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Lk 15, 11b-32

Die Geschichte vom Verlorenen Sohn, wie sie immer genannt wird, gehört mit zu den schönsten Geschichten des Neuen Testamentes. Sie spricht sehr viele Elemente unseres Lebens an, so dass sie zu vielen Lebensbereichen etwas zu sagen weiß.
Gerade eben hatte ich eine Taufe in Groß Elbe. Da habe ich diese Geschichte auf die Entwicklung des Kindes hin bezogen.
Ich möchte hier in Gustedt versuchen, diese Geschichte in zweierlei Hinsicht zu lesen. Einmal als eine, die den persönlichen Glauben anspricht, aber auch als eine die die soziale Dimension des Lebens zum Ausdruck bringt.
Beginnen wir mit dem Ersten.
Ein Mensch hatte zwei Söhne, so beginnt die Geschichte. Und dann geht es um die Frage des Erbes. Wir hören darin den Wunsch, mit Geld ausgestattet zu sein, um möglichst in Freiheit das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Und das ist ja auch richtig so. Wir sind nicht auf der Welt, um in Abhängigkeiten zu leben, um uns von anderen etwas vorschreiben zu lassen, sondern die Geschichte macht deutlich: den eigenen Weg zu suchen und zu gehen, das ist etwas, was zum Leben dazu gehört. Der Vater – er wird von Jesus nicht direkt als Bild für Gott angesprochen, aber wir hören das natürlich sofort mit – der Vater sagt auch gar nichts dazu. Wir menschlichen Väter werden hier natürlich mit vielen Gesprächen und Gedanken Bedenken laut werden lassen und unsere eigenen Probleme mit dem Loslassen unserer Kinder damit zum Ausdruck bringen. Man könnte solche Gespräche jetzt wunderbar ausmalen. Im Konfer oder im Kindergottesdienst würde ich das jetzt auch tun.
Aber hier möchte ich einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass Jesus davon nichts erzählt. Darauf kommt es nicht an. Der Wunsch nach Freiheit, der Wunsch nach eigenem Leben wird als selbstverständlicher Lebenswunsch ernst genommen und nicht kritisiert.
Ich habe eben gesagt, dass es beim Erbe um den Wunsch geht, Geld zu erhalten. Natürlich geht es auch ums Geld in der Geschichte. Im Nachgang zum Kirchentag in Hannover möchte ich jedoch dann auch noch einen anderen Gedanken einbringen. Erbe, das bedeutet ja auch, dass eine Generation der anderen etwas hinterlässt, etwas weitergibt, damit die Kinder gut ausgestattet sind fürs Leben. Da geht es um Werte, um Ziele, um Lebensvorstellungen. Was vererben wir da unseren Kindern? Was geben wir ihnen mit, auf ihrem Weg, für ihren Weg?
Wenn dein Kind dich morgen fragt..., war das Motto des Kirchentages. Was ist mir wichtig im Leben? Was halte ich für gut und richtig, so dass ich es als nachfolgenswert halte? Vor allem: was für religiöse Gedanken tragen mich und sollen auch meine Kinder tragen? Welche Antworten habe ich, damit den Kindern ein Lebensgerüst für die unerwarteten Dinge des Lebens gegeben ist?
Erbe ist mehr als nur Geld, das wir angespart haben. Zum Erbe gehört die Prägung auch dazu.
Und – damit kommt jetzt auch die soziale Dimension mit ins Spiel – was hinterlassen wir gesellschaftlich unseren Kindern. Was bürden wir ihnen auf, an wirtschaftlichen Lasten durch stetige Verschuldung. An Perspektivlosigkeit, wenn Arbeit Mangelware ist. An Belastungen des Lebensraumes, wenn Atommüll über Jahrtausende belastend bleibt? Fragen, die auch in dieser Geschichte mit anklingen, auch wenn der Gang der Geschichte dies nicht unbedingt sofort nahe legt.
Doch zurück in die Geschichte. Der Junge Mann zieht seines Weges. Er lebt nach seinen Vorstellungen – das Erbe, sei es das Geld, seien es die Werte – sie scheinen gleichgültig zu sein. Den eigenen Weg will er suchen, aus dem vollen schöpfen und dabei geht alles verloren. Er bringt sein Erbteil durch mit Prassen.
Das Geld wird alle und vieles von dem, was die Älteren mitgegeben haben, geht den Bach runter.
