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Auf einem öffentlichen Platz werden sie vermutlich zusammengestanden
haben. Auf der einen Seite die wissenden Theologen damaliger Zeit.
Diejenigen, die verantwortlich waren für die Religion, für das, was
andere zu glauben hatten. Und sie stellten ihm Fragen, diesem Rabbi
Jesus, der da durch die Lande zog und so viele Menschen in seinen Bann
zog. Um sie herum gewiss die vielen anderen Menschen, die neugierig
waren auf das, was da gesprochen wurde. Und dann tritt einer dieser
Theologen auf und stellt wieder eine Frage. Ein frommer Jude, in der
Bibel zuhause, will von Jesus eine Antwort haben auf eine Frage, die ihn
nicht, wie viele andere Fragen aufs Kreuz leben will. Man versuchte ja
Jesus mit vielerlei Fragen in eine Situation zu bringen, die ihn
angreifbar macht. Hier aber kommt nun einer, der wissen will, was die
Mitte des Glaubens von Jesus ist.
Und seine Frage lautete: Welches ist das höchste Gebot von allen?
Was dieser Schriftgelehrte hier fragt, dass ist mehr als nur eine
theologische Frage damaliger Zeit. Hier geht es nicht um eine
Detailproblem des Glaubens, sondern um die Mitte des Glaubens. Denn
Gebot, das meint in diesem Fall nicht: welche Lebensregel ist die
wichtigste, sondern was ist eine grundlegende Lebensweisung.
Wenn wir diese Frage gestellt bekommen hätten, dann würden uns
wahrscheinlich die Zehn Gebote einfallen und wir würden überlegen,
welches wohl das wichtigste sein könnte. Oder, wenn wir das Wort
Lebensweisung hören, dann fällt uns vielleicht ein Sprichwort ein, das
uns begleitet: üb immer treu und Redlichkeit, oder Jeder ist seines
Glückes Schmied, oder was man sonst noch an der Wand im Flur oder im
Wohnzimmer so liest.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das größte Gebot ist,
die wichtigste Lebensweisung? Was ist es für Sie, die sie her sitzen?
Könnten Sie das für sich in Worte fassen?
Und das zweite ist: haben sie schon einmal darüber gesprochen?
Öffentlich? Ich vermute kaum. Selbst in den kirchlichen Gemeindehäusern
wird nur selten darüber gesprochen, dabei ist dies doch eine der
wichtigsten Fragen.
Aber ist das wirklich so. Gehört es nicht zum Leben von Menschen dazu,
dass wir einander teilhaben lassen an unserem Leben und damit auch an
unseren tiefen Lebensinhalten. Oder ist das schon zu intim, zu dicht, zu
aufdringlich? Mal ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal über so etwas
gesprochen? Oder haben wir gar keine Worte mehr dafür, sind sie uns
abhanden gekommen, weil wir das Gespräch darüber nicht mehr führen?
Oder sind wir durch die Gedanken der Toleranz, der Pluralität von
Gedankenwelten es schon zu sehr gewohnt danach nicht zu fragen? Soll
doch jeder machen, was er oder sie will. Jeder kann nach seiner Facon
selig werden, da ist es doch völlig gleichgültig, was mir oder dem
anderen wichtig ist. Aber ist diese Form von Toleranz nicht eher
Gleichgültigkeit? Es ist alles gleich gültig, es hat alles seine, bzw.
wohl besser gesagt keine Bedeutung. Sind wir dann aber beieinander?
Nehmen wir uns dann eigentlich wirklich wahr? Toleranz, die den anderen
nur bei sich belässt, ihn aber nicht auch mit der eigenen Position
konfrontiert ist keine Toleranz, sondern wie gesagt: Gleichgültigkeit.
Hören wir noch einmal, was Jesus sagt. Jesus aber antwortete ihm: Das
höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr
allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von
ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften" (5.Mose
6,4-5).
31 Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst" (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
In diesen zwei Sätzen steckt ungeheuer viel. Zwei voneinander ganz
unabhängige Bereiche möchte ich ansprechen.
Das erste ist dies: Jesus antwortet mit einem Zitat aus dem Alten
Testament, der heiligen Schrift des jüdischen Volkes. Und er zitiert
nicht nur irgendeinen Text, sondern er zitiert das Glaubensbekenntnis
der Juden, das so genannte Sche'ma Israel - höre Israel auf deutsch.
Aus christlicher Sicht ist dies ein eminent bedeutsamer Vorgang, denn
normalerweise hören wir doch, dass Jesus sagt: so hat man bisher
gedacht, ich aber sage euch: so soll es heute sein. Früher: Auge um
Auge, Zahn und Zahn: heute: halte die rechte Wange hin. Früher: hasse
deine Feine, heute liebe deine Feinde. Früher: du sollst nicht töten,
heute du sollst niemanden verunglimpfen. So steht es ja verkürzt gesagt
in der Bergpredigt. Und jetzt, bei dieser Frage nach dem wichtigsten
Gebot, da kommt jetzt nicht etwas originelles, etwas ganz besonders
jesuanisches, sondern es kommt das Zitat eines Textes, den jeder kennt,
den jeder schon viele Male gesprochen hat.
