| Predigt |
NT |
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Eine äußerst spannende Geschichte, die uns die Bibel da überliefert hat und die wir eben gerade gehört haben und nun miteinander bedenken dürfen. Jesus und die Ehebrecherin. Am frühen Morgen begab sich Jesus in den Tempel. Und das ganze Volk kam zu ihm und er setzte sich und lehrte. So beginnt dieser Abschnitt. Frühmorgens, am aufgehenden Tag, da ereignet sich diese Begegnung. Jesus begibt sich in den Tempel und er lehrt dort das Volk, das zusammengekommen war. Es ist ein heiliger Ort, an dem das Gesetz Gottes gelehrt wird, an dem die Menschen nach Orientierung suchen und das moralische Leben bedacht wird. Jesus als Lehrer, der als Sohn Gottes aus seiner engen Verbindung heraus von diesem Gott zu erzählen weiß. Von ihm erwartet man nun höchste Autorität und klare Weisung fürs Lebens. Die obersten der Religion ist dies aber schon lange ein Dorn im Auge. Sie merken, dass dieser das Volk aufwiegeln könnte. Er spricht anders über Gott und die bisherigen Gedanken werden verändert, wenn nicht auf den Kopf gestellt. Dieser Jesus bringt das gemeinsame Leben ganz schön durcheinander. Er stiftet Unruhe. Er ist in gewisser Weise auch ein Sicherheitsrisiko, weil er Menschen begeistert für Gedanken, die sowohl im Blick auf die jüdische Religion als auch im Blick auf die Zusammenarbeit mit den Römern gefährlich sind. Doch er hat Ansehen und man kann ich nur schlecht widerlegen. Doch da will es der Zufall, dass sich eine Gelegenheit bietet, Jesus in eine schwierige Lage zu bringen. Am frühen Morgen, nicht im dunkeln der Nacht, wird eine Frau dabei erwischt, wie sie Ehebruch beging. Zusammen mit dieser Frau gehen die Schriftgelehrten und Pharisäer nun zu Jesus. Nun wollen wir doch mal sehen, was der nun sagt. Er spielt sich hier als religiöser Oberlehrer auf. Aber jetzt kriegen wir ihn, werden sie gedacht haben. Jetzt werden wir sehen, was der so denkt, angesichts dieses Vergehens gegen das Gesetz. Wird er sie verurteilen, dann steht er eigentlich auf der Seite des Gesetzes. Dann nützen ihm seine anderen schönen Gedanken nichts mehr, in denen er das Gesetz nicht als gültig ansieht. So war es doch beim Sabbat. Den hat er nicht ernst genommen, sagt: der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Und wie sieht das aus beim Ehebruch? Wie wird er sich da verhalten? Wenn er die Frau frei spricht, dann stellt er sich klar gegen Gottes Gesetz. Das kann er nicht, wenn er so vehement für Gott eintritt, wenn er so dafür eintritt, dass Menschen liebend füreinander da sind? Ganz gleich, wie er sich entscheidet, er steht schlecht da. Und vielleicht haben wir ja Glück und er stellt sich ganz gegen Gottes Gesetz, dann können wir ihn als Gotteslästerer loswerden. Das hier ist unsere Chance. Die Frau wird hier Mittel zum Zweck. Es geht nicht um Ehemoral, es geht um Jesus und seine Glaubwürdigkeit. Und es geht auch nicht darum, dass wir aus heutiger Sicht die Strafe der Steinigung nicht mehr nachvollziehen können. Wir müssen dies einfach so hinnehmen, dass es früher so war, ob uns das gefällt oder nicht. Heute ist es ja glücklicher Weise anders. Es geht also um Jesus, der hier vorgeführt werden soll. Wie zieht der sich aus der Affäre? Da stehen sie nun mit der Frau in der Mitte, die, so stelle ich mir vor, voller Angst da steht. Sie bangt um ihr Leben und wird ausgenutzt, um Jesus an sein Ende zu bringen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten stehen ihm rechthaberisch und siegessicher gegenüber. Jetzt haben wir dich. Jetzt kannst du uns nicht mehr entwischen, du Schlaumeier, jetzt bist du ganz in unserer Hand. Jetzt kannst du dich eigentlich nur noch selber schaden. Und was macht Jesus? Er macht etwas, was bis heute die Bibelwissenschaftler sehr beschäftigt. Jesus aber beugt sich nieder und schreibt mit dem Finger in den Sand. Jesus schreibt im Sand. Er entzieht sich zunächst der Situation. Er zieht sich zurück. Die Pharisäer und Schriftgelehrten setzen ihm die Pistole auf die Brust, das Volk drum herum sieht zu, erwartungsvoll und entsetzt zugleich. Die Frau bangt um ihr Leben und Jesus schreibt im Sand. Was Jesus hier tut, das ist psychologisch gesehen, ein Glanztat. Er tut nämlich etwas, womit in dieser Situation niemand gerechnet hat, er tut etwas völlig unerwartetes. Er lässt sich überhaupt nicht ein auf die Auseinandersetzung mit den Gelehrten, er sucht keine Ausflüchte, keine Argumentationskette, auf die die Ankläger sicher gefasst gewesen wären. Er malt in den Sand.