Dann gerät er in eine Hungersnot. Arbeitslosigkeit, das einzige, was er bekommt ist ein Drecksjob: Schweine hüten. Das war damals das allerletzte, was man machte. Schweine waren unreine Tiere, sie zu hüten also Aufgabe derer, die wirklich völlig am Ende waren. Es gab bei uns mal eine Zeit, da waren das die Müllfahrer. Glücklicherweise ist das nicht mehr so. Der Mann ist am Ende, selbst die verachteten Schweine sind noch eins höher, er darf nicht mal deren Schoten essen.
Am Ende ist er. Und da beginnt er ganz neu über sein Leben nachzudenken.
Warum müssen wir immer erst an einen Endpunkt kommen, bis wir merken, das wir auf dem Holzweg sind? Ich erlebe das bei mir selber leider auch immer wieder. Erst muss die Karre tief in den Dreck gefahren sein, bis ich mal merke: Freund Nase, so geht das nicht. Merkst du das eigentlich gar nicht ? Und ich denke, jeder von uns könnte solche Beispiele nennen, so wir an Punkte gekommen sind, wo es nicht mehr weiter ging, und wir erst dann zur Besinnung kommen.
Selbst in unserer Sprache wird es deutlich: bis wir zur Besinnung kommen. Das sagt man an solchen Endpunkten. Es ist traurig, dass wir diese Besinnung nicht früher aufnehmen, dass wir meinen, wir könnten alles selber in die Hand nehmen, das Leben aus uns selber heraus wunderbar gestalten. Und dann merken wir, dass es nicht so geht, wie wir uns das vorgestellt haben. In der Dokumentation: der Fall Deutschland wird das auch ganz deutlich: jetzt, im Nachhinein da fällt auf und wird auch zugegeben, welche politischen Fehler gemacht wurden – aber jetzt ist die Lage so schwierig, wie sie nun einmal ist.
Auf der einen Seite also ist diese Situation ein Appell, früher aufzuwachen, früher sich besinnen, um die Richtung schon früher zu ändern und einen Weg zu gehen, der nicht am Schweinetrog endet.
Für den jungen Mann der Geschichte ist diese Station seines Leben die, zu Besinnung zu kommen. Da war doch was: die Tagelöhner beim Vater haben zu essen und zu trinken. Ihre Grundbedürfnisse werden befriedigt. Meine Kindschaft habe ich verwirkt, aber vielleicht gibt es die Chance als solche ein Tagelöhner mein Leben in die Hand zu nehmen.
Nicht Selbstmitleid, nicht Bejammerung, nicht der Ruf nach dem Staat, sondern das eigene Nachdenken, das Sich-zurück-Besinnen führte dazu, dass der Mann sein Leben neu ordnen konnte. Seine Eigeninitiative führt auf einen neuen Weg. Auch dies hat eine religiös-soziale Dimension: Gott gibt uns die Kraft, das Leben auch dann noch in die eigene Hand zu nehmen, wenn es am Ende ist und wenn man weiß, das andere einem helfen müssen. Aber es gibt darin eben auch die Möglichkeit der Eigeninitiative, des bewussten, eigenständigen Handelns, das nach persönlichen Möglichkeiten sucht. Es ist somit auch eine Geschichte gegen die Resignation, dagegen den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen: es hat ja sowieso alles keinen Sinn. Schau nach vorne, nimm Möglichkeiten wahr, lass dich nicht gehen und fallen, Gott tut es auch nicht.
Und dann steht er da, der Vater. Wartend, liebend. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht den gescheiterten Sohn noch weiter in den Dreck drückend. Nein, er fällt ihm um den Hals, hört wohl sein Schuldeingeständnis, aber es interessiert ihn nicht. Nicht Tagelöhner, sondern Sohn soll er wieder sein.
Auf der persönlichen Ebene ist dies die Situation, die der Geschichten eigentlich einen anderen Namen verleihen sollte, nämlich: die Geschichte vom liebenden Vater. Wir Menschen gehen in die Irre, wir werden schuldig vor Gott und Menschen, wir sind keine Wesen, die alles richtig machen und darin groß da stehen können. Wir leben in Grenzen und begrenzten Möglichkeiten. Doch wir stehen einem Gott gegenüber, der uns dennoch annimmt. Das heißt nicht, dass er den Irrweg gut findet, ganz gewiss nicht, aber er nimmt uns an als solche, die ihm zu jeder Zeit am Herzen liegen. Wir sind und bleiben Gottes Kinder, deshalb dürfen wir zu ihm auch immer wieder zurückkehren und Gott wird mit offenen Armen dastehen. Das dürfen wir als persönliche Gewissheit aus dieser Geschichte heraushören.
