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Wer wie ich häufiger mit kranken Menschen zu tun hat,
der hört und liest die Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes immer
mit ein wenig Bauchschmerzen. Und selbst diejenigen, die damit weniger
zu tun haben, gehen auch eher mit gewissem Zweifel an die Geschichten
heran. Es mag ja schön sein, wenn Jesus Heilungskräfte hat, aber was
nützt das denen, die heute krank sind, denen dieser Jesus nicht in
dieser Weise begegnet? Hat Jesus nur für bestimmte Kranke etwas übrig?
Er hat ja auch schon damals nicht allen Menschen helfen können. Wir
könnten so weiter fragen und denken, aber kämen wahrscheinlich kaum
einen Schritt weiter. Wunderheiler, damals wie heute bleiben umstritten.
Man kann nicht ein für alle mal sagen, er kann dich heilen, er hat die
Kraft dazu. Wäre das so einfach, gäbe es keine Krankheiten unter uns,
dann wären wir alle ganz schnell gesund. Es mag wohl Heilungen geben,
die nicht erklärbar sind, auch im kirchlichen Bereich gibt es so etwas.
Aber auch dort sind es nur Einzelfälle, die nicht verallgemeinert werden
können.
All dies wußten auch die Erzähler dieser Heilungsgeschichten. Nur, was
wollten sie dann erzählen, was wollten sie denen mitgeben, die diese
Geschichten hören sollten? Ich möchte den Gang der Geschichte
nachzeichnen, um so vielleicht eine Antwort auf unsere Fragen zu finden.
Unsere Geschichte steht ziemlich am Anfang, des Markusevangeliums. Zuvor
wird von Johannes dem Täufer, der Taufe Jesu und dem Beginn seiner
Wirksamkeit erzählt. Und Jesus sagt gleichsam als Überschrift über diese
Wirksamkeit: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist
herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Dann wird
erzählt, dass Jesus Freunde um sich schart und in Kapernaum, einer Stadt
in Galiläa, predigt und Menschen von Besessenheit und Krankheiten heilt.
Und es wurden sehr viele zu ihm gebracht. Es ging also die Nachricht
rund, dass Jesus heilen könnte.
Nun heißt es, dass auch ein Aussätziger zu ihm kam. Nichts
Ungewöhnliches, meinen wir angesichts des vorher Erzählten. Doch so
einfach dürfen wir das von außen nicht betrachten. Mit Aussatz wird
zusammenfassend beschrieben, was wir heute Hautkrankheit nennen würden.
Es ist nicht Lepra, sondern es sind heilbare Hautkrankheiten damit
gemeint. Man glaubte in diesem äußerlich sichtbaren Zeichen etwas zu
sehen, das deutlich macht, dass dieser Mensch von Gott gestraft wurde,
dass er unrein ist und sich deshalb von den anderen Menschen fernhalten
musste. Ja, ein Mensch mit Aussatz musste auch beim Herannahen von
Menschen laut „unrein, unrein“ rufen. Die Menschen sollten gewarnt
werden, um sich nicht in die Nähe dieses Menschen zu begeben und selber
unrein zu werden. Der Aussätzige hat sich zu betrachten als ansteckende
Gefahr, als etwas, das den anderen Menschen unzumutbar ist, ja dass man
sich verstecken muss wie Auswurf und Unrat.
Was vielleicht Jahrhunderte früher ein guter Schutz vor Ansteckungen
war, wurde im Laufe der Zeit religiös überhöht und zur Fessel für alle
Erkrankten. Das Bild dieses Menschen wurde verzerrt, er selber und
andere sahen in ihm nur noch etwas Stinkendes, Unansehnliches,
Entsetzliches und Gefährliches und vor allem als etwas von Gott
verstoßenes an. Darum muss er sich verbergen, sich verschweigen, sich
zurücknehmen, einschränken, im Grunde leben wie ein ausgesetztes Tier.
Völlig isoliert oft lebten diese Menschen am Rande der Stadt, lebten von
dem, was andere ihnen zukommen ließen, in gebührendem Abstand natürlich.
Der Aussätzige unserer Geschichte wirft all dies, was er gelernt hat,
was die anderen ihm gezeigt haben, über den Haufen. Der Aussätzige geht
auf Jesus zu. Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Hier werden die alte
Bestimmungen des Gesetzes übertreten, hier werden Bestimmungen Gottes
übertreten. Der Kranke musste sicher allen Mut aufbringen, sich in
dieser Weise gegen die öffentlichen Gedanken zu stellen, um so Kontakt
aufzunehmen mit Jesus.
Dieser Kontakt ist demütig, er bittet, er fällt auf die Knie, macht sich
also ganz klein vor Jesus. Aber er ist voller Hoffnung: Willst du, so
kannst du mich reinigen.
