| Predigt | NT |
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Johannes der Täufer sitzt im Gefängnis. Er ist in die Mühlen der Macht geraten, dieser Prophet, der am Jordan am Rande der Wüste lebte, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und in seinem Kamelfell da stand und den Menschen die Umkehr predigte. Er war ein Mann, der im Laufe seines Auftretens immer mehr Anklang fand bei den Menschen, denn in einer Zeit der Unterdrückung, in einer Zeit, in der auch die religiösen Führer ihre Bedeutung verloren, da war es gut, wieder einmal einen charismatischen Menschen zu haben, der etwas anderes sagte, der den Weg zu Gott neu ebnete. Wir erleben das ja selber gerade in Amerika, wie sehr Menschen sich nach einer Person sehnen, die Hoffnung macht, die eine Wechsel predigt, die mit Hilfe persönlicher Ausstrahlung und Charisma mit dazu beiträgt, dass sich Leben und Denken verändert. Johannes war jemand, der viele Menschen aufgerüttelt hat. Er hat die negativen Dinge angeprangert, hat die Politiker in ihrem Handeln angegriffen und hat dabei auch das persönliche Leben mit im Blick gehabt. Er hat den Soldaten und Zöllnern gesagt, wie sie mit ihrem Beruf dennoch vor Gott recht da stehen können. Er hat die Menschen zur Umkehr gerufen, ihnen ein neue Leben angekündigt, das vor der Tür steht. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Darum kehrt um. Verändert das Leben. Ihr habt die Möglichkeiten dazu, ihr könnt das. Steht auf, kommt her. Lasst euch taufen, macht den Anfang. Lasst euch die Schuld von Gestern abwaschen und geht einen neuen Weg des Lebens mit und vor Gott. So hat er die Menschen angesprochen. Doch er wusste auch, er ist nur Wegbereiter für einen anderen, für den, der nach ihm kommt, für den Messias, der die Welt grundlegend verändern wird, für den Christus, der die neue Welt heraufführen. Er hat ihn getauft, noch nicht wissend, wie dieser Christus handeln wird, was da so alles geschieht. Und nun sitzt er im Gefängnis, eingekerkert, weil er öffentlich angeprangert hat, dass Herodes die Frau seines Halbbruders genommen hatte. Der Herrschende nutzte seine Macht gegen den Dienenden aus und ließ ihn einsperren. Nun sitzt er im Gefängnis und bedenkt sein Leben und er bedenkt, was er hört von dem Menschen Jesus von Nazareth, der so viel Gutes tut und schon als Messias gefeiert wird. Doch er ist unsicher, denn er spürt, hier ist etwas anders, als das, was er getan hat. Johannes hat mit moralischer Ansprache versucht, die Menschen zu verändern. Er hat den Willen und die Möglichkeiten der Menschen angesprochen, ihr Leben selber in Richtung auf Gott umzukehren und eine neue Beziehung aufzubauen. Jesus geht einen anderen Weg. Johannes hörte davon, dachte darüber nach und suchte nach Gewissheit für sein Leben. War der Weg, den ich gegangen war richtig oder war er falsch. Führt Jesus herauf, wofür Johannes eingetreten ist, oder steht das noch aus, wie so oft in der Geschichte des Volkes Gottes. So schickt er seine Jünger aus und Jesus direkt zu fragen: Bist du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten? Jesu Antwort lautet: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht. Was hören und sehen sie, die Menschen, die Jesu Handeln erblicken. Sie sehen, dass Blinde sehen. Zum Beispiel Bartimäus, der über viele Jahre blind war und dann durch das Erbarmen Jesus die Augen neu geöffnet bekommt. Doch es geht ja nicht nur um eine Heilung eine Sehproblematik. Dass Blinde sehen, das hat ja auch damit zu tun, dass Jesus den Blick verändert. Der Levin und der Priester in der Geschichte vom Barmherzigen Samaritaner, sie waren blind für das Leid des unter die Räuber geratenen. Sie hatten nur Augen für ihre eigenen Bedürfnisse, für die religiösen Regeln, die einen Umgang mit solchen Menschen erschwert. Sie waren gefangen in der Angst, selber Opfer zu werden. Der Samaritaner öffnet die Augen, denn er handelt allein aus Liebe und Barmherzigkeit, den Grundmotiven jesuanischen Denkens. Ganz ähnlich ergeht es Zachäus, der zuerst nur neugierig auf Jesus war, dann aber Jesus beherbergt und einen ganz neuen Blick auf sein Leben bekommt. Jesus, dem das verwerfliche Handeln des Zachäus gewiss bekannt war, hat sich davon nicht leiten lassen, er ist den Weg der offenen und vorurteilslosen Begegnung