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Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde!
Es war vermutlich ein ganz normaler Gottesdienst, in den Jesus am Sabbat
nach seiner Gewohnheit gegangen war, so wie wir am Sonntag oder jetzt
zum Jahreswechsel zum Gottesdienst gehen. Es war auch ganz normal, dass
jemand gebeten wurde aus den Heiligen Schriften zu lesen, niemand dachte
sich etwas dabei, dass Jesus die Buchrolle in die Hand nahm. Und auch
der Text, den er gelesen hatte. Nichts besonderes war daran: eine alte
Verheißung eines von Gott gesalbten Menschen, der gute Botschaft bringt,
ein Gnadenjahr des Herrn verkündigt. Gute Worte in einer Zeit in der
gute Worte fehlen. Hoffnungen, auf die man sich ausrichten kann, wo es
wenig zu hoffen gibt. Für manchen aber auch Worte, die wie viele Worte
der Heiligen Schrift zwar gehört, doch dann auch gleich wieder beiseite
gelegt werden. Nichts besonderes also, damals wie heute.
Und doch war etwas anders. Denn diese Worte: der Geist des Herrn ist auf
mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen;
er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein
sollen; und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen,
dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des
Herrn; diese Worte hatten bei ihm einen besonderen Klang, denn, so wird
uns in der Bibel erzählt, alle Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Hier
war nicht nur Bibellese geschehen, hier hatte das ICH des Textes schon
ein lebendiges Gesicht bekommen, unmerklich nach außen hin, aber in den
Ohren der Zuhörer hat sich schon etwas ereignet, was nun die Augen zum
Ausdruck bringen. Alle schauen auf ihn. Und dann spricht Jesus das
erlösende und gleichzeitig auch erregende Wort: Heute ist dieses Wort
der Schrift erfüllt in euren Ohren.
Ein kurzer Satz, 10 Worte Predigt, und doch ein alles verändernder Satz.
Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt in euren Ohren. Diese Worte
fanden Bewunderung und Ablehnung, Glaube und Unglaube riefen sie hervor.
Ja es wird uns auch noch weiter erzählt, dass Stimmen laut wurden, die
sagten, dass dies doch Jesus der Sohn des Joseph sei, der in ihrer Mitte
auf gewachsen ist. Und der maßt sich solche Reden an? Und die
Bewunderung schlug in Zorn um, man wollte Jesus einen Abhang
hinunterstürzen. "Aber er ging mitten durch sie hindurch." heißt es am
Schluss der Erzählung.
Jesus ist mit dem Heiligen Geist begabt worden. Von Anfang an, so
erzählt es ja auch schon Weihnachten, ist Jesus aufs engste verbunden
mit Gott. Sein Auftrag ist es, ein Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen.
Und "heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren". Was ist
das für ein Heute? Wir haben nicht dabei sein können, aber auch schon
Lukas hat nicht dabei sein können und doch war ihm diese Geschichte
wichtig. Heute, das war für ihn keine Zeitangabe des Jahres 30 nach Jesu
Geburt, Heute, das war für ihn das Jetzt der Begegnung mit Jesus. Mit
ihm, so wollte er deutlich machen, hat Gottes Gnadenjahr, hat Gottes
Gnadenzeit angefangen.
Wie sehen wir dieses Heute der Worte Jesu zum Jahreswechsel von 2002 auf
2003? Wie haben wir dieses Heute zu verstehen, wo unsere Gedanken zum
Jahreswechsel zurück und nach vorne gehen?
Das Jahr 2002 als Gnadenjahr zu bezeichnen, wäre wohl etwas vermessen.
Die großen Ereignisse des Jahres sind nicht dazu angetan, das vergangene
Jahr so zu betiteln Und was die privaten Ereignisse angeht, liegt es
wohl im Auge des Betrachters, das Jahr als ein Gnadenjahr zu sehen oder
nicht.
Und die Zukunft: wir wissen genau, dass vieles morgen wieder genauso
ist, wie am 29. Dezember oder am 30 Juli des vergangenen Jahres. Die
Menschheit ändert sich nicht einfach auf einen Schlag, nur weil wir in
den Gottesdiensten des Neujahrstages vom Gnadenjahr hören.
