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Hinweis: Den größten Teil dieser Gedanken und auch
der Gebete habe ich entnommen der Predigtvorbereitungshilfe von Andreas
Reinhold: www.e-pistel.de . Für
diese Gedanken bin ich sehr dankbar.
Wir werden heute in eine Alltagsszene hinein genommen, die, so denke ich,
vor allem die Frauen unter uns sehr schnell anspricht. Jesus kommt zu
Besuch bei zwei Frauen und dann beginnt das ganze Programm orientalischer
Gastfreundschaft. Allerdings ist nur eine Frau damit beschäftigt, die
Organisation von Essen und Wohnlichkeit zu übernehmen, die Marta. Darüber
ist sie sehr ärgerlich. Und ich denke, wir können alle gut verstehen, dass
sie ärgerlich ist. Sie wirtschaftet die ganze Zeit, müht sich ab, während
die andere dem Gast zu Füßen liegt und nichts tut.
Wir kennen sicher alle solche Situationen, in denen man den Eindruck hat,
dass die ganze Arbeit nur an einem selbst hängt und die anderen sich
verwöhnen lassen, oder einfach gar nichts tun. Niemand fragt danach, ob
man Hilfe gebrauchen könnte, keiner bedankt sich. Was ich tue, scheint
niemanden zu interessieren, scheint so selbstverständlich zu sein, dass es
keiner registriert.
So geht es vielen, die sich für andere engagieren, in Vereinen oder auch
in der Kirche. Da gibt es viel unauffällige und doch regelmäßig
geschehende Arbeit in unserer Kirche, viel Energie, Zeit und oft genug
auch Geld wird investiert und oft genug wird dies übersehen. Die meisten
stehen selten vorne.
Wie soll Marta nun darauf reagieren? Wäre es nicht höflicher, die
Situation stillschweigend hinzunehmen und Maria darauf anzusprechen,
nachdem der Gast wieder gegangen ist? So tue auch ich es oft - meistens
sogar -, weil ich niemanden vor den Kopf schlagen oder gar bloßstellen
will. Jede/r wird anders damit umgehen. Allerdings würde wohl niemand auf
die Idee kommen, den geladenen Gast selbst in das Geschehen einzubeziehen
und ihn um Rat zu fragen, ja in gewisser Weise ihm sogar eine Mitschuld an
der Situation geben. Das macht man nicht, das gehört sich nicht.
Aber genau das ist es, was Marta jetzt tut! Sie bezieht Jesus in ihren
Ärger mit ein, wahrt nicht die Distanz, sondern rückt dem Meister mit
ihren Problemen auf die Pelle. Sie erwartet von Jesus, Stellung zu
beziehen und Maria zurechtzuweisen. Ich möchte nicht wissen, wie rot im
Gesicht ihre Schwester in diesem Moment geworden ist!
Martas Reaktion wirkt zunächst einmal so, dass man sagen möchte, das geht
doch nicht. Aber gleichzeitig beeindruckt diese Offenheit auch. Sie traut
es sich, das, was sie in diesem Moment bedrückt, auch auszusprechen. Da
ist eine Frau, die ihre Gefühle nicht versteckt, die ihre Frustration mit
diesem Mann, der ihr Gast ist, teilt - und sie sprengt damit alle üblichen
Benimmregeln.
Wie gehen wir so mit unserem Ärger und Frust um? Lassen wir den gleich
raus oder tragen wir den erst mal mit uns rum? Sagen wir unserem
Gegenüber, was wir gerade so empfinden, auch negativ empfinden, oder
suchen wir eher nach einer passenden Gelegenheit. Und wenn Gäste da sind,
Freunde, darf man dann so etwas ansprechen, oder muss man eben den
Gepflogenheiten entsprechen und eitel Sonnenschein verbreiten. Wie oft
schlucken wir runter, statt auch mal auszusprechen, was jetzt Sache ist.
Geht denn gleich die Welt unter, wenn man mal ärgerlich ist?
Und gilt das nicht auch für unseren Glauben? Wer lässt gegenüber Gott
schon seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf? Habe ich den Mut, Gott die
Stirn zu bieten und all das, was mir gegen den Strich geht, was mir -
vielleicht auch an dem Bild von Gott, das ich habe - nicht gefällt, ihm
direkt ins Gesicht zu sagen? Seit nunmehr 2.000 Jahren regiert eine Art
Glaubens-Knigge in uns, der uns den heiligen Protest verbietet.
Schließlich sind wir nur arme Menschen und Gott ist Gott. Offen mit ihm zu
reden, wurde und wird mit Majestätsbeleidigung gleichgestellt. Demut wird
groß geschrieben, jede/r hat sein/ihr Los, das ihm/ihr von Gott auferlegt
worden ist, zu ertragen - ohne aufzumucken.
