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Mk 12, 28-36

Auf einem öffentlichen Platz werden sie vermutlich zusammengestanden haben. Auf der einen Seite die wissenden Theologen damaliger Zeit. Diejenigen, die verantwortlich waren für die Religion, für das, was andere zu glauben hatten. Und sie stellten ihm Fragen, diesem Rabbi Jesus, der da durch die Lande zog und so viele Menschen in seinen Bann zog. Um sie herum gewiss die vielen anderen Menschen, die neugierig waren auf das, was da gesprochen wurde. Und dann tritt einer dieser Theologen auf und stellt wieder eine Frage. Ein frommer Jude, in der Bibel zuhause, will von Jesus eine Antwort haben auf eine Frage, die ihn nicht, wie viele andere Fragen aufs Kreuz leben will. Man versuchte ja Jesus mit vielerlei Fragen in eine Situation zu bringen, die ihn angreifbar macht. Hier aber kommt nun einer, der wissen will, was die Mitte des Glaubens von Jesus ist.
Und seine Frage lautete: Welches ist das höchste Gebot von allen?
Was dieser Schriftgelehrte hier fragt, dass ist mehr als nur eine theologische Frage damaliger Zeit. Hier geht es nicht um eine Detailproblem des Glaubens, sondern um die Mitte des Glaubens. Denn Gebot, das meint in diesem Fall nicht: welche Lebensregel ist die wichtigste, sondern was ist eine grundlegende Lebensweisung.
Wenn wir diese Frage gestellt bekommen hätten, dann würden uns wahrscheinlich die Zehn Gebote einfallen und wir würden überlegen, welches wohl das wichtigste sein könnte. Oder, wenn wir das Wort Lebensweisung hören, dann fällt uns vielleicht ein Sprichwort ein, das uns begleitet: üb immer treu und Redlichkeit, oder Jeder ist seines Glückes Schmied, oder was man sonst noch an der Wand im Flur oder im Wohnzimmer so liest.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das größte Gebot ist, die wichtigste Lebensweisung? Was ist es für Sie, die sie her sitzen? Könnten Sie das für sich in Worte fassen?
Und das zweite ist: haben sie schon einmal darüber gesprochen? Öffentlich? Ich vermute kaum. Selbst in den kirchlichen Gemeindehäusern wird nur selten darüber gesprochen, dabei ist dies doch eine der wichtigsten Fragen.
Aber ist das wirklich so. Gehört es nicht zum Leben von Menschen dazu, dass wir einander teilhaben lassen an unserem Leben und damit auch an unseren tiefen Lebensinhalten. Oder ist das schon zu intim, zu dicht, zu aufdringlich? Mal ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal über so etwas gesprochen? Oder haben wir gar keine Worte mehr dafür, sind sie uns abhanden gekommen, weil wir das Gespräch darüber nicht mehr führen?
Oder sind wir durch die Gedanken der Toleranz, der Pluralität von Gedankenwelten es schon zu sehr gewohnt danach nicht zu fragen? Soll doch jeder machen, was er oder sie will. Jeder kann nach seiner Facon selig werden, da ist es doch völlig gleichgültig, was mir oder dem anderen wichtig ist. Aber ist diese Form von Toleranz nicht eher Gleichgültigkeit? Es ist alles gleich gültig, es hat alles seine, bzw. wohl besser gesagt keine Bedeutung. Sind wir dann aber beieinander? Nehmen wir uns dann eigentlich wirklich wahr? Toleranz, die den anderen nur bei sich belässt, ihn aber nicht auch mit der eigenen Position konfrontiert ist keine Toleranz, sondern wie gesagt: Gleichgültigkeit.
Hören wir noch einmal, was Jesus sagt. Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften" (5.Mose 6,4-5).
31 Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
In diesen zwei Sätzen steckt ungeheuer viel. Zwei voneinander ganz unabhängige Bereiche möchte ich ansprechen.
Das erste ist dies: Jesus antwortet mit einem Zitat aus dem Alten Testament, der heiligen Schrift des jüdischen Volkes. Und er zitiert nicht nur irgendeinen Text, sondern er zitiert das Glaubensbekenntnis der Juden, das so genannte Sche'ma Israel - höre Israel auf deutsch.
Aus christlicher Sicht ist dies ein eminent bedeutsamer Vorgang, denn normalerweise hören wir doch, dass Jesus sagt: so hat man bisher gedacht, ich aber sage euch: so soll es heute sein. Früher: Auge um Auge, Zahn und Zahn: heute: halte die rechte Wange hin. Früher: hasse deine Feine, heute liebe deine Feinde. Früher: du sollst nicht töten, heute du sollst niemanden verunglimpfen. So steht es ja verkürzt gesagt in der Bergpredigt. Und jetzt, bei dieser Frage nach dem wichtigsten Gebot, da kommt jetzt nicht etwas originelles, etwas ganz besonders jesuanisches, sondern es kommt das Zitat eines Textes, den jeder kennt, den jeder schon viele Male gesprochen hat.