Ich denke, daran wird deutlich, dass wir das Heute der Worte Jesu nicht
einfach auf unsere geschichtlichen Ereignisse übertragen können, weder
auf die Ereignisse der großen Geschichte, noch auf die Ereignisse
unserer kleinen Lebenswelt, die oft ganz anders aussieht als die der
großen Politik. Das Gnadenjahr des Herrn, das Jesus als erfüllt
beschreibt, muss etwas anderes sein, wenn denn dieses Wort wahr ist, und
ich vertraue darauf, dass es wahr ist.
Ich denke, so wie wir bisher über das Gnadenjahr nachgedacht haben, so
ging es auch den Zuhörern Jesu, als sie mit den Augen geschaut haben.
Jesus, ein Mensch unter uns auf gewachsen, er kann nicht vom Herrn
gesalbt sein. Und auch die Ereignisse der Weltgeschichte, wie sie uns in
der Tagesschau berichtet werden, sie können nicht das Gnadenjahr zeigen.
Die Menschen damals und wir heute suchen mit den Augen, suchen nach
Anhaltspunkten für das Gnadenjahr und doch finden wir eigentlich nur
Gegenargumente.
Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt in euren Ohren, sagt Jesus. In
euren Ohren, nicht in euren Augen. Die Wirklichkeit des Gnadenjahres des
Herrn erfüllt sich nicht vor unseren Augen, so dass wir eindeutig sagen
können, das ist es. Die Fülle der Gnade empfangen wir nicht durch unsere
Augen, aber in unseren Ohren, im Wort, das Gott zu uns redet, darin
liegt das Gnadenjahr des Herrn. Im Heute des Hörens, im Heute des
Glaubens an diese Botschaft, im Heute des Vertrauens, dass diese Worte
gültig sind, dass Jesus Christus die Erfüllung der Verheißungen Gottes
ist, darin liegt das Gnadenjahr des Herrn beschlossen. Darin erfahren
wir für uns die Gnadenzeit des Herrn.
Das Gnadenjahr des Herrn, das sind nicht 365 Tage unseres Lebens, vom 1.
Januar bis zum 31. Dezember, das Gnadenjahr des Herrn das ist nichts
anderes, als dass ich mein Leben nicht allein von den gemachten
Lebenserfahrungen leiten lasse, sondern davon, dass ich mein Leben von
Jesus Christus bestimmen lasse, der den Armen verkündigt hat, dass sie
selig sind; der den innerlich Gefangenen Freiheit gebracht hat; der
Blinden neues Sehen geschenkt hat, der die Zerbrochenen an Leib und
Seele wieder aufgerichtet hat. Darin sehe ich Gnade, Gnade, die auch mir
gilt, wenn ich arm, gefangen, blind oder zerschlagen bin. Darin sehe ich
Gnade, wenn ich getragen durch ihn, mit dazu beitragen kann, Armen,
Gefangenen, Blinden und Zerschlagenen dies im kleinen Bereich
weiterzugeben, auch wenn es gegen alle Erfahrung und Weltgedanken ist.
Die Zeit des Heute, die Zeit der Gnade ist jeden Tag, jeden Tag neu. Das
war so im alten Jahr und das wird so im neuen Jahr sein. Dies zu
erfahren, brauchen wir aber keine Jahresrückblicke und keine Vorschauen,
dazu brauchen wir einzig und allein offene Ohren, Ohren, die bereit
sind, sich auf diese Botschaft einzulassen.
