wurde beantwortet von Gott. Dir
geschehe, wie du willst. Wir beten sonst, dein Wille geschehe. Hier sagt
Jesus: dir geschehe, wie du willst. Jesus lässt sich vom Anliegen dieser
Frau ansprechen, von diesem wirklichen Glauben, der alles menschliche
Vermögen beiseite lässt und er lässt sich davon bewegen.
Im Blick auf die Frau möchte ich sagen, sie hat auf diesem Weg erkannt,
dass Veränderung des Lebens damit beginnt, dass man sich und seine
Gedanken zurückstellt, dass man dem anderen Raum gibt, dass man sich
ganz auf den anderen einlässt. Für das Verhältnis zur Tochter wird das
unter anderen heißen, dass auch sie nun Raum gewinnt, um ihr eigenes
Leben entwickeln zu können und um so zu gesunden. Die Mutter muss nicht
mehr alles in der Hand haben, sie ist frei geworden, den anderen seinen
Weg ziehen zu lassen, ohne die Sorge, die wirklich menschliche Sorge
ohne Einengung beiseite zu schieben. Ihr Wille, dass das Kind gesund
wird, wird dadurch erfüllt, dass sie ihren Willen beiseite legen kann,
dass sie Entwicklung in Freiheit ermöglichen kann. Und das hat sie
gelernt auf dem harten Weg der Begegnung mit Jesus.
Das wäre sie wichtige menschliche Komponente für uns Menschen, die wir
an dieser Frau lernen können.
Aber auch am Handeln Jesu können wir etwas wichtiges für unser Leben und
unseren Glauben entdecken. Wir erleben hier einen Jesus und damit einen
Gott, der sich von Menschen ansprechen lässt. Es gibt nicht den fertigen
Gott, der nach einem ganz bestimmten, uns oft genug unbekannten Prinzip
mit uns handeln, sondern wir dürfen einem Gott vertrauen, der sich immer
wieder auch von uns Menschen bewegen lässt, der nicht jenseits von gut
und böse nur sich selbst genügt, sondern der in stetigem Bemühen um
seine Geschöpfe wirkt, mal so, mal anders. Gott lässt mit sich reden, er
will, dass wir wirklich mit ihm in Kontakt treten und dass wir in
unserem Glauben wirklich auf ihn gerichtet sind, alles von ihm erwarten.
Diesen Gott stellt Jesus uns vor Augen, dieser Gott ist der Vater,
dieser Gott steht für seine Kinder ein. Mögen wir auch manchmal ganz
anders denken, die heutige Geschichte zeigt uns, mit Gott kann man
reden. Wir haben einen Gott, der mit uns geht und der offen ist für
unsere Anliegen, auch in seinem Schweigen. Möge er uns öffnen dafür,
dennoch all unser Vertrauen auf ihn zu legen. Wie heißt es doch im
Wochenspruch dieser Woche: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt
überwunden hat.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 443, 1-4
Psalm 25 EG 713
Eingangsliturgie
Gebet
Allmächtiger gnädiger Gott.
Du lässt keine Kinder nicht im Stich, in Kreuz und Not lässt du sie
deine Hilfe erfahren. So stärke unser Vertrauen und hilf, dass wir all
unser Leben in deine Händen legen können, auf dass wir dir treu bleiben,
und alles von dir erwarten.
Das bitten wir durch Jesus Christus ...
Lesung Röm 10. 9-17
Lied: 365,1-4
Lesung: Mt 15, 21-28
Glaubensbekenntnis
Lied 366,1-4
Predigt
Lied: 346,1-5
Abkündigungen
99
Fürbittengebet: nach EGb S. 574
Wenn wir uns aufmachen, Gott, lass uns nicht immer die alten Wege gehen;
lass uns nicht nur die bekannten Hände schütteln. Gib uns Freude daran,
andere Menschen kennen zu lernen. Wir bitten dich: Weise uns, Herr,
deinen Weg
Wenn wir uns umschauen, Gott, lass uns nicht wegschauen von der Not
anderer, von ihrem Kummer, von ihrer Einsamkeit. Gib uns offene Augen
und ein weites Herz zu erkennen, wo wir gebraucht werden. Wir bitten
dich: Weise uns, Herr, deinen Weg.
Wenn wir uns auf den Weg machen, Gott, behüte unsere Schritte. Hilf,
dass Menschen von Menschen bedroht oder gar verletzt werden. Sei den
Geschundenen nahe, ihnen zu helfen und den Opfern der Gewalt nimm den
Hass, auf dass nicht noch mehr Gewalt in die Welt kommt. Wir bitten
dich: Weise uns, Herr, deinen Weg.
Wenn wir unsere Gemeinden bauen, Gott, lass uns keine geschlossene
Gesellschaft werden. Halte unsere Türen offen. Schenke uns Freude über
unerwartete Begegnungen, mache uns neugierig auf fremde Sichtweisen,
hilf uns, unbequeme Worte anzunehmen. Wir bitten dich: Weise uns, Herr,
deinen Weg.
Wenn wir unser Leben, unseren Alltag planen, Gott, lass uns ein wenig
Zeit freihalten von Pflicht und Befehl, ein wenig Zeit für das
Überraschende, ein wenig Zeit für eine zarte Geste, ein wenig Zeit für
Menschen am Rande unseres Lebens. Wir bitten dich: Weise uns, Herr,
deinen Weg
Begleite uns mit deinem Geist. Darum bitten wir im Namen Jesu:
Vaterunser
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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