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Wir feiern den Sonntag Kantate, ich habe es zu Beginn gesagt. Das Singen
steht heute im Vordergrund, ein paar mehr Strophen als sonst erklingen
in unserem Gottesdienst.
Aber ist uns eigentlich nach Singen zumute? Sicher wird in der Kirche
immer gesungen, gleich an welchem Tag und zu welchem Anlass. Das Singen
gehört dazu, man kennt es nicht anders. Und wir singen auch mit, soweit
wir es können. Aber singen wir immer aus vollem Herzen mit, können wir
noch aus vollem Herzen singen? Zum Singen gehört ja eine bestimmte
Stimmung, wer gut aufgelegt ist, der singt. Wer Freude zum Ausdruck
bringen will, der singt oder pfeift, wer sich unbeschwert fühlt, der
trägt ein Lied auf den Lippen. Wo jemand singt, da können wir davon
ausgehen, hier ist jemand der gute Laune hat. In der Kirche ist das ein
bisschen anders, da singen wir, weil es dazu gehört, weil unsere Lieder
auch Gebete sind, und ein Gottesdienst ohne Gesang wäre eine sehr
traurige Angelegenheit. Aber ich frage noch mal: ist uns eigentlich zum
Singen zumute? Können und dürfen wir überhaupt fröhlich singen in
unseren Kirchen, angesichts der Welt, wie wir sie im Augenblick erleben?
Ist unser persönliches Leben so, dass wir aus innerer Fröhlichkeit
heraus die Stimme zum Singen erheben mögen?
Das sind Fragen, die heute am Sonntag mit dem Namen Kantate = singet
auftauchen. Und viele kritische Zeitgenossen werden am heutigen Tag
sicher auch sagen: in den Gottesdiensten in vielen Kirchen, werden
fromme Lieder gesungen, große musikalische Aufführungen veranstaltet,
und draußen vor der Tür oder genauer gesagt, in den vielen Bereichen der
Welt - uns vor Augen gestellt in den Fernsehapparaten unserer Wohnzimmer
- sieht die Welt traurig, brutal und elend aus. Ihr in den Kirchen
solltet nicht Musik machen, nicht singen, sondern schreien und rufen
gegen das Elend, ihr solltet eure Stimme laut erheben und protestieren
gegen das, was geschieht: im Irak, in Israel und Palästina, in Korea,
Indien und Afrika, in den Quartieren der Terroristen, in den
Folterkammern der Staatspolizei, in den Büros und Hinterzimmern von
dubiosen Geschäftemachern, Wirtschaftsunternehmen und was uns sonst noch
so alles einfallen mag. Stattdessen singt ihr in den Kirchen fröhliche
Lieder.
Solche Angriffe gibt es von denen, die der Kirche kritisch
gegenüberstehen, solche Gedanken gibt es aber auch unter Christen, die
sich bemühen, ein Leben in der Nachfolge Christi zu leben, die sich
bemühen, dem Anspruch Jesu gerecht zu werden, die sich abmühen, der
Liebe zum Menschen in allen Bereichen gerecht zu werden. Und das Gefühl,
das irgendetwas nicht zusammen passt, unsere eigene Stimmung und das
Singen in der Kirche, das erleben wir auch in uns selber, vielleicht nur
als das Gefühl, dass wir nicht so von innen heraus singen können, wie
wir es uns wünschen würden, dass uns irgendwie eben nicht danach zu Mute
ist.
Was steckt hinter dieser Kritik, welche Gedanken führen zu diesen
Empfindungen?
Ich denke, dass hinter dieser Kritik der Gedanke steckt, dass wir
Menschen eben der Meinung sind, dass wir in dieser Welt wirklich alles
selber in der Hand haben und für alles verantwortlich sind, alle
Probleme der Welt auf unseren Schulfern ruhen und wir selber sie eben
beseitigen müssen. Dieses Denken ist auf der einen Seite richtig und auf
der anderen Seite falsch. Richtig ist: es gibt viele Bereiche im Leben,
für die wir Menschen Verantwortung haben, wo wir Menschen unsere
Aufgaben wahrzunehmen haben. Gott hat den Menschen in die Welt gestellt,
dass er sie bebaue und bewahre, dass er sie sich dienstbar mache. Und
das heißt, dass der Mensch Verantwortung für das Leben trägt. Und was
uns in unserem Leben geschenkt ist, das ist uns immer auch geschenkt, um
es für die Menschen und für Gott einzusetzen. Dieser Anspruch ist an uns
Menschen gestellt, wir sollen ihn auch nach unserem Möglichkeiten und
Fähigkeiten erfüllen. Diese Aufgabe ruht auf unseren Schultern. Wir
erfüllen sie in der Familie, bei der Arbeit, in unserer Freizeit, in
dem, was wir sagen oder tun, in dem, was wir politisch vertreten.
