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Apostelgeschichte 16, 9-15

Es ist schon ein besonderer Sonntag heute, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint. Von den Lesungen des Tages ist es ein Sonntag, der das Wort Gottes in den Vordergrund stellt. Aber es gibt auch andere Gedanken, die diesen heutigen Tag prägen. Dieser Sonntag ist auch der Gedenktag der Holocaustopfer und für uns ist heute Landtagswahl.

Ich möchte versuchen, die Gedanken des heutigen Predigttextes, ein Wort aus dem 31. Psalm und den Holocaustgedenktag miteinander zu verbinden.

Es beginnt alles mit einem Traum. Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht. Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber  nach Mazedonien und hilf uns. So heißt es am Anfang des heutigen Predigttextes.

Paulus war in Kleinasien, der heutigen Türkei unterwegs, um die gute Botschaft Gottes weiter zu sagen. Viele Juden, viele Nichtjuden hörten ihn und kamen auch zum Glauben an Gott in Jesus Christus. Nun macht er sich auf den Weg nach Mazedonien. Es ist der Weg vom Orient nach Europa, es ist ein gesellschaftsverändernder Schritt, der da von Paulus gegangen wird.

Er hat diesen Traum und folgt ihm. Er hat eine Vision, die ihn erfüllt, die er zielstrebig verfolgt. Wir bewundern diesen Schritt, er ist mutig, weil es für Paulus ein Schritt in eine neue Welt ist, auch wenn es dort auf Grund der damaligen Handelsbeziehungen auch Anknüpfungspunkte gibt.

Holocaust: auch da hat jemand einen Traum, eine Vision: Machtvisionen einer Welt, die von einem Land und einem Führer bestimmt sind. Er hat eine Vision des großen Deutschlands und vor allem hat er den Traum einer Herrenrasse, die andere nicht duldet. Reinrassig soll es sein, dieses Reich, in dem dann Andersdenkende keinen Platz mehr haben sollen. Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Schwule und Lesben, Behinderte und Kranke, Sinti und Roma und wer sonst noch so auf der Abschussliste von Hitler stand. Eine Endlösung sollte herbeigeführt werden und Millionen von Menschen wurden Opfer eines krankhaften Wahnes. Auschwitz wurde zum Symbol dieses krankhaften Handelns von Menschen, die - aus welchem Grund auch immer – diesem Traum mit hinterherliefen, der menschenverachtender nicht sein kann. Bis heute hin leiden viele, viele Menschen unter den Taten, die über 70 Jahre her sind und uns doch immer wieder berühren.

Gut, dass es einen Gedenktag gibt, der dies immer wieder wach hält, damit auch heute noch Menschen sehen, was der Traum dieses Mannes angerichtet hat. Ein Traum, der leider nicht beiseite gelegt wurde, sondern in subtiler Weise auch heute noch in vielen Köpfen der rechtsverblendeten weiter wirkt und sich in verschiedenen Weisen auch immer wieder äußert, wenn Obdachlose verprügelt werden, wenn Ausländer gejagt werden, oder wie vor einiger Zeit geschehen, ihre Wohnungen angezündet werden, wenn über Euthanasie nachgedacht wird und ein von Ausländern befreites Deutschland gefordert wird. Der Geist lebt, er ist wach, leider. Das müssen wir sehen. Wie gut, dass es Menschen gibt, die dagegen aufstehen, wie am vergangenen Wochenende in Salzgitter, so dass rechte Propagandisten einpacken und unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren.

Dieser Traum darf nicht weiter geträumt werden, er ist ein Alptraum, der im Keim erstickt werden muss.

Ein anderer Traum hat ebenfalls etwas bewirkt, das solchem Denken entgegensteht: der Traum Martin Luther Kings.

Ich habe den Traum, dass sich diese Nation eines Tages erhebt, dass sie den wahren Sinn ihres Credo in ihrem Leben verwirklichen wird, das Credo, das da lautet: "wir halten es für offenbar, dass alle Menschen gleich geschaffen sind" (3).

Ich habe den Traum, dass eines Tages die Söhne der früheren Sklaven und die Söhne der früheren Sklavenhalter auf den roten Hügeln Georgias bereit sein werden, sich gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit niederzulassen.

Ich habe den Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, welcher noch in der Hitze der Unterdrückung schmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt.

Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Gehalt ihrer Gesinnungen beurteilt werden.

Ich habe den Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern.

Ich habe den Traum heute!

Dieser Traum ist weltbekannt geworden und sei es nur mit den ersten Worten: ich habe einen Traum …  Martin Luther King ist für diesen Traum gestorben, er hat sein Leben dafür gegeben dafür einzutreten, dass die Grenzen von Menschen überwunden werden. Er ist dafür eingetreten, dass es keine Unterschiede gibt zwischen den Menschen, sondern dass einem jeden dieselbe Würde gilt und dass wir dies leben können, dass wir einander die Hände reichen können, so unterschiedlich wir auch äußerlich sein mögen.

