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Lk 10, 25-37

 

Es gibt biblische Geschichten, die kennt wohl fast jeder. An erster Stelle die Weihnachtsgeschichte. Und auch die heutige Evangeliumslesung gehört zumindest vom Titel her zu den bekannten Geschichten: der barmherzige Samariter. Das ist doch die, wo einer einen Kranken gerettet hat. Hat das nicht auch etwas mit dem Samariterbund zu tun?

Ja das hat es und so grob stimmt auch die Beschreibung der Geschichte. Ich weiß nicht, wie es ihnen ging, als sie diese Erzählung Jesu eben gehört haben. War es auch das Gefühl, das kenne ich, da muss nicht so intensiv zuhören? Oder war es eher ein: huch, das habe ich so noch gar nicht gehört?

Manchmal ist es ja so, dass gut vertraute Erzählungen beim wiederholten Male lesen plötzlich etwas ganz neues und anderes bringen, weil man vielleicht genauer hingehört hat oder weil die Sicht des Lebens uns verändert hat.

Auch mir geht das manchmal so und ein wenig auch bei dieser Beschäftigung mit der Geschichte. Und in einige neue, aber auch manch alte Gedanken möchte ich sie heute mit hineinnehmen.

Zunächst ist da der Anfang der Geschichte. Ich vermute, hätte ich sie vor der Lesung danach gefragt, wie es eigentlich zum Erzählen dieser Geschichte gekommen ist, da hätten viele gestutzt. Aber manchmal ist das eine ganz wichtige Information zum Verständnis biblischer Erzählungen.

Lukas erzählt, dass ein Schriftgelehrter Jesus ansprach. Er wollte ihn ein wenig herausfordern, wollte wissen, wie er theologisch dachte und fragte ihn: Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

Selbst wenn es eine provokante Frage war, so möchte ich sie doch sehr ernst nehmen. Es ist eine wichtige Lebensfrage, die hier im Raum steht. Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Haben Sie sich diese Frage schon einmal gestellt?

Leider ist der Gedanke des ewigen Lebens zwiespältig und missverständlich. Ewiges Leben wird oft mit dauerhaftem Leben verglichen. In einer modernen Jugendübersetzung wird dann auch von einem Leben gesprochen, das nie aufhört. Ich empfinde das zu sehr von menschlichen Zeitdimensionen her gedacht. Ewigkeit ist wohl eine Zeitdimension, aber eine unfassbare. Von Ewigkeit zu Ewigkeit wird oft als Formel gesprochen. Es wäre die Zeit vor uns und die Zeit nach uns, die hier angesprochen wäre, wenn es nur um Zeit ginge. Für mich ist es aber etwas anderes. Ewigkeit hat für mich etwas mit Fülle und mit Vollkommenheit zu tun. Es hat etwas damit zu tun, dass Gott alles in allem ist, dass er alles ausfüllt und erfüllt, heute und in Zukunft.

Und dann ist die Frage nach dem ewigen Leben weniger eine zeitliche Frage, sondern mehr eine danach, wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es Anteil hat an der Fülle Gottes, an der Vollkommenheit Gottes. Wie kann ich so leben, dass es ihm entspricht und ich mich in dieser Fülle aufgehoben weiß?

Wie kann ich ein erfülltes Leben führen, eines in dem ich nicht immer wieder menschlichen Wünschen und Vorstellungen hinterherlaufe, sondern mitten in dem, was ich bin und tue, Erfüllung finde? Oder anders gesagt: wie kann ich mit mir und Gott im Reinen leben? Die Antwort des Glaubens, die im Alten Testament in Worte gefasst wird lautet: Du sollst Gott von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Seele und von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.

Die Ausrichtung auf Gott steht an erster Stelle: mit ganzem Herzen sollen wir auf ihn ausgerichtet sein, mit allem was unser Innerstes ausmacht. Mit allen Kräften, das heißt soviel wie: mit allem, was mir möglich ist, was ich dazu tun kann, Gott lebendig ins Leben einzulassen. Mit ganzem Gemüt, übersetzt Luther und meint damit: Verstand, Vernunft, Gesinnung, den Willen, alles Verlangen und Streben des Menschen. All das soll auf Gott ausgerichtet sein, soll sich ihm anvertrauen. Das ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem erfüllten Leben. Es eben nicht von sich aus zu sehen, sondern es ausgerichtet zu sehen und zu verstehen von dem her, der das Leben schenkt und zu dem es zurückkehrt. Darin liegt die Fülle des Lebens. Von ihm angerührt zu sein und daher von ihm her das Leben zu gestalten.

