| Predigt |
NT |
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Ich möchte Sie heute einladen, mit mir den Blick in ein Tagebuch zu werfen, ein Tagebuch aus dem Jahre 30. Geschrieben hat es ein gewisser Johannes, der zur Gruppe derer gehört hat, die Jesus sehr kritisch gegenüber standen. Immer wieder gab es ja Auseinandersetzungen zwischen den Juden und Jesus über seine Anschauungen. Und so auch wieder im März des Jahres 30. Hören wir doch, was Johannes seinem Tagebuch anvertraut hat. Heute nachmittag war er wieder da, dieser Jesus. Er kam häufiger zum Tempel, aber er war dort nicht gern gesehen. Seine Rede war so anders, als das, was wir sonst so hören von unserem Priestern und Leviten. Und die Riege der Schriftgelehrten und Pharisäer sind seit längerem aufgebracht über den Jesus. Er redet in einer Art und Weise von Gott, die man so noch nie gehört hat und so über Gott zu reden, das grenzt an Gotteslästerung. Wir haben doch klare Gesetze, warum kann er sich nicht daran halten? Warum muß er alles verändern. Er bringt Unruhe und verwirrt das Volk. So war ihre Ansicht. Ich kann mich diesen Gedanken nicht so anschließen. Jesus hat einfach eine Ausstrahlung, die zeigt, dass er mehr zu sagen hat, als unsere Pharisäer. Er hat Gedanken, die wir so noch nie gehört haben, die einen sehr nachdenklich und vor allem neugierig machen. So wie heute nachmittag, als Jesus wieder im Tempel war. Er hat gesagt, dass er bald weggehen werde und wo er hinginge, dahin könnten wir ihm nicht folgen. Meine Mitbrüder überlegten, was er damit meinen könnte. Wohin sollte er gehen, dass wir dort nicht auch hingehen könnten? Das einzige, was ihnen einfiel, war der Selbstmord. Jesus und Selbstmord. Ich habe noch keinen Menschen gesehen, der von so einem Gottvertrauen geprägt war, wie Jesus. Und der soll Selbstmord begehen? So ein Quatsch. Der doch nicht. Ich könnte viele nennen, wo ich es mir vorstellen könnte, aber doch nicht dieser Jesus. Nein, nein, er mußte etwas anderes gemeint haben. Ich gehe hinweg, ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Und wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. So hat er gesagt. Das war schon ein bedeutsamer Satz, den er da gesagt hat. Jesus nicht mehr da. Und dann werden wir ihn suchen. Werden wir IHN suchen oder was werden wir eigentlich vermissen, wenn er nicht mehr da ist? Werden wir überhaupt etwas vermissen? Ein Leben ohne Jesus, das gab es ja mal. Aber jetzt war er nun einmal da und irgendwie hat sich doch alles verändert. Ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Nun ja: Sünde, das ist ja ein Leben ohne Glauben, ohne Hoffnung, ohne das Vertrauen auf das gute Geleit Gottes. Wie oft war das schon in unserer Geschichte, dass wir ohne Gott leben wollten. Eine zeitlang ging es gut, meinten wir zumindest, aber dann kam das dicke Ende. Immer wieder ging es bergab, weil wir Menschen nur auf uns selber geschaut haben, weil wir meinten die Welt im Griff zu haben. Zweimal hat man das ganze Land besetzt. Unsere Väter wurden ins Exil verschleppt, nichts erinnerte mehr an das große Volk Gottes. Klein waren wir geworden, verlassen, unscheinbar, einfach nur ein gefangenes Volk. Menschen, die sich auf sich selber verlassen, die sind von Gott verlassen, das habe ich gelernt aus der Geschichte unseres Volkes. Wie gesagt, es mag eine Zeit lang gutgehen, aber letztlich können wir nicht ohne Gott leben, es geht nicht ohne ihn gut. In eurer Sünde werdet ihr sterben, wie recht dieser Jesus hat. Wenn wir ohne Vertrauen zu Gott das Leben gestalten, dann sind wir verloren, dann haben wir nur uns selber. Aber wer kann sich schon an sich selber festhalten, wer kann sich schon selber die Kraft zum Leben geben? Niemand doch. Jesus, das war einer, der konnte Kraft geben. Aber nicht aus sich selber heraus. Bei ihm spürte man, da ist mehr, da steckt eine Kraft drin, die nicht von ihm selber ist. Wenn er weg ist, werden wir ihn suchen, hat er gesagt. Ob er damit meint, dass wir eine solche Kraft suchen, einen Halt, den wir in unserem Leben brauchen? Nun ja, wenn er nicht mehr da ist, dann sind wir wieder auf