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Hebräer 12, 1- 3

Die sogenannte Karwoche liegt vor uns, eine ereignisreiche Zeit, so wir denn den Weg dieser Woche geistlich mitgehen. Heute ist Palmsonntag - der Einzug in Jerusalem steht uns vor Augen. Ein triumphaler Einzug mit Palmenteppich und Jubelrufen. Wie ein König kommt Jesus nach Jerusalem, wie ein König, der seinen Thron besteigen wird in der Hauptstadt. Begeisterung löst sein Kommen aus, man will ihn sehen, will seine Nähe spüren. Die Menschen wollen etwas von ihm, was auch immer jeder einzelne mit seinem Kommen verbinden mag. Es muss ein sehr erwartungsvoller Tag für viele Menschen in Jerusalem gewesen sein. Für Jesus selber war es der Anfang eines sehr leidvollen Weges von Abschied, Angst, Verachtung, Folterung und Tod. Wie gesagt, wir gehen diesen Weg in dieser Woche mit: Gründonnerstag: noch einmal festliche Feier, Gemeinschaft unter den Jüngern Jesu, noch einmal Feier der Erinnerung an die Befreiung die Gott seinem Volk gebracht hat, als er es aus Ägypten herausgeführt hat. Noch einmal auch die Erinnerung an die Zeit von Bedrückung und Not, bittere Kräuter auf dem Tisch des Passamahles, und die von Gott Freiheit geschenkte Freiheit im gelobten Land.

Und da mitten hinein die Ankündigung des Todes: ich werde nicht mehr mit euch essen. Der Tod steht im Raum, Brot und Wein werden zu Zeichen dieses Todes. Und dann geht der Weg ganz klar in eine Richtung. Noch einmal kurz innehalten im Garten Gethsemane: Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Und dann führt der Weg direkt in die Hände der Soldaten und politischen und religiösen Machthaber. Verhöre, Verachtung, Verspottung, Folter und dann das Todesurteil damaliger Zeit: Tod durch Kreuzigung. Karfreitag: Todestag, der schwere Weg zum Kreuz. Und selbst als er hing, hörte die Verspottung nicht auf: andern hat er geholfen, und kann sich selbst nicht helfen. In drei Tagen will er den Tempel wieder aufbauen. Hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist. Steig herab vom Kreuz.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Angst, Verlassenheit, Leere, so schildert uns Matthäus den Jesus am Kreuz. Zutiefst menschlich und uns ganz nahe.

Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, so heißt es bei Lukas. Ergeben und vertrauensvoll, mitten in der schwersten Stunde.

Es ist vollbracht! mit diesen Worten beendet Jesus im Johannesevangelium sein Leben. Ohne Angst, nicht ergeben, sondern voller Kraft, in der Gewissheit einen Weg bis zu Ende gegangen zu sein, der seine Aufgabe und sein Ziel war.

Und dann wird es still. Trauer, Angst, Verzweifelung, Nichtverstehen, Enttäuschung bei den Freunden Jesu. Es war alles vergeblich: die ganze Hoffnung, die lebendig war, das Vertrauen in einen neuen Lebensweg,  die Lebensworte, die verhallen und im Tod dahingegangen sind. Zurück in die alte Lebenswelt, zurück in das Leben vorher, es nützt doch alles nichts. Zurück nach Emmaus, zurück nach Galiläa. Die Welt ist nicht anders geworden, lasst uns beim Alten bleiben.

Doch da blieb nichts beim Alten, da ging es nicht so weiter, wie vorher, da ist etwas anders geworden, denn da begegnet der, der nicht im Tod geblieben ist, sondern der durch die Kraft des lebendigen Gottes auferweckt wurde. Das Kreuz ist überwunden, der Gekreuzigte lebt. Der Weg Jesu ist nicht beendet, er geht weiter, er geht bis heute weiter.

Das ist der Weg der Karwoche, der vorösterlichen Woche. Ich habe dies so ausführlich vor Augen geführt, weil gerade dieser Weg Jesu für uns so bedeutsam ist und dieser Weg in engem Zusammenhang mit einem Wort aus dem Hebräerbrief steht, das unsere Gedanken heute und in dieser Woche leiten soll.

