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Die Geschichte vom Verlorenen Sohn, wie sie immer genannt
wird, gehört mit zu den schönsten Geschichten des Neuen Testamentes. Sie
spricht sehr viele Elemente unseres Lebens an, so dass sie zu vielen
Lebensbereichen etwas zu sagen weiß.
Gerade eben hatte ich eine Taufe in Groß Elbe. Da habe ich diese
Geschichte auf die Entwicklung des Kindes hin bezogen.
Ich möchte hier in Gustedt versuchen, diese Geschichte in zweierlei
Hinsicht zu lesen. Einmal als eine, die den persönlichen Glauben
anspricht, aber auch als eine die die soziale Dimension des Lebens zum
Ausdruck bringt.
Beginnen wir mit dem Ersten.
Ein Mensch hatte zwei Söhne, so beginnt die Geschichte. Und dann geht es
um die Frage des Erbes. Wir hören darin den Wunsch, mit Geld ausgestattet
zu sein, um möglichst in Freiheit das eigene Leben in die Hand zu nehmen.
Und das ist ja auch richtig so. Wir sind nicht auf der Welt, um in
Abhängigkeiten zu leben, um uns von anderen etwas vorschreiben zu lassen,
sondern die Geschichte macht deutlich: den eigenen Weg zu suchen und zu
gehen, das ist etwas, was zum Leben dazu gehört. Der Vater – er wird von
Jesus nicht direkt als Bild für Gott angesprochen, aber wir hören das
natürlich sofort mit – der Vater sagt auch gar nichts dazu. Wir
menschlichen Väter werden hier natürlich mit vielen Gesprächen und
Gedanken Bedenken laut werden lassen und unsere eigenen Probleme mit dem
Loslassen unserer Kinder damit zum Ausdruck bringen. Man könnte solche
Gespräche jetzt wunderbar ausmalen. Im Konfer oder im Kindergottesdienst
würde ich das jetzt auch tun.
Aber hier möchte ich einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass Jesus davon
nichts erzählt. Darauf kommt es nicht an. Der Wunsch nach Freiheit, der
Wunsch nach eigenem Leben wird als selbstverständlicher Lebenswunsch ernst
genommen und nicht kritisiert.
Ich habe eben gesagt, dass es beim Erbe um den Wunsch geht, Geld zu
erhalten. Natürlich geht es auch ums Geld in der Geschichte. Im Nachgang
zum Kirchentag in Hannover möchte ich jedoch dann auch noch einen anderen
Gedanken einbringen. Erbe, das bedeutet ja auch, dass eine Generation der
anderen etwas hinterlässt, etwas weitergibt, damit die Kinder gut
ausgestattet sind fürs Leben. Da geht es um Werte, um Ziele, um
Lebensvorstellungen. Was vererben wir da unseren Kindern? Was geben wir
ihnen mit, auf ihrem Weg, für ihren Weg?
Wenn dein Kind dich morgen fragt..., war das Motto des Kirchentages. Was
ist mir wichtig im Leben? Was halte ich für gut und richtig, so dass ich
es als nachfolgenswert halte? Vor allem: was für religiöse Gedanken tragen
mich und sollen auch meine Kinder tragen? Welche Antworten habe ich, damit
den Kindern ein Lebensgerüst für die unerwarteten Dinge des Lebens gegeben
ist?
Erbe ist mehr als nur Geld, das wir angespart haben. Zum Erbe gehört die
Prägung auch dazu.
Und – damit kommt jetzt auch die soziale Dimension mit ins Spiel – was
hinterlassen wir gesellschaftlich unseren Kindern. Was bürden wir ihnen
auf, an wirtschaftlichen Lasten durch stetige Verschuldung. An
Perspektivlosigkeit, wenn Arbeit Mangelware ist. An Belastungen des
Lebensraumes, wenn Atommüll über Jahrtausende belastend bleibt? Fragen,
die auch in dieser Geschichte mit anklingen, auch wenn der Gang der
Geschichte dies nicht unbedingt sofort nahe legt.
Doch zurück in die Geschichte. Der Junge Mann zieht seines Weges. Er lebt
nach seinen Vorstellungen – das Erbe, sei es das Geld, seien es die Werte
– sie scheinen gleichgültig zu sein. Den eigenen Weg will er suchen, aus
dem vollen schöpfen und dabei geht alles verloren. Er bringt sein Erbteil
durch mit Prassen.
Das Geld wird alle und vieles von dem, was die Älteren mitgegeben haben,
geht den Bach runter.
