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Lk 17, 20-24

Der morgige 9. November ist ein besonderer Tag des Gedenkens für die deutsche Geschichte in unserem Jahrhundert. Philipp Scheidemann ruft 1918 nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Republik aus. 1923 versucht Adolf Hitler seine erste Machtergreifung in München. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Flammen auf und wurden zerstört. Es beginnt die planmäßige Vernichtung jüdischer Menschen. Am 9. November 1989 – vor 20 Jahren - öffnet sich die Mauer in Berlin. Die Wiedervereinigung beginnt.
Stichworte der Geschichte, hinter denen vieles aus dem menschlichen Leben verborgen ist. Menschen wollen machtvolle Reiche bauen und vernichten den Lebensraum von vielen. Menschen planen die Ausrottung von Menschen. Nur wenige wagen den Widerspruch. Menschen fallen einander vor Glück in die Arme, weinen, singen, tanzen auf ehemaligen Todesstreifen. Darin wird deutlich: wir Menschen sind zu allem fähig: zum Zerstören und zum Heilen. So ist die Geschichte, so ist das Leben von Menschen.
Und in diesem Horizont hören wir heute morgen die biblischen Gedanken Jesu zur Frage der Pharisäer: Wann kommt das Reich Gottes?
Wann kommt das Reich Gottes? Wann bricht Gottes Herrschaft an? Die Antwort Jesu nimmt unsere ganz menschlichen Gedanken auf. Wir suchen nach Zeichen, nach bestimmten Dingen, von denen aus wir dann sagen können: seht, jetzt geht’s anders weiter. Solange es Menschen gibt, gibt es Zeichen, in denen Menschen glauben, dass die letzte Stunde geschlagen hat, dass nun die Endzeit kommt, dass nun die Welt ihr Ende nimmt. Wir kennen es aus unserer Lebenszeit von den Zeugen Jehovas, die gerade auf diese Endzeit immer wieder hingewiesen haben, auch wenn sie kein konkretes Datum mehr nennen. Die Welt naht sich dem Ende und es wurden bestimmte Ereignisse benannt, die das dann belegen sollten. Kriegszeiten, Notzeiten, Naturkatastrophen, das waren durch die Jahrhunderte solche Zeichen. Martin Luther sah in den Wirren seiner Zeit solche Zeichen; die Pest, die im Mittelalter viele Länder in große Mitleidenschaft gezogen hat, war so ein Zeichen. Heute gibt es immer wieder auch mal Menschen, die behaupten, dass Krebs oder Aids Zeichen des Endes der Welt sind. Auch das Ereignis des 11. September 2001 wurde mal als der Anfang vom Ende der Welt angesehen.
Wenn das Leben schwierig und unüberschaubar wird, wen die Fragen nach dem Warum immer größer werden, dann flüchten Menschen sich in den Gedanken der Endzeit. Und manchmal wir damit auch die große Hoffnung verbunden, dass Gottes Herrschaft, dass Gottes Reich nun anbrechen möge.
Aber schon damals hat Jesus all diese Gedanken mit einem Satz zunichte gemacht. Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Siehe, da ist es! Denn siehe das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes sie ist mitten unter euch.
Gottes Herrschaft, können wir nicht an den großen Ereignissen des Lebens festmachen. Gottes Reich können wir nicht vergleichen mit einem Staatsgebilde, das sich irgendwo in der Welt abbildet. Es ist nicht etwas, worauf wir mit dem Finger zeigen können und damit unmissverständlich für jeden sichtbar deutlich machen können, hier ist es. Nicht der Anbruch der Reformation, nicht die beginnenden demokratischen Strukturen, nicht das Heil durch Hitler, nicht die Lebensform der Bundesrepublik und auch nicht das amerikanische Freiheitsbewusstsein, sind Zeichen des Reiches Gottes. Gottes Herrschaft ist nicht mit den natürlichen Augen der Vernunft zu sehen. Die Herrschaft Gottes ist nur für den Glauben sichtbar.
Vielleicht kann man das an einem kirchlichen Geschehen deutlich machen, das uns allen geläufig ist: die Taufe. das natürliche Auge der Vernunft hört, dass ein Pfarrer bestimmte Worte der Bibel zitiert, es sieht, dass dreimal Wasser über den Kopf des Säuglings gegossen wird, es sieht, dass die Hand auf dem Kopf des Kindes liegt, um es zu segnen. Ohne den Glauben ist dies ein im Grunde bedeutungsloser Akt, der dem Haarewaschen sehr nahe kommt. Doch der Glaube sagt: hier wird Gottes Herrschaft über diesen Menschen sichtbar. Hier wird ein Kind der Herrschaft Gottes unterstellt. Mitten unter uns beginnt Gottes Herrschaft, mitten unter uns wird ein Stück des Reiches Gottes sichtbar.
Worin wird es sichtbar? Darin, dass ein Mensch ohne Erfüllung irgendwelcher Vorbedingungen als gewollt und angenommen ausgerufen wird. Und diese Annahme ohne Vorbedingungen gilt das ganze Leben, dann wenn unsere Taten das Leben bestimmen, seien es nun gute oder schlechte Taten. Gott nimmt uns an, Gott steht an unserer Seite. Nur kann man dies nicht zeigen, das kann man nicht beobachten, das kann man auch nicht mit menschlichen Argumenten klarmachen, sondern dies kann nur der Glaube erkennen, der Gott etwas zutraut, der Gott in sein Leben einlässt, der Gottes Wirken und Wirklichkeit im Leben Raum gibt.