Die wichtigste Lebensweisung, die Jesus hier benennt, ist ein
Glaubensgedanke des jüdischen Glaubens. Und in diesem Gedanken sind sich
die beiden Gesprächspartner auch einig: Der Schriftgelehrte sprach zu
Jesus: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und
ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von
ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich
selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus
aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht
fern vom Reich Gottes.
Judentum und Christentum gehören aufs engste zusammen. Dies muss
angesichts dieser Erzählung und angesichts unserer deutschen Geschichte
immer wieder betont werden. Wir haben eine gemeinsame Grundlage des
Glaubens, wir haben ein gemeinsames Herkommen und damit auch eine
besondere Verantwortung füreinander. Die Geschichte zeigt, dass diese
Gemeinsamkeit in vielen Jahrhunderten verleugnet wurde, das Juden auch
von Christen in eine bestimmte Ecke gedrängt, ja sogar millionenfach
gemordet wurden. Doch der Blick in unsere gemeinsame geistliche
Grundlage zeigt, dass trotz vieler Unterschiedes des Glaubens, es doch
zentrale Gedanken gibt, die uns miteinander verbinden. Und das wurde
damals öffentlich auf dem Marktplatz verhandelt und hat sogar Eingang
gefunden in ein zentrales christliches Buch. Diese Gemeinsamkeit sollten
auch wir öffentlich immer wieder deutlich machen, gerade auch dann, wenn
wir am Handeln jüdischer Politiker und Fanatiker kritisieren und an dem
Elend und der Gewalt in den Städten Israels leiden.
Das ist die eine Seite dieses Gespräches.
Die andere Seite, die es anzusprechen gilt, ist natürlich der Inhalt
dessen, was Jesus hier sagt.
Jesus sagt: die wichtigste Lebensweisung hat zwei Seiten. Zum einen sei
unser Leben ausgerichtet auf Gott, den Schöpfer, den Allmächtigen und
zum anderen sei es ausgerichtet auf den Menschen neben uns, auf den
Nächsten. Und beide gilt es zu lieben, Gott und den Nächsten und diesen,
wie man sich selbst liebt.
Das Doppelgebot der Liebe, das ist Lebensweisung, das ist der Weg
gelingenden Lebens. Wo dieses beides nicht im Blick ist, da misslingt
Leben, da geht es einen Weg, an dem wir Menschen zerbrechen können.
Gott lieben steht auf der einen Seite dieses gelingenden Lebens. Gott zu
lieben, das ist nun keine Anweisung, die wir zu befolgen haben. Im Sinne
Jesu ist dies kein Auftrag, den wir zu erfüllen haben oder gar eine
Vorraussetzung, um von Gott etwas zu bekommen. Nein, es ist dies im
Grunde eine Aufforderung, dem zu vertrauen, der schon längst an uns
gehandelt hat, der längst mit seiner Liebe an uns gehandelt hat. Lange
bevor wir auch nur einen Gedanken selber entwickeln können, steht über
uns die ganze Liebe Gottes. Ja ich möchte es mal so sagen: Gott liebt
uns Menschen von Anfang an mit ganzem Herzen, von ganzer Seele, von
ganzem Gemüt und mit allen Kräften. Das steht über unserem Leben, das
gilt uns jeden Tag unseres Lebens, in der Taufe wird das bekräftigend
zugesprochen, das ist gleichsam das Sigel dafür. Dies steht an erster
Stelle unseres Lebens. Und wenn Jesus nun Gottesliebe als Weg zu
gelingendem Leben beschreibt, dann meint er damit, dass Vertrauen zu
diesem Gott der Weg ist, auf dem unser Leben gelingt. Und das heißt für
mich ganz besonders: dass unser Leben mit den Brüchen, mit den
Schicksalen, die uns ereilen, mit den Guten und schwierigen Seiten des
Lebens eines ist, dass als ein Getragenes erlebt werden kann.
Gott vertrauen heißt, es mag in unserem Leben vieles geschehen, was wir
nicht verstehen, was unser Leben aus der Bahn wirft, was uns an die
Grenzen bringt und uns nicht getragen sein lässt, sondern eher wie aufs
Meer geworfene erleben lässt. Verlust von Menschen, Verlust von
Lebensmöglichkeiten und Lebensqualität, Verlust der Gesundheit, aber
auch Anfeindungen oder Schuld lassen diesen Gedanken des Getragenseins
oft ganz weit weg rücken. Wo ist denn Gott?, so fragen wir immer wieder,
wo ist denn diese liebende Kraft? Wir mögen sie in dem aktuellen
Ereignis nicht sehen, wie auch, wenn unser Blick ganz auf den Verlust
gerichtet ist. Aber war nicht auch das Kreuz von Jesus etwas, das in den
Augen der Menschen der Liebe widerspricht? Was nicht das Kreuz das
Gegenteil der Macht Gottes, nämlich seine Ohnmacht? Und doch ist dieses
Zeichen von Gott selber zum großen Hoffnungszeichen gemacht worden. Gott
durchkreuzt unser Leben und das ist oft genug schmerzhaft und
unverständlich, und doch hält dieser Gott fest an der Liebe zu uns
Menschen. Der Weg des Jesus zeigt dies auch in der Niederlage des
Kreuzes. Deshalb ist es ja zum Zeichen der Liebe Gottes für uns Christen
geworden, damit wir inmitten unseres persönlichen Kreuzes daraus unsere
Hoffnung schöpfen können.
