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 Joh 3, 1-8

Der Bibeltext, um den es am heutigen Sonntag gehen soll, ist die Darstellung eines Gespräches. Es ist jedoch eines, das nicht sehr eingängig ist, keines das sich leicht merken lässt, das irgendwie gleich ins Ohr und ins Herz geht. Um so spannender ist es, dieses Gespräch näher zu betrachten. Und das Wichtigste an einer biblischen Geschichte, so sagt der bekannte katholische Theologe Eugen Drewermann, das ist der Anfang. Schauen wir also auf diesen Anfang. Nikodemus wird beschrieben als ein Mann, der eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft hatte, einer der Oberen der Juden, heißt es da. Er gehört innerhalb der Oberen zu dem Kreis der Pharisäer. Pharisäer sind religiös sehr aktive Menschen, die zum strengen Judentum zu rechnen sind. Es waren Menschen, die sich in ihrem Glauben sehr gut auskannten, die alle Regeln beherrschten und auch vollzogen, denn sie wollten ein vorbildliches Leben führen. Feste Grundsätze prägten ihren Lebensstil, anderes ließen sie nicht gelten.
Dieser Nikodemus kam nun zu Jesus bei Nacht, so heißt es ganz kurz und knapp, aber gerade solch kurzer, knapper Satz hat so manches zu bieten. Zum einen: Nikodemus kommt allein. Wir haben schon gehört, wie das Gespräch inhaltlich verläuft. Er hat kein Problem, er suchte kein direkt seelsorgerliches Gespräch, wo es um etwas geht, das niemanden anderen zu interessieren hätte. Nikodemus suchte ein theologisches Gespräch. Nun, für einen religiösen Menschen mag dies nichts ungewöhnliches sein und doch war es das. Denn mit dem Weg zu Jesus hat er sich schon mit dem ersten Schritt aus seiner engen Gruppe der Pharisäer herausbegeben. Andere haben auf die Pharisäer zu hören, nicht die Pharisäer auf andere. Und nun geht einer von ihnen los und will etwas erfahren von Jesus. Und da das nicht öffentlich werden darf, es könnte einem ja Nachteile bringen in der Gruppe, mit der man zusammen lebt, muss es allein und heimlich geschehen. In der Nacht, damit es keiner sieht, am Abend, im Schutz der Dunkelheit, wenn alles schläft. Aber eben auch in der Nacht, die sein Denken umgibt.
Ich selber habe so ein Gespräch noch nie erlebt, und doch geschieht das wohl häufiger als wir denken. Wie ist das nämlich in den Gruppen, in denen wir leben, wie steht es da mit unserem Reden über den Glauben, über unsere religiösen Gedanken, über unsere Position der Kirche und ihrem Handeln gegenüber? Über Kirche mögen wir noch reden, eine Institution gibt genügend Angriffspunkte, die uns distanziert oder verbunden über sie reden lässt. Aber Glaube, Religiosität, eigene Frömmigkeit, wo kommt das zur Sprache? Gehört es nicht in gewisser Weise zum Gruppenethos heutiger Zeit dazu, darüber zu schweigen - vor allem bei Männern? Wo werden da religiöse Fragen zugelassen, wo sprechen wir über solche Themen? Kann man das oft genug nicht wirklich nur, wenn man mit einem Menschen allein ist, oder bildlich gesprochen eben im Dunkeln, damit die anderen es nicht sehen und einen in ein bestimmtes Licht rücken? Oder im Dunkeln, wenn die Lebenssituation schon so verfinstert ist, dass man gar nicht mehr umhin kann? Von Berufs wegen religiös reden, das tun viele Männer, Pfarrer, Priester, Kirchenleitungen. Aber den religiösen Alltag, das Alltagsdenken in der Kirche, das scheinen die Frauen zu bestimmen. Ich frage mich immer, ob Männer eigentlich wirklich nichts dazu zu sagen wissen? Haben nur Frauen das Recht auf Religiosität und Frömmigkeit? Gehört religiöses Denken nicht auch zu uns Männern dazu, selbst wenn wir aus falsch verstandener Männlichkeit heraus meinen, dass wir ohne so etwas auskommen?
Das Phänomen scheint alt, auch Nikodemus musste sich im Schatten der Dunkelheit auf den Weg machen, aus Angst vor den anderen, aus Angst vor sich selber.
