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Lukas 16, 1-9

Volkstrauertag 1999 – der letzte Volkstrauertag dieses Jahrhunderts und dieses Jahrtausends. Dieser Wechsel prägt viele Gedanken dieser Zeit, was sich vor allem darin ausdrückt, dass wir überall Rückblicke halten. Wir werden zurückgeführt in die Geschichte dieses Jahrhunderts. Und dieser Rückblick prägt dementsprechend auch diesen heutigen Tag. Und das auf zweierlei Weise. Dieser Tag heute wird im Volksmund Volkstrauertag genannt. Darin geht es um den Rückblick auf menschliches Handeln und Leid in diesem Jahrhundert. Gleichzeitig ist dieser Tag kirchlich gesehen der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres. An ihm geht es um die Frage des Gerichtes, um die Frage der Verantwortung für unser Leben vor Gott.
Was steht uns vor Augen, wenn wir auf dieses Jahrhundert zurückblicken?
Es war ein Jahrhundert, in dem die Gewalt gegen Menschen sein bisher größtes Ausmaß annahm. Noch nie sind so viele Menschen durch kriegerische Gewalt umgekommen, wie in diesem Jahrhundert. Die mörderische Maschinerie immer modernerer Waffen führte zu unsäglichem Leid an Menschen und an der Natur. Biologische Waffen, chemische Waffen, Atombomben stehen dafür als Beispiele in den vielen kleinen und großen Kriegen dieses Jahrhunderts.
Zu diesem technischen Morden gehört die Erinnerung an planmäßiges millionenfaches Morden von Menschen, die nicht in das Gedankengut von kranken Hirnen von Dikatatoren und ihren Helfershelfern paßten. Hitler, Mussolini, Stalin, Milosevic und wie diese Menschen in den vielen Ländern unserer Erde auch heißen mögen, die solches Morden befohlen haben, sie stehen als Beispiele für krankhaften Machtwahn, der nur Leid und Tod gebracht hat.
Zu den Getöteten der Kriegsmaschinerie gehören die vielen anderen Menschen, die auf Grund von Flucht und Vertreibung diesen Haß gegen Menschen auf verschiedenste Weise erfahren mußten. Notvolle Wochen der Flucht, wo man nicht wußte, wie es weitergehen sollte. Vertreibung aus Gebieten, die innere Heimat waren und bis heute geblieben sind. Sterben auf dem Weg in ein neues, unbekanntes Leben, weil Menschen immer wieder die Spirale der Gewalt angeheizt haben: wie du mir, so ich dir. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Generation derer, die dies mit eigenen Augen erlebt hat, wird zwar immer kleiner, dieser Teil der Geschichte unseres Jahrhunderts rückt immer weiter aus dem Blickfeld und doch prägt er auch heute noch unser Denken und Handeln in vielen politischen Bereichen.
Und am Ende dieses Jahrhunderts sind die Fragen und Probleme nicht weniger, sondern eher größer geworden. Der politische Umbruch am Ende der achziger Jahre, einer der für uns in Deutschland wohl bedeutendsten Augenblicke dieses Jahrhunderts, führte an vielen Stellen nicht zu neuen Gemeinschaften, zu offenem und freiem Umgang miteinander, sondern es führt zu neuer Gewalt, zu neuen diktatorischen Auseinandersetzungen, bei denen die Unmenschlichkeit des kriegerischen Handelns weiter grausam zu Tage trat. Jugoslawien ist das Stichwort dafür.
Wir mögen hier in Deutschland seit 1945 keinen Krieg mehr gehabt haben. Wir selber sind davon verschont geblieben. Und doch müssen wir erleben, dass der Krieg dabei nicht an uns vorbei geht, sondern uns in ganz anderer Weise zum Umgang damit fordert.
Was ist auf diesem Hintergrund Volkstrauertag? Was besagt der christliche Gedanke, dass dieser Sonntag am Ende des Kirchenjahres das Thema Gericht lebendig vor Augen stellt? 
Und vor allem, was heißt dies alles, wenn wir sehen, dass das Begehen dieses Tages an vielen Stellen nur die Feier der Tradition der Tradition ist? Die Kirchen mögen noch halbwegs gefüllt sein. Aber seien Sie doch mal ehrlich? Wer von der Nachkriegsgeneration würde denn diesen Tag als wirklichen Trauertag begehen, wenn nicht äußere Umstände, wie z.B. der Vereinsdruck oder ähnliches ihn hierher führen würden? Aber ist dieser Tag wirklich nur ein Tag der alten Veteranen, ein Tag derer, die die Vergangenheit nicht vergessen können? Und tun wir es wirklich nur noch ihnen zuliebe oder gibt es nicht genügend Gründe, dass auch wir jungen Menschen begreifen, dass unser politisches und persönliches Leben immer wieder auf den Prüfstand gehört, dass wir unser politisches und persönliches Handeln nicht einfach immer nur unbesehen weiterführen können?
