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Lk 7, 11-16

Normalerweise treffen wir uns auf dem Friedhof, um Abschied zu nehmen oder den Abschied von Menschen zu erinnern. Die Friedhofskapelle ist ein Raum der Trauer, der Erinnerung, der Schmerzen und der Begegnung mit dem Sterben.
Heute ist das etwas anderes. Heute haben wir uns hier in der Friedhofskapelle getroffen, um etwas sehr schönes zu tun: wir haben ein Kunstwerk enthüllt, das unsere Mitbürgerin Erika Neumann gestaltet hat. Über 2 Jahre lang ging der Weg, den eine Idee von mir in Frau Neumann genommen hat. In einem kurzen Gespräch wurde der Ball ins Rollen gebracht und mit Hilfe des eben gehörten Textes entstand ganz langsam ein Bild in Ihnen, liebe Frau Neumann. Jeder Reise in dieser Zeit wurde zu einer Entdeckungsreise. Wie haben die Menschen vor mir es gemacht, ein Relief zu gestalten. Wie sahen sie aus, wie wurde welche Wirkung erzielt. Bilder aus Zeitungen, die mit dem Thema gar nichts zu tun hatten wurden ausgeschnitten, weil ein Mensch gerade in einer ganz bestimmten Haltung fotografiert wurde. Es war eine, wie sie mir sagten, wunderbare Zeit, die sie sehr erfüllt hat, die ihren Tatendrang für andere Tonarbeiten nicht gebremst hat, aber die ihre Gedanken eben immer wieder auf dieses Projekt gelenkt haben. Und dann war es so weit. Die Zeit war reif, die Gedanken und Ideen so weit, dass drei Wochen intensiver Arbeit kommen konnten. Drei Wochen, die sie ungeheuer ausgefüllt haben und mit so viel Freude erfüllt haben, einer Freude, von der ich den Eindruck habe, dass sie weit über die Freude sonstiger keramischer Arbeit hinausging. Geradezu euphorisch waren sie und sind das ist bis heute noch zu spüren.
Und es war ja auch eine sehr aufregende Zeit. Euphorische Freude verbunden mit der ungeheuren Gespanntheit, was passiert, wenn das Objekt im Ofen gebrannt wird. Wer etwas von Tonarbeiten versteht, wird wissen, dass dort vieles passieren kann, was man nicht immer vorhersehen kann und schon gar nicht bei einem solchen Objekt, wie diesem hier.
Es ging auch nicht alles so glatt, wie man es sich gewünscht hätte, doch die liebevolle Hilfe von Freunden, die intensive Gedanken und Handarbeit von Herrn Brauch hat es dann doch geschafft, dieses schöne Bild hier in der Friedhofskapelle sein zu lassen.
Es gilt ihnen, liebe Frau Neumann, unser ganzer Dank für dieses Bild, das sie uns geschaffen haben und das uns nun hier in den schwierigsten Stunden des Lebens begleiten wird.
Und es ist ein Bild, das uns hineinnimmt, in eine Geschichte, in der es um Tod und Trauer geht. Und diese Geschichte soll nun im Mittelpunkt der weiteren Gedanken stehen.
Der Jüngling zu Nain, so wird die Geschichte kurz benannt. Was wird erzählt? Jesus war wieder einmal mit seinen Freunden unterwegs. Am Abend erreichten sie die Stadt Nain, zusammen mit vielen anderen Menschen, die ihnen unterwegs begegnet sind und wohl denselben Weg hatten. Für die Schreiber der Evangelien war diese Personenangaben immer wichtig. Denn das, was nun geschah, wurde nicht nur von wenigen gesehen, sondern eben von einer großen Menge, wie es heißt. Viele Menschen haben von diesem Ereignis Kenntnis genommen, sind mit dem Hauptakteur in Berührung gekommen.
Als Jesus aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
Am Tage verstorben, trug man den Sohn aus der Stadt, um ihn nun in den Abendstunden, wie es üblich war, zu begraben. Laut weinend und klagend wird dieser Trauerzug Jesus und seinen Freunden entgegengekommen sein.
Jesus kommt der Tod entgegen. Der Tod, dieses Ereignis im Leben, das alles in Frage in stellt, das unser Leben aufs tiefste in Frage in stellt. Ende, aus, vorbei. Was ist das Menschenleben, wer sind wir, wo wir so vergehen?
