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Heiligabend 18 Uhr 2006
Weihnachten ist bei uns verbunden mit der Weihnachtsgeschichte des
Lukas, die wohl zu den bekanntesten Geschichten nicht nur in unserem
Lande gehört. Weihnachten ist verbunden mit dem Stall, der Krippe, Ochs
und Esel, den Hirten auf dem Felde, denen die Weihnachtsbotschaft
gebracht wird. Die vielen Krippen in unseren Häusern zeugen von der
Darstellung dieser Weihnachtserzählung. "Es begab sich aber zu der Zeit,
als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet
würde." Diese Worte gehören zum Heiligen Abend und zu Weihnachten für
uns einfach dazu.
Heute Abend nun haben wir noch eine ganz andere Weihnachtsgeschichte
gehört: "Die Geburt Jesu Christi geschah aber so", beginnt sie und dann
hören wir von Joseph, dessen Verlobte schwanger war und die er in aller
Stille verlassen wollte. Ein Engel jedoch macht ihm deutlich, dass
dieses Kind von Gott ist und einen ganz besonderen Auftrag hat. Seine
Namen machen diesen Auftrag deutlich: Jesus, das heißt: er rettet, er
wird sein Volk von ihre Gottesferne retten; Immanuel: das heißt: Gott
mit uns.
Das ist keine Weihnachtsgeschichte für eine Krippe, sie eignet sich auch
nicht für Bilder großer Maler. Hier fehlt die bildreiche Idylle. Und
doch ist sie ganz Weihnachtsbotschaft, frohe Botschaft für uns alle,
denn hier werden wir hinein genommen in eine Wirklichkeit, die ganz und
gar auch unsere Wirklichkeit ist, auch wenn dies auf den ersten Blick
nicht so aussieht.
Die Geburt Jesu wird uns in dieser Weihnachtsgeschichte des Matthäus als
ein wunderhaftes Geschehen beschrieben, als Jungfrau soll sie ein Kind
gebären. Dies hat zu viel Streit unter den Theologen geführt, wie dies
zu verstehen ist. Die Geschichte selber kümmert sich nicht um die Frage,
sie war gar nicht wichtig. Was wichtig war, ist etwas anderes: was in
diesem Jesus Christus geschehen ist, das ist etwas das von Gott ist, das
ein göttliches Ziel hat, das hineingehört in die menschliche Niedrigkeit
ohne seine Besonderheit zu verlieren, und es ist etwas, das auf
Widerstand stößt.
Das Kind einer Jungfrau: das ist das Bild für Gottes Wirklichkeit in
unserer Welt. Dieses Kind ist nicht auf menschlichem, auf natürlich
nachvollziehbarem Wege entstanden. Wir Menschen können Gott nicht auf
diese Erde ziehen. Wir können nicht bewirken, dass Gott in die Welt
hinein kommt. Das hat etwas Unbegreifbares, etwas, das über alles
natürlich Begreifbare hinausgeht, das absolut und völlig unabhängig von
uns Menschen ist. In unserem Vertrauen, dass jemand ist, der mir Halt
und Stärke gibt, die über das hinausreicht, was ich selber aufbringen
kann, darin liegt ein Stück jungfräulicher Empfängnis. Es ist
jungfräuliche Empfängnis weil es nicht menschlich machbar ist, sondern
durch die Botschaft des Evangeliums nur geistlich empfangbar ist. Dass
Jesus Christus als Lebenshalt mein Gefühl, mein Denken und mein Handeln
bestimmt, dass Freiheit innerlich spürbar ist, dass Liebe
selbstverständlicher wird, dass Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit
da ist, das ist nicht das Ergebnis gedanklicher Arbeit, das ist nicht
Erfolg menschlicher Bemühungen, das ist Wirksamkeit des Heiligen
Geistes, der den Keim des Glaubens in uns entstehen lässt.
Maria ist nicht nur die Mutter des Kindes in der Krippe, wir selber
tragen Maria in uns. Wir sind selber ein Stück Maria, wenn die Botschaft
von Weihnachten uns erreicht, wenn der Glaube in uns Raum greift.
