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Lk 2, 41-52

Diese Predigt wurde veröffentlicht in:
Die Lesepredigt - Nr. 11 - Reihe 1
www.gtvh.de

Der Evangelist Lukas ist kein moderner Historiker. Er erzählt die Geschichten von der Kindheit Jesu aus dem Blickwinkel des Glaubens. Lukas war es wichtig, darzustellen, dass Jesus nicht erst als Erwachsener der Sohn Gottes war, sondern dass sein Leben von Anfang an in dieser einzigartigen Verbundenheit mit Gott stand. Verpackt wird diese Glaubensaussage in eine ganz alltägliche Geschichte. Lukas schildert eine Glaubensgeschichte, in der es um Beziehungen geht, um die Auseinandersetzung von Eltern und Kindern, die auch auf andere Beziehungen übertragbar ist. Unter diesem Aspekt soll die Geschichte vom 12-jährigen Jesus heute einmal betrachtet werden.
I. Die Familie begibt sich auf eine Pilgerreise nach Jerusalem, um das Passahfest mit zu feiern. Jesus - 12 Jahre alt - steht kurz davor als selbstständiger Erwachsener angesehen zu werden. Was dort auf dem Fest geschah, wird nicht erzählt. Dann tritt die Familie den Rückweg an. Viele tausend Menschen sind da auf dem Weg. Jesus wird wohl irgendwo bei seinen Freunden sein, so meinen die Eltern. Erst am Abend bemerken sie, dass er nicht da ist. Sie gehen zurück nach Jerusalem. Stellen Sie sich mal vor, welchen Gedanken die Eltern auf diesem Weg umgetrieben haben. Den ganzen Tag die Sorge um ihn - und die Fantasie treibt schnell Blüten. Wenn Sie schon einmal ein Kind in einer großen Menschenmenge verloren haben, wissen Sie, was da in einem vorgeht.
Am nächsten Tag finden die Eltern ihren Jesus nach langem Suchen in der großen Stadt ganz selbstverständlich im Tempel sitzen. Inmitten der Runde der Gelehrten hört er ihnen zu und sucht mit seinen Fragen das Gespräch mit ihnen.
Die Eltern sind wie vor den Kopf gestoßen! Sie verstehen ihren Sohn überhaupt nicht mehr. Wie kann er ihnen so etwas antun?! Und seine Antwort, dass er dort sein muss, wo sein "wahrer Vater" ist, verstehen sie erst recht nicht. "Er gehört doch zu uns, das ist doch wohl klar!" hört man sie sagen.
Diesmal zieht er noch mit ihnen zurück nach Nazareth.