Lasst uns ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den  Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Lasst uns aufsehen zu Jesu, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Auch in unseren Kirchen wird dieser Satz immer sehr lebendig vor Augen geführt angesichts der in den Kirchen befindlichen Kreuze. In der Mitte steht das Kreuz Jesu, es ist das Zentrum des Altares. Das Kreuz ist der Ort, auf den der Weg in die Kirche zuläuft, es ist der Punkt, an dem man unwillkürlich stehen bleibt. Hier stehen wir an dem Ort, da unser Leben auf dem Spiel steht, wo wir das Leben neu empfangen können. Der Hebräerbrief spricht davon, dass wir alles ablegen sollen, was uns beschwert. die Sünde, die uns ständig umstrickt.

Wie ist das, wenn man beschwert ist, wenn einen die Lebenslasten drücken? Der Kopf ist gesenkt, die Atmung flach, die Schultern hängen, der Blick ist gesenkt, wir sehen nur noch den dunklen Boden vor den Füßen. Alles zieht nach unten, es macht uns klein und niedergedrückt. Lasst uns ablegen, was uns beschwert. Wie wäre es, wenn wir in unseren Gedanken wenigstens, einmal unsere Lasten hier vor das Kreuz legen würden, diese Lasten einmal Ablegen, von uns abstreifen würden, sie aus der Hand geben, die Gekreuzigten übergäben? Wir müssten jetzt eigentlich alle aufstehen und zum Altar gehen, dann könnten wir spüren, was passiert. Lasst uns aufsehen zu Jesus. Wir heben den Kopf, die Schultern legen sich nach hinten, der Brustraum wird frei für neue Luft. Wir verlassen den Raum vor unseren Füßen, der Blick geht nach oben, der Blick wird weiter. Wir werden nach oben gezogen, der Blick nach oben macht uns größer und richtet uns auf. Christus zieht uns nach oben, der Gekreuzigte macht uns größer, der Leidende am Kreuz richtet uns auf.

Geradezu wohltuend empfinde ich diese Aufforderung des Hebräerbriefes: Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Schon wenn ich nur diese körperliche Fantasie entwickele, merke ich, wie diese Blick mich körperlich freier macht. Lasst uns ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt. Ja, lasst uns die Sünde ablegen, die Sünde, das Vertrauen auf Gott für nichts zu achten, so meint es der Hebräerbrief nämlich. Gerade wenn ich so an unsere Beschwernisse des Lebens denke, an die vielfältigen Bedrückungen, dann wird mir das deutlich, wie sehr wir uns oft davon gefangen nehmen lassen, statt dem Vertrauen Raum zu geben, dem Vertrauen auf einen lebendigen Gott, dessen Weg am Kreuz nicht zu Ende war und ist. Und diese Resignation, diese Hoffnungslosigkeit, dieses nur auf die eigenen Möglichkeiten oder die eigene Ohnmacht schauen, das ist die Sünde, die uns ständig umstrickt. Auch in der Kirche, wo wir den lebendigen Glauben der Menschen so häufig beklagen.

Dagegen ruft uns der Hebräerbrief zu: lasst euch von diesen Gedanken nicht gefangen nehmen, gebt dieser Hoffnungslosigkeit keinen Raum, legt sie ab. Legt sie ab vor dem Kreuz, dem größten Zeichen der Hoffnungslosigkeit und Gottverlassenheit, weil genau dort Gott lebendig wird, wo genau dort das Vertrauen seinen Anfang nimmt. Glaube, Vertrauen, das ist die feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, so heißt es ein Kapitel vorher. Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Lasst uns aufsehen zu ihm dem Gekreuzigten, lasst uns sehen auf seinen Weg, vor allem den Weg dieser Woche. Gerade darin wird deutlich, wie sehr auch im beschwerlichsten Weg des Lebens, Vertrauen möglich ist, wie sehr auch in den schwierigsten Situationen des Lebens, Hoffnung lebendig bleiben kann, wie sehr auch in aller Anfeindung von Menschen oder Lebenserfahrungen Glaube und Liebe möglich ist: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, so konnte Jesus noch am Kreuz beten. Jesus führt den Weg dieses Glaubens an, er hat uns diesen Weg gezeigt und möglich gemacht. Und er hat auch das Ziel dieses Glauben durch seinen Weg, durch sein Ende erreicht und vollendet und uns damit eröffnet, es ist der Weg, der uns am Ende in die Herrlichkeit Gottes führt zu der wir als Christen berufen sind.