gegangen, und hat so Zachäus von seiner Blindheit für das eigene Leben befreit. Wie oft sind wir in unserem Leben blind für das wirklich notwendige, weil wir uns bestimmen lassen von Regeln und Vorstellungen, von Einstellungen und äußeren Zwängen. Blind werden wir dadurch für das, was jeweils aktuell zu tun und zu sehen ist. Jesus öffnet uns die Augen. Lahme gehen – geheilt von Jesus, wie der, den Freunde durchs Dach reichen mussten, weil sie von außen nicht zu Jesus durchdringen konnten. Wie oft sind wir innerlich lahm, gehalten und behindert durch das, was uns auf der Seele liegt an Verletzungen von außen und von innen. Wir können das Leben nicht freudig springend gestalten, weil so vieles auf der Seele liegt, was Menschen uns angetan haben, was wir selber uns angetan haben. Du bist von Gott angenommen, du bist ihm wert und wichtig. Lass es dir sagen, lass dir die Last, die auf dir liegt abnehmen. Gott ist dir nahe – oder biblisch gesagt: deine Sünden sind dir vergeben. Jesus will nicht, dass Menschen sich in ihrer Schuld vergraben, sie sollen sich nicht sehen in dem Spiegel der negativen Äußerungen und Ansichten der anderen. Sie sollen und dürfen sich sehen im Bild der Liebe, die Gott den Menschen entgegenbringt. Jeder ist wert und wichtig bei ihm. Und das gilt auch für die Aussätzigen, die an den Rand gedrängt werden oder sich selber an den Rand drängen. Sie werden rein. Nicht weil sie äußerlich nun anders sind, weil die Makel nicht mehr zu sehen sind. Nein, weil die Makel ihre Bedeutung verlieren, weil die Liebe und Barmherzigkeit Gottes der Maßstab für die Anerkennung und die eigene Lebenssicht sind. Grenzen ziehen Menschen, doch Gott übersteigt diese Grenzen, reißt sie ein, lässt sie nicht gelten. Taube hören. Wie viele sind taub für das wirklich Wichtige im Leben. Wir hören jeden Tag viele Millionen Worte, wir überfluten uns mit Information, mit Ablenkung, mit Geräuschen, damit wir etwas hören in der Stille, die uns unheimlich ist. Darin gehen inzwischen auch die Worte Jesu immer mehr unter. Und doch sind es Worte, die Menschen öffnen, die ihnen das Leben eröffnen. Du hast Worte des ewigen Lebens, hat Petrus einmal zu Jesus gesagt. Befreiende Worte: Steh auf und geh, dein Glaube hat dir geholfen. oder: Dir sind deine Sünden vergeben. – Dir ist heute Heil widerfahren. – Euch ist heute der Heiland geboren. – Liebe deine Feinde, bete für die, die dich verfolgen. – Ich aber sage euch: haltet auch die andere Wange hin. – Worte, die an vielen Ohren abprallen, die im Winde verhallen. Worte, die in die Ohren und die Herzen dringen und das Leben verändern, die ein Stück des Himmelreiches zu bringen vermögen. Taube hören plötzlich, welche Kraft in diesen Wort steckt, weil sie angesprochen, angerührt werden von diesen Worten, weil sie sie wirken lassen im Herzen und im Leben. Sie spüren, welche Veränderung sich ergibt, wenn man diesen Worten etwas zutraut und damit das eigene Leben gestaltet. Tote stehen auf – Wer ist eigentlich tot? Nur derjenige, dessen Vitalfunktionen nicht mehr messbar sind, dessen Gehirnströme auf dem Level 0 sind? Nein, nicht nur solche Menschen sind tot. Tot ist, wer keine Hoffnung mehr hat, wer dem Morgen mit Gott nichts mehr zutraut. Tot ist, wer sich selber aufgegeben hat und fallen lässt. Doch zu denen sagt Jesus: du bist nicht fallen gelassen, du bist getragen. Das Leben hat eine Zukunft, weil Gott diese Zukunft schafft. Lass dich nicht gehen, schau auf das Licht des Lebens, das leuchtet für dich – heute und in Ewigkeit. Und mit dieser Botschaft, diesem Vertrauen in den Weg Jesu können Menschen auferstehen und ein neues Leben beginnen. Und das letzte, was Jesus in Anlehnung an eine alte Verheißung des Jesaja sagt, ist: den Armen wird das Evangelium gepredigt. Eugen Drewermann sagt, dass hier der große Unterschied zu Johannes dem Täufer liegt, ja er nennt es sogar einen Irrtum des Johannes. „Stets hat der Täufer geglaubt, die Menschen könnten all das, wer er im Namen Gottes von ihnen fordert. Die Menschen sind gut, hat er gedacht; und wenn sie es nicht sind, so liegt es an ihnen selbst; dann muss man ihnen Beine machen! Aber so ist es nicht. In den Augen Jesu sind die Menschen arm, hilflos, zerbrochen unter der Last ihres Leids, und das einzige, was sie brauchen ist jemand der sie