Ich habe gelesen von einer Gruppe von jungen Muslimen, Juden und Christen, die sich irgendwo in Israel getroffen haben, um inmitten der von Gewalt nur so strotzenden Region Wege des Miteinanders zu finden. Sie spielen diese Geschichte nach, die wir heute hier bedenken. Alltägliche Gewaltsituationen, alltägliche Provokationen: Anmache an der Bushaltestelle oder auf dem Schulhof. Aufgabe der angegriffenen Jugendlichen ist es, sich eine Reaktion auszudenken, mit der niemand rechnet, die vollkommen aus der Reihe tanzt, auf die sich niemand einstellen kann. Zum Teil wird Aberwitziges aufgeboten, doch das Ergebnis ist immer das Gleiche: diejenigen, die provozieren sind verunsichert Sie wissen mit dem, was da vor sich geht, nichts anzufangen. Sie werden nervös oder verlieren die Lust, weil sie ihr vorausberechnetes Ziel nicht erreicht haben. Nicht immer, aber sehr oft beruhigt sich die Szene, löst sich die Gewaltbereitschaft in Nichts auf. Die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer sind dabei, einen - in ihren Augen gerechtfertigten - Mord zu begehen. Ihre Gewaltbereitschaft ist groß, die Steine, mit der sie die Frau totschlagen wollen, liegen bereits in ihren Händen. Jesus kann in dieser Situation eigentlich nur zwischen zwei schlechten Möglichkeiten entscheiden. Deshalb entscheidet er - zunächst - gar nicht. Anstatt sich schützend vor die Frau zu stellen, den Anwesenden lautstark Einhalt zu gebieten oder durch ein Wunder die Steine in den Händen der Menge in Brot zu verwandeln tut er etwas, mit dem niemand etwas anfangen kann - bis heute. Er kniet nieder und schreibt im Sand. Wie ein Kind, das sich seine eigene Welt erträumt und beim Malen weit, weit weg zu sein scheint, auf jeden Fall nicht in dieser Welt ist. Seine Reaktion gibt ihm und den anderen Zeit. Zeit zum Nachdenken, Zeit zur Verunsicherung, Zeit zur Besinnung, Zeit, etwas anderes aus der Situation zu machen. Wie viel Zeit er sich genommen und den anderen gegeben hat, wird nicht berichtet. Es war jedoch, wie man am Ende erkennt, Zeit genug. Das Drängeln der Ankläger führt dann dazu, dass Jesus handelt, etwas sagt: Wer von euch ohne Unrecht ist, der werfe den ersten Stein. Ein Satz, den wir alle kennen und der seine umwerfende Bedeutung eigentlich schon beim ersten Wiederholen verloren hat. Stellen Sie sich das mal vor: Sie kennen diesen Satz nicht, stehen da, den Bauch voller Aggression – gegen die Frau, aber mehr noch gegen Jesus. Egal was er sagt: wir haben ihn. Er wird sofort schachmatt gesetzt. Und dann dieses Malen auf der Erde, diese Verunsicherung. Was soll das, warum greift er nicht konkret ein? Warum geht unser Plan nicht auf? Und dann diese Worte hinein in die Verunsicherung: Wer von euch ohne Unrecht ist, der werfe den ersten Stein. Der stellt sich nicht auf die Seite der Frau, das Gesetz dürfte erfüllt werden. Er stellt sich nicht gegen die Angreifer, indem er in einem Vortrag den Schutz der Frau fordert. Sie waren auf Auseinandersetzung mit Jesus eingestellt, doch nun mussten sie in sich selber hinein schauen. Wie sieht es mit meinem Leben aus? Eben noch ging es um die Frau, ging es vor allem um Jesus? Und jetzt geht es um sie, jetzt müssen sie sich mit sich selber beschäftigen. Mit diesem einen Satz hat Jesus eingeleitet durch das Malen in den Sand, die Situation mit einem Mal völlig entschärft. Er hätte auch hingehen können zu den Anklägern und sagen können: Schaut euch doch an. Ihr seid doch auch nicht besser. Was habt ihr schon alles gemacht an Unrecht, an Vergehen gegen Gottes Gesetze. Ihr müsstet auch angeklagt werden. Jesus hätte vermutlich sogar recht gehabt, aber er hätte in gleicher Weise gehandelt wie sie: er wäre zum Ankläger geworden. Er hätte das Spiel der Gewalt mitgespielt, das er immer wieder aufbrechen will. Er nahm sich Zeit, genau diese Gewalt nicht mitzumachen. Er verschaffte sich Raum, ganz andere Gedanken in die Situation einzubringen. Und er schaffte es, die Ankläger mit eigener Schuld zu konfrontieren ohne sie zu Angeklagten zu machen. Einer nach dem anderen legte