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Lk 4,16-21

 
Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde!
Es war vermutlich ein ganz normaler Gottesdienst, in den Jesus am Sabbat nach seiner Gewohnheit gegangen war, so wie wir am Sonntag oder jetzt zum Jahreswechsel zum Gottesdienst gehen. Es war auch ganz normal, dass jemand gebeten wurde aus den Heiligen Schriften zu lesen, niemand dachte sich etwas dabei, dass Jesus die Buchrolle in die Hand nahm. Und auch der Text, den er gelesen hatte. Nichts besonderes war daran: eine alte Verheißung eines von Gott gesalbten Menschen, der gute Botschaft bringt, ein Gnadenjahr des Herrn verkündigt. Gute Worte in einer Zeit in der gute Worte fehlen. Hoffnungen, auf die man sich ausrichten kann, wo es wenig zu hoffen gibt. Für manchen aber auch Worte, die wie viele Worte der Heiligen Schrift zwar gehört, doch dann auch gleich wieder beiseite gelegt werden. Nichts besonderes also, damals wie heute.
Und doch war etwas anders. Denn diese Worte: der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen; und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn; diese Worte hatten bei ihm einen besonderen Klang, denn, so wird uns in der Bibel erzählt, alle Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Hier war nicht nur Bibellese geschehen, hier hatte das ICH des Textes schon ein lebendiges Gesicht bekommen, unmerklich nach außen hin, aber in den Ohren der Zuhörer hat sich schon etwas ereignet, was nun die Augen zum Ausdruck bringen. Alle schauen auf ihn. Und dann spricht Jesus das erlösende und gleichzeitig auch erregende Wort: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt in euren Ohren.
Ein kurzer Satz, 10 Worte Predigt, und doch ein alles verändernder Satz. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt in euren Ohren. Diese Worte fanden Bewunderung und Ablehnung, Glaube und Unglaube riefen sie hervor. Ja es wird uns auch noch weiter erzählt, dass Stimmen laut wurden, die sagten, dass dies doch Jesus der Sohn des Joseph sei, der in ihrer Mitte auf gewachsen ist. Und der maßt sich solche Reden an? Und die Bewunderung schlug in Zorn um, man wollte Jesus einen Abhang hinunterstürzen. "Aber er ging mitten durch sie hindurch." heißt es am Schluss der Erzählung.
Jesus ist mit dem Heiligen Geist begabt worden. Von Anfang an, so erzählt es ja auch schon Weihnachten, ist Jesus aufs engste verbunden mit Gott. Sein Auftrag ist es, ein Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen. Und "heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren". Was ist das für ein Heute? Wir haben nicht dabei sein können, aber auch schon Lukas hat nicht dabei sein können und doch war ihm diese Geschichte wichtig. Heute, das war für ihn keine Zeitangabe des Jahres 30 nach Jesu Geburt, Heute, das war für ihn das Jetzt der Begegnung mit Jesus. Mit ihm, so wollte er deutlich machen, hat Gottes Gnadenjahr, hat Gottes Gnadenzeit angefangen.
Wie sehen wir dieses Heute der Worte Jesu zum Jahreswechsel von 2002 auf 2003? Wie haben wir dieses Heute zu verstehen, wo unsere Gedanken zum Jahreswechsel zurück und nach vorne gehen?
Das Jahr 2002 als Gnadenjahr zu bezeichnen, wäre wohl etwas vermessen. Die großen Ereignisse des Jahres sind nicht dazu angetan, das vergangene Jahr so zu betiteln Und was die privaten Ereignisse angeht, liegt es wohl im Auge des Betrachters, das Jahr als ein Gnadenjahr zu sehen oder nicht.
Und die Zukunft: wir wissen genau, dass vieles morgen wieder genauso ist, wie am 29. Dezember oder am 30 Juli des vergangenen Jahres. Die Menschheit ändert sich nicht einfach auf einen Schlag, nur weil wir in den Gottesdiensten des Neujahrstages vom Gnadenjahr hören.