Aber nun kommen die beiden Männer ins Gespräch. Es ist ein Gespräch, das in meinen Augen weiter typisch männliche Merkmale aufweist, auch wenn diese immer wieder durchbrochen werden.
Der erste Satz des Nikodemus lautet: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn, Gott ist mit ihm.
"Wir wissen", damit beginnt sein Gespräch. Wir wissen eigentlich schon alles. Wir haben genügend Lebenserfahrung, wir sind eine bedeutende religiöse Gruppe als Pharisäer, wir erkennen sofort, was hier Sache ist. Wir wissen schon alles, ich weiß schon alles. Was ist das für eine Grundlage für ein Gespräch, wo ist da Offenheit, das Suchende, das Fragende? Im Grunde sagt Nikodemus: Ich bin schon fertig. Aber wer schon so fertig ist, der ist doch im Grunde mit seinem Leben schon am Ende. Wo ist da noch Raum für Neues, für Überraschendes, für Unerwartetes, für das ganz andere Wirken Gottes?
Wie fertig bin ich, was liegt noch vor mir, was habe ich noch zu erwarten, was darf ich noch erhoffen? Ist die Welt wirklich so, wie ich sie mir vorstelle, oder gibt es da nicht immer noch etwas ganz anderes. Das sind Lebensfragen, religiöse Lebensfragen, die wir immer wieder zu beantworten haben, ob sie nun laut gestellt werden oder ob sie nur leise im Hintergrund unseres Lebens anklingen. Und dieses Fragen hört erst am Ende unseres Lebens auf, wenn Gott die Antworten auf unser Leben gibt.
Bis zum Ende des Lebens gilt dann auch die Antwort Jesu, die zunächst irritieren mag, weil sie gar nicht wie eine Antwort auf den Satz des Nikodemus aussieht: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Nikodemus antwortet, indem er seinen naturwissenschaftlichen Verstand gebraucht: Wie kann ein Mensch von neuem geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Das ist doch wohl klar, das es so nicht gehen kann. Nikodemus hat also eine Antwort erhalten, die wieder typisch für religiöse Gedanken ist: unverständlich, unlogisch, naturwissenschaftlich falsch. Und damit soll man sich dann beschäftigen. Mich würde nicht wundern, wenn Nikodemus sich auf der Stelle umgedreht hätte, mit dem Finger an die Stirn getippt hätte und den Spinner Jesus zurückgelassen hätte. Aber als religiöser Mensch hielt ihn etwas fest an diesem Jesus, so ganz fertig scheint er nicht zu sein, er sucht weiter das Gespräch.
Jesus wiederholt darum noch einmal seinen Satz: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Nun bekommt es Nikodemus sehr direkt gesagt: Das Reich Gottes, also die von der Wirklichkeit Gottes durchdrungene Welt, die ist nicht mit unseren fleischlichen Möglichkeiten zu sehen. Nicht unser Verstand, unsere Naturwissenschaft, unsere ungeheuren technischen und sonstigen Möglichkeiten können herausbekommen, wo und wie sehr die Welt von Gott durchdrungen ist. Wir mögen ja viel wissen, als Pharisäer, als Theologen, als Naturwissenschaftlicher, als lebenserfahrene Menschen, die den Alltag meistern. Aber damit haben wir noch lange nicht das Reich Gottes gesehen oder begriffen, damit ist die Wirklichkeit der Welt noch nicht erfasst, Wer nur vom Sichtbaren aus denkt, vom fleischlichen, wie es die Bibel für uns etwas missverständlich ausdrückt, der wird auch nur sichtbares erkennen und für wahr halten. Wer aber dem Geist Raum gibt, der wird ganz andere Erfahrungen machen. Erfahrungen, die nicht so greifbar sind, wie die sichtbaren, aber die uns tiefer ins Verständnis der Vielschichtigkeit unserer menschlichen Lebenswirklichkeit führt. Aus Wasser und Geist neu geboren werden, das heißt, aus der Taufe heraus leben, aus der Botschaft leben, dass wir als Menschen von Gott her existieren und er die entscheidende Dimension unseres Leben ist. Nicht das angeeignete Wissen, nicht äußerliches Tun, nicht Regeln und Formen sind die wichtigste Dimension unseres Lebens, sondern die immer neue Lebendigkeit und Gegenwart Gottes. Das Beispiel des Windes erklärt das: Wir hören den Wind, wir spüren ihn, aber wir können ihn nicht festhalten. wir können uns ihm nur aussetzen oder uns ihm entziehen. Wenn wir uns ihm aussetzen, weiß er uns zu erfrischen, treibt er uns voran, bläst uns auch mal kräftig entgegen ins Gesicht.