aufrichtet; das Laufen besorgen sie dann wohl schon selber, dazu braucht man keine Peitsche zu nehmen. Was wirklich not tut, ist ein allmähliches Lernen, wie man seich selber wieder zu ertragen und sogar zu mögen imstande ist. Alles weitere kommt von allein. Und siehst du, Johannes, scheint Jesus zu sagen, so wollte ich verwirklichen, was du vorschlugst. So ist es weitergegangen, seitdem du im Gefängnis sitzt. Es ist dasselbe, was du erhofftest, und ist doch trotzdem ganz anders. Es meint wirklich Gott, wie du es wolltest, es ist ein erneuertes Leben, wie du es verlangtest, nur ergibt es sich aus einer völlig veränderten Perspektive, es geht viel mehr von der Not der Menschen aus als von ihren vermeintlichen Fehlern.“ (Eugen Drewermann – Das Matthäusevangelium Teil 2 S. 195f; Hervorhebungen von Drewermann) Und gerade dies ist es, was Jesus bis heute hin zu einem Menschen macht, der anstößig ist, aber gleichzeitig so befreiend. Jesus ist kein Moralapostel, Jesus stellt nicht zu nächst Forderungen auf. Er will nicht erst den guten Menschen, bevor Gott handelt. Er sucht nicht nach den Fehlern, die die Menschen zunächst ausmerzen müssen. Er stellt nicht unter Druck, erst einmal zu handeln, bevor sie etwas erwarten dürfen. Aber genau das, was Jesus nicht wollte, bestimmt unser Leben und Dasein an vielen Stellen. Darum sind wir oft so taub für Jesu Worte, für sein Denken und Tun, weil wir nur Ohren haben für die Ansprüche, die wir an andere Stellen, die an uns gestellt werden. Darum ist diese Botschaft auch so ärgerlich und möchte deshalb nicht gehört werden. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert, sagt Jesus und macht darin deutlich, wie anders sein Denken ist und das bis heute hin, liebe Gemeinde. Zum Schluss möchte ich noch etwas zum Anfang der Szene sagen: Johannes lässt fragen: Bist du es, der da kommen soll oder muss ich auf einen anderen warten? Warum hat er eigentlich nicht die Antwort gekommen: Ja, ich bin es? Die Antwort lautet: weil nur der Glaubende dies bekennen kann. Ich glaube an Jesus den Christus. Das habe ich erkannt und das gebe ich an andere weiter, die es dann hoffentlich auch für sich so sagen und bekennen können. Die Unsicherheit, die Johannes in dieser Frage äußert, ist und bleibt die Frage der Glaubenden, die immer wieder neu im Leben beantwortet werden will. Doch die Antwort entsteht in uns nur, wenn wir selber unsere Erfahrungen mit dem Wort Jesu machen, wenn wir uns von ihm ansprechen lassen. Sagt, was ihr hört und seht, was in eure Herzen gedrungen ist, und euch den Blick für Gott geöffnet hat, antwortet Jesus den Fragenden. Was hören und sehen wir? Amen Liturgischer Ablauf Begrüßung - Orgelvorspiel Lied: 11,1,3-6 Psalm 85 Eingangsliturgie - Gebet: EGb S 249 Gebet 3 Lesung: 1. Kor 04, 1-5 Lied: 7,1-5 Lesung: Mt 11, 1-6 Glaubensbekenntnis Lied: 10,1-4 Predigt Lied: 1,1-5 Abkündigungen Fürbittengebet Mit Zuversicht und Vertrauen rufen wir zu dir, Gott, und bitten dich um dein Erbarmen. So beten wir für die Kirche Jesu Christi in aller Welt, dass sie dein Wirken in der Welt lebendig und laut weitergebe. Darum rufen wir zu dir: Kyrie eleison 178.9 Wir beten für alle, die blind sind, für dein Wirken, dass ihnen die Augen geöffnet werden für deine Güte. Darum rufen wir zu dir: Kyrie eleison Wir bitten für alle, die im Leben gehindert werden, ihren Weg zu gehen, denen die Last des Lebens zu schwer geworden ist. Sei du ihnen nahe und hilf ihnen, auf die Beine zu kommen. Darum rufen wir zu dir: Kyrie eleison Wir bitten für alle, die sich selber nicht mögen, die von anderen beiseite geschoben werden. Mögen sie erkennen, dass du für sie alle da bist. Darum rufen wir zu dir: Kyrie eleison Wir bitten dich für alle, denen der Tod das Leben schwer macht, die in Trauer gefangen sind und das Leben nicht mehr sehen können. Öffne diese vermeintlichen Gräber, lass Hoffnung wachsen in den Menschen. Darum rufen wir zu dir: Kyrie eleison Alles, was wir sind und haben, alles, was du, Gott, in uns beginnst und vollendest, alles, was wir von dir empfangen und unter deinem Schutz behalten dürfen, das befehlen wir deiner Gnade und der Weisheit deiner Führung. Dein Wille geschehe. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Vaterunser Segen 163
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