Nun ist aber dies auch ein Ärgernis. Der zweite Sohn in der Geschichte macht das deutlich. Ein Fest wird gefeiert, ein Kalb geschlachtet für den, der das Geld so verprasst hat. Der Ärger ist deutlich. Doch dann kommt der Vater und sagt: Du hast alles bei mir. Die steht alles offen. Warum ärgerst du dich, dass dein Bruder mit Freuden empfangen wird. Ist dir etwas genommen? Wichtig ist, dass dieser seine Achtung wieder findet, dass er – der tot war, der nichts mehr zum Leben hatte, weil alles nicht wirklich zum Leben taugte – dass er wieder da ist, dass er wieder etwas in die Hand bekommt, dass er leben kann.
Wir können den Ärger des älteren Sohnes verstehen. ER ist uns vertraut, scheint ganz natürlich zu sein. Aber der Vater der Geschichte macht deutlich: du ärgerst dich, weil jemand etwas scheinbar besseres erhält, mehr erhält, als du, obwohl du alles hast. Wie schön ist es sich zu freuen, dass er wieder da ist, dass sein Leben wieder Sinn und Ziel hat. Statt dessen bist du hier nur am meckern.
Wie viele Familien zerbrechen, wenn es ums erben geht? Wie viel Streit gibt es, weil der andere vermeintlich mehr bekommt? Wie sehr driftet die Gesellschaft auseinander, weil es immer mehr gibt, die etwas haben und ärgerlich sind, wenn die, die eigentlich nichts haben sollten, doch etwas bekommen?
Und unser Wirtschaftssystem macht fleißig mit: die Arbeithabenden müssen länger arbeiten, die keine Arbeit haben, bleiben draußen. Die nichts haben, werden weiter an den Rand gedrängt – mit Harz IV werden immer größere Hürden aufgebaut, immer mehr Lebensmöglichkeiten eingeschränkt. Und man hört die Arbeitenden immer noch sagen: was müssen die noch so viel kriegen.
Die soziale Dimension dieser Geschichte macht mir deutlich: Gott will niemanden am Rande sehen. Auch diejenigen nicht, die durch eigene Schuld in eine Situation geraten sind, die ihnen diese schwierige Lebenssituation eingebracht hat. Die Gemeinschaft hat eine Verantwortung füreinander. Und diese Verantwortung darf nicht durch Neid und Missgunst beiseite geschoben werden. Für die kommenden Wahlen muss danach gefragt werden, wie wollen die zukünftig Verantwortlichen mit denen Umgehen, die am Rande stehen, deren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind? Wie wollen sie umgehen, mit den Alten, mit den Rentnern, mit den Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, mit den Kindern, die durch zunehmende Armut immer schlechtere Chancen haben? Und es ist nicht nur eine Frage an die Politiker, sondern an uns alle: wollen wir auf der Seite der älteren Sohnes stehen, um neidisch zu sein oder wollen wir auf der Seite derer sein, die das Leben aller ermöglichen?
Jesus erzählt von einem Vater, der Verantwortung nicht in der Abgabe des Erbes erfüllt sieht, sondern der dem Leben eines jeden eine Chance gibt. Und das mit Freude und Fröhlichkeit und eben nicht mit Meckern und schlechter Laune. Und ich denke, das stünde unserem Lande auch gut Gesicht: mit Freude und Fröhlichkeit das anzunehmen und als gut anzusehen, was wir erreicht haben, es zu würdigen und verbessern und eben nicht immer nur zu schimpfen und zu meckern, Fehler aufzudecken und die Menschen noch tiefer in den Dreck zu stoßen. Der gütige Vater geht einen anderen Weg, einen Weg der uns den Blick öffnet für ein gutes und reiches Leben. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 447,1-3+7
Psalm Ps 103 1-5+8-13
Eingangsliturgie
Gebet
Lesung 1. Tim 1, 12-17
Lied 353,1-4
Lesung: Lk 15, 11b-32
Glaubensbekenntnis
Lied Unsre Hilfe ist Gott
Predigt
Lied 324, 1,2,8,1012,13
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vaterunser
Segen
163

 

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Die Predigt wurde gehalten in
Gustedt 

12. 5. 2005

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