| Predigt |
NT |
|
In jedem Jahr feiern wir in der Kirche bestimmte Feste und begehen bestimmte Zeiten: Advent, Weihnachten, Epiphaniaszeit, Passionszeit, Karwoche, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten. In diesem Zeiten versuchen wir die wichtigsten Ereignisse des Lebens Jesu und der ersten christlichen Gemeinde nach zu erleben und sie in ihrer Bedeutung für uns heute zu erfassen. Mit dem heutigen Sonntag stehen wir wieder in einer Zeit des Überganges. Am Donnerstag haben wir Himmelfahrt gefeiert, am kommenden Sonntag feiern wir das Pfingstfest. Diese Zeit ist ähnlich wie die Zeit zwischen Karfreitag und Ostern eine besondere Zeit, selbst wenn uns das für den heutigen Sonntag und die Zeit bis Pfingsten nur wenig bewusst ist. Es ist die Zeit des Abschiedes und der Trennung von Jesus, die Zeit des Wartens auf die Erfüllung der Verheißung Jesu und damit die Zeit, da die Kirche sich ohne Jesus in der Welt einrichten muss. Der Predigttext aus dem Johannesevangelium, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, ist zwar den Reden Jesu vor seiner Kreuzigung entnommen, aber seine Worte beziehen sich genau auf diesen Übergang des Lebens mit direkter Beziehung zu Jesus und dem Leben ohne diese direkte Beziehung. Hören wir noch einmal, was er in seinen Abschiedsreden sagt: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. Nur noch eine kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr, so sagt Jesus und spielt auf seinen Tod und auf Ostern und Himmelfahrt an. Denn seit dem Tod Jesu ist seine Sichtbarkeit fraglich. Die Erlebnisse des Auferstandenen sind zweideutig, auch damals schon haben viele nicht geglaubt, dass Jesus auferstanden sei. Mit der Himmelfahrt ist aber dann auch für die Christen der Zeitpunkt gekommen, wo Jesus für die Welt nicht mehr sichtbar ist. Zwar hat das Fest der Himmelfahrt im Laufe der christlichen Geschichte eine eigene Bedeutung bekommen: an diesem Tag wird Jesus erhöht und in die Macht Gottes eingesetzt – Jesus Christus herrscht als König, so haben wir eben gesungen – aber das war nicht von Anfang an so. In den ersten Tagen lebten die Jünger wieder in einer Übergangs- und Wartezeit. Wie schon am Karfreitag, wo viele Hoffnungen zerbrochen waren, so war es wohl auch zur Himmelfahrt so, dass wieder große Unsicherheit herrschte. Allein gelassen, auf sich gestellt, wurden die Jünger zum Warten aufgerufen. Die Tage bis Pfingsten, so stelle ich mir vor, waren für die ersten Christen sicherlich eine unendlich lange Zeit. Eine Zeit der Ungewissheit und des Fragens und Zweifelns. Wie wird es weitergehen, wie wird sich alles entwickeln? Wird das, was mit Jesus in dieser Zeitbegonnen hat, wirklich bestand haben, wird es sein, wie mit Ostern, dass etwas ganz besonderes passiert oder ist dies alles doch nur Lug und Trug, ist diese Bewegung Jesu bald am Ende? Gerade Himmelfahrt fühle ich mich den ersten Christen sehr verbunden. Dieses Ereignis ist lange vorbei, aber diesen Gedanken fühle ich mich sehr nahe. Denn seit der Himmelfahrt stehen wir auf der gleichen Stufe. Die Christen nach Himmelfahrt und wir heute: wir können Jesus hier auf dieser Welt nicht mehr so ansprechen, wie es die Jünger vor diesem Tag konnten. Wir Christen stehen da mit Erinnerungen und Erzählungen von Jesus, aber ein direktes Gespräch mit Jesus ist nicht mehr möglich. Und es gäbe so manche Situation ganz persönlicher Art oder auch gesellschaftliche Probleme, wo wir ihn auch heute noch gerne fragen würden. Ich würde gerne etwas hören zu den Fragen unserer Zeit: zu den Problemen der Arbeitslosigkeit, der technischen Entwicklung: sei es Gentechnik oder Internet, Embryonenforschung oder Sterbehilfe, den Frieden im Nahen Osten oder die Probleme in Afrika mit Aids und Hunger, Homosexualität und Ehe. Oder auch zu ganz persönlichen Fragen