Und so auch Gott, so auch Gottes Geist: er wirkt um uns und in uns, aber wir können ihn nicht festhalten. Wo wir ihn festhalten, festmachen wollen - und wie oft wollen wir Gott festhalten, als Instrument, dessen man sich bedienen kann - wo wir ihn festhalten wollen, da wird er leer, da entzieht er sich der Lebenserfrischung und wird schal und unlebendig. Wie bei den Pharisäern, die Gott in Gesetzen und Ordnungen festhalten wollen, wie in den Menschen, die schon fertig sind und nicht mehr offen für neues.
Wie kann das geschehen?, fragt Nikodemus. Jesus antwortet darauf noch mit einer längeren Ausführung, die zum Glauben an Gott auffordert, also zu einem religiösen Handeln des Vertrauens in eine Macht die höher ist als alles menschliche. Wobei Johannes, der Schreiber dieses Gespräches, sehr geschickt deutlich macht, dass das Gegenüber dieses Glaubens in Jesus Christus lebendig wird, da liegt der Ausgangspunkt des christlich religiösen Denkens. Seine Person, sein Handeln, sein Leben ermutigt uns geradezu dazu, das eigene Leben immer wieder für Gott zu öffnen. Wie das geschehen kann, das kann man an Nikodemus lernen: indem ich die eigene, oft eingeschränkte Sichtweise der Welt verlasse, indem ich mich dem ganz anderen aussetze und stelle. Denn darin geschieht so etwas wie tägliche Neugeburt, von der Jesus spricht. Und zu einer solchen Offenheit werden wir heute morgen ermutigt. Das Leben annehmen, den Geist Gottes wirken lassen, Fragen stellen und bis zum Ende hin offen sein für das, was Gott bereit hat. Darin liegt das Geheimnis eines lebendigen Lebens vor Gott. Mögen wir dieses Geheimnis immer wieder entdecken. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 166, 1-4
Psalm 145 - EG 756
Eingangsliturgie
Gebet:
Gott, wo wir Fragen haben, dürfen wir zu dir kommen. Wo wir zweifeln, dürfen wir auf deine Treue hoffen. Wo wir uns nach Liebe sehen, dürfen wir uns deiner Zuneigung sicher sein.
Darum bitten wir dich: Sende deinen Heiligen Geist, der weht, wo und wann du willst. Fülle unser Herz und unseren Verstand mit deinem Geist, stärke darin unseren Glauben, unsere Liebe und unsere Hoffnung, auf dass wir dein Reich mitten unter uns erkennen und weitergeben.
Das bitten wir durch Jesus Christus ....
(nach einer Vorlage von Andreas Reinhold)
Lesung: Röm 11, 33-36
Lied: Ich bin getauft auf deinen Namen
(Text und Melodie: Jürgen Grote)
Lesung: Joh 3, 1-8
Glaubensbekenntnis
Lied: 139, 1-5
Predigt
Lied: 140, 1-5
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gütiger Gott!
Wir brauchen deinen Heiligen Geist, den Geist der Erneuerung, den Geist des Lebens. Schenke du uns diesen Geist, der unser Leben verändert, der uns zum Leben führt, der Menschen dazu bewegt, einander zu ehren und zu achten. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
So bitten wir dich für alle, die unter dem Unfrieden zu leiden haben, für diejenigen die für Gewalt und Elend verantwortlich sind: schenke deinen Geist des Friedens und der Hoffnung, des Geist des Miteinander von Menschen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, die ihren Glauben nur in Zwängen leben und gestalten können. Und wir bitten für alle, die sich kritisch den Gedanken des Glaubens stellen oder die keinen Zugang finden. Schenke du deinen Geist der Offenheit und des Respektes, dass wir einander hörend und verstehend annehmen können. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für unsere Gemeinde und alle christlichen Gemeinden, dass sie Orte des Gespräches sind, Orte der Geborgenheit, Orte des Lebens, wirklicher Raum für religiöses Leben. Schenke du deinen Geist, der uns dabei leitet und führt.
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe

15. 6. 2003

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