| Predigt |
NT |
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Jesus ist wieder einmal in Jerusalem bei einem Fest, wohl dem Passahfest. An diesem Fest kamen auch viele Nichtjuden nach Jerusalem, die dort dann Handel trieben, denn es waren ja viele Menschen dort, an denen man gut Geld verdienen konnte. In unserem heutigen Bibelabschnitt heißt es, dass Griechen dort waren, die nun großes Interesse daran hatten, Jesus zu sehen. Wir wissen den Grund nicht, er wird nicht benannt. Wir können nur vermuten, dass diese Griechen von Jesus hörten, dass Menschen berichteten, welche Ausstrahlung Jesus hat, welche Botschaft er weitertrug. Und nun wollen diese Griechen sehen, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Die Freunde von Jesus tragen dieses Ansinnen an Jesus weiter. Doch es scheint, als geht er überhaupt nicht auf dieses Ansinnen ein. Keine Antwort wie: gut, lasst sie zu mir kommen, wir können uns ja unterhalten. Oder: Nein das geht jetzt nicht, ich habe anderes zu tun. Oder: Schickt sie weg, ich bin doch kein Ausstellungsobjekt. Oder was immer auch gesagt werden könnte in dieser Situation. Doch nichts dergleichen. Die Antwort lautet ganz anders. Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Dies ist keine Antwort auf das Ansinnen der Griechen. Das sind Worte, die einfach an diese Stelle gerückt sind, ohne Bezug zu dem Vorhergehenden. So möchte man meinen. Doch ich denke, so einfach ist das nicht. Ich sehe darin schon eine Antwort an die Fragenden, nur sind es nicht die Fragenden zur Zeit Jesu, sondern die Fragenden der Zeit der ersten Christenheit, die über diese Geschichte eine Antwort bekommen. Ihr wollt Jesus sehen? Ihr wollt wissen, wie er ist, was an ihm wichtig ist, was seine Botschaft ausmacht? Bitte schön, dort seht ihr ihn. Ihr seht ihn am Kreuz. Ihr seht und erkennt Jesus als den, der im Tod den wichtigsten Weg seines Lebens geht. Für Griechen damaliger Zeit war dies eine ungeheuerliche Botschaft. Der Sohn Gottes soll am Kreuz gestorben sein. Was ist das für ein Gott, der sich so schwach zeigt? Das griechische Gottesverständnis sah ganz anders aus: über alle Dinge erhaben, unabhängig von Zeit und Raum, vor allem aber unabhängig von allen menschlichen Regungen und Schicksalserlebnissen wurde Gott gesehen. Unpersönliches geistiges Gebilde war dieser Gott. Und nun wird in der Botschaft der Christen gesagt: unser Gott zeigt sich am Kreuz. Der Gekreuzigte Jesus Christus ist der Gesalbte Gottes, der Messias auf hebräisch, der Christus auf griechisch, der Erlöser und Heiland, der Kyrios, wie die Griechen ihren Kaiser nannten, zu deutsch: der Herr. Die Christen muten den Griechen damit eine ungeheure Botschaft zu und im Grunde genommen ja auch uns heute. Ein Gott im Leiden, wir können es nicht begreifen. Jede Krankheit, jeder Todesfall, der Amoklauf in Winnenden, all das wirft doch in den Menschen immer wieder die Frage auf: Wo ist den Gott? Wie kann er so etwas zulassen? All das stellt doch die Macht Gottes in Frage. Wir erwarten doch von Gott, dass er gemäß der Liebe zu den Menschen, immer das Wohl der Menschen sucht und fördert, statt das Leid in der Welt zuzulassen. Gerade das Johannesevangelium will diese Gedanken in ein neues Licht rücken. Es versucht, diesen schwierigen Gedanken von dem Tod Jesu und der Herrlichkeit Gottes zusammen zu bringen. Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Gemeint ist damit der Tod Jesu. Aber dieser Tod wird gesehen als ein Zeichen der Herrlichkeit Gottes. Jesus wird verherrlicht, am Kreuz erhöht, wie Johannes sagen kann. Das Zeichen des größten Leides wird für Johannes zum Zeichen der Erhöhung des Christus. Wie kann das sein? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, so sagt Jesus. Es geht um seinen Tod, um seinen Tod am Kreuz. Dieser Tod, ist der konsequente Weg der Botschaft der Liebe Gottes. Wenn das Weizenkorn erstirbt, bringt es viel Frucht. Jesus hat die Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen neu in die Welt gebracht, er hat in vielen Begegnungen mit den Menschen deutlich gemacht, was diese Liebe Gottes bedeutet, wenn es darum geht, dass Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, wenn Menschen schuldig aneinander werden, wenn es um Fragen von Gewalt geht, wenn es darum geht, einander hilfreich zur Seite zu stehen. Überall gilt, dass Gottes Liebe grenzenlos ist, dass sie Trennungen überwindet, dass Gräben zugeschüttet werden, dass Leben in Gemeinschaft und als Gemeinschaft möglich ist, wo wir dieser Liebe in unserem Leben Raum geben. Doch gerade dieses grenzenlose, diese Öffnung auf alle hin, das Niederreißen von Privilegien, das Angreifen der Macht weniger führte dazu, dass Jesus in Konflikt geriet mit den religiösen und politischen Führern seiner Zeit. Sie wollten ihn loswerden, sie wollten damit seine Botschaft zunichte machen. Jesus hielt fest an seiner Botschaft, hat sie nicht verändert, sondern ist seinen Weg zielstrebig weitergegangen. Ja im Grunde kann man sagen, dass diese Welt ihre Vollendung erst darin fand, dass auch der letzte Weg beschritten wurde, der Weg in den Tod, in den Ort der vermeintlichen Gottesferne. Erst dort kommt der Weg der Nähe Gottes zu den Menschen zu seinem Höhepunkt. Gott zeigt sich in Christus auch im Tod und erweist damit seine Macht über den letzten Feind des Lebens. Und die Frucht, die das bringt, wird in der Auferstehung lebendig. Gott schafft mitten im Tod neues Leben. Es gibt keinen Ort, an dem die Gegenwart Gottes keinen Raum hat. Das ganze Leben mit all seinen leuchtenden und dunklen Seiten bis hin zum Tod ist umgeben von Gott, dessen Leben schaffende Macht kein Ende hat. Die Frucht des Weizenkornes Jesus ist diese Hoffnung, dass wir wirklich zu keiner Stunde und in keiner Situation unseres Lebens ohne den begleitenden Gott sind. Selbst der Tod kann uns diese Gemeinschaft nicht nehmen, auch wenn der Tod gerade diese Gemeinschaft auf äußerste in Frage stellt. Für die Griechen war dieser Gedanke von klein auf da. Deshalb ist ja diese Botschaft vom gekreuzigten Christus für sie so schwierig gewesen. Und doch halten die Christen diese Botschaft bis heute aufrecht, weil sie davon überzeugt sind, dass sie in dieser Botschaft eine Hoffnung haben und finden, die das Leben wirklich trägt. Und darin liegt der Glaube an die Herrlichkeit Gottes, nämlich dass er in wirklich jeder Situation gegenwärtig ist. Diese Botschaft hat auch Konsequenzen für den, der sie hört, der auf sie vertraut. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Leben im Glauben an den Gekreuzigten bedeutet, dass der Weg der Liebe nicht nur als einer begangen wird, von dem wir geliebt profitieren, sondern eben auch, dass wir diesen Weg mit Jesus mitgehen, ihm dienen wie er sagt. Er beschreibt dies auch sehr drastisch. Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer sein Leben liebt, der wird's verlieren. In einem anderen Evangelium heißt es: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das klingt ganz anders als hier im Johannesevangelium. Ich darf mich selbst lieben, habe eine Würde, die auch in der Hingabe an den Nächsten nicht verloren gehen darf. Bei Johannes dagegen heißt es: wer sein Leben hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Dahinter steckt eine radikale Lebensveränderung. Sein Leben lieben, darunter müssen wir im Sinne unseres Predigttextes ein Leben verstehen, das ganz auf sich selber bezogen ist, aus sich selber heraus lebt, aber so, dass alles darin nur auf die eigene Person bezogen ist. Wir kennen das schöne Wort Selbstverwirklichung. Was für eine gutes Anliegen, dass wir unser Selbst herausarbeiten, dass wir danach schauen, was für einen selbst und das eigene Ich gut und richtig ist, worin gleichsam meine eigene Persönlichkeit liegt. Dies zu entdecken, zu fördern und zu stärken, das ist das Anliegen viele heutiger Lebenshilfeangebote. Und ich sehe darin auch einen wichtigen Beitrag, die Vielfalt der Schöpfung Gottes bei den Menschen deutlich zu machen. Die Kehrseite von Selbstverwirklichung aber ist, das völlige fixiert sein auf den eigenen Weg, auf dem dann nur noch Menschen und Dinge Platz finden, die dort hineinpassen. Der Mensch vergräbt sich in seine ganz eigene Welt und lässt um sich gar nichts mehr zu. So ähnlich stelle ich es mir vor, wenn Jesus sagt, wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer sein Leben, seine Gedanken und Vorstellungen, seine Einsichten und Wünsche als allein seligmachende betrachtet, wer darin nur seinen eigenen Weg verfolgt, der wird am Leben vorbeigehen, der wird die Tiefe des Lebens nicht ergreifen. Wer aber seinem Leben auch kritisch gegenübersteht, wer es verändern will, wer erkennt, wo der Weg in die Irre geht, der wird die Tiefe des Lebens gewinnen. Ein sehr krasses Beispiel dafür ist vielleicht der Alkoholiker: er muss erst an den Punkt kommen, wo er sich selber und die Sauferei wirklich hasst, bist er sich selber nicht mehr ertragen kann, damit er sich verändert, damit sein Leben eine neue Ausrichtung findet. Oder auch andere Veränderungen des Lebens: sie geschehen oft nur, wenn man selber sie nicht mehr ertragen kann, ja vielleicht sogar an sich selber hasst. Dann kann Veränderung eintreten, dann kann sich das Leben öffnen. Damit gewinnt auch die Deutung des Weges Jesu ans Kreuz eine neue Dimension. Es wird in unserem Leben auch immer wieder darum gehen, dass wir Lebensbereiche absterben lassen, dass wir sie gleichsam ans Kreuz nageln, auch wenn sie uns liebgeworden sind, um das eigene Leben zu verändern, um die Liebesbotschaft Gottes in der Welt lebendig zu machen. Die tröstliche und hilfreiche Seite des Kreuzes Jesu, das ist das Wissen um die Gemeinschaft mit Gott in allen Lebensbereichen. Der darin aber auch liegende Anspruch bedeutet, dass wir, die wir an Christus glauben, den Weg der Leidensnachfolge gehen. Das ist die zweite, nicht zu unterschätzende Seite des Glaubens. Doch Jesus macht uns dazu Mut an ihm und seiner Botschaft festzuhalten. Und wir werden darin auch Gott erkennen. Wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Der darf sich auch auf diesem schwierigen Weg zutiefst mit Gott verbunden wissen. Die Griechen fragten nach Jesus, sie wollten ihn sehen. Die Antwort Jesu ist: Lebe im Vertrauen auf mich, im Vertrauen auf meine Botschaft und trage die Botschaft des Kreuzes in dein Leben hinein, dann werdet ihr mich sehen, mich begreifen, mir ganz nahe sein und Gott ganz nahe sein. Und dies gilt nicht nur den Griechen damals in Jerusalem, sondern genauso uns. Amen.
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel |
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