unseres Lebens, unsere Krankheiten oder Erziehungsfragen, doch auf alles bekommen wir von ihm keine Antwort mehr. Wie schön wäre es, wir könnten eine Antwort haben, die Bibel ergänzen mit unseren Lebensfragen, um dann eindeutige Antworten geben zu können. So wird vielleicht schon manch einer mal gedacht haben, in der Hoffnung, dass das Leben der Christen und damit unser aller Leben einfacher und besser wäre. Aber wäre das so gut, wenn wir für alle Fragen unseres Lebens schon fertige Antworten hätte, wenn es ausreichen würde, ein Kapitel der Bibel aufzuschlagen und wir hätten die Lösung aller Probleme? Ich denke, ein solches Leben, wie es gerade fundamentalistische Christen und Denker fordern, also Menschen, die die Bibel wortwörtlich verstehen und danach leben, ein solches Leben wäre nicht in Gottes und in Jesu Sinn. Jesus ist in diese Welt gekommen, um uns Menschen frei zu machen, frei von falschen Zwängen, frei für ein offenes und selbstverantwortliches Leben vor Gott. Wie aber könnten wir das führen, wenn uns immer wieder alles vorgegeben wäre? Wenn wir nur einen Katalog von Vorgegebenen erfüllen müssten? Nicht nur dass damit dem Leben seine Vielfalt und Lebendigkeit genommen würde, nein wir würden uns auch in eine große Abhängigkeit begeben und im Grunde würden wir unmündig bleiben. Gott aber will seine Kinder zu einem mündigen und freien Leben führen. Und zu einem solchen Leben gehört hinzu, dass man auf eigenen Füßen steht und eigene Entscheidungen trifft. Wir kennen das von der Kindererziehung. Die Eltern entscheiden in den ersten Lebensjahren fast alles für die Kinder und sie geben den Kindern einfach durch ihr Leben, durch ihr Vorbild Möglichkeiten an die Hand, zu leben und die Welt zu verstehen. Unmerklich prägen wir sie damit in vielfältiger Weise. Wenn die Kinder dann älter werden, fangen sie an, ihre eigene Meinung auszubilden, zunächst in vermeintlicher Ablehnung der elterlichen Ansichten, aber dann doch in Anlehnung an vorgegebene Meinungen, seien das nun die der Eltern oder anderer Vorbilder. Daraus entwickeln sich die ganz eigenen Gedanken und Lebensvorstellungen und die Kinder gehen dann ihre eigenen Wege. Eltern müssen lernen ihre Kinder loszulassen und die Kinder müssen lernen auf eigenen Füßen zu stehen, eigene Gedanken zu entwickeln, die Lebensfragen mit eigenen Antworten in den Griff zu bekommen. Und, so sagen die Psychologen, nur dort, wo die Abnabelung von den Eltern und Autoritäten gelingt, da kann sich eine gesunde und freie Persönlichkeit entwickeln, nur dort kann der Mensch eine eigene Identität und Selbstständigkeit erlangen. Dabei ist es allerdings nie so, dass diese Trennung bedeutet, dass das Kind nun vollständig seinen eigenen Weg geht. Die Prägung der ersten Jahre, die Gedanken aus Elternhaus und Umgebung sind und bleiben Teil der Persönlichkeit. Jeder von uns weiß das und wir sicherlich solche Prägungen aus dem Elternhaus an sich kennen. So oder so war der Vater oder die Mutter auch, und wenn man es nicht selber merkt, andere weisen uns schon darauf hin. Diese Beschreibung aus Psychologie und Pädagogik kann uns vielleicht helfen, die Situation nach Himmelfahrt näher zu verstehen. Die ersten Christen haben an Jesu Lebensweise, in den verschiedenen Lehren und in dem Erlebnis seines Sterbens und Auferstehens grundlegende Dinge für ihr Leben gelernt. So wie die Kinder von ihren Eltern oder anderen Vorbildern. Nach der Himmelfahrt Jesu aber müssen sich die Jünger davon lösen, ihren Meister zu fragen, wie sind nun genötigt eigene Wege zu gehen. Jesus hat sie mit dem notwendigsten ausgerüstet, nun heißt es in eigener Verantwortung dem Leben Jesu nachzufolgen und darin dann die Freiheit der Kinder Gottes zu leben. In Anlehnung an das von Jesus Vorgegebene sind die Jünger gefordert selbstständig in ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation eigenverantwortlich in der Bindung an Gott zu handeln. Allerdings dürfen wir sagen, die Himmelfahrt Jesu bedeutet nicht, dass wir Christen nun völlig ohne Rückhalt leben müssen. So wie Kinder in der Regel von Eltern auch im Erwachsenenalter noch begleitet werden, so begleitet auch Jesus seine Nachfolger, jedoch auf andere Weise, als er das vor seiner Himmelfahrt getan hat. Er sagt: "ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit." Dieser Geist erst führt in die Selbstständigkeit und Freiheit vor Gott hinein, von der ich eben sprach. Denn dieser Geist, der ja auch der Geist Jesu oder Heiliger Geist genannt wird, befreit von falschen Abhängigkeiten, befreit uns auch von uns und unseren selbstverliebten Gedanken oder auch von den uns einengenden Gedanken anderer und führt uns hin zu einem wirklich eigenständigen Leben vor Gott. Mögen wir als Christen in dieser Freiheit unseres Lebens und unserer Entscheidungen oft gerade die Schwierigkeiten unseres Glaubens sehen, weil so viele Meinungen in der Kirche da sind und so viele unterschiedliche Lebenswege als christlich angesehen werden, so wird aber gerade darin deutlich, dass Gottes Geist eben ein lebendiger Geist ist, der uns nicht gängelt, sondern der unsere Hingabe fordert. Und darin wird auch deutlich, dass christliches Leben niemals einförmig ist, sondern dass wir durch Gottes Geist immer wieder auf neue Wege geführt werden, die in vielerlei Gestalt doch immer wieder Wege der Nachfolge Jesu sind. Die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten macht uns deutlich: glauben und entscheiden müssen wir ohne das direkte Gespräch mit Jesus. Aber sein Geist der begleitet uns und gibt uns alle notwendige Hilfe. Durch ihn wissen wir uns gebunden an Jesus und sind doch frei für unsere eigenen Weg mit Jesus und in seiner Nachfolge zu leben. Bitte wir also den Heiligen Geist, dass er uns in unserem Glauben stärke und erhalte, dass er uns im Sinne Jesu durch unser Leben führt und so seine Botschaft in dieser Welt lebendig erhalten. Amen. Liturgischer Ablauf Begrüßung - Orgelvorspiel Lied: 449,1-3 Psalm Ps 27 EG 714 Eingangsliturgie - Gebet: Herr, Jesus Christus, der du zur rechten Gottes sitzt, lebst und regierst. Dir vertrauen wir uns an mit unserem Leben und bitten dich: lass und nicht unsicher und hilflos in dieser Welt alleine bleiben, sondern schenke uns deinen Geist, den Geist der Wahrheit, den du verheißen hast und der uns leiten kann auf unseren Wegen. Das bitten wir dich, der du mit dem Vater und dem Geist gerühmt wirst in Ewigkeit. Amen (nach EGb S. 338) Lesung: Lied:123, 1-4 Lesung: Glaubensbekenntnis Lied: 123,6,8,9 Predigt Lied: 134,1-3 Abkündigungen – Fürbittengebet Herr, Jesus Christus! Wir leben ohne dich und doch mit dir. Wir können dich nicht fragen und doch empfangen wir Antworten aus deiner Botschaft. So hilf uns, dass wir in den Fragen unseres Lebens von deinen Antworten gestärkt den richtigen Weg gehen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten dich, für alle Menschen, die ohne innere Wegweisung in den Tag hineinleben. Hilf ihnen zu erkennen, dass Leben nicht nur aus eigenen Gedanken heraus gestaltet werden kann. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle, die nach Wegweisung suchen und sich an zu feste Gedanken klammen und dadurch gefangen sind. Öffne ihre Herzen und Gedanken für dein Wort, das befreit und zu einem lebendigen Leben führen will. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle Menschen, die nach Trost suchen, dass sie ihn finden durch dich, dass du Menschen auf den Weg schickst, die ihnen dein Trostwort sagen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Vaterunser Segen Lied: 163 |
|
|||||||||||||||||||||||||
|
© für alle Seiten und Inhalte liegen bei Jürgen Grote |