Aber können wir Empfangende sein? Sind wir bereit, uns auf Gottes Wirken
in uns und um uns einzulassen, oder stehen wir mehr auf der anderen
Seite, auf der Seite des Joseph, der das alles gar nicht wahrhaben
möchte, der diese Maria und ihr Kind gerne loswerden möchte. Nicht mit
großem Aufsehen, still, so dass Maria keinen Schaden nimmt, Joseph aber
unbehindert leben kann.
Auch Joseph ist eine Gestalt unseres inneren Lebens. Wie sieht dieser
Joseph in uns aus? Er ist das Bild des nüchternen Menschen, des
nachdenkenden, des vernünftigen Menschen damaliger und heutiger Zeit.
Realismus kennzeichnet sein Denken und Handeln. Religiös gesagt ist er
für mich die Seite in uns Menschen, die Gott wohl einlassen will in das
Leben, er will eine Beziehung mit Maria beginnen, aber es muss alles in
realen Bahnen verlaufen, es muss alles natürlich verlaufen in der
Beziehung. Wenn in dieser Beziehung plötzlich dieses Kind auftaucht,
wenn in der Beziehung mit Gott etwas entsteht, was mehr ist, was eine
Eigenständigkeit enthält, die mich mehr in Anspruch nehmen könnte, dann
mache ich einen Rückzieher. "Er war fromm, gedachte sie aber heimlich zu
verlassen."
Wir feiern Weihnachten, mit Gottesdienst und viel Gefühl, aber wenn da
etwas bemerken in uns, das wir nicht klar erklären können, wenn da etwas
entsteht, das nicht in unser Denken passt, uns dennoch zu betreffen
beginnt, dann ziehen wir uns zurück. Weihnachten ja, einige Stunden
frommes Gefühl ja, aber die Wirklichkeit Jesu Christi und damit die
Wirklichkeit Gottes mitten in meinem Leben, mit allen Konsequenzen für
die Zeit danach, nein so weit muss Weihnachen nicht gehen.
Und diese Josephsgedanken sind auch verständlich, denn lebendiger
Glaube, der in mir entstehen könnte, der macht ja auch Angst, denn ich
weiß nicht, wie dieses Kind sich breit machen wird in meinem Leben, wie
es sich entwickeln wird, was alles Unbekanntes auf uns zu kommt.
Abwenden, ohne großes Aufsehen, innerlich verlassen, das ist eine
mögliche Reaktion auf diese Gefühle in mir, auf Gottes Wirken in mir.
Joseph aber wird daran gehindert, ihm wird zugesprochen: Fürchte dich
nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen wird,
das ist vom heiligen Geist. Und was sie empfängt, das hat einen Namen:
er wird retten.
Fürchte dich nicht, diesem unerwarteten, nicht von dir selber gezeugten
Glauben anzunehmen. Habe keine Angst davor dich hineinzubegeben in die
Macht dieses Kindes, das im Werden und Wachsen ist und das dein Leben
bestimmen will, so höre ich aus diesen Worten. Zieh dich nicht ängstlich
heraus aus dieser Situation, zieh dich nicht zurück von Weihnachten,
lass dich darauf ein, dass dieses Kind dir und allen Menschen Rettung
und Heil bringen wird. Von den Sünden heißt es in unserem Text, wir
könnten auch sagen, von unserer Gottesferne in der wir leben.
Gottesferne insofern, als dass wir wie Joseph Gott nicht zutrauen, dass
er auch ohne unser Zutun Neues entstehen lassen kann, dass er Hoffnung
gibt, wo nach menschlichem Ermessen Hoffnung eigentlich aussichtslos
erscheint, dass er Liebe schenkt, wo nach menschlichem Empfinden Liebe
überhaupt keinen Platz hat, dass Nähe dort erfahren wird, wo Menschen
sonst nur Distanz erleben, dass Gerechtigkeit geübt wird, die allen
Menschen gerecht wird, wo sonst nur nach Leistung und Verdienst gefragt
wird. Rettung aus der Sünde heißt dann für mich, Rettung aus der
Gefangenschaft einer Gedankenwelt, die nur sich selber sieht und ihre
eigene Vernünftigkeit und die klaren Regeln einer funktionierenden
Gesellschaft.