uns selber gestellt. Aber sind wir dann wirklich allein. Ich denke gerade daran, dass doch auch unser jüdischer Glaube davon lebt, dass wir uns erinnern. Wir erinnern uns an die guten Taten Gottes, an Abraham, mit seiner unendlichen Zuversicht, an Mose, der das Volk aus der Gefangenschaft herausgeholt hat, an die Lebensregeln, die er uns gegeben hat. Wir erinnern uns an die Könige, die mit Gott das Volk groß gemacht haben. Und wir erinnern uns an die Befreiungen aus dem Exil, an die Neuanfänge, die Gott mit uns gemacht hat. All das lebt in unserer Religion und ist ein wichtiger Bestandteil unsres Lebens. Und bei Jesus? Wenn der weg ist, was haben wir dann? Er hat gesagt: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Wenn ich das so richtig bedenke, dann fange ich langsam an zu verstehen. Also: wir sind von dieser Welt, das heißt doch, wir sind gebunden an diese Welt, leben nach den Gesetzen dieser Welt. Wir richten unser Leben ein als Menschen dieser Welt. Jesus aber ist von oben her: das heißt, sein Leben war eines, das von Gott bestimmt war. Das spürt man an seinen Worten, an seinen Taten. Und wenn er weg ist, was haben wir dann? Wir haben diese Worte, diese Taten, wir haben die Erinnerung daran. Und wenn das stimmt, das er von Gott ist, also dorthin wieder zurückkehrt, dann haben wir in der Erinnerung an ihn doch auch etwas für uns, das uns mit ihm und mit Gott verbindet? Hat er nicht auch so auf die Frage der Umstehenden geantwortet? Wer bist du denn?, haben die gefragt. Und er hat geantwortet: zuerst das, was ich euch sage. Das wäre es doch, seine Worte aufbewahren, sie weitererzählen, an ihnen festhalten, dann halten wir doch auch an ihm fest und sind ganz eng mit Gott verbunden. Jesu Worte, das sind doch Wort von oben her, das sind doch göttliche Worte. Dann kann man doch aus ihnen auch Kraft schöpfen für das eigene Leben. Was fällt mir ein, wenn ich so darüber nachdenke: Ich bin das Brot des Lebens, hat er mal gesagt, wer zu mir kommt, der wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, der wird nicht dürsten. Stimmt, bei ihm hat man etwas fürs Leben. Er gibt einem genügend Stoff, um das eigene Leben besser zu verstehen, es besser und menschlicher zu gestalten. Und wonach hungern und dürsten wir denn: nach Gerechtigkeit, nach Annahme, nach Liebe. Jesus hat sie den Menschen gegeben. Z.B. dieser Frau, die da als Sünderin gesteinigt werden sollte, weil sie Ehebruch begangen hat. Nicht abgestempelt hat er sich, nein: ich verurteile dich auch nicht, hat er gesagt. Geh hin, und laß Gott mehr gelten in deinem Leben als deine menschlichen Gedanken und Wünsche. Mensch, wie oft verurteilen wir Menschen oder werden selber verurteilt? Und da kommt einer und kann sagen, es ist falsch, was du gemacht hast, aber trotzdem bist du geliebt. Du brauchst dich nicht zu verkriechen, du hast ein recht auf Leben. Das ist wirkliche Liebe und eine Gerechtigkeit, die die Liebe zum Maßstab hat. Eigentlich wird man auch nur so den Menschen gerecht. Ich bin der gute Hirte, hat er gesagt. Genauso ist es. Er leitet und lenkt die Menschen und einen jeden kennt er und nimmt ihn an. Er will nicht, dass auch nur ein Schaf seiner Herde verloren geht. Wo erleben wir das in unserer Welt? Wir sind ersetzbar, austauschbar. Ob wir da sind oder nicht, den meisten ist es doch gleich. Nur diesem Jesus nicht. Dem ist keiner gleichgültig. Bei dem ist jeder wichtig. Ich bin die Tür, hat er gesagt, wenn jemand durch mich hindurchgeht, wir der selig werden. Durch ihn hindurch also werden wir zum Heil gelangen, bei ihm werden wir finden, was unser Leben wirklich ausmacht. Also müssen wir die Erinnerung an ihn lebendig halten. Wir müssen ihn den Menschen weitergeben. Wir müssen seine Worte hören, ihnen vertrauen, ihn glauben schenken und uns auf sie verlassen, dann werden wir merken, was Heil bedeutet. Ich merke, dass es sich lohnt, diesen Jesus im Gedächtnis wach zu halten. Ich will ihn jetzt aufsuchen und seine Worte aufbewahren. Wenige Wochen später schreibt Johannes in sein Tagebuch 18. April des Jahres 30 Jetzt weiß ich endlich, was Jesus damals