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Lukas 1, 46-55

Heute ist 4. Advent. Der letzte Sonntag vor dem Heiligen Abend. Unsere Vorbereitungen sind wohl alle abgeschlossen, morgen noch ein wenig einkaufen, die Stube herrichten und dann kann es kommen, das Weihnachtsfest mit allem, was wir uns dafür in diesem Jahr vorgenommen haben. Die Ruhe kann sich nun ausbreiten und vielleicht ist dieser Gottesdienst hier heute nach unruhigeren Zeiten der Anfang der Besinnung auf das, was Weihnachten ausmacht.
Und da wird uns heute nun ein Text vorgelegt, der sehr vollmundig klingt. Der Lobgesang der Maria, das so genannte Magnifikat.
Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Was Maria da in Worte fasst, das ist eigentlich schon die ganze Weihnachtsbotschaft, auch ohne Kind in der Krippe und Engel auf den Feldern bei den Hirten. Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Gottes Weg mit den Menschen beginnt noch einmal neu. Nach einer langen Geschichte mit dem Volk Israel, wo Gott Gegenüber des Volkes war, geht Gott nun einen anderen Weg. Gott will sich zeigen als ein Gott, der den Menschen völlig nahe sein will. Er wird selber Mensch. Dazu bedient er sich der Maria.
Wir wissen von ihr eigentlich gar nichts. Eine junge Frau in Nazareth, die mit Joseph zusammen war, wurde von Gott ausersehen. Wir wissen nichts über ihren Stand. Aber sie wird eine einfache Frau gewesen sein, denn wäre sie eine Frau aus einem bedeutungsvollen Hause gewesen, dies wäre sicherlich auch bekannt gewesen. Gott sucht sich also nicht den Weg über die bedeutsamen Personen dieser Welt, um so auch gleich wahrgenommen zu werden. Gottes Weg in die Welt ist der Weg in die Schlichtheit des Lebens, in die Niedrigkeit des Lebens, wie Maria in dem Lied in den Mund gelegt wird.
Aber eben das ist Weihnachten. Wir können es nicht oft genug zum Ausdruck bringen, gerade als Menschen einer Zeit in der die Medien die besonderen Menschen hervorhebt und deren Welt eine große Faszination ausübt. Daran will Gott nicht teilhaben, das ist nicht seine Welt. Seine Welt ist die Schlichtheit, die Einfachheit des Lebens. Menschen wie du und ich, mit den kleinen und großen Alltagssorgen, das sind die Menschen, die Gott für seinen Weg anspricht. Auf sie geht er zu. Maria zu beginn. Die Hirten auf dem Felde, das waren die ersten, denen die Geburt verkündet wurde. In einem einfachen Zimmermannshaushalt wuchs Jesus auf. Fischer waren die ersten Jünger Jesu, und die Menschen, die ihm zuhörten, waren einfache Leute. Und so könnte man noch manch andere Beispiel nennen, das diesen Weg Gottes zu uns Menschen deutlich macht.
Der große Gott geht den Weg in die Niedrigkeit - ich denke, wenn man das einmal wirklich in sich aufgenommen hat, wenn man dies für sich erst einmal richtig realisiert hat, dann kann man eigentlich nicht anders als mit Maria Gott in höchsten Tönen zu loben. Nach zweitausendjähriger Geschichte des Christentums ist die Bedeutung dieses Weges sicher gar nicht mehr so gegenwärtig, zu oft haben wir es schon gehört, aber wenn es dann wirklich in uns ankommt, wenn wir es uns wirklich sagen lassen, dann ist das eine wunderbare Botschaft. Gott kommt zu dir und mir, er will mit uns so geringen Menschen etwas zu tun haben. Die Herrlichkeit des großen Gottes hat Platz in meinem Leben.
Das ist ein ungeheuerlicher Gedanke, der sicher auch erst immer wieder in uns Raum verschaffen muss. So wie das Kind in Maria auch langsam wächst, so ist das sicher auch mit diesem Gedanken, wenn er denn bei uns angekommen ist als eine Botschaft, die wirklich uns meint und uns ganz persönlich anspricht. Und wenn das so ist, wenn wir sie in uns aufgenommen haben, dann quillt auch unser Herz über, so wie bei Maria: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.
Ja, freut euch in dem Herrn allezeit, und abermals sage ich euch: freut euch! Das ist der Wochenspruch für diese Weihnachtswoche. Wir dürfen uns wirklich freuen, dass Gott einem jedem von uns unendlich nahe sein will. Den Weg, den Gott mit Maria und ihrem Sohn Jesus gegangen ist, den will er mit jedem von uns gehen, auch wenn wir natürlich nicht einen Sohn zu Welt bringen müssen. Aber dass dieser Sohn bei uns ankommt, das er Teil von uns wird, das er in uns wachsen und reifen kann und wir von ihm auch anderen abgeben durch unser Reden und Handeln, das ist etwas, das uns mit Maria verbindet. Und so sollen wir denn auch Gott freudig loben und preisen.