Ich denke, daran wird deutlich, dass wir das Heute der Worte Jesu nicht einfach auf unsere geschichtlichen Ereignisse übertragen können, weder auf die Ereignisse der großen Geschichte, noch auf die Ereignisse unserer kleinen Lebenswelt, die oft ganz anders aussieht als die der großen Politik. Das Gnadenjahr des Herrn, das Jesus als erfüllt beschreibt, muss etwas anderes sein, wenn denn dieses Wort wahr ist, und ich vertraue darauf, dass es wahr ist.
Ich denke, so wie wir bisher über das Gnadenjahr nachgedacht haben, so ging es auch den Zuhörern Jesu, als sie mit den Augen geschaut haben. Jesus, ein Mensch unter uns auf gewachsen, er kann nicht vom Herrn gesalbt sein. Und auch die Ereignisse der Weltgeschichte, wie sie uns in der Tagesschau berichtet werden, sie können nicht das Gnadenjahr zeigen. Die Menschen damals und wir heute suchen mit den Augen, suchen nach Anhaltspunkten für das Gnadenjahr und doch finden wir eigentlich nur Gegenargumente.
Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt in euren Ohren, sagt Jesus. In euren Ohren, nicht in euren Augen. Die Wirklichkeit des Gnadenjahres des Herrn erfüllt sich nicht vor unseren Augen, so dass wir eindeutig sagen können, das ist es. Die Fülle der Gnade empfangen wir nicht durch unsere Augen, aber in unseren Ohren, im Wort, das Gott zu uns redet, darin liegt das Gnadenjahr des Herrn. Im Heute des Hörens, im Heute des Glaubens an diese Botschaft, im Heute des Vertrauens, dass diese Worte gültig sind, dass Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen Gottes ist, darin liegt das Gnadenjahr des Herrn beschlossen. Darin erfahren wir für uns die Gnadenzeit des Herrn.
Das Gnadenjahr des Herrn, das sind nicht 365 Tage unseres Lebens, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, das Gnadenjahr des Herrn das ist nichts anderes, als dass ich mein Leben nicht allein von den gemachten Lebenserfahrungen leiten lasse, sondern davon, dass ich mein Leben von Jesus Christus bestimmen lasse, der den Armen verkündigt hat, dass sie selig sind; der den innerlich Gefangenen Freiheit gebracht hat; der Blinden neues Sehen geschenkt hat, der die Zerbrochenen an Leib und Seele wieder aufgerichtet hat. Darin sehe ich Gnade, Gnade, die auch mir gilt, wenn ich arm, gefangen, blind oder zerschlagen bin. Darin sehe ich Gnade, wenn ich getragen durch ihn, mit dazu beitragen kann, Armen, Gefangenen, Blinden und Zerschlagenen dies im kleinen Bereich weiterzugeben, auch wenn es gegen alle Erfahrung und Weltgedanken ist. Die Zeit des Heute, die Zeit der Gnade ist jeden Tag, jeden Tag neu. Das war so im alten Jahr und das wird so im neuen Jahr sein. Dies zu erfahren, brauchen wir aber keine Jahresrückblicke und keine Vorschauen, dazu brauchen wir einzig und allein offene Ohren, Ohren, die bereit sind, sich auf diese Botschaft einzulassen.
So ist dieses Evangelium des heuten Neujahrstages auch ganz dicht dran an der Jahreslosung, die uns in diesem Jahr begleiten soll: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an. Auch hier wird uns sehr deutlich vor Augen gestellt, dass die Sicht der Welt mit unseren Augen nur eine beschränkte Sicht der Welt ist. Es ist unsere menschliche Sicht der Welt, die, die aus unseren Möglichkeiten resultiert. Nur sieht man damit nicht alles, können wir nicht all das wahrnehmen, was eben noch zu dieser Welt gehört oder was diese Sicht auch in Frage stellt. Das Gnadenjahr zu entdecken, dazu braucht es eben mehr als unsere Augen, dazu braucht es unsere Ohren und unser Herz, um dann auch entsprechend mit dem umzugehen, was da in uns eindringt. Es ist eine Gnade, wenn man Menschen mit dem Herzen ansehen kann, so wie Jesus das getan hat und es uns als Vorbild hingestellt hat.