meinte, als er sagte, er ginge hinweg, er werde erhöht, wie er sagte. Gestorben ist er. Aber nicht einfach so: ans Kreuz haben sie ihn genagelt. Von Römern und Juden verurteilt, wegen Gotteslästerung und angeblicher Anstiftung zum Aufruhr. Das war einer der schrecklichsten Tage für die Anhänger von Jesus. Mit einem Handstreich wurde alles ausgelöscht, was ihnen wichtig war. Mit diesem Tod am Kreuz ist alles wieder weggewischt gewesen, was sie an Jesus so geliebt haben. Aber wir haben doch seine Worte, habe ich mir gesagt. Das kann doch nicht alles sein? Und Gott, warum hat Gott ihn im Stich gelassen? So haben sie mir geantwortet. Leider wußte ich darauf keine Antwort. Zumindest nicht an diesem Freitag, als Jesus gekreuzigt wurde. Heute weiß ich eine: Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Auferweckt hat er Jesus, er ist und bleibt lebendig. Und auch wenn er nicht mehr unter uns ist, wir wissen nun, dass seine Worte wirklich von Gott sind, dass wir in diesen Worten seine Gegenwart erfahren können. Gott läßt ihn nicht allein, und Jesus tat, was Gott gefällt. Das steht fest und das können und sollen wir weitergeben. Wir haben Jesus mitten unter uns, dort wo wir von ihm erzählen, dort wo wir auf ihn vertrauen, wo wir von ihm hören und uns ansprechen lassen. Anders haben wir ihn nicht, aber das reicht. Denn Jesus ist jemand, der zu seinem Wort steht, ja der in seinem Wort aufgeht. Wir mögen viel daherreden jeden Tag, gescheites und weniger gescheites. Aber wirklich das sein, was man sagt, das können wir bei Jesus erleben. Ich zumindest habe das für mich erlebt, deshalb werde ich mich daran machen und das Leben Jesu aufschreiben. Was ich nur höre, ich will es für andere aufbewahren. Sie sollen es hören. Ich will die gute Botschaft, das Evangelium von Jesus weitertragen.
Vielleicht war das der Beginn einer Arbeit, die dann in der Abfassung des Johannesevangeliums endete, die Beschreibung dessen, was Jesus über sich sagte: ich bin das, was ich euch sage. Amen. Liturgischer Ablauf Begrüßung - Orgelvorspiel Lied: 166, 1-3 Psalm 10, 4.11-14.17-18 Eingangsliturgie - Gebet: Gütiger Gott. Wir sind gefangen in unseren Gedanken, bleiben oft nur bei uns selber stehen. Wir bitten dich, nimm du von uns, was uns auf dem Herzen liegt, mach uns frei für dein lebendiges Wort, das in Jesus Christus auf uns zukommt. Laß uns in ihm den Halt finden, den wir für unser Leben brauchen. Darum bitten wir durch Jesus Christus ... Lesung: Röm 5, 1-5 Lied: 366, 1-4 Lesung: Joh 8, 21-30 Glaubensbekenntnis Lied: 78, 1-2+9+10 Predigt Lied: 365, 1-3 Abkündigungen (99) – Fürbittengebet Herr, gütiger Gott Wir bitten dich für alle Menschen, die viel reden müssen. Laß sie wahrhaftig sein, in ihren Worten, laß sie nicht leere Versprechungen machen und anders handeln als sie reden. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle Menschen, die hören, dass sie den Worten anderer Glauben schenken können, dass sie nicht enttäuscht werden, dass sie mit den Worten für ihr Leben etwas anfangen können. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir beten für alle Menschen, die gute Worte brauchen: wir denken an die Eltern der Stefanie und alle Eltern deren Kinder durch Gewalt oder Krankheit zu Tode gekommen sind. Wir denken an alle, die sprachlos vor ihrem Leben sitzen und nicht weiterwissen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir beten für alle, die diesen Menschen hilfreich zur Seite stehen wollen. Schenke du, Gott, gute Worte, Kraft und Geduld, Liebe und Barherzigkeit für diese Begleitung. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für alle, die von Tod und Trauer begleitet sind, dass die Worte der Hoffnung sie erreichen, dass Gott sie anspricht im Herzen, auf dass das von Gott begleitete Leben wieder sichtbar wird. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Wir bitten für unsern heutigen Nachmittag, dass es ein fröhlicher werde und wir miteinander die Freude der Güte Gottes erfahren dürfen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich. Segen Lied: 163 |
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