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Diese Predigt wurde veröffentlicht in:
Die Lesepredigt - Nr. 11 - Reihe 1
www.gtvh.de
Der Evangelist Lukas ist kein moderner Historiker. Er erzählt die
Geschichten von der Kindheit Jesu aus dem Blickwinkel des Glaubens.
Lukas war es wichtig, darzustellen, dass Jesus nicht erst als
Erwachsener der Sohn Gottes war, sondern dass sein Leben von Anfang an
in dieser einzigartigen Verbundenheit mit Gott stand. Verpackt wird
diese Glaubensaussage in eine ganz alltägliche Geschichte. Lukas
schildert eine Glaubensgeschichte, in der es um Beziehungen geht, um die
Auseinandersetzung von Eltern und Kindern, die auch auf andere
Beziehungen übertragbar ist. Unter diesem Aspekt soll die Geschichte vom
12-jährigen Jesus heute einmal betrachtet werden.
I. Die Familie begibt sich auf eine Pilgerreise nach Jerusalem, um das
Passahfest mit zu feiern. Jesus - 12 Jahre alt - steht kurz davor als
selbstständiger Erwachsener angesehen zu werden. Was dort auf dem Fest
geschah, wird nicht erzählt. Dann tritt die Familie den Rückweg an.
Viele tausend Menschen sind da auf dem Weg. Jesus wird wohl irgendwo bei
seinen Freunden sein, so meinen die Eltern. Erst am Abend bemerken sie,
dass er nicht da ist. Sie gehen zurück nach Jerusalem. Stellen Sie sich
mal vor, welchen Gedanken die Eltern auf diesem Weg umgetrieben haben.
Den ganzen Tag die Sorge um ihn - und die Fantasie treibt schnell
Blüten. Wenn Sie schon einmal ein Kind in einer großen Menschenmenge
verloren haben, wissen Sie, was da in einem vorgeht.
Am nächsten Tag finden die Eltern ihren Jesus nach langem Suchen in der
großen Stadt ganz selbstverständlich im Tempel sitzen. Inmitten der
Runde der Gelehrten hört er ihnen zu und sucht mit seinen Fragen das
Gespräch mit ihnen.
Die Eltern sind wie vor den Kopf gestoßen! Sie verstehen ihren Sohn
überhaupt nicht mehr. Wie kann er ihnen so etwas antun?! Und seine
Antwort, dass er dort sein muss, wo sein "wahrer Vater" ist, verstehen
sie erst recht nicht. "Er gehört doch zu uns, das ist doch wohl klar!"
hört man sie sagen.
Diesmal zieht er noch mit ihnen zurück nach Nazareth.
II. Eine Alltagsgeschichte mit weit reichender Bedeutung.
Eltern gaben damals und geben heute ihren Kindern die eigenen
Lebensgedanken mit auf den Weg. Unsere Einstellungen, unsere inneren
Werte, das, was wir für gut und richtig erachten, das geben wir unseren
Kindern weiter. Jeder von uns, der Kinder hat, hat dies getan oder tut
es noch. Und das ist auch gut so, dass wir das tun - auch wenn die
Kinder sich nicht gerne daran halten. Wir tun das, damit sich unsere
Kinder an dem, was uns in unserer jeweiligen Kultur vorgegeben wird,
orientieren können und sie daraus ihr eigenes Leben gestalten.
Nun wissen wir alle, dass eigene Lebensgestaltung auch begleitet ist von
der Infragestellung dieser vorgegebenen Lebenserfahrungen der "Alten".
Das "Nein!" der Kinder und Jugendlichen stellt es uns sehr früh vor
Augen. Besonders natürlich in der Pubertät, in der Jesus in unserer
Erzählung auch war. In dieser Zeit - sie erinnern sich sicher - erleben
sich die Jugendlichen zunehmend als eigenständig und bringen dies
lautstark zum Ausdruck. Alles wird in Frage gestellt. Heftigste
Gespräche in der Familie, der Schule und anderswo finden statt. Aber nur
in dieser Auseinandersetzung entwickeln sich die eigenen Lebensgedanken.
Das ist leicht gesagt so. Wer pubertierende Kinder begleitet - oder wie
eine Mutter mal gesagt hat: "in ihrem Haus erdulden muss" - weiß, dass
dieser Prozess ein ungeheuer hartes und nervenaufreibendes Unterfangen
ist, wenn die innige Eltern-Kind-Beziehung aufgebrochen wird. Ärger,
Streit, Wut, bis hin zu zerschmissenen Türen und Verzweifelungen auf
beiden Seiten begleiten diesen so bedeutsamen Lebensabschnitt.
Auch Jesus entfernt sich von seinen Eltern. Er sucht sich andere
Menschen, die ihm vom Leben erzählen, die ihm ihre Lebensgedanken und
-erfahrungen weitergeben. Die Eltern möchten Jesus in ihrem eigenen
Lebenskreis behalten, doch sie müssen schmerzhaft erkennen, dass sie an
ihre Grenzen stoßen.