Die Frau, sie ist Witwe. Es ist nicht das erste Mal, das sie einen solchen Trauerweg als direkt betroffene geht. Damals war da noch der Sohn. Da war noch familiärer Halt, da war noch sozialer Halt, denn Witwen allein waren rechtlos. Doch jetzt. Jetzt steht sie da, alleine, ohne jemanden, der ihr in dieser Gesellschaft einen Halt geben kann. Das Leben scheint nichts mehr zu sein.
Wenn wir hier sitzen, um Abschied zu nehmen, dann mag auch uns ein solcher Gedanke befallen: was ist es denn noch mit meinem Leben? Wir mögen sozial abgesichert sein, aber ohne den geliebten Menschen an der Seite - hier auf dem Friedhof die ganze Härte dieses Abschiedes spürend, da erscheit doch auch unser Leben so, als ob es nichts mehr ist. Leere, Stille in einem, irgendwie ist man nicht einmal richtig anwesend, die Gedanken weit weg und dieser Abschied geht oft an einem vorbei, wie in einem Film. Nur der Schmerz, der bohrend in einem sitzt, die Tränen, die dem ein wenig Raum geben, weil man sonst darin zu ersticken droht.
Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht!
Jesus, der Herr, kommt dieser Situation entgegen. Jesus, der Herr. Nicht irgendeiner der noch einmal kondolieren will, sondern der, der die Macht hat, der das Leben als Sohn Gottes in seinen Händen hält. Er zeigt seine ganze Zuwendung. Es jammert ihn, übersetzt Martin Luther. Was für ein Bild. Der Herr des Lebens hat Augen für die Not eines Menschen, er hat Augen für das Leid und die Tränen, die uns in dieser Situation erfülle. Gott sammelt die Tränen in seinem Krug, heißt es in einem der Psalmen. Das Schicksal der Frau rührt ihn an. Wir dürfen das für uns alle annehmen, dass wir von Gott angesehen werden als Trauernde, dass wir angesehen werden mit den Gefühlen, die in uns sind. Gott nimmt dies wahr und er lässt sich davon anrühren. Es ist ihm keineswegs gleichgültig.
Jesus stoppt den Weg des Todes, er geht auf den Toten zu, auf den Sarg, in dem das Ende besiegelt ist. Und durch seine Gegenwart entsteht neues Leben. Der Jüngling wird richtet sich auf und spricht.
Natürlich stellen wir unser naturwissenschaftlichen Fragen an diese Geschichte. Doch es geht in der Geschichte nicht um die Frage von Wiederbelebung und scheintot.
Das entscheidende der Geschichte ist, dass was am Schluss von der Menschenmenge gesagt wird: Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht.
Die Begegnung mit Jesus eröffnet Leben. Gott lässt sein Volk nicht allein, sondern in Jesus Christus ist eine neue Dimension des Lebens eröffnet. Der Tod ist in seiner bedrohenden Kraft besiegt von dem, der den Tod überwunden hat, der in Kreuz und Auferstehung deutlich gemacht hat, dass die Kraft des Lebens, die von Gott her kommt, stärker ist, als alle anderen Mächte dieser Welt, die dieses in Frage stellen wollen. Diese Auferweckung ist ein Beispiel dafür, dass Gottes Kraft stärker ist, als die Macht des Todes, die in unserem Leben alles in Frage stellt.
Wie sieht das nun auf unserem Relief aus? Was spiegelt sich aus der Botschaft dieser Geschichte in dem Bild von Frau Neumann wieder?
Die zentrale Figur ist Christus. Jesus Christus der Erbarmer. Er ist der, der sich ansprechen lässt, den der Mensch mit seinen Nöten und Freuden, mit seinem Leid und seinem Glück nicht gleichgültig ist, sondern der sich zuwendet. Er berührt diesen Menschen, der da liegt. Nicht aufrecht, machtvoll ist er, nicht herrlich und erhaben, sondern wahrhaft Mensch in liebevoller Hinwendung. Gott hat sein Volk besucht, Gott ist Mensch geworden, seine Barmherzigkeit, seine hinwendungsvolle Liebe ist menschlich geworden. Das wird uns hier auf sehr einfühlsame Weise, ohne Pathos vor Augen gestellt. Und was mich besonders anrührt daran ist, dass Jesus hier nur sanft berührt. Es ist kein kraftvoll, vereinnahmende Umarmung, die hier geschieht. nach dem Motto: ich hab doch alles in der Hand. Nein, es ist wirklich liebevolle, den anderen in seiner Besonderheit annehmende Hinwendung. Hier an diesem Ort, wo die Trauer alles überschattet, steht diese Hinwendung Gottes nun bildhaft vor Augen.