Religiöse Vorschriften sind nicht selten strenger als gesellschaftliche
Manieren. Doch wo bleibt da die Freiheit, die der Glaube schenkt?
Die Geschichte erzählt, dass Marta Jesus gegenüber kein Blatt vor den Mund
nimmt. Marta wendet sich in ihrer Verärgerung ohne Vorbehalte an Jesus.
Und ich denke, das ist etwas, das uns Mut machen kann. Die Freiheit des
Glaubens schenkt uns im Angesicht Jesu die Möglichkeit, offen zu sein,
kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. Und das gilt im Blick auf
Menschen dann letztlich ganz genauso, wie im Blick auf Gott.
Schauen wir in die Bibel: von den 150 Psalmen, den Hauptgebeten dort, sind
die Hälfte gefüllt mit Klagen gegen Gott. Der Prophet Jona, der mit dem
Walfisch, er ist sauer auf Gott, dass der gegen das böse Ninive nicht
strafend vorgeht, sondern Barmherzigkeit zeigt. Und er sagt es Gott direkt
ins Gesicht. Die Propheten, sie klagen Gott an, weil ihr Auftrag zu schwer
ist, oder weil sie vieles ertragen müssen, was sie nicht mehr ertragen
können. Da ist Hiob, der sich gegen sein Schicksal wehrt und von Gott
Rechenschaft verlangt. Und da ist auch Jesus, der am Kreuz fragte, warum
ihn sein Vater verlassen hat.
Die Klage hat ihren Raum, unsere negativen Gefühle in uns, sie haben ihren
Raum. Sie haben ihren Raum bei Gott und sie brauchen auch ihren Raum unter
den Menschen. Ein ehrliches Wort, das ist mehr wert als liebevoll gemeinte
Zurückhaltung, die sich letztlich dann an ganz anderer Stelle Bahn bricht.
So wie Marta sich in ihrer Spontaneität unverhohlen an Jesus wendet, ohne
auf die Etiquette zu achten, so darf auch ich mich meinem Gott in aller
Freiheit öffnen und so dürfen wir uns auch unter Menschen öffnen.
Natürlich riskiere ich damit etwas. Aber durch Zurückhaltung riskiere ich
auch etwas, letztlich meine Gesundheit, meine seelische und damit
zusammenhängend auch meine körperliche Gesundheit. Und ich riskiere noch
etwas, nämlich dass ich eine Antwort erhalte, die mir nicht unbedingt
gefällt.
Die Antwort, die Jesus gibt, wird oft als Zurechtweisung Martas
verstanden. Man könnte tatsächlich der Meinung sein, Jesus würde die
schwer arbeitende Frau vor ihrer Schwester blamieren. Aber das ist nicht
korrekt. Seine Antwort ist kein brüskes Zurückweisen. Ich lese sie
vielmehr als eine Äußerung, die einfühlsam und behutsam darauf hinweist,
dass es im Leben verschiedene Bereiche gibt, die man jeweils nicht
vergessen darf.
"Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.", sagt Jesus. Er
weist Marta nicht zurück, sondern – und das soll auch mal betont werden –
er erkennt die Arbeit an, die diese Frau sich macht. ER sieht die Arbeit
und würdigt sie. Auch wenn er Maria in Schutz nimmt, heißt das noch lange
nicht, dass er Martas Verhalten ablehnt. Eins aber ist not. sagt Jesus.
Und das ist nun der entscheidende Punkt. Jesus will deutlich machen, dass
es nicht die Arbeit ist, die seine Zuwendung ausmacht, bei aller
Hochachtung der Gastfreundschaft. Nicht die Arbeit macht uns aus, sondern
dass wir uns von Gott ansprechen lassen. Vielleicht könnte Jesus ja noch
hinzugefügt haben: "Marta, wenn ich das nächste Mal bei euch vorbeischaue,
dann versuche nicht, mir zu dienen, sondern erlaube, dass ich dir diene."
Ja, uns das ist dann auch Gottesdienst: Jesus, unser Gast, wird zum
Gastgeber und lädt uns ein, uns vom Alltag zu erholen. Gott hat Geduld mit
uns und Verständnis für uns, für unsere Sorgen und unseren alltäglichen
Lebenslauf. Und er hält an uns fest, so wie er auch an den Psalmisten und
den Propheten und an Jesus selbst festgehalten hat. Und wozu er uns
einlädt, ist, bei ihm einmal eine Pause zu machen. Und das geht auch, wenn
wir mal Frust ablassen. Das reinigt die Seele und öffnet auch wieder für
das, was wichtig ist im Leben.
Das ist für mich die eine Seite dieser kurzen Geschichte. Es gibt noch
eine andere. Die beiden Frauen Marta und Maria sind nicht nur zwei Frauen,
die unterschiedliches tun, sie sind auch zwei Seiten in uns selber.