Und je nachdem, wie ernst wir diese Verantwortung nehmen, desto mehr
lastet dies alles auch auf unseren Schultern und auf unserer Seele. Ja
und wenn wir die persönliche Verantwortung in unserem engeren
Lebenskreis sehen, dann merken wir schon, wie schwer uns das oft fällt,
dieser Verantwortung wirklich gerecht zu werden. Schaffe ich es immer
dem Partner gerecht zu werden, den Nachbarn, den Aufgaben im Dorf und in
der Arbeit? Wie oft spüre ich da schon, dass mir Grenzen gesetzt sind,
dass ich nicht alles kann! Und dann erst im großen Bereich: durchs
Fernsehen kommt uns ja jedes Problem hautnah ins Haus, wie oft stehen
wir da hilflos davor. Und all das liegt auf unseren Schultern, das Joch
der Verantwortung der Menschen drückt uns nieder, macht uns klein, da
ist kaum mehr Raum richtig zu atmen, wenn man all das an sich heranlässt
und in sich aufnimmt. Dieses Joch der Verantwortung für alle Menschen
und für diese Welt ist einfach zu schwer für uns.
Aber liegt denn wirklich alle Verantwortung auf uns Menschen, sind wir
denn allein diejenigen, die das Leid der Menschen tragen müssen auf
unseren Schultern, sind wir denn verantwortlich für den Fortbestand der
Welt, das alles funktioniert und weiterläuft?
Wir Menschen denken das immer, aber ist das so? Sind wir wirklich die
Herren der Welt, die alles wissen, die alles können und daher auch alles
tun müssen?
Jesus ruft uns in eine andere Richtung:
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch
erquicken. Nehmt auf euch mein Joch Und lernet von mir; denn ich bin
sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure
Seele. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Jesus lädt uns zuerst einmal ein, den Ballast unseres Lebens zu ihm zu
bringen. Er ist der Ort, wo wir die Lasten des Lebens erst einmal
abwerfen können. Denn die Welt, so macht uns Jesus deutlich, liegt nicht
allein in unseren Händen, sondern auch in seinen Händen: Alle Dinge sind
mir von meinem Vater übergeben worden. Der Gott des Himmel und der
Erden, den Jesus mit einem Lobpreis besingt, dieser Gott hat seinem Sohn
die Verantwortung für die Welt anvertraut, auf seinen Schultern ruht nun
die Zukunft allen Lebens dieser Welt. Darum kann er vollmundig sagen:
kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen sei, ich will euch
erquicken. Er ist sozusagen die erste Anlaufstelle, für die Probleme
unseres Lebens, für das, was unser Leben schwer macht. Das Leid der Welt
liegt auch auf seinen Schultern, das können wir nicht oft genug sagen
und nicht oft genug hören: Gottes Sohn selber trägt die Beschwernisse
des Lebens. Das Kreuz auf seinen Schultern ist das Zeichen dafür und
dieses Kreuz ist eben der Ort, wo er auch unsere Not und unsere Last
trägt. Wir meinen immer, dass wir allein unser Päckchen zu tragen haben,
aber Jesus selber ruft uns zu: legt es auf mein Kreuz, ich will und ich
kann es tragen. Vertraut darauf, dass auch eure Beschwernisse noch Platz
haben auf meinem Kreuz, und vertraut darauf, dass ich es wirklich für
euch trage. Dazu ist Jesus in die Welt gekommen, nicht dass ihm gedient
wird, sondern dass er uns dient.
Das ist mit dem Verstand kaum zu begreifen, dass Gott einen solchen Weg
mit uns geht, die Klugen und Weisen, die meinen alles selber tun und
können zu müssen, sie werden es wohl auch nicht begreifen, so sagt Jesus
in seinem Loblied an Gott, aber wer bereit ist, dies für sich
anzunehmen, so wie ein Kind ein Geschenk annehmen kann, ganz offen und
allein als Zeichen der Liebe, der vermag zu spüren, dass Gott uns mit
Jesus wirklich Gutes tun will, wenn wir auf ihm unsere Lebenslasten
legen dürfen. Und wir dürfen es, denn er sagt, kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Das ist
frohe Botschaft, das ist Evangelium. Gott trägt in Jesus Christus die
Lasten meines Leben mit, nicht ich, sondern Christus trägt die Last der
Welt.
