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Mk 9, 17-27

Wir haben eben ihr Kind getauft. Wir haben es der Liebe Gottes anvertraut. Das hat auf der einen Seite sicher etwas mit Konvention zu tun, mit sozialem Denken. Es gehört eben bei uns dazu, Kinder zu taufen und nur wenige Mitglieder der Kirche schließen sich davon aus. Auf der anderen Seite steckt aber auch immer dahinter, dass wir uns von der Taufe etwas erhoffen. Es ist ein Zeichen, das wir sicher nie ganz verstehen werden in seiner ganzen Bedeutung, und doch wissen wir, dahinter verbirgt sich etwas, das unser menschliches Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit für unsere Kinder anspricht. Ein Kind Gott anvertrauen, das ist für uns Eltern wichtig, weil wir spüren, dass wir dieses Leben nicht in unserer Hand haben. Es ist anvertrautes Leben, für das wir verantwortlich sind, dem wir viel mitzugeben haben, das in unseren Händen liegt, aber wir spüren eben auch unsere Grenzen. Wir merken immer wieder, dass wir an vielen Stellen auch ohnmächtig sind, dass unsere Möglichkeiten auch begrenzt sind. Wir merken das schon an so einem banalen Beispiel, wie dem Schreien der Kinder. Es wird alles geprüft: Hunger, volle Windel, Blähungen o.ä. Aber es hört nicht auf. Und dann haben wir das Kind auf dem Arm, tun alles, was uns einfällt, doch es verändert nichts. wir stehen da und können nichts tun. Das Leben in unserem Arm ist durch uns nicht zu beeinflussen. Ohnmacht wird spürbar, wir wollen alles tun, können es aber nicht. Eine Erfahrung übrigens, die wir an sehr vielen Stellen des Lebens machen, nicht nur im Umgang mit Kindern. Immer wieder werden wir ja an solche Grenzen gestellt, immer wieder spüren wir diese Hilflosigkeit und Ohnmacht angesichts der Unmöglichkeit etwas tun zu können, was die Situation verändert und zum Guten wendet.
Weil wir das wissen und spüren, deshalb möchten wir, dass unsere Kinder einer Macht anbefohlen werden, der wir zutrauen, dass sie diese Ohnmacht überwinden kann, dass sie dem Kind das geben kann, was wir nicht geben können, dass wir Hilfe empfangen für das, worin wir selber hilflos sind. Diese Macht nennen wir Gott, der sich selber im Alten Testament so bezeichnet hat: ich bin der, der für euch da ist.
Wenn wir also taufen, dann sagen wir damit: Gott ist für das Kind da. Er hat dieses Leben in der Hand, ihm vertrauen wir es an, vor allem dort, wo unsere Möglichkeiten am Ende sind. Das klingt nun so, als ob wir Gott an die Stelle setzen, wo wir nicht mehr weiter wissen, als ob Gott ein Lückenbüßer ist für unser Unvermögen. So jedoch ist es nicht. Natürlich ist es so, dass wir Aufgaben am Kind haben, die tägliche Ernährung und Pflege beim Säugling ist sichtbarer Hinweis darauf und auch spätere Begleitung und Sorge ist unsere ganz menschliche Aufgabe. Aber auch schon darin ist Gott für uns da. Elterliche Sorge ist auch Gottes Sorge für den Menschen, ist Gottes Geleit für den Menschen eben durch uns Eltern hindurch. Gott umgreift dieses Leben, hat es als ein unvergleichliches Leben geschaffen, und so soll es dann auch werden. Wir Eltern mögen vieles tun und lenken, doch im letzten bleibt das Leben des Kindes eines, das wir dann eben doch nicht in der Hand haben. Was daraus wird, das müssen wir wirklich Gott überlassen. Darum ist es ja auch gut, dass wir taufen, dass wir darin zum Ausdruck bringen, dass dieses Leben von Gott her eine Eigenständigkeit erhalten hat, die wir im Vertrauen auf Gott vertrauensvoll respektieren wollen.
Vertrauensvoll respektieren, Gott ein Leben anvertrauen, das ist nicht immer einfach. Denn im Leben geschieht ja auch vieles, was wir nicht mit Gott in Einklang bringen können, was uns dieses Vertrauen eben nicht aufbringen läßt. Wir haben vorhin eine biblische Geschichte gehört, in der uns von einem Kind berichtet wird, das dem Vater große Sorgen bereitet. Ein sprachloser Geist steckt in dem Sohn, so heißt es. Er reißt den Sohn um, der dann Schaum vorm Mund hat, der heftig mit den Zähnen knirscht und am Schluß starr auf dem Boden liegt. Von Kind auf hat der Sohn diesen Geist, so sagt der Vater. Wir wissen heute, dass dies sicher epileptische Anfälle waren, die den Sohn da umgerissen haben, die beschriebenen Symptome passen auf jeden Fall genau auf diese Krankheit. Doch darum soll es hier jetzt gar nicht gehen. Der Vater hat einfach Angst um seinen Sohn. Diese plötzlichen Anfälle sind eine Bedrohung für den Sohn, es hat ihn schon ins Wasser oder ins Feuer geworfen. Der Vater spürt seine ganze Ohnmacht, obgleich er eben daneben auch sehr viel Verantwortung und Hilfe wahrnehmen kann. Aber er erfährt eben sehr leibhaftig, ich habe dieses Leben nicht in meine Hand, ich kann es nicht beschützen und bewahren. Erbarme dich unser und hilf uns, so ruft er dann zu Jesus. Wenn du etwas kannst, dann erbarme dich unser und hilf uns.
