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Volkstrauertag 1999 – der letzte Volkstrauertag dieses Jahrhunderts
und dieses Jahrtausends. Dieser Wechsel prägt viele Gedanken dieser
Zeit, was sich vor allem darin ausdrückt, dass wir überall Rückblicke
halten. Wir werden zurückgeführt in die Geschichte dieses Jahrhunderts.
Und dieser Rückblick prägt dementsprechend auch diesen heutigen
Tag. Und das auf zweierlei Weise. Dieser Tag heute wird im Volksmund Volkstrauertag
genannt. Darin geht es um den Rückblick auf menschliches Handeln und
Leid in diesem Jahrhundert. Gleichzeitig ist dieser Tag kirchlich gesehen
der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres. An ihm geht es um die Frage des
Gerichtes, um die Frage der Verantwortung für unser Leben vor Gott.
Was steht uns vor Augen, wenn wir auf dieses Jahrhundert zurückblicken?
Es war ein Jahrhundert, in dem die Gewalt gegen Menschen sein bisher
größtes Ausmaß annahm. Noch nie sind so viele Menschen
durch kriegerische Gewalt umgekommen, wie in diesem Jahrhundert. Die mörderische
Maschinerie immer modernerer Waffen führte zu unsäglichem Leid
an Menschen und an der Natur. Biologische Waffen, chemische Waffen, Atombomben
stehen dafür als Beispiele in den vielen kleinen und großen
Kriegen dieses Jahrhunderts.
Zu diesem technischen Morden gehört die Erinnerung an planmäßiges
millionenfaches Morden von Menschen, die nicht in das Gedankengut von kranken
Hirnen von Dikatatoren und ihren Helfershelfern paßten. Hitler, Mussolini,
Stalin, Milosevic und wie diese Menschen in den vielen Ländern unserer
Erde auch heißen mögen, die solches Morden befohlen haben, sie
stehen als Beispiele für krankhaften Machtwahn, der nur Leid und Tod
gebracht hat.
Zu den Getöteten der Kriegsmaschinerie gehören die vielen
anderen Menschen, die auf Grund von Flucht und Vertreibung diesen Haß
gegen Menschen auf verschiedenste Weise erfahren mußten. Notvolle
Wochen der Flucht, wo man nicht wußte, wie es weitergehen sollte.
Vertreibung aus Gebieten, die innere Heimat waren und bis heute geblieben
sind. Sterben auf dem Weg in ein neues, unbekanntes Leben, weil Menschen
immer wieder die Spirale der Gewalt angeheizt haben: wie du mir, so ich
dir. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Generation derer, die dies mit eigenen
Augen erlebt hat, wird zwar immer kleiner, dieser Teil der Geschichte unseres
Jahrhunderts rückt immer weiter aus dem Blickfeld und doch prägt
er auch heute noch unser Denken und Handeln in vielen politischen Bereichen.
Und am Ende dieses Jahrhunderts sind die Fragen und Probleme nicht
weniger, sondern eher größer geworden. Der politische Umbruch
am Ende der achziger Jahre, einer der für uns in Deutschland wohl
bedeutendsten Augenblicke dieses Jahrhunderts, führte an vielen Stellen
nicht zu neuen Gemeinschaften, zu offenem und freiem Umgang miteinander,
sondern es führt zu neuer Gewalt, zu neuen diktatorischen Auseinandersetzungen,
bei denen die Unmenschlichkeit des kriegerischen Handelns weiter grausam
zu Tage trat. Jugoslawien ist das Stichwort dafür.
Wir mögen hier in Deutschland seit 1945 keinen Krieg mehr gehabt
haben. Wir selber sind davon verschont geblieben. Und doch müssen
wir erleben, dass der Krieg dabei nicht an uns vorbei geht, sondern uns
in ganz anderer Weise zum Umgang damit fordert.
Was ist auf diesem Hintergrund Volkstrauertag? Was besagt der christliche
Gedanke, dass dieser Sonntag am Ende des Kirchenjahres das Thema Gericht
lebendig vor Augen stellt?
Und vor allem, was heißt dies alles, wenn wir sehen, dass das
Begehen dieses Tages an vielen Stellen nur die Feier der Tradition der
Tradition ist? Die Kirchen mögen noch halbwegs gefüllt sein.
Aber seien Sie doch mal ehrlich? Wer von der Nachkriegsgeneration würde
denn diesen Tag als wirklichen Trauertag begehen, wenn nicht äußere
Umstände, wie z.B. der Vereinsdruck oder ähnliches ihn hierher
führen würden? Aber ist dieser Tag wirklich nur ein Tag der alten
Veteranen, ein Tag derer, die die Vergangenheit nicht vergessen können?