Für die Hörer damaliger Zeit muss dies Empörung hervorgerufen haben. Das
kann er doch nicht machen. Er kann sich doch nicht einfach Jesus in den
Weg stellen. Er ist unrein, das darf er nicht. Es gibt eine klare Grenze
zwischen rein und unrein und die darf nicht einfach überschritten
werden. Dagegen muss Jesus mit aller Schärfe einschreiten, gerade wenn
er im Namen Gottes auftritt.
Doch was tut Jesus? Er zeigt Barmherzigkeit. Es jammerte ihn, so heißt
es in der Lutherübersetzung. ER streckt seine Hand aus, er berührt den
Menschen. Jesus läßt sich nicht von den allgemeinen Regeln leiten, er
stellt das Gelernte beiseite. Für ihn zählt an dieser Stelle allein die
Begegnung mit dem kranken Menschen.
Das Himmelreich ist herbeigekommen, so begann seine Wirksamkeit, das ist
die Überschrift seines Handelns. Und das macht er schon in den ersten
Begegnungen mit den Menschen deutlich. Himmelreich, Reich Gottes, das
heißt in diesem Fall: die Trennung zwischen rein und unrein zählt nicht.
Nicht die äußerlichen Beurteilungen des Menschen sollen gelten, die
äußerlich geschaffene Distanz zwischen den Menschen gilt es zu
überwinden. Der Aussätzige, der Aus-gesetzte gehört nicht nach außen, er
gehört in der aktuellen Begegnung hinein in die Gemeinschaft. Ich will
dir diese Gemeinschaft schenken, ich will die Trennung überwinden, in
der du gelebt hast und in die man dich hineingestellt hat. Sei rein, sei
angenommener Mensch, setze dich nicht selber ins Aus, sondern komm
herein in die menschliche Gemeinschaft.
Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Für den
Aussätzigen verändert sich sein Leben. Der Aussatz bestimmt nicht mehr
sein Leben, es ist als wäre er neu geboren, rein von Grund auf. Die
Zusage Jesu, die gereichte Hand, die alle Trennungen überwindende
Barmherzigkeit Jesu, sie machte dieses Leben von Grund auf neu.
Für mich stellt sich in dieser Geschichte vieles dar, was auch heute
noch zu erleben ist, worin das Handeln Jesu auch heute noch seine
Bedeutung behält. Ich denke, dass wir das Leben mit dem Aussatz, das an
den Rand stellen von Aussätzigen bis heute nicht überwunden haben, auch
wenn wir ihnen keine so eindeutige Randposition zuweisen wie den
Aussätzigen zur Zeit Jesu.
Aussatz bekommen wir ganz schnell, nicht nur in wahrhaft körperlichem
Ausmaß, sondern auch sonst. Im Bereich von äußeren Krankheiten erleben
Menschen dies immer wieder. In einer nachmittäglichen zum Thema: Ich
habe einen Makel und fühle mich ausgestoßen, habe ich einmal Menschen
gesehen, mit Feuermalen im Gesicht, mit großem Übergewicht, mit zu
geringem Wachstum bis hin zu Wolfsmenschen, die am ganzen Körper völlig
behaart sind. Sie alle klagten darüber, dass die sich ausgestoßen
fühlen, wie Aussätzige behandelt werden. Die Schönheitsideale unserer
Gesellschaft stehen einer offenen Begegnung oft genug vollends im Wege.
In ähnlicher Weise geht es Kindern und Jugendlichen, die – aus welchen
Gründen auch immer – dem allgemeinen Trend nicht genügen können, die
keine Markenkleidung tragen, die die falschen Schuhe tragen, den
technischen Neuerungen nicht nacheifern. Sie stehen am Rande,
ausgeschlossen von anderen, wie Aussätzige behandelt. Nicht anders geht
es vielen Ausländern in unserer Gesellschaft. Sie leben am Rande. Ziehen
sich zurück, verkehren nur mit ihresgleichen, zum Teil in gleichen
Wohngebieten, und werden so wie im Getto behandelt. Angesichts der
Terroranschläge geht es vor allem arabisch aussehenden Menschen so.
Aussätzige im ausgehenden 20. Jahrhundert. Ausgesetzt, ausgeliefert,
abgeschrieben vom Leben Und so geht es auch manchen Alleinstehenden,
Kranken, Sterbenden und Trauernden bei uns. Ich weiß nicht, was ich
sagen soll. Ich kann und will diesem Leiden nicht begegnen, das berührt
mich immer so. Ich kann den Menschen nicht so leiden sehen. Was soll ich
angesichts von Tod sagen? Wie oft erlebe ich, dass Menschen vereinsamen,
oder alleine bleiben, gerade in einer Zeit, wo sie Nähe und Zuspruch
doch so dringend nötig hätten, wo sie herausgeholt werden müßten aus
dieser Einsamkeit, aus dieser Gefangenschaft in der jeweiligen
Lebenssituation. Es gibt Aussatz eben nicht nur als Hautkrankheit,
sondern es gibt ihn in vielen Schattierungen. Es mag an manchen Stellen
verständliche Distanz sein, auch gutgemeinte Zurückhaltung. Oft aber ist
es der fehlende Mut, die verengte Lebenseinstellung, die uns daran
hindert die Hand zu reichen. Oft genug muss der Aussätzige den ersten
Schritt tun, muss den ganzen Mut aufbringen, um wieder Anerkennung und
Gemeinschaft zu finden.