II. Eine Alltagsgeschichte mit weit reichender Bedeutung.
Eltern gaben damals und geben heute ihren Kindern die eigenen Lebensgedanken mit auf den Weg. Unsere Einstellungen, unsere inneren Werte, das, was wir für gut und richtig erachten, das geben wir unseren Kindern weiter. Jeder von uns, der Kinder hat, hat dies getan oder tut es noch. Und das ist auch gut so, dass wir das tun - auch wenn die Kinder sich nicht gerne daran halten. Wir tun das, damit sich unsere Kinder an dem, was uns in unserer jeweiligen Kultur vorgegeben wird, orientieren können und sie daraus ihr eigenes Leben gestalten.
Nun wissen wir alle, dass eigene Lebensgestaltung auch begleitet ist von der Infragestellung dieser vorgegebenen Lebenserfahrungen der "Alten". Das "Nein!" der Kinder und Jugendlichen stellt es uns sehr früh vor Augen. Besonders natürlich in der Pubertät, in der Jesus in unserer Erzählung auch war. In dieser Zeit - sie erinnern sich sicher - erleben sich die Jugendlichen zunehmend als eigenständig und bringen dies lautstark zum Ausdruck. Alles wird in Frage gestellt. Heftigste Gespräche in der Familie, der Schule und anderswo finden statt. Aber nur in dieser Auseinandersetzung entwickeln sich die eigenen Lebensgedanken.
Das ist leicht gesagt so. Wer pubertierende Kinder begleitet - oder wie eine Mutter mal gesagt hat: "in ihrem Haus erdulden muss" - weiß, dass dieser Prozess ein ungeheuer hartes und nervenaufreibendes Unterfangen ist, wenn die innige Eltern-Kind-Beziehung aufgebrochen wird. Ärger, Streit, Wut, bis hin zu zerschmissenen Türen und Verzweifelungen auf beiden Seiten begleiten diesen so bedeutsamen Lebensabschnitt.
Auch Jesus entfernt sich von seinen Eltern. Er sucht sich andere Menschen, die ihm vom Leben erzählen, die ihm ihre Lebensgedanken und -erfahrungen weitergeben. Die Eltern möchten Jesus in ihrem eigenen Lebenskreis behalten, doch sie müssen schmerzhaft erkennen, dass sie an ihre Grenzen stoßen.
Direkt vor der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus wird von seiner Beschneidung erzählt, also dem jüdischen Zeichen der Verbindung mit Gott. Wir Christen haben dafür das Zeichen der Taufe. In diesen Zeichen wird uns vor Augen geführt, dass Menschen nicht uns gehören, sondern dass sie Gott gehören. Im Blick auf Kinder heißt das: In aller Abhängigkeit, in der Kinder auf uns angewiesen sind, steht jedoch über ihrem Leben: du gehörst zu Gott. Maria und Joseph bekommen dies von Jesus sehr deutlich gesagt: "Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"
Hinter diesem Satz steckt gewiss die theologische Aussage, dass Jesus als Sohn Gottes anzusehen ist. Aber er hat auch Bedeutung für uns, die wir mit anderen Menschen eng zusammen leben. Der Andere gehört nicht uns, sondern Gott und darin sich selber. In Beziehungen leben heißt deshalb auch: wir müssen Loslassen können.
III. "Ich muss sein in dem, was meines Vater ist," dieser Satz ist nicht beschränkt auf den Tempel, von dem Lukas hier redet. Die Bedeutung dieses Gedankens reicht viel weiter. Gott will, dass wir unser Leben als selbstständige Menschen meistern, die in eigener Verantwortung vor Gott ihr Leben gestalten. Und so wird der Weg in die Selbstständigkeit und der damit verbundene Loslösungsprozess auch und nicht zuletzt zu einem bedeutenden geistlichen Geschehen.
Kinder sind uns nur anvertraut. Wir müssen sie ihre eigenen Wege gehen lassen. Sie dürfen nicht nur an uns gebunden leben, sondern sie müssen gestärkt durch das, was wir ihnen vorgelebt und mitgegeben haben, ihren ureigenen Weg finden. Und sie finden ihn in der Auseinandersetzung mit jenen, mit denen sie ganz eng zusammenleben, aber auch mit denen, die weiter weg sind, die andere Gedanken hegen, die dann auch hineinführen in ganz andere Gedankenwelten und damit in die Fülle des Lebens vor Gott.
Der heranwachsende Jesus saß unter den Lehrern, hörte zu und fragte. Im Hören und Fragen, also in der geistigen Auseinandersetzung mit den Gedanken der Welt entwickeln wir Menschen uns zu selbstständigen Wesen, die ihr Leben eigenständig gestalten und verantworten können. Dafür gilt es Raum zu schaffen, dazu müssen wir loslassen lernen. Und das nicht nur bei den Kindern, die wir ins Leben begleiten, sondern bei allen Menschen, mit denen wir eng verbunden sind. Das gilt für Partnerschaften und für Freundschaften nämlich genauso. Jeder und jede ist ein eigenständiges Wesen vor Gott, dem ein eigenständiges Leben ermöglicht werden soll. Loslassen, an Grenzen stehen bleiben, zurückbleiben und den anderen ziehen lassen, ihn in seiner Selbstständigkeit auch ohne uns zu lassen, das ist ein schwieriger Weg, der viel Kraft kostet. Mit Maria und Joseph stehen wir oft hilflos davor, spüren die Schmerzen, die das bereitet, und das Nichtverstehen, das einen solchen Prozess begleitet.
IV. Wenn Jesus sagt: "Muss ich nicht sein, in dem was meines Vaters ist?" dann ist das nicht nur die schroffe Antwort des Pubertierenden der sich entfernt, sondern auch der deutliche Hinweis, dass Jesus sich in die Obhut des himmlischen Vaters begibt. "Ich muss doch sein, wo meine Wurzel, meine Bestimmung liegt!", so könnte man diesen Satz ja auch übertragen. Und damit weist Jesus uns darauf hin, dass er seinen Weg nicht alleine geht, sondern sich begleitet weiß von Gott, dem Urgrund des Lebens.