Im 31. Psalm steht der Vers: du stellst meine Füße auf weiten Raum. Ja, Gott stellt uns auf dieser Erde auf einen weiten Raum, der es uns ermöglicht über alle Grenzen hinweg miteinander Kontakt zu haben, menschlich miteinander zu leben.

Der weite Raum der Erde ist aber auch Handlungsfeld Gottes, der sein Wirken nicht beschränkt sieht auf ein bestimmtes Land, auf ein bestimmtes Volk, mit dem er den Weg begonnen hat, sondern er will Gott für alle Menschen sein. Das war auch der Grund, warum Paulus seinen Missionsweg antrat, warum er in die Welt zog, um die gute Botschaft den Menschen seiner damaligen Welt weiterzutragen. Und er folgt dem Traum, der ihn dazu bringt, in ein fremdes Land zu fahren, mit unbekannten Menschen einer anderen Kultur Kontakt aufzunehmen, um diesen Menschen den gütigen Gott zu bringen.

Sein Traum bringt ihn dazu sich aufzumachen. ER hat nicht nur einen Traum, eine Vision, er hat nicht nur gute Gedanken in sich, er macht sich damit auf den Weg, will diese Vision ins Leben der Menschen bringen. So wie Martin Luther King das getan hat. Leider auch Adolf Hitler. Auch die bösen Visionen bahnen sich ihren Weg. Damals im Nationalsozialismus, heute in den Neonazis, aber auch an anderen Stellen der Welt, wo mit Hilfe von Terrorismus und Gewalt Macht ausgeübt werden will.

Auch da gilt es, sich aufzumachen – gegen diese Kräfte. Es muss eine Vision für uns vor Augen stehen, die mit gleicher Kraft doch menschenfreundlicher Intention sagt: das darf nicht sein, dagegen müssen wir aufstehen. Ein Traum, der Menschen voneinander abgrenzt, ein Traum, der egoistisch nur das Eigene sieht, eine Vision, die keine Achtung vor dem Leben des Anderen hat, ist eine Horrorvision, die niemals Wirklichkeit werden darf. Der Kern der Botschaft des Evangeliums ist, dass die Menschenliebe, die Achtung des Anderen an erster Stelle steht. Wer diese Achtung in seinem Denken und Handeln nicht einbezieht, dessen Träume dürfen nicht Realität werden.

Paulus geht einen Weg, der hilft solche Engführungen zu überwinden. Er sucht zunächst die Anknüpfung. Er will in die Synagoge gehen, dort wo Juden ihren Glauben leben. Hier sieht er eine Möglichkeit, die Botschaft von Jesus Christus und seinem himmlischen Vater anzubringen. Doch dann wird es anders. Vor der Stadt, wo wohl eine jüdische Gebetsstätte gewesen sein könnte, begeben sie sich nicht dorthin, sondern sie setzten sich zu den Frauen, die dort waren. Gottesdienst konnte nur mit entsprechend vielen Männern abgehalten werden. Die Frauen zählten da nicht, auch wenn sie im jüdischen Leben sonst eine wichtige Rolle spielten. Doch wie schreibt Paulus in einem seiner Briefe: hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Mann oder Frau, wir sind eins in Christus. Ganz praktisch übersetzt er hier seinen Glauben in direktes Handeln. Wir sind ein in Christus. Christus hat uns alle berufen in seinem Geist zu leben, da kommt es nicht auf das Geschlecht an, da kommt es nicht auf unsere Volkszugehörigkeit an, auch nicht auf unseren kulturellen Hintergrund, der uns geprägt hat. Die Botschaft gilt allen gleich, sie stellt alle auf dieselbe Stufe vor Gott und macht uns alle zu Brüdern und Schwestern. Und selbst dort, wo kritische Gedanken das Gespräch bestimmen, die Geschwisterschaft ist prägender Hintergrund des Umganges miteinander. Den anderen als Bruder und Schwester sehen, den Fremden anderer Herkunft genauso wie den Fremden oder Bekannten aus eigener Herkunft, das hat etwa mit dem Kern christlicher Botschaft zu tun. Darum dürfen wir kein Denken gutheißen oder einfach so stehen lassen, dass hier Trennungen oder gar Abstufungen aufbauen will. Hier gilt es das christliche Veto laut auszusprechen.

Paulus geht auf die Menschen zu, er sucht ihre Gemeinschaft, er sucht die Begegnung. Das ist eines der wichtigsten Grundlagen grenzübergreifendes Lebens: einander zu begegnen, sich füreinander zu öffnen, Gemeinschaft zu suchen. Wer den anderen nicht kennenlernt, der bleibt in seinen Vorurteilen stecken. Versöhnungsarbeit nach dem Dritten Reich war in der Regel damit gepaart, Begegnungen zu schaffen zwischen den Menschen. Die Aktion Sühnezeichen z.B. gestaltet bis heute hin solche Begegnungen mit den Menschen, die früher als Feinde bezeichnet wurden. Sie gehen in die Länder, in denen die Deutschen viel Leid geschaffen haben, um über die Begegnungen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir in dieser einen Welt zusammengehören. Und wer Gemeinschaft mit den Fremden dokumentiert, der zeigt auch nach außen hin, was christliche Geschwisterschaft konkret bedeuten kann.