Ich denke, die Art, wie ich diese Fragen stelle, machen schon deutlich, dass ich den Volkstrauertag, den Sonntag des Gerichtes nicht einfach so der Vergangenheit überlassen möchte. Ich möchte in diesem Tag eine Chance sehen, die Chance nämlich heute aus dem Gestern etwas für morgen zu gewinnen.
Wir haben vorhin eine vielleicht etwas merkwürdige Geschichte Jesu gehört. Sie stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, der auf eine sehr ungewöhnliche Weise genau dies tut: er nimmt heute sein Leben in die Hand, um aus dem, was in der Vergangenheit liegt, etwas zu machen, was ihm morgen nützt.
Der Verwalter eines Vermögens wird beschuldigt den Besitz verschleudert zu haben. Er wird um Rechenschaft gebeten, er wird gleichsam vor Gericht gebracht und zur Verantwortung gezogen. Er muß also handeln, jetzt und heute. Und das tut er auch. ER läßt nicht den Kopf hängen, wirft nicht die Flinte ins Korn, steckt nicht den Kopf in den Sand, sondern er geht zurück in die Geschichte. Er geht zu den Schuldnern, macht mit ihnen einen betrügerischen Deal. Er macht sich Freunde dadurch, dass er die hohen Außenstände einfach durch Urkundenfälschung verringert. Der Besitzer wird um noch mehr Geld geprellt. Das ist keine Frage und das ist grober Betrug. Dennoch vermag Jesus diesen Menschen zu loben. Warum? Nicht weil dieser Mensch betrügt, das ist es nicht, was er lobt. Sondern er lobt den Verwalter darin, dass er zukunftsorientiert handelt, dass er sich einen Weg sucht, um in der jetzigen Situation, im Heute, eine Möglichkeit zu schaffen, in der Zukunft Lebensmöglichkeiten zu haben. Und er tut dies, indem er in die Vergangenheit zurückgeht und diese verändert.
Nun könnte man sagen, das ist prima. Das machen wir auch. Wir verändern die Geschichte, indem wir sie schönreden, indem wir die Anklagen der anderen vielleicht sogar durch gefälschtes widerlegen und so ein gutes Ansehen haben als Deutsche, die in diesem Jahrhundert ja ein großes Päckchen von leidvollem tun geschnürt haben. Im Privaten gehört das Schönreden zum ganz alltäglichen Umgang mit Fehlern und Schuld.
Aber ich denke, das ist nun wahrlich nicht im Sinne des Lobes Jesu. Für ihn geht es nicht um Beschönigung der Vergangenheit, sondern um das zukunftsorientierte Handeln angesichts des drohenden Urteils. Was bedeutet das für uns?
Für mich heißt dies immer wieder, der Vergangenheit ganz offen ins Gesicht zu sehen. Es heißt, die Schuld der Väter zu sehen und anzuerkennen. Die Hitlerzeit, die Kriegszeit, der Haß gegen Juden und andere unliebsame Menschen war da, er ist Teil unserer Geschichte, Teil unserer Vergangenheit, auch wenn wir persönlich noch so weit weg davon waren. Diesen Teil der Geschichte offen betrachten, ihn in seiner ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit wahrnehmen und daraus zutiefst lebendig werden zu lassen, dass dies an keiner Stelle des Lebens wieder so sein darf, das ist wichtig. Das kostet auch etwas, da muß man etwas für einsetzen, etwas, das den eigenen Gewinn, auch den Gewinn anderer schmälert. Aber nur durch solches Handeln kann letztlich Zukunft gewonnen werden. 