Und tun wir es wirklich nur noch ihnen zuliebe oder gibt es nicht genügend
Gründe, dass auch wir jungen Menschen begreifen, dass unser politisches
und persönliches Leben immer wieder auf den Prüfstand gehört,
dass wir unser politisches und persönliches Handeln nicht einfach
immer nur unbesehen weiterführen können?
Ich denke, die Art, wie ich diese Fragen stelle, machen schon deutlich,
dass ich den Volkstrauertag, den Sonntag des Gerichtes nicht einfach so
der Vergangenheit überlassen möchte. Ich möchte in diesem
Tag eine Chance sehen, die Chance nämlich heute aus dem Gestern etwas
für morgen zu gewinnen.
Wir haben vorhin eine vielleicht etwas merkwürdige Geschichte
Jesu gehört. Sie stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, der auf
eine sehr ungewöhnliche Weise genau dies tut: er nimmt heute sein
Leben in die Hand, um aus dem, was in der Vergangenheit liegt, etwas zu
machen, was ihm morgen nützt.
Der Verwalter eines Vermögens wird beschuldigt den Besitz verschleudert
zu haben. Er wird um Rechenschaft gebeten, er wird gleichsam vor Gericht
gebracht und zur Verantwortung gezogen. Er muß also handeln, jetzt
und heute. Und das tut er auch. ER läßt nicht den Kopf hängen,
wirft nicht die Flinte ins Korn, steckt nicht den Kopf in den Sand, sondern
er geht zurück in die Geschichte. Er geht zu den Schuldnern, macht
mit ihnen einen betrügerischen Deal. Er macht sich Freunde dadurch,
dass er die hohen Außenstände einfach durch Urkundenfälschung
verringert. Der Besitzer wird um noch mehr Geld geprellt. Das ist keine
Frage und das ist grober Betrug. Dennoch vermag Jesus diesen Menschen zu
loben. Warum? Nicht weil dieser Mensch betrügt, das ist es nicht,
was er lobt. Sondern er lobt den Verwalter darin, dass er zukunftsorientiert
handelt, dass er sich einen Weg sucht, um in der jetzigen Situation, im
Heute, eine Möglichkeit zu schaffen, in der Zukunft Lebensmöglichkeiten
zu haben. Und er tut dies, indem er in die Vergangenheit zurückgeht
und diese verändert.
Nun könnte man sagen, das ist prima. Das machen wir auch. Wir
verändern die Geschichte, indem wir sie schönreden, indem wir
die Anklagen der anderen vielleicht sogar durch gefälschtes widerlegen
und so ein gutes Ansehen haben als Deutsche, die in diesem Jahrhundert
ja ein großes Päckchen von leidvollem tun geschnürt haben.
Im Privaten gehört das Schönreden zum ganz alltäglichen
Umgang mit Fehlern und Schuld.
Aber ich denke, das ist nun wahrlich nicht im Sinne des Lobes Jesu.
Für ihn geht es nicht um Beschönigung der Vergangenheit, sondern
um das zukunftsorientierte Handeln angesichts des drohenden Urteils. Was
bedeutet das für uns?
Für mich heißt dies immer wieder, der Vergangenheit ganz
offen ins Gesicht zu sehen. Es heißt, die Schuld der Väter zu
sehen und anzuerkennen. Die Hitlerzeit, die Kriegszeit, der Haß gegen
Juden und andere unliebsame Menschen war da, er ist Teil unserer Geschichte,
Teil unserer Vergangenheit, auch wenn wir persönlich noch so weit
weg davon waren. Diesen Teil der Geschichte offen betrachten, ihn in seiner
ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit wahrnehmen und daraus zutiefst
lebendig werden zu lassen, dass dies an keiner Stelle des Lebens wieder
so sein darf, das ist wichtig. Das kostet auch etwas, da muß man
etwas für einsetzen, etwas, das den eigenen Gewinn, auch den Gewinn
anderer schmälert. Aber nur durch solches Handeln kann letztlich Zukunft
gewonnen werden.