Allerdings ist biblische Ausrichtung nie allein nur Gottbezogen, oder anders gesagt: jeder Gottesbezug ist immer auch Menschenbezug. Darum heißt es: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich finde das übrigens ein ganz wichtiges Kriterium für die Frage nach der Bedeutung einer Religion: wie steht es um den Umgang mit den Menschen? Richtet sich das Leben innerhalb dieser Religion nur auf Gott oder ist das Leben der Menschen und der Wert des Menschen bezogen auf diesen Gott und das religiöse Verhalten ebenso wichtig. So manche religiöse Gruppierung muss sich das fragen lassen, z.B. wenn es nur um religiöse Riten geht, oder das Menschenleben als weniger Wert angesehen wird, als religiöses Wort, wie im Falle von Bluttransfusionen bei den Zeugen Jehovas.

Die Achtung des Menschen, die Wertschätzung seines Lebens gehört in das erfüllte Leben mit hinein. Wer nur sich selber und seine religiöse Ausrichtung im Blick hat und dabei den Menschen aus den Augen verliert, der wird auch keinen Anteil gewinnen an der der Fülle des Lebens.

Allerdings liegt auch gerade in diesem Bereich das Problem: Wer ist mein Nächster? Wer ist es, der neben Gott zu lieben ist? So fragt der Schriftgelehrte.

Und bekommt als Antwort die Geschichte vom barmherzigen Samariter, oder besser vom Barmherzigen Samaritaner. Denn darin liegt eine große Brisanz dieser Geschichte. Die religiösen Menschen die in der Geschichte auftauchen: ein Priester und ein Levit, ein Tempeldiener, gehen vorbei, lassen, aus welchen Gründen auch immer, den Verletzten liegen. Nun kommt jemand, der als Ausländer und als religiöser Feind anzusehen ist. Ein Mensch aus dem befeindeten Samarien. Und er wird als Beispiel der dienenden Liebe herausgestellt. Das ist eine in Form gegossene Erläuterung des Gebotes der Feindesliebe. Christliche Liebe ist entgrenzte Liebe, ein Handeln, das sich allein an den Notwendigkeiten des Menschlichen orientiert. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt dieser bekannten Erzählung, der oft genug aber nicht gehört wird, weil wir um diese alte Feindschaft zwischen den Samaritanern und Israeliten nicht wissen.

Kommen wir zum dritten und letzten Aspekt dieser Erzählung, dem Schluss.

Jesus fragt den Schriftgelehrten am Ende: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen ist?

Natürlich der Samaritaner, hören wir, sagen wir  und haken die Geschichte ab.

Aber ich denke, wir tun das zu schnell. Wie lautete die Frage Jesu doch gleich? Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen ist? Sprachlich gewunden, aber doch hoch interessant ist die Frage. Im allgemeinen würden wir sagen: liebe deinen Nächsten, das heißt: liebe den unter die Räuber gefallenen, hilf ihm. Mach es so wieder Samaritaner: leiste erste Hilfe und unterstütze ihn auch finanziell.

Das ist auch vollkommen richtig, die Zielrichtung stimmt. Aber wenn man genau liest, dann hat die Frage eine ganz wichtige Nuancierung. Der Schriftgelehrte fragte: wer ist mein Nächster? Er fragte danach, wer von den vielen Menschen, die um mich herum sind, ist denn als Nächster im Sinne des Gebotes Gottes anzusehen.

Jesus fragt anders: Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen ist? Hier geht es nicht um den Verletzter, dass dieser sozusagen Nächster wird dem Helfer. Sondern umgekehrt: der Samaritaner wurde zum Nächsten. Nicht der Hilfebedürftige, sondern der Starke wird zum Nächsten für den Schwachen.

Geh hin und tue desgleichen, wird somit zu einem Satz, der uns an die anderen Menschen weist in unserer Verantwortung füreinander. Doch in anderer Weise. Es geht nicht um die Frage, wer hat meine Nächstenliebe verdient, sondern es geht darum: werde Nächster, komme den Menschen nahe, sei den Menschen nahe mit deiner Liebe. Es geht nicht darum danach zu fragen, wer in welcher Situation mein Nächster ist, sondern es geht darum, dass ich selber zum Nächsten für mein Gegenüber werde oder noch weiter gefasst, dass ich erkenne, wie mir andere nahe kommen und mir zum Nächsten werden. Und das kann dann auch derjenige sein, der mir eigentlich feindlich gesonnen war und ist.

Mein Nächster das könnte ein Mensch sein, der mir in einer schwierigen Situation beiseite steht. Jemand, der für mich da ist und mir hilft, ohne zu fragen. Vielleicht jemand, der zur richtigen Zeit wie ein rettender Engel auftaucht, zur richtigen Zeit das Richtige tut oder sagt. Auf diese Weise haben gewiss schon viele Menschen ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen. Und sie bleiben in lieber Erinnerung, ob sie nun dauerhaft mein Leben begleitet haben oder nur an einem einzigen Punkt für mich da waren. Aus dieser Perspektive ist die Aufforderung "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" nichts, was ich mir womöglich mühsam abringen muss, sondern eine Zuneigung, auch Dankbarkeit, die letztlich ganz von selbst entsteht.

