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Mk 12,1-12

Wir haben eben das so genannte Gleichnis von den bösen Weingärtnern gehört. Eine Geschichte mit viel Blut, mit viel Auseinandersetzung und Gegnerschaft.
Das Gleichnis erzählt von Gottes Handeln mit seinem Volk Israels. Der Mensch, der den Weinberg baut, das ist Gott. Er hat sein Volk Israel auserwählt. Dieses Volk hat einen besonderen Stand unter den Menschen. Gott hat ihnen Raum zum Leben gegeben, ein Land von dem gesagt wird, dass dort Milch und Honig fließen. Dann so heißt es, kam die Zeit, dass die Früchte geerntet werden sollten. Ein Knecht sollte dies besorgen. Doch man schlug ihn und schickte ihn mit leeren Händen fort. Dahinter steht die Erfahrung, dass Gott im Laufe der Geschichte seines Volkes Propheten geschickt hat, die den Menschen zeigten, dass sie nicht so lebten, wie Gott es von ihnen erwartete. Gott wollte die Früchte seiner Güte ernten, doch es waren Menschen wie überall: Menschen, die ohne Rücksicht auf andere ihr Leben gestalteten, es gab Lug und Trug, Arme hatten nichts zu essen, Fremde wurden schlecht behandelt, Witwen und Waisen waren schutz- und rechtlos. Wohl gab es eine Art von religiösem Leben, so etwas wie Frömmigkeit, doch dies alles war oft genug nur äußerliches Getue.
Und solche Zeiten gab es viele im Laufe der Geschichte des Volkes Israel. Immer wieder sandte Gott Propheten unter das Volk, damit sich das Leben unter ihnen ändert, damit es menschlicher wurde, damit es Gottes Willen entspricht. Doch wer hört das schon gerne. Die Propheten erlitten oft dasselbe Schicksal. Man hörte nicht auf sie, man lachte sie aus, oder tat ihnen Gewalt an. Die Menschen wollten lieber aus eigenen Gedanken leben statt darauf zu hören, was Gott von ihnen wollte. Sie wollten lieber ihr eigenes Leben leben, wollten sich nichts sagen lassen. Die Worte Gottes aus dem Mund der Propheten wurden beiseite geschoben, die Propheten wurden mit Gewalt aus dem Leben der Menschen vertrieben, damit ja nichts mehr zu hören war.
Gott hätte sich nun überlegen können, sein Volk sich selber zu überlassen, doch er wollte nicht, dass die Menschen im Weinberg untergehen. Also sandte er auch noch seinen Sohn. Das war so etwas, wie der letzte Versuch, sein geliebtes Volk vom falschen Weg abzubringen. Der Sohn müsste doch ankommen. Vor meinem Sohn werden sie sich scheuen, heißt es im Gleichnis. Aber auch dies traf nicht zu. Man glaubte das Land für sich zu haben, wenn man nun auch noch den Sohn tötet. Und das geschah ja auch: Jesus starb am Kreuz, vor den Toren der Stadt Jerusalem, draußen, außerhalb des Weinberges.
Doch Gott hat ihn nicht im Tod belassen, er hat ihn auferweckt, hat seinen Weg bestätigt, hat ihn zum Eckstein gemacht, an dem sich das Leben auszurichten kann.
Wie wird es weitergehen mit den Führern, wie wird es weitergehen mit dem Weinberg. Nun: andere werden den Weinberg bekommen, so erzählt das Gleichnis. Das Land fällt ganz in die Hände der Römer und die Juden haben nichts mehr zu sagen in ihrem Land. Auch die letzten Rechte werden ihnen noch genommen werden. So ist es gewesen, erst im Jahre 70 nach Christus als der Tempel zerstört wurde und dann noch einmal 130 nach Christus als die Römer dann die Juden wieder einmal aus ihrem Land vertrieben.
Das Gleichnis also erzählt von den damaligen Ereignissen und ihren Deutungen aus dem Glauben heraus. Der Tod Jesu, so sagen die Christen, hat dazu geführt, dass Gott seine gnädige Hand nun nicht mehr dem Volk Israel, sondern anderen gereicht hat, nämlich denen, die ihr Leben diesem Christus anvertrauen, die den Sohn nicht vertreiben, sondern von ihm her das Leben gesalten.
Nun könnten wir sagen, was interessiert uns das. Es ist ja schön zu hören, was historisch hinter so einer biblischen Geschichte steht. Nur bleibt dann die Frage: Was hat das mit uns zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht nichts. Aber wenn man dieses Gleichnis einmal ganz anders liest, dann wird doch auch etwas sichtbar, was für uns seine Bedeutung entfalten kann.