Doch der Hebräerbrief weiß auch, dass diese Berufung und dieser Weg nicht einfach so zum Ziel führt. Darum spricht er auch davon, dass wir mit Geduld in dem Kampf laufen sollen, der uns bestimmt ist. Christ sein, als Christ zu leben, das gleicht einem Kampf. Jedoch nicht einem Kampf, immer wieder den moralischen Ansprüchen einer Welt oder einer Religion zu genügen, sondern dem Kampf ein Ziel erreichen zu wollen und gleichzeitig von den Ereignissen des Lebens beschwert immer wieder das Ziel aus den Augen zu verlieren, oder es als sinnlos anzusehen, diesem Ziel nachzujagen, weil es so hoffnungslos erscheint, dafür zu leben. Ich habe bei diesem Wort immer einen 10 000m Lauf vor Augen. Ich spüre die anfängliche Lust und Freude loszulaufen, die Kraft, die in einem steckt, die Motivation, die einen nach vorne treibt. Doch je länger man läuft desto mehr schwinden die Kräfte. Die Reserven des Körpers gehen langsam zu Ende, es kommen die Schmerzen. Die Muskeln tun weh, es kommen vielleicht Seitenstiche, die Schritte werden kürzer und langsamer. Lohnt es sich überhaupt noch zu laufen, macht es noch Sinn sich hier abzurackern? Ist es das Ziel wert, weiter die Kraft einzusetzen?

Ich sehe unser Leben und unseren Glauben als einen solchen Lauf, als einen solchen Kampf zwischen mir und meinen Gedanken und Beschwernissen und der Hoffnung auf das Ziel, das uns durch den Glauben vor Augen gestellt wird. Dieser Lauf ist oft beschwerlich, mühselig und kraftraubend. Aber gerade in der Karwoche wird mir deutlich, wie hilfreich es sein kann, eben nicht bei sich selber zu bleiben, sondern bei Jesus abzulegen, was uns beschwert. Er zeigt mir, wie ich mit Geduld laufen kann, in dem Kampf, der mir bestimmt ist. Im Aufsehen auf ihn, als den Anfänger und Vollender des Glaubens liegt die Kraft, diesen Kampf durchzustehen, und in ihm liegt die Hoffnung auf das, was wir Vollendung und Herrlichkeit nennen. Möge er uns die Geduld geben, die wir brauchen für unseren Lebens-Lauf. Amen.

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Liturgischer Ablauf
 

Begrüßung - Orgelvorspiel

Lied: 88,1-3+6

Psalm  69 i.A.  s. Perikopenbuch

Eingangsliturgie - Gebet:

Gott unser Erbarmer, du lässt uns das Leiden und Sterben deines Sohnes zu unserem Heil verkünden. Ob wir das je verstehen können, was du da getan hast? Und doch finden wir in dem Kreuz Halt und Orientierung, wenn es darum geht, den Weg durchs Leben zu begreifen. So bitten wir dich, hilf uns, die vielen Dimensionen des Kreuzes immer wieder neu zu begreifen, lass uns darin deine liebevolle Nähe zu uns Menschen erkennen. Das bitten wir durch Jesus Christus, der mit dir und heiligen Geist lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Lesung: Phil 2, 5-11

Lied 78, 1,2,9,10

Lesung: Joh 12, 12-19

Glaubensbekenntnis

Lied: 91,1-3+10

Predigt

Lied: 83,1-4

Abkündigungen – Fürbittengebet

EG 789.6

Segen

163

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt
Palmarum 

24.3.2002

Liturgischer
Ablauf
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