Direkt vor der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus wird von seiner
Beschneidung erzählt, also dem jüdischen Zeichen der Verbindung mit
Gott. Wir Christen haben dafür das Zeichen der Taufe. In diesen Zeichen
wird uns vor Augen geführt, dass Menschen nicht uns gehören, sondern
dass sie Gott gehören. Im Blick auf Kinder heißt das: In aller
Abhängigkeit, in der Kinder auf uns angewiesen sind, steht jedoch über
ihrem Leben: du gehörst zu Gott. Maria und Joseph bekommen dies von
Jesus sehr deutlich gesagt: "Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem,
was meines Vaters ist?"
Hinter diesem Satz steckt gewiss die theologische Aussage, dass Jesus
als Sohn Gottes anzusehen ist. Aber er hat auch Bedeutung für uns, die
wir mit anderen Menschen eng zusammen leben. Der Andere gehört nicht
uns, sondern Gott und darin sich selber. In Beziehungen leben heißt
deshalb auch: wir müssen Loslassen können.
III. "Ich muss sein in dem, was meines Vater ist," dieser Satz ist nicht
beschränkt auf den Tempel, von dem Lukas hier redet. Die Bedeutung
dieses Gedankens reicht viel weiter. Gott will, dass wir unser Leben als
selbstständige Menschen meistern, die in eigener Verantwortung vor Gott
ihr Leben gestalten. Und so wird der Weg in die Selbstständigkeit und
der damit verbundene Loslösungsprozess auch und nicht zuletzt zu einem
bedeutenden geistlichen Geschehen.
Kinder sind uns nur anvertraut. Wir müssen sie ihre eigenen Wege gehen
lassen. Sie dürfen nicht nur an uns gebunden leben, sondern sie müssen
gestärkt durch das, was wir ihnen vorgelebt und mitgegeben haben, ihren
ureigenen Weg finden. Und sie finden ihn in der Auseinandersetzung mit
jenen, mit denen sie ganz eng zusammenleben, aber auch mit denen, die
weiter weg sind, die andere Gedanken hegen, die dann auch hineinführen
in ganz andere Gedankenwelten und damit in die Fülle des Lebens vor
Gott.
Der heranwachsende Jesus saß unter den Lehrern, hörte zu und fragte. Im
Hören und Fragen, also in der geistigen Auseinandersetzung mit den
Gedanken der Welt entwickeln wir Menschen uns zu selbstständigen Wesen,
die ihr Leben eigenständig gestalten und verantworten können. Dafür gilt
es Raum zu schaffen, dazu müssen wir loslassen lernen. Und das nicht nur
bei den Kindern, die wir ins Leben begleiten, sondern bei allen
Menschen, mit denen wir eng verbunden sind. Das gilt für Partnerschaften
und für Freundschaften nämlich genauso. Jeder und jede ist ein
eigenständiges Wesen vor Gott, dem ein eigenständiges Leben ermöglicht
werden soll. Loslassen, an Grenzen stehen bleiben, zurückbleiben und den
anderen ziehen lassen, ihn in seiner Selbstständigkeit auch ohne uns zu
lassen, das ist ein schwieriger Weg, der viel Kraft kostet. Mit Maria
und Joseph stehen wir oft hilflos davor, spüren die Schmerzen, die das
bereitet, und das Nichtverstehen, das einen solchen Prozess begleitet.
IV. Wenn Jesus sagt: "Muss ich nicht sein, in dem was meines Vaters
ist?" dann ist das nicht nur die schroffe Antwort des Pubertierenden der
sich entfernt, sondern auch der deutliche Hinweis, dass Jesus sich in
die Obhut des himmlischen Vaters begibt. "Ich muss doch sein, wo meine
Wurzel, meine Bestimmung liegt!", so könnte man diesen Satz ja auch
übertragen. Und damit weist Jesus uns darauf hin, dass er seinen Weg
nicht alleine geht, sondern sich begleitet weiß von Gott, dem Urgrund
des Lebens.
Unsere Probleme des Loslassen liegen manchmal eben auch daran, dass wir
davon geprägt sind, dass wir unsere Kinder, unsere Partner und Freunde
eben als MEIN Kind, MEIN Partner, MEIN Freund betrachten und von daher
auch der Gedanke entsteht, dass nur wir etwas für ihn oder sie tun
können. Trauen wir doch Gott zu, dass er die Führung des uns
anvertrauten Menschen in seiner Hand hat! Er vermag doch letztlich auch
viel besser zu führen und zu schützen, als wir das je könnten.
Jesus hat seinen Eltern geantwortet: "Warum habt ihr mich gesucht?
Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?"