Der bekannte katholische Geistliche Eugen Drewermann hat darauf hingewiesen, dass man den Weinberg ja nicht nur als Gleichnis für das Land Israel verstehen kann, sondern auch als Gleichnis für unsere Seele. Gott hat in uns einen Weinberg gepflanzt, der einmalig ist für jeden von uns. Es ist ein Weinberg, der einmalig ist vor und für Gott. Unser Innerstes, unsere Seele ist ein von Gott vorbereitetes Land, das er uns zu beackern heißt. Wir sollen etwas daraus machen, es soll gutes Land werden, auf dem reichlich Früchte wachsen.
Nun kommen Boten, die nach Früchten suchen, die die Früchte des Lebens ernten wollen. Als die Gottesboten, die in unser Leben gesandt werden, könnte man jede menschliche Begegnung, jede Seelenregung, jede innere Vision des eigenen Wesens verstehen. Auch Lebensereignisse, seien es nun freudige, oder auch traurige, wie Abschied und Tod. All dies begegnet uns und berührt unsere Seele auf unterschiedlichste Weise. Und wir reagieren auf diese Begegnungen. Unsere Gefühle, die uns begleiten, die innere Unruhe, das Suchen nach Sinn und Erfüllung, und die Antworten, die wir auf dieses Suchen, diese Unruhe und das Gefühl geben, das könnten wir im Angesicht dieses Gleichnisses Jesus beschreiben als Auseinandersetzungen mit Gottesboten. Träume, Tagträume, Nachtträume, Wünsche, Hoffnungen, Visionen, all das sind Gottesboten inmitten unserer Seele, die unser Leben nach Früchten absuchen.
Aber: wie gehen wir mit diesen Gottesboten um?
In dem Gleichnis wird erzählt, dass diese Gottesboten niedergeschlagen werden, dass sie verschmäht werden, dass sie gar getötet werden. Die Pächter spielen sich auf, als ob sie die Eigentümer wären. Ihnen gehört der Weinberg. Sie bestimmen, was zu tun ist.
Übertragen auf unser Innerstes könnte das Folgendes heißen: Da ist etwas in uns, das will in unserer Seele Raum gewinnen. Wir spüren es, wir merken etwas davon, spüren die Kraft die davon ausgeht, die uns umtreibt. Doch dann kommen sehr schnell auch die Einwände: das geht doch nicht. So etwas darf man doch nicht machen. Was würde sich alles verändern, wenn ich dieser inneren Stimme Raum geben würde? Ich wüsste doch gar nicht, wie das sein würde. Nein, diese Stimme muss verstummen. Sie muss weg, ich will sie überhören, ich will sie niederschlagen, will sie aus meinem Leben verbannen, sie töten. Sie führt mich weg von dem, was mein bisheriges Leben ausmacht und das macht Angst und ist bedrohlich. Also muss die Stimme schweigen.
Wir handeln so, als wären wir die Eigentümer unserer Seele. Wir gehen oft genug mit uns so um, als ob wir dieses Innerstes nur so aussehen darf, wie wir es für richtig halten. Und dementsprechend weisen wir auch die innere Stimme in seine Schranken.
Und dann kommen da noch andere von außen dazu, die die das Innere des Gegenüber formen wollen. Ich weiß, was für dich richtig ist, ich sage dir, wo es lang geht. So sprechen Eltern, Erzieher, Lehrer, Vorgesetzte und manchmal auch die Kirche. Und so sprechen viele Stimmen in uns, die der inneren Stimme etwas entgegen setzen wollen, die die innere Stimme gar nicht zu Wort kommen lassen wollen.
Jesus aber erzählt in diesem Gleichnis, dass die Pächter eben nur Pächter des Weinberges sind. Für uns gesagt heißt das, unser Innerstes ist der wichtigste Bereich in uns, der Gott gehört. Er gehört nicht uns. Die Stimme des Innern ist die Stimme Gottes in uns, die Stimme, die uns zu einem wahrhaftigen Leben führen will. Wir haben nicht das Recht, diese innere Stimme einfach abzutöten, sie nieder zu halten, sie klein zu machen, zu verschmähen oder zu vernichten. Mit dieser Stimme werden Früchte des inneren Weinberges sichtbar, wird die Frucht sichtbar, die die jeweilige Person schenken will. Und das sind Früchte, die auch nach außen kommen sollen, die in der Welt sichtbar werden sollen. Darum kommen ja die Gottesboten zu uns, die die Früchte des Lebens einbringen wollen.
Wir sind nur Pächter unserer Seele, das heißt, wir haben unser Innerstes zu pflegen, es zu beackern, es zu bebauen und zu bewahren, damit die Früchte wachsen können. Dazu gehört, dass wir die Stimme dieses Innersten auch hören und wahrnehmen lernen, ihr Raum geben, sich zu äußern, um so das eigene Leben zu bereichern.
Am Ende des Gleichnisses heißt es: "der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden." Dies ist sicher auf Jesus gemünzt. Jesus ist der Eckstein, der Stein an dem sich wahrhaftiges Leben ausrichtet. An ihm wird sichtbar wie menschliches Leben gelingen kann.