Gehen wir nun den Text dieses Magnifikat ein wenig weiter, um zu hören, was Maria an Gedanken weitergibt und inwieweit wir uns darin auch wiederfinden können.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Wir kennen in der evangelischen Kirchen keine Marienverehrung, und das hat auch seine guten Gründe. Dennoch behält Maria für uns ihre Bedeutung eben gerade in dem, was ich eben gesagt habe: sie ist Vorbild des Glaubens, der sich von Gott ansprechen lässt und sich dem nicht entgegenstellt.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Das Großartigste ist sicherlich, dass Gott den Weg zu Maria gegangen ist, und nicht umgekehrt. Gottes Hinwendung zu uns Menschen ist immer etwas, das längst geschehen ist. Nicht wir müssen krampfhaft einen Weg zu Gott suchen, müssen ihn bewegen für uns da zu sein. Nein, Gott ist längst auf uns zugekommen. Er geht auf uns zu, um uns für sich zu gewinnen. Wir denken immer umgekehrt: wir müssen Gott für uns gewinnen. Nein, er ist doch längst für uns da. Wir sind es, die das oft nicht merken und meinen da müsse von Gottes Seite aus etwas geschehen. Nein, er hat längst getan. Wir sehen das nur nicht, oder wollen eben aktiver daran beteiligt sein. Gottes Macht braucht uns dazu nicht. Unser Teil ist es, es der Maria nachzumachen: Ich bin den Herrn Magd oder Knecht, mir geschehe, wie du gesagt hast. Und das ist Glaube: ich vertraue mich Gott an, lasse mein Leben von ihm bestimmen, der sich mir längst zugewandt hat.
Was für einem Gott vertrauen wir uns an? Einem barmherzigen Gott. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. So heißt es in unserem Gebet der Maria. Die Geschichte der Menschen mit Gott ist gefüllt von dieser Zuwendung Gottes, dieser Barmherzigkeit, die er immer wieder übt, auch gegen die, die sich gegen ihn stellen. Gott lässt nicht fallen, auch wenn - wie es die Geschichte des Volkes Israel zeigt - nicht immer alles glatt geht. Die Barmherzigkeit ist stärker als Zorn oder Enttäuschung Gottes.
Dennoch ist er auch ein Gott, der handelt. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Dahinter stehen die Erfahrungen des Turmbaues zu Babel, wo der Mensch beschrieben wird als jemand, der über sich hinauswachsen will, der selber die Macht in der Welt an sich reißen will, der aber letztlich daran scheitert und die Menschen in alle Welt zerstreut werden. Wo Menschen versuchen, mehr Macht an sich zu reißen, als ihnen in dieser Welt zukommt, da gilt es dem entgegen zu stehen. Ich denke, das das aktuelle Beispiel der Irakkrise auch in dieser Hinsicht gedeutet werden kann: die Koalition der Terrorgegner bricht auf, zerstreut sich, weil eine Seite meinte, hier in allem das Sagen und die Macht zu haben. Es ist gut, wenn Menschen das Machtstreben anderer kritisch betrachten. Sie liegen damit auf der Linie Gottes, der den Menschen eben nur begrenzte Macht gegeben hat. Und ähnliches könnte man auch für kleinere Bereiche des Lebens benennen.
Als nächstes sagt Maria: Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Wer sind die Gewaltigen und wer sind die Niedrigen. In einer Predigt über diesen Text habe ich folgendes gelesen:
Marias Sätzen nachspürend kann sich wohl niemand von uns dem entziehen, sich selbst zu hinterfragen, wo er oder sie davon persönlich betroffen ist..!!
Und auf einmal ertappe ich mich als Vater, der seinen Sohn häufiger "klein macht", weil er dem Kind zu wenig zutraut... - als Autofahrer, der gerne auch `mal rasant die Stärke gegenüber Kleineren ausspielt... - als Ehemann, der seine an sich emanzipierte Frau gerne am verbreiteten, häuslichen Rollenbild festhalten möchte, um nicht selbst von Thron gestoßen zu werden... - ja sogar als Mensch, dem Einkommen, Besitz und nicht zuletzt die eigene Selbstgefälligkeit immer wieder den Blick für Gottes Anliegen versperren..!!