Es ist eine Gnade, wenn wir nicht in den Äußerlichkeiten des Lebens stecken bleiben, sondern einander mit den Augen Gottes, mit den Augen des Herzens anschauen. Dadurch würde sich vieles verändern in dieser Welt. Da würde das Wort Gnade wieder eine größere Bedeutung gewinnen. Denn es ginge dann nicht mehr um die Erfüllung äußerer Vorstellungen, die wir dem anderen gegenüber haben, sondern es ginge darum, dass wir einander als solche ansehen, wie wir von Gott gemeint und gewollt sind. Wie viele Kriege, aber auch wie viele alltägliche, ganz menschliche Auseinandersetzungen beruhen darauf, dass wir nur das Äußere sehen oder nur bestimmte äußere Vorrausetzungen erfüllen sollen. Da wird gedacht in äußerlichen Kategorien: die Israelis, die Araber, die Moslems, die Amis, der Stänkerer, der Trunkenbold, der Quertreiber und was wir noch alles an äußeren Merkmalen finden, um ein bestimmtes Handeln zu rechtfertigen. Der Mensch, das menschliche geht dabei unter. Dabei geht es doch gerade darum, Gnade walten zu lassen und das heißt eben, das wirklich Menschliche zu sehen. Und das ist die große Kunst des menschlichen Lebens.
Obwohl das im Grunde eine ganz merkwürdige Formulierung ist: den Menschen zu sehen, ist die große Kunst des menschlichen Lebens. Eigentlich müsste dies doch etwas ganz normales, etwas ganz natürliches sein. Und doch wissen wir, dass es das nicht ist, dass der Mensch oft genug nur seine eigenen Bedürfnisse sieht und befriedigt. Darum ist es gut, dass wir immer wieder von einer anderen Sichtweise hören, die uns hilft, den Blick zu wenden und einen anderen, einen größeren Horizont in den Blick zu nehmen. Es ist der Blick Gottes, der eben nicht nur das Äußere sieht, dasjenige, was dem Einzelnen Vorteil verschafft, sondern der das Innere des Menschen ansieht und das Ganze im Blick hat. Gnadenjahr des Herrn, das ist eben auch, diesen Blick ins eigene Leben einzubeziehen, ihn lebendig zu halten in dem, was uns täglich begegnet. Und das heißt, aus dem Hören auf Gottes Wort zu leben, es heißt, aus dem Glauben heraus zu leben. Das Gnadenjahr des Herrn erkennen, es im eigenen Leben umzusetzen, das heißt, dem Wort Gottes etwas zuzutrauen, den Glauben zu einem lebensbestimmenden Element zu machen, für einen selber aber vor allem für andere. Das führt dann zu dem, was Jesus angefangen hat und worin wir seine Gnade weitergeben: so wird den Armen, den am Rande stehenden ihre Bedeutung zurückgegeben als Menschen, die von Gott angenommen sind. Es wird ihnen Evangelium zuteil. Die in sich und ihren so äußerlichen Gedanken gefangenen werden frei, die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu verändern. Die Blinden, die für andere Blinden werden sehend, wo sie nicht nur auf sich selber fixiert sind, sondern andere ins Leben einbeziehen. Die Zerschlagenen, die Niedergeschlagenen werden frei davon, dass sie von sich selber als von Gott Verlassene sehen, sondern sie werden erkennen, dass Gott gerade in diesen Lebenssituationen präsent ist und Zuwendung schenkt.