NächsteR zu sein ist dabei kein Dauerzustand, sondern etwas das sich ganz konkret im Leben ereignet. So lässt sich Jesu Frage übersetzen als "Wer ist dem [...] zum Nächsten geworden?" So gibt es in meinem Leben noch unzählige Möglichkeiten, wie mir jemand zum Nächsten werden kann.

Allerdings gibt es ebenso viele Möglichkeiten für mich, anderen zur/m Nächsten zu werden. Manchmal ergibt es sich scheinbar zufällig, und ich bin etwa zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Manchmal handelt es sich aber auch um eine bewusste Entscheidung, wem ich nahekommen will. Und damit schließt auch Jesus am Ende des Gesprächs die Klammer zur Ausgangsfrage des Schriftgelehrten, was er tun muss, um das ewige Leben zu ererben: ? So geh hin und tu desgleichen!"

Nächstenliebe darf letztlich kein Lippenbekenntnis sein. In der konkretion mitten im Leben wird Nächstenliebe lebendig: dort wo ist den anderen als Nächsten erkenne, wo er oder sie mir gutes getan hat, oder wo ich selber Nächster werde und Spuren bei anderen hinterlasse.

Und genau darin liegt die Fülle des Lebens, dass wir in dieser Weise immer gegenseitig aufeinander angewiesen sind und uns gegenseitig das Leben erleichtern und erfüllen. Im Geben und Nehmen liegt  die Erfülltheit des Lebens, in der Nähe, die wir uns gegenseitig schenken. Wer Gott nahe ist, dem sind auch die Menschen nahe, darum gehören Gottesliebe und Nächstenliebe auch so eng zusammen. Werden wir also Nächste für die, die uns brauchen und seien wir offen für die, die uns zum Nächsten werden oder schon längst geworden sind. Amen

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Liturgischer Ablauf

 

Orgelvorspiel

Lied: 447,1,2,7,8

Psalm 112,5-9

Eingangsliturgie

Gebet

Lesung 1. Joh 4,7-12

Lied: 413,1-4

Lesung Lk 10, 25-37

Glaubensbekenntnis

Lied 196,1-2+5-6

Predigt

Lied: 612, 1-5

Abkündigungen

Lied 229,1-3

Abendmahlsgebet:

Gott, du Schöpfer und Erhalter dieser Welt. Wir danken dir, dass du uns geschaffen hast und uns nicht alleine durchs Leben ziehen lässt. Wir wissen, wir brauchen Gemeinschaft und danken für alle Menschen, die du uns an die Seite stellst. Besondern danken wir dir für Jesus Christus, in dem du all deine Liebe offenbart hast, die uns Menschen gilt. Aus ihr können wir schöpfen alle Tage, sie zeigt uns erfüllten Leben. Darum wollen wir dich loben mit allen vor uns geglaubt haben und mit allen die heute auf die vertrauen. Großer Gott wir loben dich.

Herr Jesus Christus, du Bild der Liebe Gottes. Du kommst uns nahe und willst uns in unserem Leben, führen, tragen und leiten. Und du willst uns stärken für unseren Weg der Liebe.  So erfülle uns mit deiner Liebe, wenn wir nun feiern, was du uns hinterlassen hast.

Einsetzungsworte

Komm, Herr, Jesus, sei mitten unter uns, stärke und erneuere uns. Sende auf uns herab deinen Geist, den Geist der Liebe und der Versöhnung, dass er uns erfülle mit deinen Gaben. 

Vaterunser

Liebt Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen und mit ganzem Gemüt und den Nächsten wie euch selbst, so werdet ihr Anteil haben an der Fülle.

Fürbittengebet

Vater im Himmel!

Wir danken dir für die Gaben von Brot und Kelch. Lass diese Gabe segensreich in uns Wirken, stärke darin unseren Glauben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir beten zu dir für alle Menschen, die dich, Gott suchen. Lass dich finden auf dem Weg dieser Suche. Hilf allen, die auf Abwege geraten, dass sie die Freiheit und Fülle bei dir erhalten. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir beten zu dir für alle Menschen, die sich um andere Menschen bemühen, die ihre Kraft darein setzen, ihnen hilfreich zur Seite zu stehen. Gib ihnen Kraft in all der Zeit und lass sie in hoffnungslosen Situationen nicht verzweifeln. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir beten für alle Menschen, die nur sich selber sehen und andere aus dem Blick verlieren. Öffne ihnen die Augen dafür, dass Leben Gemeinschaft heißt, gegenseitiges Geben und nehmen. Hilf ihnen so zu Nächsten zu werden. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir beten für alle, die in unseren Gemeinden krank sind oder gar im Sterben liegen. Sei du bei ihnen und ihren Angehörigen. Stärke sie, dass sie von dir gehalten ihren Weg ziehen können. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.

Vaterunser

Segen

163

 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe

6. 9. 2009

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Ablauf
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