In diesem Wort liegen Trost und Zumutung. Jesus mutet seinen Eltern zu,
ihn in sein eigenes Leben loszulassen. Er mutet ihnen Gottvertrauen zu,
dass er seinen eigenen Weg als Kind Gottes gehen kann. Und er ermutigt
sie zu der Hoffnung, dass Gott dieses Leben nicht alleine lässt.
Und genau diese Zumutung und diese Hoffnung ist unser Weg des Glaubens,
wenn es darum geht, Menschen zu begleiten, geliebte Menschen
loszulassen. Wo wir mit Gottvertrauen leben, der Kraft des Heiligen
Geistes zutrauen, dass er seine Kinder führt und leitet, da gelingt es
Veränderungen, Ablösungen, selbstständigen Entscheidungen anderer offen,
frei und getrost gegenüber zu treten.
Das heißt gewiss nicht, dass wir jeden Veränderungsschritt, jede Form
von Selbstständigkeit, jede Handlungsweise des anderen gutheißen müssen
- gewiss nicht. Bedrohliche oder ins Unheil führende Wege müssen benannt
werden und dem Gegenüber auch deutlich vor Augen gestellt werden. Wir
lassen unsere Kinder ja auch nicht einfach so an der Steckdose spielen.
Doch was er oder sie tut, wie dieser eigenständige Weg sich entwickelt,
das liegt letztlich nicht in unserer Macht. Am Beispiel Jesu macht die
Bibel Mut, Gottvertrauen zu entwickeln, wenn wir stehen bleiben und
loslassen müssen. Aus der göttlichen Kraft können wir Gelassenheit zum
Loslassen gewinnen. Verbunden mit der Liebe Gottes können wir die
eigenen Grenzen leichter anerkennen und finden sicher gute Wege, um das
Leben unserer Lieben zu begleiten.
Der Satz "Ich muss sein, in dem, was meines Vater ist", kann uns trösten
und helfen, unsere Loslass-Situationen mit Liebe und Gelassenheit zu
meistern. Legen wir das Leben der anderen in Gottes Hände, vor allem
auch durch unser Gebet, dann tun wir viel für die Menschen, die er uns
anvertraut hat. Denn Gott lässt nicht los, er hält fest - an jedem Tag.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 443,1-4
Psalm 138, 2-5
Eingangsliturgie - Gebet:
Gott, unser Vater, du bist in der Heiligen Nacht Mensch geworden in
dieser Welt. In Jesus Christus teilst du unser Leben und dafür danken
wir dir. Hilf uns, dass wir an ihm erkennen, dass du unser zuhause bist,
dass wir in deinen liebevollen Armen geborgen sind und auch die Menschen
um uns bei dir geborgen wissen dürfen.
Das bitten wir durch unseren Bruder Jesus Christus, der mit dir und dem
Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Lesung: 1. Joh 5, 11-13
Lied 72,1-3+5
Lesung: Lk 2, 41-52
Glaubensbekenntnis
Lied: 73,1-5
Predigt
Lied 369,1,2,6,7
Abkündigungen - Fürbittengebet:
Liebender Vater, liebevolle Mutter im Himmel!
Wir vertrauen darauf, dass du ein offenes Ohr für uns hast. Höre unsere
Gebete an und handele nach deinem Willen.
Wir beten für die Kinder, die uns anvertraut sind: dass sie in einer
guten Welt aufwachsen können, dass sie Vertrauen zu dir und ins Leben
entwickeln. Hilf uns, dass wir das Unsere dazu tun. Darum rufen wir zu
dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für die Jugendlichen, die ihre eigenen Wege beginnen, dass
sie frühzeitig erkennen, wann sie sich auf Irrwegen befinden. Lass sie
in der Fülle der Angebote unserer Welt nicht untergehen, sondern führe
sie auf deine guten Wege ins Lebens. Darum rufen wir zu dir: Gott,
begleite sie und uns.
Wir bitten für alle Eltern, dass sie ihre Verantwortung in Liebe
wahrnehmen und den Kindern Möglichkeiten und Grenzen des Lebens
aufzeigen. Hilf ihnen, die eigenen Grenzen zu sehen und schenk ihnen die
Gelassenheit ihre Sorgen in deine Hände zu legen. Darum rufen wir zu
dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für alle, die in großer Sorge um ihre Kinder sind, dass sie
darin nicht untergehen, sondern aus deiner Kraft Hoffnung schöpfen.
Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und uns.
Wir bitten für alle, deren Beruf es ist, Kinder und Jugendliche zu
begleiten. Gib ihnen Fantasie, Mut und Liebe, um ihre Arbeit so zu tun,
dass Freude und Hoffnung, Verantwortung und Spaß in den Kinder und
Jugendlichen wachsen. Darum rufen wir zu dir: Gott, begleite sie und
uns.
Gott, es ist gut, bei dir zu sein, das gibt Ruhe und Gelassenheit für
die Aufgaben des Lebens. So bewahre uns in deiner Gemeinschaft und führe
uns alle auf unseren so unterschiedlichen Wegen.
Segen - 44
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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