Die wichtigste Lebensweisung, die Jesus hier benennt, ist ein Glaubensgedanke des jüdischen Glaubens. Und in diesem Gedanken sind sich die beiden Gesprächspartner auch einig: Der Schriftgelehrte sprach zu Jesus: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Judentum und Christentum gehören aufs engste zusammen. Dies muss angesichts dieser Erzählung und angesichts unserer deutschen Geschichte immer wieder betont werden. Wir haben eine gemeinsame Grundlage des Glaubens, wir haben ein gemeinsames Herkommen und damit auch eine besondere Verantwortung füreinander. Die Geschichte zeigt, dass diese Gemeinsamkeit in vielen Jahrhunderten verleugnet wurde, das Juden auch von Christen in eine bestimmte Ecke gedrängt, ja sogar millionenfach gemordet wurden. Doch der Blick in unsere gemeinsame geistliche Grundlage zeigt, dass trotz vieler Unterschiedes des Glaubens, es doch zentrale Gedanken gibt, die uns miteinander verbinden. Und das wurde damals öffentlich auf dem Marktplatz verhandelt und hat sogar Eingang gefunden in ein zentrales christliches Buch. Diese Gemeinsamkeit sollten auch wir öffentlich immer wieder deutlich machen, gerade auch dann, wenn wir am Handeln jüdischer Politiker und Fanatiker kritisieren und an dem Elend und der Gewalt in den Städten Israels leiden.
Das ist die eine Seite dieses Gespräches.
Die andere Seite, die es anzusprechen gilt, ist natürlich der Inhalt dessen, was Jesus hier sagt.
Jesus sagt: die wichtigste Lebensweisung hat zwei Seiten. Zum einen sei unser Leben ausgerichtet auf Gott, den Schöpfer, den Allmächtigen und zum anderen sei es ausgerichtet auf den Menschen neben uns, auf den Nächsten. Und beide gilt es zu lieben, Gott und den Nächsten und diesen, wie man sich selbst liebt.
Das Doppelgebot der Liebe, das ist Lebensweisung, das ist der Weg gelingenden Lebens. Wo dieses beides nicht im Blick ist, da misslingt Leben, da geht es einen Weg, an dem wir Menschen zerbrechen können.
Gott lieben steht auf der einen Seite dieses gelingenden Lebens. Gott zu lieben, das ist nun keine Anweisung, die wir zu befolgen haben. Im Sinne Jesu ist dies kein Auftrag, den wir zu erfüllen haben oder gar eine Vorraussetzung, um von Gott etwas zu bekommen. Nein, es ist dies im Grunde eine Aufforderung, dem zu vertrauen, der schon längst an uns gehandelt hat, der längst mit seiner Liebe an uns gehandelt hat. Lange bevor wir auch nur einen Gedanken selber entwickeln können, steht über uns die ganze Liebe Gottes. Ja ich möchte es mal so sagen: Gott liebt uns Menschen von Anfang an mit ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allen Kräften. Das steht über unserem Leben, das gilt uns jeden Tag unseres Lebens, in der Taufe wird das bekräftigend zugesprochen, das ist gleichsam das Sigel dafür. Dies steht an erster Stelle unseres Lebens. Und wenn Jesus nun Gottesliebe als Weg zu gelingendem Leben beschreibt, dann meint er damit, dass Vertrauen zu diesem Gott der Weg ist, auf dem unser Leben gelingt. Und das heißt für mich ganz besonders: dass unser Leben mit den Brüchen, mit den Schicksalen, die uns ereilen, mit den Guten und schwierigen Seiten des Lebens eines ist, dass als ein Getragenes erlebt werden kann.
Gott vertrauen heißt, es mag in unserem Leben vieles geschehen, was wir nicht verstehen, was unser Leben aus der Bahn wirft, was uns an die Grenzen bringt und uns nicht getragen sein lässt, sondern eher wie aufs Meer geworfene erleben lässt. Verlust von Menschen, Verlust von Lebensmöglichkeiten und Lebensqualität, Verlust der Gesundheit, aber auch Anfeindungen oder Schuld lassen diesen Gedanken des Getragenseins oft ganz weit weg rücken. Wo ist denn Gott?, so fragen wir immer wieder, wo ist denn diese liebende Kraft? Wir mögen sie in dem aktuellen Ereignis nicht sehen, wie auch, wenn unser Blick ganz auf den Verlust gerichtet ist. Aber war nicht auch das Kreuz von Jesus etwas, das in den Augen der Menschen der Liebe widerspricht? Was nicht das Kreuz das Gegenteil der Macht Gottes, nämlich seine Ohnmacht? Und doch ist dieses Zeichen von Gott selber zum großen Hoffnungszeichen gemacht worden. Gott durchkreuzt unser Leben und das ist oft genug schmerzhaft und unverständlich, und doch hält dieser Gott fest an der Liebe zu uns Menschen. Der Weg des Jesus zeigt dies auch in der Niederlage des Kreuzes. Deshalb ist es ja zum Zeichen der Liebe Gottes für uns Christen geworden, damit wir inmitten unseres persönlichen Kreuzes daraus unsere Hoffnung schöpfen können.