die Steine beiseite, drehte sich um und ging. Die Ältesten, die mit der längsten Lebenszeit und Lebenserfahrung gingen voran. Bis der Platz leer war und jeder mit seinem eigenen Leben beschäftigt war. Jesus hat in der Zeit weiter auf dem Boden gemalt. Er schaute den Weggehenden nicht hämisch grinsend hinterher, kostete nicht seinen Sieg aus, sondern blieb für sich und gab den anderen den notwendigen Raum, um ihr Gesicht zu wahren. Am Ende steht dann nur noch das Gespräch mit der Frau. Hat dich niemand verdammt? Nein, Rabbi. Auch ich verdamme dich nicht. Geh hin und tue von jetzt an kein Unrecht mehr. Der Fall war klar, eine Verurteilung gerechtfertigt nach den damals gültigen Gesetzen. Auch ich verdamme dich nicht. Der sündlose, der den Stein hätte werfen können, wirft ihn nicht. Er stellt sich nicht über sie, er bleibt auf Augehöhe und ermöglicht Zukunft. Er handelt in wahrhaft göttlicher Liebe. Er verurteilt die Tat, doch schenkt der Sünderin Gnade. Dies ist gewiss keine Handlungsanweisung für den Umgang mit menschlichen Unrechtstaten. Gericht und Strafe müssen sein. Doch für uns, die wir im Alltag miteinander umgehen, hat diese Geschichte viele Elemente, die wir beherzigen können. Der Umgang mit Provokation: Verschaffe dir Raum, den richtigen Umgang damit zu finden. Nimm dir Zeit, darüber nachzudenken, wie du angemessen reagieren kannst, ohne die Situation noch schlimmer zu machen. Der Kreislauf der Gewalt muss durchbrochen werden, sonst verlassen wir ihn nie. Dabei hilft es auch den Ankläger in seinem Denken und seinem Menschsein wahr und ernst zu nehmen. Der Umgang mit Verurteilung: Wen verurteile ich wofür? Wie sieht mein eigenes Leben aus? Habe ich das Recht so zu reden und zu Handeln? Auf den anderen mit dem Finger zeigen, das geht ganz schnell. Doch wenn ich mit einem Finger auf andere zeige, weisen drei auf mich zurück. Der Umgang mit Unrecht: Erkanntes Unrecht wird nicht Recht dadurch, dass ich nicht erwischt oder nicht verurteilt werde. Gnade rechtfertigt nicht die Tat, sondern den Täter. In jedem Akt der Gnade liegt auch der Anfang der Umkehr. Es ist gut Jesus an seiner Seite zu haben: sowohl in der Situation des Angeklagten als auch in der Situation der Ankläger. Sein Wort befreit uns zu einem Handeln in Liebe und Verantwortung füreinander. Amen Liturgischer Ablauf Orgelvorspiel Lied: 455,1-3 Psalm 42, 2-12 Eingangsliturgie Gebet EGb 357, 3 Lesung Röm 14, 10-13 Lied 133, 1, 2, 7, 8 Lesung Joh 8, 3-11 Glaubensbekenntnis Lied: Herr deine Liebe Predigt Lied 354,1-4 Abkündigungen Fürbittengebet Gütiger Gott und Vater! Wir leben durch deine Barmherzigkeit, wir leben von deiner Vergebung. Wir wissen wie wir sind, und dass wir deine Liebe nicht verdient haben. Doch darum geht es dir nicht, du schenkst uns deine Liebe und lässt uns in deiner Güte leben. Dafür danken wir dir. Und wir bitten dich für alle, die Unrecht getan haben, die unbarmherzig und hart sind, dass andere Gedanken ihr Leben erfüllen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle, die in ihrem Beruf andere beurteilen oder aburteilen müssen: Lehrer, Ausbilder, Professoren, Richter, dass sie nicht nur ihre menschlichen Maßstäbe anlegen, sondern Gottes Liebe ihr Handeln leitet. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle die Gesetze und Ordnungen übertreten, das sie nicht nur Hass sondern auch Verständnis finden. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle, die Opfer wurden, dass sie nicht nur vom Hass geleitet werden, sondern auch andere Möglichkeiten des Umganges finden. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten dich für alle, die Unrecht einsehen, dass der Weg der Umkehr möglich und leicht ist. Hilf uns die richtigen Wege im Leben zu gehen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. In Konflikten gib du, Gott, den Raum, die Zeit und die Phantasie ungewöhnliche Weg zu gehen, die die Spirale von Gewalt durchbrechen hilft. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Vaterunser Segen 163
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