Dann gerät er in eine Hungersnot. Arbeitslosigkeit, das einzige, was er
bekommt ist ein Drecksjob: Schweine hüten. Das war damals das allerletzte,
was man machte. Schweine waren unreine Tiere, sie zu hüten also Aufgabe
derer, die wirklich völlig am Ende waren. Es gab bei uns mal eine Zeit, da
waren das die Müllfahrer. Glücklicherweise ist das nicht mehr so. Der Mann
ist am Ende, selbst die verachteten Schweine sind noch eins höher, er darf
nicht mal deren Schoten essen.
Am Ende ist er. Und da beginnt er ganz neu über sein Leben nachzudenken.
Warum müssen wir immer erst an einen Endpunkt kommen, bis wir merken, das
wir auf dem Holzweg sind? Ich erlebe das bei mir selber leider auch immer
wieder. Erst muss die Karre tief in den Dreck gefahren sein, bis ich mal
merke: Freund Nase, so geht das nicht. Merkst du das eigentlich gar nicht
? Und ich denke, jeder von uns könnte solche Beispiele nennen, so wir an
Punkte gekommen sind, wo es nicht mehr weiter ging, und wir erst dann zur
Besinnung kommen.
Selbst in unserer Sprache wird es deutlich: bis wir zur Besinnung kommen.
Das sagt man an solchen Endpunkten. Es ist traurig, dass wir diese
Besinnung nicht früher aufnehmen, dass wir meinen, wir könnten alles
selber in die Hand nehmen, das Leben aus uns selber heraus wunderbar
gestalten. Und dann merken wir, dass es nicht so geht, wie wir uns das
vorgestellt haben. In der Dokumentation: der Fall Deutschland wird das
auch ganz deutlich: jetzt, im Nachhinein da fällt auf und wird auch
zugegeben, welche politischen Fehler gemacht wurden – aber jetzt ist die
Lage so schwierig, wie sie nun einmal ist.
Auf der einen Seite also ist diese Situation ein Appell, früher
aufzuwachen, früher sich besinnen, um die Richtung schon früher zu ändern
und einen Weg zu gehen, der nicht am Schweinetrog endet.
Für den jungen Mann der Geschichte ist diese Station seines Leben die, zu
Besinnung zu kommen. Da war doch was: die Tagelöhner beim Vater haben zu
essen und zu trinken. Ihre Grundbedürfnisse werden befriedigt. Meine
Kindschaft habe ich verwirkt, aber vielleicht gibt es die Chance als
solche ein Tagelöhner mein Leben in die Hand zu nehmen.
Nicht Selbstmitleid, nicht Bejammerung, nicht der Ruf nach dem Staat,
sondern das eigene Nachdenken, das Sich-zurück-Besinnen führte dazu, dass
der Mann sein Leben neu ordnen konnte. Seine Eigeninitiative führt auf
einen neuen Weg. Auch dies hat eine religiös-soziale Dimension: Gott gibt
uns die Kraft, das Leben auch dann noch in die eigene Hand zu nehmen, wenn
es am Ende ist und wenn man weiß, das andere einem helfen müssen. Aber es
gibt darin eben auch die Möglichkeit der Eigeninitiative, des bewussten,
eigenständigen Handelns, das nach persönlichen Möglichkeiten sucht. Es ist
somit auch eine Geschichte gegen die Resignation, dagegen den Kopf in den
Sand zu stecken und zu sagen: es hat ja sowieso alles keinen Sinn. Schau
nach vorne, nimm Möglichkeiten wahr, lass dich nicht gehen und fallen,
Gott tut es auch nicht.
Und dann steht er da, der Vater. Wartend, liebend. Nicht mit erhobenem
Zeigefinger, nicht den gescheiterten Sohn noch weiter in den Dreck
drückend. Nein, er fällt ihm um den Hals, hört wohl sein
Schuldeingeständnis, aber es interessiert ihn nicht. Nicht Tagelöhner,
sondern Sohn soll er wieder sein.
Auf der persönlichen Ebene ist dies die Situation, die der Geschichten
eigentlich einen anderen Namen verleihen sollte, nämlich: die Geschichte
vom liebenden Vater. Wir Menschen gehen in die Irre, wir werden schuldig
vor Gott und Menschen, wir sind keine Wesen, die alles richtig machen und
darin groß da stehen können. Wir leben in Grenzen und begrenzten
Möglichkeiten. Doch wir stehen einem Gott gegenüber, der uns dennoch
annimmt. Das heißt nicht, dass er den Irrweg gut findet, ganz gewiss
nicht, aber er nimmt uns an als solche, die ihm zu jeder Zeit am Herzen
liegen. Wir sind und bleiben Gottes Kinder, deshalb dürfen wir zu ihm auch
immer wieder zurückkehren und Gott wird mit offenen Armen dastehen. Das
dürfen wir als persönliche Gewissheit aus dieser Geschichte heraushören.