Aber heißt das nun, dass wir uns um gar nichts mehr zu kümmern brauchen
in unserem Leben, dass wir alles Gott anheim stellen können? Werfen uns
das nicht gerade manche Kritiker auch vor, dass wir nur beten und nichts
tun?
Jesus spricht nicht nur davon, dass wir bei ihm Lasten loswerden können,
er spricht auch davon, dass weiter ein Joch auf uns liegt. Nehmt mein
Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen
demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist
sanft und meine Last ist leicht.
Ein Leben ohne Last, das weiß auch Jesus, das gibt es nicht. Immer
wieder wird uns etwas belasten. Aber wer sein Leben Jesus anvertraut,
wer glaubt, dass Jesus sein Leben trägt, der weiß, dass das Joch des
Lebens nicht allein auf den eigenen Schultern liegt. Wie das Joch eines
Viehwagens immer auf zwei Tieren liegt, so ist es auch mit den Joch des
Lebens in unserem Glauben: wir tragen die eine Seite, tragen damit auch
die Verantwortung für die Welt mit, für unsere kleine Lebenswelt und
auch für die große Lebenswelt, aber auf der anderen Seite steht Jesus,
der ebenso die Last dieses Joches auf seinen Schultern hat. Lernt von
mir, seid sanftmütig und demütig, das bedeutet dann: schaut auf mich und
mein Leben: ich habe nicht alle Kranken geheilt, nicht alle Sünder
persönlich zu Gott rufen können, ich habe die Welt nicht von Grund auf
erneuern können, ich habe am Ende sogar in gewisser Weise eine
Niederlage einstecken müssen. Aber ich habe trotzdem daran festgehalten,
dass Gottes Wille für die Menschen sich durchsetzt, dass Gottes Reich
sichtbar wird, wo Vergebung laut wird, wo Heilung geschieht, wo
Vertrauen herrscht. Demütig sein, dass heißt: seine Grenzen kennen, es
heißt, zu erkennen, wo meine Möglichkeiten sind, aber auch zu erkennen,
wo meine Möglichkeiten am Ende sind. Demütig sein, das heißt, zu
erkennen: wann meine Hände, mein Mund, mein Ohr gefragt sind und wann
allein mein Gebet gefragt ist, mein Vertrauen, dass Gott die Welt in
seinen Händen hat. Und von Jesus lernen heißt dann eben auch, zu
erkennen, wann wir ihm die Lasten des Lebens auferlegen müssen, weil wir
sie nicht zu tragen im Stande sind. Und wenn wir das tun, so ist das
keine Schande und kein Mangel, dazu ruft er uns auf: Kommt her alle, die
ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.
Und dieses Wort, liebe Gemeindeglieder, diese Erkenntnis lässt mich denn
auch wirklich von Herzen Gott lobsingen. Denn darin wird deutlich:
selbst wenn die Welt und unser Leben an vielen Stellen so traurig ist,
dass es uns die Sprache verschlägt und uns zum Singen nicht zu Mute ist,
wir dürfen darauf vertrauen, dass das Joch der Welt getragen wird. Wenn
unsere Kraft zu klein ist, Gottes Kraft ist weitaus größer. Und das ist
ein guter Grund mit zuversichtlichem Herzen fröhlich der Aufforderung
dieses Sonntages nachzukommen: Singet dem Herrn.
Amen.
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Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: Lobet Gott in seinem Tempel
(Lied nach Psalm 150 von Jürgen Grote)
Psalm 98 - EG 739
155, 4
Eingangsliturgie
179,1-4
Gebet:
Gott, Vater im Himmel!
Dir singen wir unser Loblied, denn aus deiner Hand empfangen wir, was
wir zum Leben brauchen. Wir danken dir, für alle Kraft, die du uns
gibst, die guten und die schwierigen Seiten des Lebens zu meistern. Nimm
unser Loblied an und halte deine gütige Hand über uns. Das bitten wir
durch Jesus Christus, dein menschliches Antlitz für uns, der mit dir und
dem heiligen Geist lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung: Kol 3, 12-17
Lied: 243, 1-6
Lesung: Mt 11, 25-30
Glaubensbekenntnis gesungen: Lied: 184
Predigt
Lied: 324, 1-3+7+13
Abkündigungen
Fürbittengebet nach Taize-Fürbitten EG 789.6
Vaterunser
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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