Es ist eine Botschaft, die wir hören. Wir hören vieles in unseren Leben, hören vieles an jedem Tag. Welchen Worten wollen wir in diesem Jahr Glauben schenken, welchen Worten wollen wir unser Leben und das Leben anderer anvertrauen? Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 61, 1,2,4,6
Psalm 8 EG 705
Eingangsliturgie - Gebet:
Jesus Christus. Wo du bist, da ist Vertrauen und Hoffnung. So wollen wir mit dir dieses neue Jahr beginnen, es vertrauensvoll aus deiner Hand annehmen. Mögen wir deine Nähe spüren in dem, was uns an Freud und Leid begegnet.
Lass es zu einem Gnadenjahr werden, in dem wir von deiner Güte leben und sie weitergeben. Gib uns dazu offene Ohren und weite Herzen.
Das bitten wir dich, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst über alle Zeiten hinweg von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
(nach: EGb S. 267)
Lesung: Jak 4, 13-15
Lied 352, 1-4
Lesung: Lk 4,16-21
Glaubensbekenntnis
Lied 64,1-3
Predigt
Lied 64, 4-6
Abendmahlsfeier
Am Anfang des neuen Jahres kommen wir zusammen, wollen uns stärken lassen durch Gottes Wort und sein Sakrament. In Brot und Kelch kommt er uns nahe, zeigt uns, wie sehr er für uns da ist, er stärkt uns Leib und Seele.
Gott, dafür danken wir dir, dass du uns in dieser Welt dein Geleit schenkst. In deinem Sohn erkennen wir, wie wir leben können, in ihm haben wir einen Bruder an der Seite, der uns vollkommen zugewandt ist und von dem wir alle Hilfe im Leben erwarten dürfen. Dankbar schauen wir auf ihn, wenn wir unseren Weg in dieses neue Jahr gehen. Wir vertrauen darauf, dass wir uns durch ihn bei dir geborgen wissen dürfen. Darum loben und preisen wir dich als Gott, der uns nicht alleine lässt.
331, 1+2: Großer Gott wir loben dich
Einsetzungsworte
189
Ja, komm, Herr, Jesus, sei du unser Gast, segne, was du uns gegeben hast. Berühre uns, bewege uns, begleite uns durch deinen schöpferischen Geist. Lass durch dich eine Gemeinschaft entstehen, die das Menschliche im Mittelpunkt des Lebens stellt.
Vaterunser - Einladung
Lied: 65, 1-4

Abkündigungen - Fürbittengebet
Gott, du Licht der Welt, lass dein Licht auch im neuen Jahr in unserem Leben aufgehen. Zeige uns, wo wir dich finden können, wo du uns nahe kommst. Lass dich hören in den vielen Stimmen unseres Leben.
Lass dein Licht in unser Leben scheinen, damit wir uns selbst annehmen können, so wie wir du uns annimmst, und dann auch unsere Mitmenschen.
So bitten wir dich auch für das, was uns am Herzen liegt:
für das, was uns in diesen Tagen beschäftigt hat,
für die Menschen, die uns nahe stehen
und auch für die, mit denen wir es nicht leicht haben.
Lass uns die Menschen sehen, die unsere Hilfe brauchen.
Wir bitten dich für diejenigen,
die Dunkelheit in ihrem Leben erfahren,
für die Einsamen und Kranken,
für die Enttäuschten und Verbitterten,
für alle, die sich selbst im Wege stehen
und ihre Hoffnungen begraben haben:
schenke ihnen neue Zuversicht.
Gott, dein Licht will sich ausbreiten, lass es auch unter uns hell werden an jedem Tag dieses neuen Jahres.
nach Andrea Knoche in: Feministische Predigtreihe, hrsg. von Sabine Bäuerle und Elisabeth Müller, Frankfurt/Berlin 1996-1997, S. 74
Segen
163

 

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Die Predigt wurde gehalten in
Gustedt
Neujahr 2002
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