Es gibt in unserm Leben viele Throne auf denen wir sitzen, von denen wir aber auch heruntergestoßen werden, wenn Gott erst einmal wirklich in unser Leben eingedrungen ist. Er stößt uns vom Thron, das ist zunächst schmerzhaft, wenn man seinen so liebgewordenen Platz der Macht verlassen muss. Und doch, gerade wenn ich die Beispiele der genannten Predigt ansehe, ist es doch etwas, was das Leben fördert, weil diese Throne schaden und weil es eben darum geht, die Niedrigen stark zu machen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Schön wäre es, wenn diese vollmundigen Worte der Maria doch mit mehr Wirklichkeit gefüllt wären. Die Wirtschaftsnachrichten unserer Zeit sprechen eine andere Sprache, die Spendenaufrufe in diesen Tagen zeigen ein anderes Bild der Wirklichkeit. Aber wird hier wirklich von wirtschaftlichen Dingen gesprochen. Hunger und Reichtum legen das nahe. Als Anspruch, den Hunger der Welt ernst zu nehmen, ihn immer wieder zu bekämpfen, kann ich diesen Vers sicher hören. Aber er hört sich ja doch etwas anders an. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und er lässt die Reichen leer ausgehen. Ich sehe darin vor allem ein Hinweis auf die geistliche Armut des Menschen. Wer wenig vorzuweisen hat, wer wenig eigene Möglichkeiten hat, der wird auch eher entdecken können, wie sehr Gott das Leben füllen kann mit dem, was letztlich wirklich wichtig ist im Leben. Reichtum verstellt den Blick auf die wirklich bedeutsamen Dinge des Lebens, er füllt zwar das Leben aus, aber vermag eben nichts zu geben, was den Hunger der Seele stillt. In der Fülle kann man seelisch verhungern.
Gott gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. Für Maria war die Ankündigung des Kindes ein Erweis dafür, dass Gott die Menschen nicht im Stich lässt, sondern dass Gottes Barmherzigkeit lebendig bleibt. Und sie stellt dieses Handeln Gottes in den Zusammenhang der Geschichte Gottes mit den Menschen, mit dem Volk Israel. Von Abraham an war Gott ein zugewandter Gott und er wird es bleiben, er ist ein hilfreicher Gott, der für die Menschen da ist. Davon singt das ganze Lied, davon erzählt Weihnachten, davon lebt der Glauben, der sein Vertrauen auf diesen Gott setzt.
Maria ermutigt uns zu einem solchen Glauben. Heute am 4. Advent stellt sie uns die ganze Fülle dieses Glaubens vor Augen, und macht uns so deutlich, welche Bedeutung das Weihnachtsfest für uns alle haben kann. Möge Gott auch in uns solchen Glauben wachsen lassen. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 13,1-3
Psalm 102, 17-23
Eingangsliturgie - Gebet:
Gott, Herrlichkeit und Niedrigkeit ist der Raum, in dem du zu Hause bist. Universale Macht und menschliche Unzulänglichkeit, in beidem dürfen wir dich sehen. Dafür danken wir dir und bitten dich, komm zu uns in unserer Niedrigkeit und lass uns teilhaben an deiner Herrlichkeit, lass uns deine Macht spüren, auf dass wir sie weitergeben zum Wohle der Menschen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der mit dir und dem heiligen Geist lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung: Phil 4, 4-7
Lied: 6, 1-5
Lesung: Lk 1, 46-55
Glaubensbekenntnis
Lied: 9, 1-3
Predigt
Lied: 9, 4-6
Abkündigungen - Fürbittengebet
Gott, der Weihnachtsabend steht vor der Tür. Wir wollen die Geburt deines Sohnes feiern, wollen uns daran freuen, dass du in dieser Welt zu Hause bist.
Schenke uns dazu Ruhe und inneren Frieden, der uns fähig macht, die Weihnachtsbotschaft wirklich in uns ankommen zu lassen.
Wir bitten dich für alle, die sich am Rande sehen, die unbeachtet durchs Leben gehen, die enttäuscht sind vom Leben, die nach liebevoller Nähe suchen. Lass sie alle die Stimme deines Engels vernehmen, der ihnen sagt: Gott hat dich angesehen, er ist bei deinem Herzen.
Wir bitten für alle, die auf den Thronen dieser Welt sitzen und sich über andere erheben, dass sie erkennen, wie sie die anderen aus dem Blick verlieren, wenn sie nur die eigene Position festhalten wollen. Und so bitten wir für Politiker, die bedeutende Entscheidungen zu treffen haben, dass sie das Wohl der Menschen im Blick haben. Und wir beten für uns, dass wir die Throne unseres Lebens getrost verlassen können, um anderen gegenüber hilfreich zu sein.
Öffne unseren Blick für die Armut in der Welt, für die Not der Menschen um uns herum und öffne unser Herz für sie.
Vaterunser
Segen
163

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
4. Advent
22. 12. 2002
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