Weihnachten ist deshalb für mich Rettung, weil hier etwas geschieht, was
eben nicht aus der Enge unserer Welt kommt, sondern hier werden wir
inmitten der eigenen Lebenswelt hinein genommen in eine Wirklichkeit,
die weitaus größer ist, als wir selber uns ausmalen können. Und diese
Wirklichkeit ist nicht weit weg, sondern sie wird lebendig in dem Kind
Jesus Christus, das auch in uns geboren werden will, für das auch wir
jungfräuliche Maria werden sollen, auf dass es uns zum Heil und zur
Rettung wird und durch uns zur Rettung vieler.
Das, liebe Gemeinde, ist die Weihnachtsbotschaft des Matthäus, ganz
anders als die des Lukas und doch ganz weihnachtlich, nicht idyllisch
und doch ganz bei uns und hinein nehmend in den Frieden Gottes. Maria,
Joseph und das Kind, so realistisch sie uns vor Augen gestellt werden,
so sehr sind sie auch in uns selber und in unseren Gefühlen und
Empfindungen. Möge Gott uns durch seinen Geist, die Bereitschaft der
Maria schenken, die Botschaft und das Kind des Glaubens in uns wachsen
zu lassen, möge er dazu dem Joseph in uns immer wieder zusprechen:
Fürchte dich nicht, auf dass wir und freudig und mit aller Kraft auf das
einlassen können, was Gott Neues in uns und um uns entstehen lassen
will. Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 45,1-4
Psalm 96
Eingangsliturgie
Gebet
Herr, ewiger Gott. Die Nacht ist nicht nur die Zeitspanne zwischen Abend
und Morgen, die Nacht ist für uns Menschen auch Bild all unserer
Dunkelheiten und Nöte tief in uns Menschen. Aber du hast deinen Frieden
inmitten der Nacht verkündet. In der Nacht unserer Not rufst du uns zu:
Fürchte dich nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren. Frieden auf
Erden den Menschen meines Wohlgefallens.
Wir bitten dich, dringe auch in unsere Nacht ein, lass deine frohe
Botschaft als Licht im Dunkel unseres Inneren erklingen, lass die Freude
an dir in uns Raum greifen. Herr, wir bitten dich, lass in uns
Weihnachten werden, lass deinen Sohn Jesus Christus in uns geboren
werden, der mit dir und dem heiligen Geist lebt und herrscht von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung Lk 2, 1-20
Lied 35,1-4
Lesung Mt 1,18-25
Glaubensbekenntnis
Lied 24,1-4+15
Predigt
Lied: Stille Nacht
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gütiger, ewiger Gott
Du bist als Mensch geboren in der Zeit, doch diese Geburt trägt in sich
die Ewigkeit. Du kommst stets neu zu uns, willst neu in uns geboren
werden. So bitten wir dich: öffne uns für die und deine Geburt in uns.
Hilf uns, dass wir dich aufnehmen können und dein Geist in uns wirksam
sein kann. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Komm zu den Menschen, die heute alleine sind, deren Herzen beschwert
ist, deren Fest belastet ist von dem, was das Leben mit sich bringt.
Zeige du dein Licht der Hoffnung, lass es in den vielen Lichtern des
Abends leuchten und die Herzen dieser Menschen erreichen. Darum rufen
wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, die im Unfrieden leben, die keine
Heimat haben, die auf der Flucht sind, und für die die nach einem Halt
im Leben suchen. Hilf, das Leben zu verändern, lass deine Botschaft des
Friedens und der Menschenfreundlichkeit sichtbar werden im Leben dieser
Menschen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Schenk du, Gott, ein Weihnachten der Freude und der Ruhe, der
Miteinanders und des Füreinanders. Lass so den Geist der Heiligen Nacht
in der Welt Raum gewinnen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
44
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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