Und das ist ja auch ein Bild der Hinwendung an den Verstorbenen. In der Geschichte wird der Jüngling auferweckt. Er wird irgendwann wirklich verstorben sein, unwiederbringlich. Aber es steht doch seit der Auferweckung Jesu diese andere Auferweckung im Raum. Jesus wendet sich den Verstorbenen zu. Hinabgestiegen in das Reich des Todes, so sprechen wir im Glaubensbekenntnis. Unsere Verstorbenen sind nicht einfach so dahingegangen und gehen nicht einfach so dahin. Nein! Sie gehen diesem sich liebevoll hinwendenden Jesus Christus entgegen, der neues Leben verheißt und schenkt. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, du gehörst zu mir und ich lasse dich nicht aus meinen Augen und aus meinen Händen. Und das kommt auch in dieser mütterlichen Fürsorge zum Ausdruck, die dem Jüngling hier nun Wasser reicht, Stärkung zum neuen Leben. Väterliche, mütterliche Güte Gottes spiegelt sich darin wieder, auf die wir hoffen können, wenn wir einen Menschen hier an dieser Stelle in der Friedhofskapelle auf den letzten Weg begleiten.
Vielleicht darf ich aber noch einen Schritt weitergehen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich vielleicht ein wenig zu weit gehe. Ich möchte diesen liegenden Menschen nicht nur sehen als den Verstorbenen, dem die Liebe Jesu begegnet, sondern auch uns Trauernde darin sehen. Je enger wir mit dem Verstorbenen in Verbindung waren, um so mehr. Es ist doch so, dass mit dem geliebten Menschen auch ein Stück von uns selber zu Grabe getragen wird. Und wenn denn die Gemeinschaft das Leben ausmachte, so sterben wir mit, auch wenn wir leben. Gleichnishaft gesagt, wir liegen auf dem Sarg, der da zu Grabe getragen wird. Aber da kommt der liebende Herr auf uns zu und sagt: Steh auf. Steh auf, lass dich von Gottes Liebe anrühren und stärken, eine Liebe, die dir im Leben noch vieles geben möchte. Wir Trauernde werden von Jesus angesprochen, unseren Weg ins Leben zurückzugehen. Wir sollen uns nicht von der Kraft des Todes einnehmen lassen, sondern ihm und seiner Kraft vertrauen. Er will uns an seiner Kraft Anteil geben, sichtbar in der Berührung des Jesus und in der Stärkung durch die Frau. Der Weg des fremden Sarges möge das eigene Leben nicht einnehmen. Weine nicht, sagt Jesus zu der Frau. Nicht um ihr die Tränen der Trauer zu nehmen, sondern um ihr deutlich zu machen, dass beider Zukunft, die Zukunft des Verstorbenen und die Zukunft der Hinterbliebenen in Gottes Hand liegt. Und das ist unsere größte Hoffnung angesichts des Todes und diese Hoffnung spricht für mich aus diesem Bild, diese Hoffnung wird durch dieses Bild über jedem Sarg, der in dieser Kapelle stehen wird nun für alle sichtbar.