Das Reich Gottes ist mitten unter euch, aber eben nicht so, dass es klar beschreibbar ist, sondern es ist etwas, was eben mal aufleuchtet und oft genug sehr schnell wieder aus dem Blickfeld gerät. So verstehe ich auch den Satz Jesu: Wie ein Blitz aufleuchtet und leuchtet von einem Ende des Himmels zum anderen, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. Für mich hat das nichts damit zu tun, dass Jesus irgendwann wie eine Lichtgestalt aus einem Science Fiction Thriller auftaucht und alles heil macht. Für mich ist dies ein Hinweis darauf, dass wir Gottes Herrschaft nicht spüren und begreifen können, wie eine politische Macht, die verändernd in das Leben eingreift, im besten Falle alles zum Guten wendet.
Wir können die Herrschaft Gottes immer wieder nur aufblitzen sehen in unserem Leben. Es ist eben so, dass es Ereignisse gibt, die uns im Leben gefangen nehmen, die uns tief innerlich berühren, die uns durchzucken, wie ein Blitz in der Nacht. Für eine kurze Zeit ist das Bild der Nacht völlig verändert und wir sind von dem Eindruck noch lange berührt. Gottes Herrschaft spüren, das ist wie ein Blitz in unserem Leben, in dem wir plötzlich begreifen, dass nicht wir, sondern ein anderer die Herrschaft über unser Leben und diese Welt hat. Und das können wir nur im Glauben begreifen und deutlich machen.
Wo dieser Blitz aufleuchtet, das können wir nicht vorhersagen. Deshalb kann eben auch niemand sagen: Hier ist das Reich Gottes, oder dort ist die Herrschaft Gottes. Die Herrschaft Gottes ist gegenwärtig, sie ist mitten unter uns, auch wenn wir sie nicht wahrnehmen. Sie blitzt auf, leuchtet auf, wird erkennbar für den Glauben und diese Erfahrung verändert das Leben. Das kann die Geburt eines Kindes sein, dieses Wunder der Schöpfung; das kann sein, dass z.B. ein Unfall, den wir überleben oder dem wir entgangen sind und uns zu einer solchen blitzartigen Erkenntnis führt. Oder es ist ein Leidensweg, in dem wir dann doch die Kraft erhalten haben, weiter zu gehen. Oder die Liebe zu einem Menschen, die uns trifft und uns zutiefst anrührt und bewegt. Überall kann das Reich Gottes aufblitzen, überall können wir erleben, dass uns Gottes Herrschaft bewusst wird.
Und wo sie das tut, da geschieht auch etwas. Da verändert sich das Leben von Menschen. Saulus trifft dieser Blitz in der Blindheit, die ihn vom Verfolger zum Anhänger Jesu macht. Von Franz von Assisi wird erzählt, dass der durch einen Traum aus der Lebenswelt des Kaufmannes in die Lebenswelt der Armut und des Bettelmannes gewechselt ist. Von Martin Luther wissen wir, dass intensive Beschäftigung mit der Bibel, geleitet von der Frage nach dem gnädigen Gott, dazu geführt hat, dass er die evangelische Wahrheit wieder entdeckt hat. Ich denke an Menschen, die inmitten der Nazizeit blitzartig entschieden haben, Verfolgten Schutz gewährt haben. Ich denke an diejenigen, die in der DDR vor 20 Jahren nur ein kleines Licht ins Fenster gestellt haben, um mit diesem kleinen Zeichen die Hoffnung auf Veränderung zum Ausdruck zu bringen.
Oder ich denke an Mutter Theresa. Eine alte Frau, gebeugt von eigener Krankheit sitzt am Sterbebett eines ausgehungerten Menschen. Diese Frau, die ein reiches Leben hätte führen können, hat für sich diese Eingebung gehabt, sie hat Gottes Herrschaft in der liebevollen Zuwendung zu den Ärmsten erkannt hat, und darum dort geblieben ist, um das weiter zu geben, was sie selber von Gott empfangen hat. Und dabei blieb sie eben nicht bei denen stehen, die dank ihrer Hilfe und Fürsorge wieder für sich selber sorgen konnten, sondern sie ging zu denen, die im Sterben lagen. Scheinbar sinnlose Hilfe angesichts des tausendfachen Sterbens in den Slums von Kalkutta. Und doch hat sie es geschafft, dass selbst am Sterbebett der Ärmsten etwas von der Herrschaft Gottes für diese Menschen aufleuchtete. In jedem guten Wort, in jeder liebevollen Geste war es möglich, dass der Blitz der Liebe Gottes diesen Menschen ergreift, dass der Sterbende inmitten des Sterbens begreift: ich bin umgeben von der Macht Gottes, der die Liebe ist.
Gottes Herrschaft leuchtet an so vielen Stellen auf. Jeder von uns kann es entdecken und jeder von uns kann mit dazu beitragen, dass andere dies erfahren, davon etwas mitbekommen. Ich denke, das einzige, was wir tun müssen, ist darauf zu vertrauen, dass das Wort Jesu gilt: Gottes Reich ist mitten unter uns. Wir können darauf vertrauen, was uns zugesagt ist: du stehst unter Gottes Herrschaft und das ist keine Diktatur, keine Beziehung von Befehl und Gehorsam, sondern dies ist eine Beziehung von Liebe, Zuwendung und Dankbarkeit und Vertrauen. Das gilt es anzunehmen und dem nachzuleben, was Jesus Christus als Vorbild dieser Herrschaft Gottes vorgelebt hat. Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir spricht Gott. Ich helfe dir. Ich halte dich bei deiner rechten Hand. Genau das ist gemeint, wenn von Gottes Herrschaft die Rede ist. Es ist die Herrschaft der Zuwendung Gottes zu den Menschen. Es ist die Herrschaft der Liebe und Hilfe Gottes zum Leben. Das gilt es für uns selber festzuhalten und weiter zu geben. Vertrauen wir darauf, dass Gottes Herrschaft wirklich mitten unter uns ist, vielleicht manchmal verdunkelt für unsere Augen, aber für den Glauben oft genug hell leuchtend sichtbar. Amen