So ist dieses Evangelium des heuten Neujahrstages auch ganz dicht dran
an der Jahreslosung, die uns in diesem Jahr begleiten soll: Der Mensch
sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an. Auch hier
wird uns sehr deutlich vor Augen gestellt, dass die Sicht der Welt mit
unseren Augen nur eine beschränkte Sicht der Welt ist. Es ist unsere
menschliche Sicht der Welt, die, die aus unseren Möglichkeiten
resultiert. Nur sieht man damit nicht alles, können wir nicht all das
wahrnehmen, was eben noch zu dieser Welt gehört oder was diese Sicht
auch in Frage stellt. Das Gnadenjahr zu entdecken, dazu braucht es eben
mehr als unsere Augen, dazu braucht es unsere Ohren und unser Herz, um
dann auch entsprechend mit dem umzugehen, was da in uns eindringt. Es
ist eine Gnade, wenn man Menschen mit dem Herzen ansehen kann, so wie
Jesus das getan hat und es uns als Vorbild hingestellt hat.
Es ist eine Gnade, wenn wir nicht in den Äußerlichkeiten des Lebens
stecken bleiben, sondern einander mit den Augen Gottes, mit den Augen
des Herzens anschauen. Dadurch würde sich vieles verändern in dieser
Welt. Da würde das Wort Gnade wieder eine größere Bedeutung gewinnen.
Denn es ginge dann nicht mehr um die Erfüllung äußerer Vorstellungen,
die wir dem anderen gegenüber haben, sondern es ginge darum, dass wir
einander als solche ansehen, wie wir von Gott gemeint und gewollt sind.
Wie viele Kriege, aber auch wie viele alltägliche, ganz menschliche
Auseinandersetzungen beruhen darauf, dass wir nur das Äußere sehen oder
nur bestimmte äußere Vorrausetzungen erfüllen sollen. Da wird gedacht in
äußerlichen Kategorien: die Israelis, die Araber, die Moslems, die Amis,
der Stänkerer, der Trunkenbold, der Quertreiber und was wir noch alles
an äußeren Merkmalen finden, um ein bestimmtes Handeln zu rechtfertigen.
Der Mensch, das menschliche geht dabei unter. Dabei geht es doch gerade
darum, Gnade walten zu lassen und das heißt eben, das wirklich
Menschliche zu sehen. Und das ist die große Kunst des menschlichen
Lebens.
Obwohl das im Grunde eine ganz merkwürdige Formulierung ist: den
Menschen zu sehen, ist die große Kunst des menschlichen Lebens.
Eigentlich müsste dies doch etwas ganz normales, etwas ganz natürliches
sein. Und doch wissen wir, dass es das nicht ist, dass der Mensch oft
genug nur seine eigenen Bedürfnisse sieht und befriedigt. Darum ist es
gut, dass wir immer wieder von einer anderen Sichtweise hören, die uns
hilft, den Blick zu wenden und einen anderen, einen größeren Horizont in
den Blick zu nehmen. Es ist der Blick Gottes, der eben nicht nur das
Äußere sieht, dasjenige, was dem Einzelnen Vorteil verschafft, sondern
der das Innere des Menschen ansieht und das Ganze im Blick hat.
Gnadenjahr des Herrn, das ist eben auch, diesen Blick ins eigene Leben
einzubeziehen, ihn lebendig zu halten in dem, was uns täglich begegnet.
Und das heißt, aus dem Hören auf Gottes Wort zu leben, es heißt, aus dem
Glauben heraus zu leben. Das Gnadenjahr des Herrn erkennen, es im
eigenen Leben umzusetzen, das heißt, dem Wort Gottes etwas zuzutrauen,
den Glauben zu einem lebensbestimmenden Element zu machen, für einen
selber aber vor allem für andere. Das führt dann zu dem, was Jesus
angefangen hat und worin wir seine Gnade weitergeben: so wird den Armen,
den am Rande stehenden ihre Bedeutung zurückgegeben als Menschen, die
von Gott angenommen sind. Es wird ihnen Evangelium zuteil. Die in sich
und ihren so äußerlichen Gedanken gefangenen werden frei, die Welt mit
anderen Augen zu sehen und zu verändern. Die Blinden, die für andere
Blinden werden sehend, wo sie nicht nur auf sich selber fixiert sind,
sondern andere ins Leben einbeziehen. Die Zerschlagenen, die
Niedergeschlagenen werden frei davon, dass sie von sich selber als von
Gott Verlassene sehen, sondern sie werden erkennen, dass Gott gerade in
diesen Lebenssituationen präsent ist und Zuwendung schenkt.