Auf Gott vertrauen, auf ihn hoffen auch in hoffnungsloser Situation,
seiner Liebe mehr zutrauen als dem Menschen, das ist der Weg, der unser
Leben gelingen lässt.
Und gleichzeitig gehört dazu: den Nächsten lieben wie dich selbst. Auch
das gehört eigentlich zu den grundlegenden Aussagen des Anfanges: der
Mensch lebt nicht alleine. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist,
ich will ihm Menschen an die Seite stellen. Nicht nur den Ehegatten,
sondern eben auch die anderen Menschen, die Gott geschaffen hat. In
dieser Gemeinschaft findet unser Leben statt. Und das kann eben nur
gelingen, wenn ich den anderen annehme, ihm so begegne, wie ich mir
selber begegne. Manchmal kann ich mich selber nicht leiden, ja
vielleicht sogar nicht lieben. Aber vielleicht denken wir dann daran,
dass wir ja von Gott geliebte sind, angenommen sind, auch mit unseren
Fehlern. Und diese Liebe hilft uns, nicht nur uns selber, sondern auch
den anderen anzunehmen, ihn anzuerkennen als ein Geschöpf des liebenden
Gottes.
Toleranz bedeutet dann, den anderen in seiner Andersheit zu sehen. Gott
hat ihn anders gewollt als mich, deshalb darf und soll er so anders
sein. Was nicht heißt, dass ich nicht mit ihm streiten darf, dass ich
nicht meine Position auch gegen seine Stellen darf. Liebe deinen
Nächsten, heißt ja nicht, dass dieser machen darf, was er will. Aber ihn
lieben heißt, ihn zu achten, Gemeinschaft zu fördern, Gemeinschaft zu
suchen und zu fördern.
Du bist nicht fern vom Reich Gottes hat Jesus gesagt. Was eben bedeutet,
wenn du dieses Doppelgebot der Liebe annimmst, wenn es für dich in
deinem Lebensalltag wirksam ist, dann hast du eine Lebensgrundlage, die
dein Leben gelingen lässt. Du wirst darin spüren, dass du in allem von
Gott umgeben und getragen ist und du wirst diese Welt so gestalten, dass
sie für viele Lebenswert ist.
So kann ein jeder von mit dazu beitragen, in seinem Leben ein Stück des
Reiches Gottes lebendig zu machen.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 447, 1-3+6+7
Psalm 40, 9-12
Eingangsliturgie
Gebet
Treuer Gott, Du bist Menschen geworden, um deine Liebe zu zeigen. Du
bist Mensch geworden inmitten des jüdischen Volkes, um Heil der Welt,
denn in Christus hast du die Grenzen überschritten. So führe uns alle
zusammen, alle Menschen dieser Erde. Lass uns so miteinander leben, wie
du es dir für uns gedacht hast.
Das bitten wir .....
Lesung : 5. Mose 6, 4-9
Lied 352, 1, 2, 5+6
Lesung: Mk 12, 28-34
Glaubensbekenntnis
Lied 398, 1+2
Predigt
Lied 391,1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott unser Vater, wir suchen nach Halt im Leben und suchen in dieser
Welt. Zeige uns, dass wir in dir letztlich den Halt haben, den wir
brauchen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die sich verrannt haben in ihrem Leben, dass
sie zu dir zurückfinden, so wie der verlorene Sohn zum Vater
zurückkehren konnte und Liebe empfing. Darum rufen wir zu dir: Herr,
erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die nur ihre eigene Lebensposition kennen und
andere auf ihre Seite ziehen wollen. Schenke du offen Ohren füreinander,
und Herzen, die Gemeinschaft suchen. Darum rufen wir zu dir: Herr,
erbarme dich.
Wir bitten für alle, die in ihrem Leben deine Liebe und Zuwendung nicht
erkennen können, weil sie schweres zu tragen haben. Schenke ihnen Kraft
und Geduld für ihren Weg, auf dass sie dich als liebenden Gott
entdecken. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für das Volk der Juden, dass sie Lebensraum haben mögen, in
dem sie ihre Religion leben können. Wir bitten für die Staaten Israel
und Palästina, dass die Gewalt nicht weitergeführt wird, sondern die
Kräfte des Friedens Raum gewinnen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme
dich.
Vaterunser
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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