Unsere Probleme des Loslassen liegen manchmal eben auch daran, dass wir davon geprägt sind, dass wir unsere Kinder, unsere Partner und Freunde eben als MEIN Kind, MEIN Partner, MEIN Freund betrachten und von daher auch der Gedanke entsteht, dass nur wir etwas für ihn oder sie tun können. Trauen wir doch Gott zu, dass er die Führung des uns anvertrauten Menschen in seiner Hand hat! Er vermag doch letztlich auch viel besser zu führen und zu schützen, als wir das je könnten.
Jesus hat seinen Eltern geantwortet: "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" In diesem Wort liegen Trost und Zumutung. Jesus mutet seinen Eltern zu, ihn in sein eigenes Leben loszulassen. Er mutet ihnen Gottvertrauen zu, dass er seinen eigenen Weg als Kind Gottes gehen kann. Und er ermutigt sie zu der Hoffnung, dass Gott dieses Leben nicht alleine lässt.
Und genau diese Zumutung und diese Hoffnung ist unser Weg des Glaubens, wenn es darum geht, Menschen zu begleiten, geliebte Menschen loszulassen. Wo wir mit Gottvertrauen leben, der Kraft des Heiligen Geistes zutrauen, dass er seine Kinder führt und leitet, da gelingt es Veränderungen, Ablösungen, selbstständigen Entscheidungen anderer offen, frei und getrost gegenüber zu treten.
Das heißt gewiss nicht, dass wir jeden Veränderungsschritt, jede Form von Selbstständigkeit, jede Handlungsweise des anderen gutheißen müssen - gewiss nicht. Bedrohliche oder ins Unheil führende Wege müssen benannt werden und dem Gegenüber auch deutlich vor Augen gestellt werden. Wir lassen unsere Kinder ja auch nicht einfach so an der Steckdose spielen.
Doch was er oder sie tut, wie dieser eigenständige Weg sich entwickelt, das liegt letztlich nicht in unserer Macht. Am Beispiel Jesu macht die Bibel Mut, Gottvertrauen zu entwickeln, wenn wir stehen bleiben und loslassen müssen. Aus der göttlichen Kraft können wir Gelassenheit zum Loslassen gewinnen. Verbunden mit der Liebe Gottes können wir die eigenen Grenzen leichter anerkennen und finden sicher gute Wege, um das Leben unserer Lieben zu begleiten.
Der Satz "Ich muss sein, in dem, was meines Vater ist", kann uns trösten und helfen, unsere Loslass-Situationen mit Liebe und Gelassenheit zu meistern. Legen wir das Leben der anderen in Gottes Hände, vor allem auch durch unser Gebet, dann tun wir viel für die Menschen, die er uns anvertraut hat. Denn Gott lässt nicht los, er hält fest - an jedem Tag. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 443,1-4
Psalm 138, 2-5
Eingangsliturgie - Gebet:
Gott, unser Vater, du bist in der Heiligen Nacht Mensch geworden in dieser Welt. In Jesus Christus teilst du unser Leben und dafür danken wir dir. Hilf uns, dass wir an ihm erkennen, dass du unser zuhause bist, dass wir in deinen liebevollen Armen geborgen sind und auch die Menschen um uns bei dir geborgen wissen dürfen.
Das bitten wir durch unseren Bruder Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Lesung: 1. Joh 5, 11-13
Lied 72,1-3+5
Lesung: Lk 2, 41-52
Glaubensbekenntnis
Lied: 73,1-5
Predigt
Lied 369,1,2,6,7
Abkündigungen - Fürbittengebet:
Liebender Vater, liebevolle Mutter im Himmel!
Wir vertrauen darauf, dass du ein offenes Ohr für uns hast. Höre unsere Gebete an und handele nach deinem Willen.
Wir beten für die Kinder, die uns anvertraut sind: dass sie in einer guten Welt aufwachsen können, dass sie Vertrauen zu dir und ins Leben entwickeln. Hilf uns, dass wir das Unsere dazu tun. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für die Jugendlichen, die ihre eigenen Wege beginnen, dass sie frühzeitig erkennen, wann sie sich auf Irrwegen befinden. Lass sie in der Fülle der Angebote unserer Welt nicht untergehen, sondern führe sie auf deine guten Wege ins Lebens. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für alle Eltern, dass sie ihre Verantwortung in Liebe wahrnehmen und den Kindern Möglichkeiten und Grenzen des Lebens aufzeigen. Hilf ihnen, die eigenen Grenzen zu sehen und schenk ihnen die Gelassenheit ihre Sorgen in deine Hände zu legen. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für alle, die in großer Sorge um ihre Kinder sind, dass sie darin nicht untergehen, sondern aus deiner Kraft Hoffnung schöpfen. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für alle, deren Beruf es ist, Kinder und Jugendliche zu begleiten. Gib ihnen Fantasie, Mut und Liebe, um ihre Arbeit so zu tun, dass Freude und Hoffnung, Verantwortung und Spaß in den Kinder und Jugendlichen wachsen. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Gott, es ist gut, bei dir zu sein, das gibt Ruhe und Gelassenheit für die Aufgaben des Lebens. So bewahre uns in deiner Gemeinschaft und führe uns alle auf unseren so unterschiedlichen Wegen.
Segen - 44
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
 

2. So. nach Weihnachten
5.1.2003

Liturgischer
Ablauf
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