Allerdings hat man den Eindruck, dass dieses zukunftsorientierte Denken an vielen Stellen eben hintenanstehen bleibt. Allein das Heute ist wichtig, das Gestern schieben wir schnell beiseite und das Morgen ist nicht mehr mein Problem. Nur: Gottes Denken, das Denken und Handeln Jesu, zielt in eine andere Richtung. Das Gestern spielt eine Rolle. Das wird deutlich an dem zentralen christlichen Gedanken der Vergebung. Diese kann nur wirken und greifen, wenn ich mich der Schuld stelle, wenn ich das Gestern als eines begreife, das so nicht sein soll. Das gilt im privaten und das gilt im politischen Bereich. Volkstrauertag, Gerichtstag, ist also der Tag der Erinnerung an das Gestern, an das, was unser Leben problematisch gemacht hat. Es ist ein Tag der Trauer, nicht nur der Trauer über die Opfer vergangener Tage, sondern gleichzeitig auch die Trauer über das, was der Mensch getan hat und was er eben noch heute tut. Es ist eine Art Trauer über das Menschsein, dass der Mensch es immer noch nicht geschafft hat, Unmenschlichkeit zu überwinden. Und da finden wir bis in die heutige Zeit hinein viele Beispiele, die diese Trauer immer wieder mit Leben erfüllen.
Nehmen wir diese Trauer wahr, als eine Trauer, die uns dahin führen will, das, was hinter der Trauer liegt, neu zu gewinnen. Und das ist aus der Sicht Jesu: wahrhaft menschliches Leben in Gemeinschaft. Die Rückschau zeigt, dass die beschrittenen Wege von Gewalt und Macht nicht zu einer Lösung führen, Krieg und Gewalt sind keine Möglichkeiten, um wahrhaft menschliches Leben in Gemeinschaft zu erzielen. So modern, so technisch perfekt uns die Medien einen heutigen Einsatz zur Verhinderung von Krieg auch vorgaukeln mögen, das Elend und das Leid bleiben und insofern kann und darf kein Krieg als gerechtfertigt angesehen werden, so schön er auch in Worte unserer Politiker verpackt wird. Krieg, Waffeneinsatz gegen Menschen ist immer und zu jeder Zeit das Eingeständnis der Unfähigkeit des Menschen, der Unfähigkeit, Möglichkeiten gefunden und genutzt zu haben, andere Wege zu gehen. Volkstrauertag ist ein Tag dieses Eingeständnisses und der Trauer darüber, so wie es im Blick auf schuldhaftes Verhalten im privaten Bereich eben auch Trauer ist, die uns begleitet, wenn wir erkennen, dass unser Handeln schuldhaft war.
In der Trauer liegt aber immer auch der Anfang der Zukunft, wenn ich denn dieses Erkennen zur Veränderung nutze. Der Verwalter unserer biblischen Geschichte hat seine Möglichkeiten genutzt. Er hat die Veränderung seiner Lebenssituation angestrebt, mit den Möglichkeiten, die er hatte. Betrügerisch, das gewiß. Das wird ihm auf Dauer nicht helfen. Aber er hat etwas getan, etwas verändert, hat das Leben nicht einfach so weiterlaufen lassen. Und das ist etwas, was uns heute fehlt. Der Mut, nicht einfach alles so weiterlaufen zu lassen wie es einmal war, sondern neuem Denken Raum zu geben. Und das ist dann auch mit das Wichtigste an einem solchen Gedenktag wie heute, dass wir uns ermutigen lassen, auf Grund der Vergangenheit heute anders zu denken, anders zu handeln, um so die alten Wege zu verlassen. Sie mögen uns etwas kosten diese neuen Wege, sie mögen uns Geld kosten, sie mögen uns Ansehen kosten, sie mögen auch Verzicht bedeuten. Doch wenn es um Zukunft geht, dann müssen wir auch bereit sein, für diese Zukunft etwas zu investieren. Krieg und Gewalt, wirtschaftlicher Reichtum auf Kosten der Armen, Machtausübung mit Geld auf Kosten der sozialen Situation der Ärmsten, das Beharren auf eigenen Positionen,  all dies sind keine zukunftseröffnenden Handlungsweisen. Darum müssen wir neue Gedanken aus der Trauer und aus der Rückschau gewinnen, die uns dann weiterführen in ein menschlicheres Zusammenleben. So könnten die Opfer von Gestern dazu beitragen, dass die Opfer von Morgen geringer werden. Dies anzustreben sollte unser Bemühen sein. Es lebendig zu halten, ist der Sinn von historischen Gedenktagen. Feiern wir sie also nicht nur als die Tradition der Tradition, sondern als ein Innehalten, als eine Einkehr auf dem Weg in eine menschlichere Zukunft. Unser Denken und Handeln kann dazu beitragen, dass heute aus dem Gestern etwas Gutes für Morgen werden kann. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe,
Klein Elbe und
Gustedt
  Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
14.11.1999
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