In diesen beiden Frauen spiegelt sich so etwas wie ein Rollenkonflikt
wider. Auf der einen Seite die energische, anpackende und resolute Frau,
die sich jeden Tag um die materiellen Dinge kümmert und auf der anderen
Seite die ruhige, die zuhört, die sich für das spirituelle Leben
interessiert. Diese beiden Frauen repräsentieren zwei Seiten in uns, die
sich nicht selten im Alltagsleben auszuschließen scheinen, ja sich
widersprechen.
Doch diese Geschichte zeigt, dass sich diese beiden Seiten nicht wie
unversöhnliche Schwestern gegenüberstehen müssen. Das Reich Gottes braucht
beide Seiten, um in unserer Welt Gestalt annehmen zu können. Und Lukas,
der diese Geschichte niedergeschrieben hat, hat das sehr gut verstanden.
Er stellt diese Erzählung über Marta und Maria zwischen zwei sehr
wichtigen Passagen, die vom Reich Gottes handeln. Die eine ist das
Gleichnis vom barmherzigen Samariter, mit der Jesus unser tatkräftiges
Engagement einfordert. Die andere handelt von der Frage der Jünger nach
dem richtigen Gebet - also eine Frage nach der Kontemplation. Und Jesus
antwortet mit dem Vater Unser.
Das Leben im Glauben, der Glaube im Leben hat immer zwei Seiten: wir
können, dürfen, sollen Hörende sein, die sich von Gott dienen lassen, von
ihm ansprechen, aufrichten und annehmen lassen. Zu Füßen Gottes sitzen,
bei ihm geborgen sein. Dafür braucht man Zeit, braucht man Ruhe, braucht
man Freiheit vom geschäftigen Alltag. Der Gottesdienstbesuch ist eine
solche Auszeit, die man aber auch sonst in der Woche gewiss nötig hat und
sich gönnen sollte, bei Musik oder ohne, bei einem schönen Getränk oder
einfach nur so am Küchentisch. Wir brauchen Zeit für Gott.
Aber es gehört zum Glauben auch die Aktivität dazu, es gehört dazu den
anderen wahr zu nehmen, seine Bedürfnisse, seine Nöte und das, was wir tun
können, um in dieser Welt hilfreich zu sein.
Den Glauben zeichnet beides aus: das Hören auf Gottes Wort, das Gebet mit
Klage, Dank und Fürbitte und die Aktivität in der Bemühung um den
Nächsten. So werden Maria und Marta zu zwei bedeutsamen Seiten des
Glaubens. Und da wir Menschen eher tätig sind, ist es gut, wenn Jesus
sagt: die Ruhe der Maria, das einfache Dasein und Hören, ist genauso
wichtig.
Darum muss gesagt sein: In unserem Leben um Glauben - im persönlichen wie
im gesellschaftlichen - sollten beide Frauen vorkommen: Marta genauso wie
Maria. Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 449,1-4
Psalm 31 EG 716
Eingangsliturgie
Gebet Barmherziger Gott,
du schenkst uns an diesem Morgen eine Stunde deiner Ewigkeit. Dafür wollen
wir dir danken und bitten dich:
Lass uns auch in der kommenden Woche Zeit finden,
um zur Ruhe kommen zu können und um dein Wort in unserem Alltag zu
entdecken, damit wir dir folgen können.
Lesung 1. Kor. 13
Lied 413,1-4
Lesung Lk 10, 38-42
Glaubensbekenntnis
Lied 420,1-5
Predigt
Lied 419,1-5
Abkündigungen
Fürbittengebet
Wir bitten dich, barmherziger Gott, um von dir erfüllte Zeit:
Zeit, um zu uns selbst zu finden;
Zeit, um für andere da zu sein;
Zeit, um zuhören zu können;
Zeit, um jemanden zu besuchen;
Zeit, um lachen zu können;
Zeit, um Tränen fließen zu lassen;
Zeit, um durchzuatmen;
Zeit, um die schönen Seiten des Lebens zu genießen;
Zeit, um dem Bösen und Schlechten entgegenzutreten;
Zeit, um mit dir ins Gespräch zu kommen;
Zeit, deinem Sohn auch im Alltag zu folgen.
Du gibst uns unsere Zeit, so lass sie uns Nutzen für dich, für uns und für
die Menschen, die uns brauchen.
Und wir befehlen dir alle Menschen an, die uns vor Augen sind aus unseren
Dörfern, aus unseren Familien oder an anderen Ort der Welt, denen es nicht
gut geht, die zu leiden haben, denen schweres auferlegt ist oder
bevorsteht. Sei du ihnen nahe durch deinen Geist und uns Menschen.
Vaterunser
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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