Es ist eine Botschaft, die wir hören. Wir hören vieles in unseren Leben,
hören vieles an jedem Tag. Welchen Worten wollen wir in diesem Jahr
Glauben schenken, welchen Worten wollen wir unser Leben und das Leben
anderer anvertrauen?
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 61, 1,2,4,6
Psalm 8 EG 705
Eingangsliturgie - Gebet:
Jesus Christus. Wo du bist, da ist Vertrauen und Hoffnung. So wollen wir
mit dir dieses neue Jahr beginnen, es vertrauensvoll aus deiner Hand
annehmen. Mögen wir deine Nähe spüren in dem, was uns an Freud und Leid
begegnet.
Lass es zu einem Gnadenjahr werden, in dem wir von deiner Güte leben und
sie weitergeben. Gib uns dazu offene Ohren und weite Herzen.
Das bitten wir dich, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst
und herrschst über alle Zeiten hinweg von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
(nach: EGb S. 267)
Lesung: Jak 4, 13-15
Lied 352, 1-4
Lesung: Lk 4,16-21
Glaubensbekenntnis
Lied 64,1-3
Predigt
Lied 64, 4-6
Abendmahlsfeier
Am Anfang des neuen Jahres kommen wir zusammen, wollen uns stärken
lassen durch Gottes Wort und sein Sakrament. In Brot und Kelch kommt er
uns nahe, zeigt uns, wie sehr er für uns da ist, er stärkt uns Leib und
Seele.
Gott, dafür danken wir dir, dass du uns in dieser Welt dein Geleit
schenkst. In deinem Sohn erkennen wir, wie wir leben können, in ihm
haben wir einen Bruder an der Seite, der uns vollkommen zugewandt ist
und von dem wir alle Hilfe im Leben erwarten dürfen. Dankbar schauen wir
auf ihn, wenn wir unseren Weg in dieses neue Jahr gehen. Wir vertrauen
darauf, dass wir uns durch ihn bei dir geborgen wissen dürfen. Darum
loben und preisen wir dich als Gott, der uns nicht alleine lässt.
331, 1+2: Großer Gott wir loben dich
Einsetzungsworte
189
Ja, komm, Herr, Jesus, sei du unser Gast, segne, was du uns gegeben
hast. Berühre uns, bewege uns, begleite uns durch deinen schöpferischen
Geist. Lass durch dich eine Gemeinschaft entstehen, die das Menschliche
im Mittelpunkt des Lebens stellt.
Vaterunser - Einladung
Lied: 65, 1-4
Abkündigungen - Fürbittengebet
Gott, du Licht der Welt, lass dein Licht auch im neuen Jahr in unserem
Leben aufgehen. Zeige uns, wo wir dich finden können, wo du uns nahe
kommst. Lass dich hören in den vielen Stimmen unseres Leben.
Lass dein Licht in unser Leben scheinen, damit wir uns selbst annehmen
können, so wie wir du uns annimmst, und dann auch unsere Mitmenschen.
So bitten wir dich auch für das, was uns am Herzen liegt:
für das, was uns in diesen Tagen beschäftigt hat,
für die Menschen, die uns nahe stehen
und auch für die, mit denen wir es nicht leicht haben.
Lass uns die Menschen sehen, die unsere Hilfe brauchen.
Wir bitten dich für diejenigen,
die Dunkelheit in ihrem Leben erfahren,
für die Einsamen und Kranken,
für die Enttäuschten und Verbitterten,
für alle, die sich selbst im Wege stehen
und ihre Hoffnungen begraben haben:
schenke ihnen neue Zuversicht.
Gott, dein Licht will sich ausbreiten, lass es auch unter uns hell
werden an jedem Tag dieses neuen Jahres.
nach Andrea Knoche in: Feministische Predigtreihe, hrsg.
von Sabine Bäuerle und Elisabeth Müller, Frankfurt/Berlin 1996-1997, S.
74
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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