Orgelvorspiel
Lied: 447, 1-3+7
Psalm 90 EG 735
Eingangsliturgie
Gebet EGb 401 – 2. Gebet
Lesung: Röm 14, 7-9
Lied 152,1-4
Lesung Lk 17, 20-24
Glaubensbekenntnis
Lied: 620
Predigt
Lied: 390, 1-3
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gütiger Gott und Vater!
Wir sind immer wieder auf der Suche nach einer besseren Welt, denn jeden Tag hören wir vom Leid und Elend auf diesem Erdkreis. Wir suchen nach einer Welt, in der Menschen in Fülle leben können. Du hast diese Fülle in die Welt gebracht mit deiner Liebe und Zuwendung zu uns. Mitten unter uns dürfen wir sie erfahren. Dafür danken wir dir und bitten dich, lass uns daraus schöpfen, auf dass wir mit dafür eintreten, dass diese Liebe für die Menschen lebendig und sichtbar wird. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die sich von dir gerufen wissen, um einzutreten für Menschen in dieser Welt, um ihnen das Licht deiner Liebe zu bringen. Sei du ihnen nahe, stärke sie in ihrem Dienst. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die in politischer Veränderung das Heil sehen, die mit Gewalt und Unmenschlichkeit daran gehen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen und dies mit Hinweis auf dich tun. Schenke du ihnen Einsicht, dass deine Wege andere sind und führe sie auf deine Wege. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die für deine Herrschaft blind sind, oder gefangen in der Dunkelheit ihres Lebens. Lass sie die Lichtstrahlen deiner Liebe treffen, auf dass sie hoffnungsvoller werden und auf dich vertrauen lernen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten um den Glauben, der uns erkennen lässt, dass dein Reich mitten unter uns ist und wir bitten um die Kraft, die uns dies weitergeben lässt an andere. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
163



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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt

8. 11. 2009

Liturgischer
Ablauf
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