Jesus nimmt die Worte des Vaters auf: Wenn du kannst – ich sage dir: alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Ehrlich gesagt: ich möchte Jesus diese Worte glauben, aber ich kann es nicht. Zumindest nicht so, wie es die Geschichte am Ende weismachen will. Mir ist nicht alles möglich und auch ganz frommen Menschen ist nicht alles möglich. Wundertäter werden wir nicht durch den Glauben. 
Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum. Sondern es geht um einen Glauben, der sich wirklich Gott anvertraut. Und das hat ja auch der Vater unserer Geschichte sehr schnell deutlich gemacht: Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Das heißt doch soviel wie: Ich glaube, ich vertraue auf Gott, aber ich stehe in einer Situation, wo meine Möglichkeiten am Ende sind. Mein Glaube hat zur Zeit keine Kraft, keine lebensverändernde Kraft. Ich glaube an Gott, ich glaube an diese Macht, aber die Lebenssituation ist so stark, dass ich darin wirkliches Vertrauen  nicht mehr aufbringen kann. Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Hilf mir, dass dieser Glaube auch in dieser Lebenssituation verändernde Kraft hat, dass er die Situation wandeln kann. Oder anders gesagt: Glaube und Unglaube liegen oft ganz eng beieinander, mitten in einer Person. Der Glaube ruft Gott an, der Unglaube weiß nicht was werden soll.
Ich glaube, hilf meinem Unglauben, das ist ein Satz ungeheuren Vertrauens und großer Angst und Sorge zugleich. Es ist ein Satz, der die Grenzen des Menschen deutlich vor Augen stellt und doch gleichzeitig einer ist der Grenzen überschreiten kann. Und der Vater erfährt dann ja auch Hilfe von Jesus.
Wie kann das bei uns aussehen, wo erfahren wir solche Hilfe Gottes in den schwierigen Zeiten des Lebens? Für mich ist es im Glauben immer wieder wichtig, dass wir nicht fixiert sind, auf das, was wir uns vorstellen. Wenn wir im Glauben leben, dann müssen wir anerkennen, dass Gott auch ganz andere Wege mit uns gehen kann, als wir gerne wollen. Die verändernde Kraft Gottes, sie sieht für mich, ich habe das schon oft gesagt, nicht unbedingt darin, dass die Situation sich ändert, sondern dass das Gottvertrauen uns verändert. Wir sind keine Wundertäter, wir sind keine Wunderheiler, und auch Jesus vermochte mit seinem Glauben die Krankheiten der Welt nicht zu heilen. Aber vielleicht ist dies auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass inmitten einer hoffnungslosen Situation die Hoffnung nicht verloren geht. Verändernder Glaube, ein Vertrauen auf Gott, heißt nicht, dass die Situation eine andere wird, dass ein Mensch sofort gesund wird, dass Arbeitslosigkeit sich sofort wandelt, dass Trauer sofort verschwindet, dass Ablehnung überwunden wird, sondern dass wir Möglichkeiten empfangen, in der Situation zu leben, sie anzunehmen und vielleicht dadurch zu verändern. Wenn ich an nicht mehr heilbare Krankheiten oder Behinderungen denke, so können wir auf das Wunder hoffen und jeden Tag betrauern, dass es nicht geschieht. Wir können aber auch, aus dem Glauben heraus, aus der Zusage Gottes heraus, dass jeden Leben bei ihm seinen Sinn hat, schauen, was man mit und in der Krankheit oder der Behinderung tun kann, was darin an Möglichkeiten steckt, an neuen Beziehungen, an neuen Erlebnissen, die viel tiefer sein können, als das Leben vorher. Und so könnte man das auch für den Verlust eines Menschen sagen. Die Leere ist da, wir können sie beweinen, aber wir können in ihr auch auf Entdeckungsreise gehen, was Gott dort neues aufzeigt. 
Und so ist das auch bei unseren Kindern. Sie gehen irgendwann Wege, nehmen Entwicklungen, die wir nicht mehr in der Hand haben. Wir können das bedauern, mit Angst und Sorge begleiten, aber wir können es auch im Vertrauen auf Gott als ein großartiges Erlebnis sehen, in dem etwas total neues geschieht für uns und die Kinder. Taufe sagt: glaube, vertraue darauf, dass Gott dieses Leben begleitet, dass er Möglichkeiten und Chancen schafft, damit dieses Leben gelingt, was immer auch darin passiert, wie lang oder wie kurz dieses Leben auch sein mag.  Wir werden oft genug diejenigen sein, die wie der Vater unserer Geschichte sprechen: ich glaube ja, aber bitte hilf meinem Unglauben. Hilf mir, mich selber nicht so wichtig zu nehmen, hilf mir meine augenblickliche Ohnmacht zu überwinden, hilf mir, wirkliches Vertrauen zu haben, dass es ein gutes Leben wird, was immer auch geschieht.  Sich in solchen Zeiten der Taufe des Kindes zu erinnern, sich vor Augen zu führen, die Zusage Gottes steht über dem Kind, das wäre ein ganz lebendiger Ausdruck der Worte des Vaters. Und so kann die Taufe nicht nur für den Täufling, sondern auch für uns Eltern, die wir ja auch getauft sind, ein wichtiges Ereignis sein, das ein Leben lang Bedeutung hat als Hilfe für den eigenen Unglauben. Und so kann man dann auch getrost den Weg des Kindes begleiten und ihm mit frohem Herzen das zusprechen, was wir am Taufbecken schon gesagt haben: Laß dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut, denn ich, der Herr, dein Gott, bin mit dir, wohin du auch gehst. Amen

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
Gustedt
 17.n.Trin
Gottesdienst mit Taufe
26.9.1999
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