Der Lydia wird das Herz geöffnet von Gott, so heißt es. Sie lässt sich ansprechen von der Botschaft und lässt sich taufen. Die gute Botschaft ist durch Gottes Hilfe angekommen, verändert Menschen, so dass sie auch andere davon anstecken können. Lydia wird mit ihrem ganzen Hause getauft. Doch mir kommt es jetzt nicht darauf an, dass wir losziehen, um viele Menschen zu taufen. Mir ist daran wichtig, dass Paulus von seinem Glauben erzählt, dass er das, was ihm im Herzen wichtig ist, weiter trägt. Das sollte unser aller Aufgabe sein als Christen, diese gute Botschaft weiter zu tragen, damit unter anderem die menschenverachtenden Gedanken des dritten Reiches keinen Nährboden mehr finden. Wir sollen davon erzählen, damit Menschen eine seelische und ethische Grundlage haben, auf der das eigenen Leben in Gemeinschaft mit den vielen anderen gelingen kann. Daraus kann Nähe entstehen, wie sie der Predigttext so beschreibt, dass Lydia die Missionare innständig bittet, in ihr Haus zu kommen, um dort auch Tischgemeinschaft zu haben. Diese Tischgemeinschaft ist ein ganz wichtiges Zeichen wirklicher Gemeinschaft, Ausdruck von Geschwisterschaft, die letztlich auch nicht in Sympathie gründet, sondern die durch den Glauben, also von Gott her kommt.

Diese Gemeinschaft gilt es anzustreben und zu fördern. Wer solche Gemeinschaft zerstört, handelt nicht im Sinne unsers Gottes. Die Welt ist an vielen Stellen so, dass diese Gemeinschaft zerstört wird. Und dennoch bleibt es Aufgabe der Christen, der großen Vision Gottes nachzufolgen: die weltweiter Geschwisterschaft der Menschen mit Leben zu erfüllen. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Füllen wir diesen Raum mit Liebe und Achtung gegenüber den Menschen und mit der Abwehr gegen alles, was dieser Liebe und Achtung entgegensteht. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel

Lied: 161,1-3 Liebster Jesu

Psalm 31

Eingangsliturgie

Gebet

Gott, das Leben in dieser Welt ist so vielfältig. Du hast diese Welt so reich an Abwechslung geschaffen in der Natur und unter den Menschen. Dankbar schauen wir darauf. Wir bitten hilf uns, dass wir von dieser Dankbarkeit leben, dass wir von diesem Reichtum her die Fülle des Lebens fördern und  erhalten. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, …

Lesung: Hebr. 4, 12-13

Lied 327, 1-4 Wunderbarer König

Lesung: 16, 9-15

Glaubensbekenntnis

Lied 331, 1,3, 9, 11 Großer Gott wir loben dich

Predigt

Lied 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden

Abkündigungen

Fürbittengebet

(aus der Arbeitshilfe der Aktion Sühnezeichen)

Gedenken wollen wir der Vergessenen, der Verdrängten, denen man das Leben genommen hat, nachdem man ihnen den Namen stahl, nachdem man ihnen die Würde geraubt hatte, denen man kein Grab gelassen hat.

Gedenken wollen wir heute besonders der Kinder, der Kinder, die man vom Spielplatz verjagte, aus den Schulen stieß, in die Viehwagen trieb, in die Lager verbrachte, mit medizinischem Sadismus ausnutzte und endlich ermordete.

Gedenken wollen wir der Sinti und Roma, die man »Zigeuner« nannte und eine »Plage«. Mehr als 500.000 Sinti und Roma wurden während der Nazi-Zeit Opfer des Völkermordes.

Gedenken wollen wir der ernsten Bibelforscher, Pazifisten, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, der ungenannten und unbekannten Opfer nationaler Anmaßung und Mordlust.

Gedenken wollen wir der Kommunisten und Sozialdemokraten, die man als politische Gegner bis in den Tod verfolgte. Gedenken wollen wir der Behinderten, denen man den Wert des Lebens absprach. Man sagte »Gnadentod« und mordete mit Medikamenten, Giftgas und Injektionen.

Gedenken wollen wir der Lesben und Schwulen, die mit tödlichem Hass verfolgt wurden. Totgeschlagen und totgeschwiegen wurde lange ihre Geschichte.

Gedenken wollen wir der Zwangsarbeiter und der Kriegsgefangenen, die in unserem Land und in vielen anderen Ländern großes Leid oder gar den Tod fanden.

Gott, dieses Leid schreit zum Himmel, auch wenn es weit weg scheint und für viele nur aus Büchern bekannt ist. Hilf uns, solchem Leid entgegen zu stehen, lass uns aus deinem Wort das Leben in dieser Welt lebenswert für alle Menschen gestalten.

Vaterunser

Segen

163

 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt 

27.1. 2008

Liturgischer
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