Allerdings hat man den Eindruck, dass dieses zukunftsorientierte Denken
an vielen Stellen eben hintenanstehen bleibt. Allein das Heute ist wichtig,
das Gestern schieben wir schnell beiseite und das Morgen ist nicht mehr
mein Problem. Nur: Gottes Denken, das Denken und Handeln Jesu, zielt in
eine andere Richtung. Das Gestern spielt eine Rolle. Das wird deutlich
an dem zentralen christlichen Gedanken der Vergebung. Diese kann nur wirken
und greifen, wenn ich mich der Schuld stelle, wenn ich das Gestern als
eines begreife, das so nicht sein soll. Das gilt im privaten und das gilt
im politischen Bereich. Volkstrauertag, Gerichtstag, ist also der Tag der
Erinnerung an das Gestern, an das, was unser Leben problematisch gemacht
hat. Es ist ein Tag der Trauer, nicht nur der Trauer über die Opfer
vergangener Tage, sondern gleichzeitig auch die Trauer über das, was
der Mensch getan hat und was er eben noch heute tut. Es ist eine Art Trauer
über das Menschsein, dass der Mensch es immer noch nicht geschafft
hat, Unmenschlichkeit zu überwinden. Und da finden wir bis in die
heutige Zeit hinein viele Beispiele, die diese Trauer immer wieder mit
Leben erfüllen.
Nehmen wir diese Trauer wahr, als eine Trauer, die uns dahin führen
will, das, was hinter der Trauer liegt, neu zu gewinnen. Und das ist aus
der Sicht Jesu: wahrhaft menschliches Leben in Gemeinschaft. Die Rückschau
zeigt, dass die beschrittenen Wege von Gewalt und Macht nicht zu einer
Lösung führen, Krieg und Gewalt sind keine Möglichkeiten,
um wahrhaft menschliches Leben in Gemeinschaft zu erzielen. So modern,
so technisch perfekt uns die Medien einen heutigen Einsatz zur Verhinderung
von Krieg auch vorgaukeln mögen, das Elend und das Leid bleiben und
insofern kann und darf kein Krieg als gerechtfertigt angesehen werden,
so schön er auch in Worte unserer Politiker verpackt wird. Krieg,
Waffeneinsatz gegen Menschen ist immer und zu jeder Zeit das Eingeständnis
der Unfähigkeit des Menschen, der Unfähigkeit, Möglichkeiten
gefunden und genutzt zu haben, andere Wege zu gehen. Volkstrauertag ist
ein Tag dieses Eingeständnisses und der Trauer darüber, so wie
es im Blick auf schuldhaftes Verhalten im privaten Bereich eben auch Trauer
ist, die uns begleitet, wenn wir erkennen, dass unser Handeln schuldhaft
war.
In der Trauer liegt aber immer auch der Anfang der Zukunft, wenn ich
denn dieses Erkennen zur Veränderung nutze. Der Verwalter unserer
biblischen Geschichte hat seine Möglichkeiten genutzt. Er hat die
Veränderung seiner Lebenssituation angestrebt, mit den Möglichkeiten,
die er hatte. Betrügerisch, das gewiß. Das wird ihm auf Dauer
nicht helfen. Aber er hat etwas getan, etwas verändert, hat das Leben
nicht einfach so weiterlaufen lassen. Und das ist etwas, was uns heute
fehlt. Der Mut, nicht einfach alles so weiterlaufen zu lassen wie es einmal
war, sondern neuem Denken Raum zu geben. Und das ist dann auch mit das
Wichtigste an einem solchen Gedenktag wie heute, dass wir uns ermutigen
lassen, auf Grund der Vergangenheit heute anders zu denken, anders zu handeln,
um so die alten Wege zu verlassen. Sie mögen uns etwas kosten diese
neuen Wege, sie mögen uns Geld kosten, sie mögen uns Ansehen
kosten, sie mögen auch Verzicht bedeuten. Doch wenn es um Zukunft
geht, dann müssen wir auch bereit sein, für diese Zukunft etwas
zu investieren. Krieg und Gewalt, wirtschaftlicher Reichtum auf Kosten
der Armen, Machtausübung mit Geld auf Kosten der sozialen Situation
der Ärmsten, das Beharren auf eigenen Positionen, all dies sind
keine zukunftseröffnenden Handlungsweisen. Darum müssen wir neue
Gedanken aus der Trauer und aus der Rückschau gewinnen, die uns dann
weiterführen in ein menschlicheres Zusammenleben. So könnten
die Opfer von Gestern dazu beitragen, dass die Opfer von Morgen geringer
werden. Dies anzustreben sollte unser Bemühen sein. Es lebendig zu
halten, ist der Sinn von historischen Gedenktagen. Feiern wir sie also
nicht nur als die Tradition der Tradition, sondern als ein Innehalten,
als eine Einkehr auf dem Weg in eine menschlichere Zukunft. Unser Denken
und Handeln kann dazu beitragen, dass heute aus dem Gestern etwas Gutes
für Morgen werden kann. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe, Klein Elbe und
Gustedt |
Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
14.11.1999 |
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