Auf Gott vertrauen, auf ihn hoffen auch in hoffnungsloser Situation, seiner Liebe mehr zutrauen als dem Menschen, das ist der Weg, der unser Leben gelingen lässt.
Und gleichzeitig gehört dazu: den Nächsten lieben wie dich selbst. Auch das gehört eigentlich zu den grundlegenden Aussagen des Anfanges: der Mensch lebt nicht alleine. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist, ich will ihm Menschen an die Seite stellen. Nicht nur den Ehegatten, sondern eben auch die anderen Menschen, die Gott geschaffen hat. In dieser Gemeinschaft findet unser Leben statt. Und das kann eben nur gelingen, wenn ich den anderen annehme, ihm so begegne, wie ich mir selber begegne. Manchmal kann ich mich selber nicht leiden, ja vielleicht sogar nicht lieben. Aber vielleicht denken wir dann daran, dass wir ja von Gott geliebte sind, angenommen sind, auch mit unseren Fehlern. Und diese Liebe hilft uns, nicht nur uns selber, sondern auch den anderen anzunehmen, ihn anzuerkennen als ein Geschöpf des liebenden Gottes.
Toleranz bedeutet dann, den anderen in seiner Andersheit zu sehen. Gott hat ihn anders gewollt als mich, deshalb darf und soll er so anders sein. Was nicht heißt, dass ich nicht mit ihm streiten darf, dass ich nicht meine Position auch gegen seine Stellen darf. Liebe deinen Nächsten, heißt ja nicht, dass dieser machen darf, was er will. Aber ihn lieben heißt, ihn zu achten, Gemeinschaft zu fördern, Gemeinschaft zu suchen und zu fördern.
Du bist nicht fern vom Reich Gottes hat Jesus gesagt. Was eben bedeutet, wenn du dieses Doppelgebot der Liebe annimmst, wenn es für dich in deinem Lebensalltag wirksam ist, dann hast du eine Lebensgrundlage, die dein Leben gelingen lässt. Du wirst darin spüren, dass du in allem von Gott umgeben und getragen ist und du wirst diese Welt so gestalten, dass sie für viele Lebenswert ist.
So kann ein jeder von mit dazu beitragen, in seinem Leben ein Stück des Reiches Gottes lebendig zu machen. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 447, 1-3+6+7
Psalm 40, 9-12
Eingangsliturgie
Gebet
Treuer Gott, Du bist Menschen geworden, um deine Liebe zu zeigen. Du bist Mensch geworden inmitten des jüdischen Volkes, um Heil der Welt, denn in Christus hast du die Grenzen überschritten. So führe uns alle zusammen, alle Menschen dieser Erde. Lass uns so miteinander leben, wie du es dir für uns gedacht hast.
Das bitten wir .....
Lesung : 5. Mose 6, 4-9
Lied 352, 1, 2, 5+6
Lesung: Mk 12, 28-34
Glaubensbekenntnis
Lied 398, 1+2
Predigt
Lied 391,1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott unser Vater, wir suchen nach Halt im Leben und suchen in dieser Welt. Zeige uns, dass wir in dir letztlich den Halt haben, den wir brauchen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die sich verrannt haben in ihrem Leben, dass sie zu dir zurückfinden, so wie der verlorene Sohn zum Vater zurückkehren konnte und Liebe empfing. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die nur ihre eigene Lebensposition kennen und andere auf ihre Seite ziehen wollen. Schenke du offen Ohren füreinander, und Herzen, die Gemeinschaft suchen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die in ihrem Leben deine Liebe und Zuwendung nicht erkennen können, weil sie schweres zu tragen haben. Schenke ihnen Kraft und Geduld für ihren Weg, auf dass sie dich als liebenden Gott entdecken. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für das Volk der Juden, dass sie Lebensraum haben mögen, in dem sie ihre Religion leben können. Wir bitten für die Staaten Israel und Palästina, dass die Gewalt nicht weitergeführt wird, sondern die Kräfte des Friedens Raum gewinnen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt

24. 8. 2003

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