Nun ist aber dies auch ein Ärgernis. Der zweite Sohn in der Geschichte
macht das deutlich. Ein Fest wird gefeiert, ein Kalb geschlachtet für den,
der das Geld so verprasst hat. Der Ärger ist deutlich. Doch dann kommt der
Vater und sagt: Du hast alles bei mir. Die steht alles offen. Warum
ärgerst du dich, dass dein Bruder mit Freuden empfangen wird. Ist dir
etwas genommen? Wichtig ist, dass dieser seine Achtung wieder findet, dass
er – der tot war, der nichts mehr zum Leben hatte, weil alles nicht
wirklich zum Leben taugte – dass er wieder da ist, dass er wieder etwas in
die Hand bekommt, dass er leben kann.
Wir können den Ärger des älteren Sohnes verstehen. ER ist uns vertraut,
scheint ganz natürlich zu sein. Aber der Vater der Geschichte macht
deutlich: du ärgerst dich, weil jemand etwas scheinbar besseres erhält,
mehr erhält, als du, obwohl du alles hast. Wie schön ist es sich zu
freuen, dass er wieder da ist, dass sein Leben wieder Sinn und Ziel hat.
Statt dessen bist du hier nur am meckern.
Wie viele Familien zerbrechen, wenn es ums erben geht? Wie viel Streit
gibt es, weil der andere vermeintlich mehr bekommt? Wie sehr driftet die
Gesellschaft auseinander, weil es immer mehr gibt, die etwas haben und
ärgerlich sind, wenn die, die eigentlich nichts haben sollten, doch etwas
bekommen?
Und unser Wirtschaftssystem macht fleißig mit: die Arbeithabenden müssen
länger arbeiten, die keine Arbeit haben, bleiben draußen. Die nichts
haben, werden weiter an den Rand gedrängt – mit Harz IV werden immer
größere Hürden aufgebaut, immer mehr Lebensmöglichkeiten eingeschränkt.
Und man hört die Arbeitenden immer noch sagen: was müssen die noch so viel
kriegen.
Die soziale Dimension dieser Geschichte macht mir deutlich: Gott will
niemanden am Rande sehen. Auch diejenigen nicht, die durch eigene Schuld
in eine Situation geraten sind, die ihnen diese schwierige Lebenssituation
eingebracht hat. Die Gemeinschaft hat eine Verantwortung füreinander. Und
diese Verantwortung darf nicht durch Neid und Missgunst beiseite geschoben
werden. Für die kommenden Wahlen muss danach gefragt werden, wie wollen
die zukünftig Verantwortlichen mit denen Umgehen, die am Rande stehen,
deren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt sind? Wie wollen sie umgehen, mit
den Alten, mit den Rentnern, mit den Arbeitslosen und
Sozialhilfeempfängern, mit den Kindern, die durch zunehmende Armut immer
schlechtere Chancen haben? Und es ist nicht nur eine Frage an die
Politiker, sondern an uns alle: wollen wir auf der Seite der älteren
Sohnes stehen, um neidisch zu sein oder wollen wir auf der Seite derer
sein, die das Leben aller ermöglichen?
Jesus erzählt von einem Vater, der Verantwortung nicht in der Abgabe des
Erbes erfüllt sieht, sondern der dem Leben eines jeden eine Chance gibt.
Und das mit Freude und Fröhlichkeit und eben nicht mit Meckern und
schlechter Laune. Und ich denke, das stünde unserem Lande auch gut
Gesicht: mit Freude und Fröhlichkeit das anzunehmen und als gut anzusehen,
was wir erreicht haben, es zu würdigen und verbessern und eben nicht immer
nur zu schimpfen und zu meckern, Fehler aufzudecken und die Menschen noch
tiefer in den Dreck zu stoßen. Der gütige Vater geht einen anderen Weg,
einen Weg der uns den Blick öffnet für ein gutes und reiches Leben. Amen
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Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 447,1-3+7
Psalm Ps 103 1-5+8-13
Eingangsliturgie
Gebet
Lesung 1. Tim 1, 12-17
Lied 353,1-4
Lesung: Lk 15, 11b-32
Glaubensbekenntnis
Lied Unsre Hilfe ist
Gott
Predigt
Lied 324, 1,2,8,1012,13
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vaterunser
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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