Jesus hat uns gezeigt, dass wir eine solche Trennung von Menschen
überwinden müssen, dass das Reich Gottes nur dort aufleuchtet und
gelingt, wenn Menschen einander annehmen mit all dem, was sie
mitbringen, was sie auch an Trennendem mitbringen. Jesus hält uns an,
unsere Maßstäbe zu überprüfen und unser Denken an seinem Vorbild
auszurichten. Dort steht ein Mensch, ein Mensch in Not. Und diese Not
ruft unsere Antwort hervor, die auf diese Not eingeht, die den ganzen
Menschen mit seiner Not annimmt und akzeptiert. Das vermeintlich
Unästhetische, das sicher manchmal schwer zu überwinden ist, darf uns
nicht daran hindern, dem andern seine Menschlichkeit zu zeigen und
entsprechend ihn oder sie einzugehen.
Jesus sieht den Menschen als Ganzen und nicht nur äußere Zeichen. Darin
macht er uns vor, was Annahme bedeutet. Und in dieser Annahme liegt für
die allermeisten Menschen das wichtigste Zeichen der Heilung. Bezogen
auf Krankheit kann man dann sagen, sie muss vielleicht gar nicht
weggehen, wo wir uns mit ihr und trotz ihrer angenommen wissen. Denn in
dieser Annahme liegt verändernde Kraft, eine Kraft, die der Krankheit
entgegenwirkt. Wie gesagt, nicht unbedingt zur Heilung, aber dann doch
zum Heil für das Innerste. Der Glaube an Jesus Christus vermag diese
verändernde Kraft zu beleben, die Annahme von uns Menschen in der
Nachfolge Jesu, vermag den Glauben zu beleben, den Glauben, dass das
Aussätzige überwunden werden kann, dass trotz allem Leben möglich ist,
bis hin ins Sterben hinein. Und in diesem Sinne verstehe ich denn auch
die Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes. Sie sind Hinweis auf den,
der uns die Kraft gibt zum Leben, der uns auf eine über alles Äußere
hinausgehende Gemeinschaft verweist, der uns ermutigt, Trennungen zu
überwinden. Dazu möge er uns seine Kraft verleihen und er möge uns dies
auch spüren lassen, wo wir selber uns als Aussätzige empfinden.
Amen.
Orgelvorspiel
Lied: 452,1-5
Psalm 146 EG 757
Eingangsliturgie
Gebet Allmächtiger Gott, liebender Vater!
An jedem Tag erfahren wir Gutes, Gutes, das aus deiner Hand zu uns
kommt. Wir bitten dich, laß uns dies erkennen und darauf achten, wenn
wir wieder nur das Schlechte vor Augen haben. Laß uns dankbar sein für
deine Güte und Barmherzigkeit solange wir leben. Darum bitten wir dich
durch Jesus Christus ....
Lesung Röm 8,12-17
Lied: 365, 1-4
Lesung Mk 1, 40-45
Glaubensbekenntnis
Lied: 326,1,4,5, 8
Predigt
Lied: Gott entzündet ein Licht (Jürgen Grote)
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott, du bist die Quelle des Lebens. Von dir her sind wir, auf dich
gehen wir zu. In deiner Gemeinschaft sind wir aufgehoben. Du kannst uns
helfen. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die einsam und verlassen sind, die ohne
Ansprache leben müssen, denen die Tage lang werden, die sich nutzlos
fühlen, dass sie spüren, dass sie in deiner Gemeinschaft geborgen sein
können. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich.
Wir bitten für alle die an Leib und Seele krank sind, die auf Heilung
warten. Sei Ihnen nahe, gib ihnen die Kraft, die sie brauchen für ihren
Weg. Und gib auch den Angehörigen die nötige Kraft für den Weg der
Begleitung. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich.
Wir beten für alle, die am Rande der Gesellschaft stehen, die sich
danach sehnen, aufgehoben zu sein. Hilf ihnen, am Rande nicht
abzugleiten vom Menschlichen, nicht gegen sie zu sein, oder sich selber
auszusondern. Laß sie alle Menschen finden, die ihnen entgegenkommen,
ihnen die Hand reichen, ihnen Gemeinschaft schenken, die sie aus dem
Randbereich herausholen. Darum rufen wir zu dir: Herr erbarme dich.
Stille Vaterunser
Segen
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