Begleitet wird diese Geschehen von den Menschen, die dort anwesend sind. Eine Gruppe steht hinter dem Sarg, eine Gruppe steht hinter Jesus. Es sind unterschiedliche Menschen. Viele verschiedene Gesichtsausdrücke spiegeln die Gefühle und Gedanken der Menschen wider, die dieses Ereignis erlebt haben, oder die der Botschaft von der Auferweckung gegenüberstehen. ES ist alles vorhanden: von Freude, über Erschrecken, Zweifel bis Gleichgültigkeit findet man alles auf diesem Bild. So wie ja auch in der Geschichte das ganze Spektrum der Gefühle angedeutet wird: Furcht und Lobpreis, als jeweilige Eckpunkte des Erlebens. So geht es ja auch uns, die wir etwas ferner stehen und bei einer Beerdigung unsere Anteilnahme bekunden ohne tiefer betroffen zu sein. So geht es uns, wenn die Botschaft des Lebens im Angesicht des Todes verkündigt wird. Wir möchten Gott loben für seine Macht im Angesicht des Todes, doch gerade der Tod stellt dies auch in frage und lässt uns zweifeln. Vielleicht sind es dann die beiden Menschen, die in jeder Gruppe zu finden sind, die beiden Betenden, die uns den Weg weisen. Betende Menschen sind solche, die das, was sie bewegt, nicht bei sich belassen, sondern vor Gott bringen. Auf dem Friedhof, im Angesicht des Todes da ist die Furcht, wie das eigene Leben werden wird. Gott, sei mir gnädig. Aber es ist auch die Hoffnung da, dass die Nähe Gottes mir genügend Kraft gibt, den eigenen Weg des Sterbens zu gehen. Danke Gott, dass du mein Leben auch im Sterben in deinen Händen hältst. Ich bin schwach, doch du bist stark, durch deine hinwendungsreiche Güte. Hilf mir daraus zu leben. So möchte ich die beiden betenden Menschen für mich deuten.
Sie helfen mir den Blick auf das letzte zu lenken, das noch benannt werden soll: das Tor.
In der Geschichte ist es das Stadttor. Es ist das Tor zurück ins Leben der Stadt, aber es ist für mich in seiner Doppelheit vor allem das Tor in die neue Zukunft. Dieses Tor steht offen: offen für den Verstorbenen und offen für die Hinterbliebenen. Und Gott ist es der uns auf den Weg schickt, dieser neuen Zukunft entgegen. Wir wissen nicht, was sich dahinter verbirgt, wir wissen nicht, wie das Leben werden wird, wenn wir hindurchgegangen sind, doch eines ist gewiss: es ist das von Gott begleitet, es ist von er Kraft des Lebens begleitet, es ist ein Leben, das darauf hoffen darf, dass Gott es erneuert. Denn das morgen im hier und jetzt und das morgen im jenseits sind umfangen von seiner Güte. Und das soll vor allem auf dem Friedhof als unsere christliche Hoffnung ausgesprochen werden. Und das wird es nun nicht nur durch Worte, sondern auch in einem Bild, das unsere Gedanken dorthin lenken will.
Liebe Frau Neumann, seien Sie aufs allerherzlichste bedankt, dass sie uns diese Botschaft so lebendig vor Augen gestellt habt. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: Jesus meine Zuversicht
Psalm 23
Eingangsliturgie
Gebet
Herr und Gott, der du das Leben in deinen Händen hältst.
Wir kommen zusammen im Raum des Abschiedes, im Raum, da wir dem Tod begegnen. Du hast die Macht des Lebens in deinen Händen, du bist stärker, als alles, was unser Leben bedrohen kann. So erfülle uns mit deiner Kraft, auf dass wir hoffen können für unser Leben. Das bitten wir ...
Lesung: Lk 7, 1-16
Glaubensbekenntnis
Lied: Wenn ich einmal soll scheiden
Predigt
Lied: Von guten Mächten, 1,2,5,6
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vater im Himmel, wir danken dir für alles, was du für uns tust. Wir brauchen deine Güte, wir brauchen deine Liebe, auf dass wir in unserem Leben getrost leben können.
So bitten wir dich, sei du bei allen, die an den Grenzen ihres Lebens stehen, die an Endstationen stehen und nicht weiter wissen. Komme ihnen liebevoll entgegen und zeige du den Weg in deine Zukunft. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, die dem Sterben entgegen gehen, dass sie aus dem Vertrauen zu dir Kraft schöpfen für diesen Weg. Und für alle, die sie begleiten bitten wir dich um deine Kraft zum Abschied. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die an diesem Ort trauern, dass sie aus deiner Liebe schöpfen können, um den weiteren Weg in ihrem Leben zu gehen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für unsere Konfirmanden, die ihre Zeit in der Kirche und ihrer Kirchengemeinde beginnen. Schenke ihnen offen Ohren und Herzen für dich und dein Wort und für die Mitkonfirmanden. Schenke uns eine intensive Zeit miteinander, in der Vertrauen in dich lebendig wird. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
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Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Klein Elbe
 

30. 8. 2003

Liturgischer
Ablauf
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