An ihm wird aber auch sichtbar, wie jemand lebt, der das Innerste sprechen lässt, der dem Innersten Raum gibt in seinem Leben, der es wachsen lässt und seine Früchte nach außen trägt. Und dieser Jesus oder besser gesagt, das jesuanische in uns vernichten wir, töten wir, kreuzigen wir, wenn wir unserem Innersten kein Gehör schenken. Die innere Stimme ist so etwas wie der Eckstein des wahrhaftigen Lebens. Wird er verworfen, wird die Stimme vernachlässigt, dann wird das eigene Leben nicht gelingen, dann werden andere das Sagen über das eigene Leben haben.
Ich möchte nun allerdings nicht missverstanden werden. Nicht alles, was unsere innere Stimme sagt, ist gut und richtig. Es ist ja auch schwer zu entscheiden, was ist die Stimme des Eigentümers, also die Stimme Gottes, und was ist die Stimme des Pächters, also meine eigene Stimme. Auf dem Weg, die richtige Stimme zu erkennen, kann uns helfen, wenn wir jedes wenn und aber, jedes zögerliche "Darf man das denn", zuerst einmal beiseite lassen. Ich denke, das ist wie in einem unbekannten Garten. Da wächst etwas heran, noch sieht man nicht, was daraus wird. Aber sehr schnell entscheiden wir, es ist Unkraut - weg damit. Warum lassen wir es nicht einfach wachsen? Warum schauen wir nicht, was wirklich aus diesem Samenkorn wird, das da zu wachsen beginnt. Vielleicht gibt es guten Grund, irgendwann zu sagen, nein das soll hier nicht wachsen, diese Frucht will ich nicht. Vielleicht gibt es aber auch guten Grund, die Pflanze wachsen zu lassen, ihre Früchte reifen zu lassen und aus dieser Frucht Gutes entstehen zu lassen. Und so eben auch mit den Gedanken der Seele, die in uns aufsteigen. Wir werden schon zu entscheiden wissen, welche Stimme sich da Gehör verschaffen will, sicher nicht gleich, aber im Laufe der inneren Auseinandersetzung damit.
Das Gleichnis von den Weingärtnern ist nicht nur ein historisches Gleichnis für eine Zeit vor 2000 Jahren. Es ist ein Gleichnis für unser Leben, für unser Leben vor und mit Gott. Nehmen wir ernst, dass es Gott ist, dem unser Innerstes gehört und der darin mit uns ins Gespräch kommen will. Lassen wir die Früchte heranreifen, die sich da zeigen. Es sind Früchte, die zum wahrhaftigen Leben führen. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 345,1-5
Psalm 10 i.A.
Eingangsliturgie
Gebet des Tages:
Allmächtiger Gott!
Auf der Suche nach Leben begegnen wir deinem Sohn Jesus Christus. Er will uns auf den Weg führen zu uns selbst, zu einem wahrhaftigen Leben vor dir. Lass uns seine Stimme hören, hier im Gottesdienst, in den Begegnungen unseres Lebens, in der Mitte unseres Innern. Lass uns hören und danach handeln. Das bitten wir durch Jesus Christus....
Lesung Jes 5, 1-7
Lied 366,1-4
Lesung Mk 12, 1-12
Glaubensbekenntnis
Lied: 97,1-6
Predigt
Lied 302,1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet:
Als suchende und Fragende stehen wir vor Gott. Ihn rufen wir an in der Hoffnung, dass er unser Leben verändern kann.
So bitten wir Gott, für alle Menschen, die zu Opfern von Menschen werden, sei es körperlich oder seelisch. Hilf ihnen wieder zu sich selbst zu finden, zu dem was ihr Leben so unverwechselbar macht. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die von Unsicherheit und Zweifeln geplagt werden, für die, die nichts mehr vom Leben erwarten, die nicht an die Zukunft denken können, die ihren Glauben verloren haben, die immer wieder enttäuscht werden. Lass sie Worte hören, die sie aufrichten, die ihnen im innersten Mut zum Leben geben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir beten für alle, die in Gefahr sind, sich gegen ihre Mitmenschen zu verschließen und zu vereinsamen, wir beten für junge und alte Menschen. Öffne sie für sich selber und für andere Menschen, öffne sie für das Gute der Begegnungen mit anderen Menschen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich gütiger Gott, lass deine Stimme in unserem Leben erklingen und gib uns die Kraft dieser Stimme zu folgen, gegen alle Widerstände, die sich ihr in den Weg stellen wollen. Lass du uns so zum wahrhaftigen Leben gelangen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich um Worte des Trostes und der Zuversicht für alle, die einen Menschen loslassen mussten. Hilf den Weg der Trauer zu durchschreiten, hilf die Zeichen des Lebens neu anzunehmen, sei du die Stimme, die uns Hoffnung schenkt. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
Lied 421
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt

16. 3. 2003

Liturgischer
Ablauf
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