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Rogate heißt dieser Sonntag nach alter Tradition. Rogate, das heißt:
Betet, bittet. So steht das Beten heute im Vordergrund.
Für einen Gottesdienst ist diese Aufforderung eigentlich überflüssig.
Wir haben doch mit den Worten der Lieder, dem Psalm und mit eigenen
Worten schon gebetet. Wir bringen unsere Gedanken mit in den
Gottesdienst und bringen sie in unseren Bitten vor Gott.
Aber diese Aufforderung durch den Namen des heutigen Sonntages gilt
sicherlich nicht so sehr für die Zeit des Gottesdienstes, sondern ja
eher für unser ganz persönliches Leben, für unseren Alltag außerhalb
dieser Kirchenmauern. Aber da ist es mit dem Beten schon etwas
schwieriger. Wobei ich davon überzeugt bin, dass mehr Menschen beten als
wir das so landläufig meinen. Nur tun wir es eben nicht öffentlich,
sondern zumeist im stillen Kämmerlein. Hat Jesus ja auch so gesagt, dass
wir im stillen Kämmerlein beten sollen, obgleich er damit eher
verhindern wollte, dass das Gebet zu einer Schaudarstellung wird, die
das fromme Leben von Menschen nach außen darstellen könnte.
Wir wollen also heute ein wenig darüber nachdenken, was es mit dem Gebet
auf sich hat, was es uns helfen kann und wie wir recht mit dem Gebet
umgehen können.
Jesus sagt dazu in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums, wir haben
es eben gehört: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn ihr den Vater um
etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er's euch gebeten. Bisher
habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, wo werdet ihr nehmen,
dass eure Freude vollkommen sei.
Mit diesen Worten beschreibt das Johannesevangelium das Gebet. Wenn ihr
den Vater um etwas bitten wertet, so wird er's euch geben.
Dieser Satz ist ein großes Wort. Erleben wir nicht oft genug etwas ganz
anderes. Nämlich, dass unsere Gebete scheinbar nicht erhört werden.
Gebet, so sagen viele Kritiker, ist doch sowieso nur eine Form von
Selbstgespräch, das zu nichts führt. Und dahinter steckt dann immer,
dass die Bedeutdung des Gebetes nach seinem Erfolg bemessen wird. Wir
bitten um etwas, und wenn es dann eintritt, so hat es sich erfüllt und
dann ist es ja auch schön, aber wenn es nicht eintritt, dann nützt das
Gebet auch nichts. Und wie viele Gebete wurden angesichts des Krieges,
angesichts des Terrors in der Welt, an den Krankenbetten gesprochen,
ohne dass sich irgendetwas verändert hat. Und weiß Gott nicht längst,
was wir brauchen, müssen wir ihm das noch erzählen?
Natürlich weiß Gott um uns. Aber wissen wir auch um Gott? Nehmen wir
Gott so ernst, wie er uns ernst nimmt?
Seien wir doch mal ehrlich mit uns selber. Wann taucht Gott in unserem
Leben auf, wann spielt er eine Rolle für uns in unserem Leben? Oft genug
wird das Gebet auch missbraucht. Es ist irgendetwas nicht in Ordnung mit
unserem Leben oder in der Welt und nun suchen wir einen, der es wieder
in Ordnung bringt, der wie der Clown in der Pappschachtel herausspringt
und die Welt verändert. Deus ex machina - der Gott aus der Maschine, der
wie im Theater aus der Höhe kommende Gott, der nun alles richtet. Was
ist das für ein Gott, der so im Dienste der Menschen steht. Es ist kein
Gott, es wäre eine Marionette der Menschen, die nach Belieben erscheint,
aber ansonsten keinerlei Bedeutung hat. Lieber Gott, mach, dass ich
keine 5 in Mathe schreibe.
Beten, das ist Gespräch. Ein Gespräch kann ich nur aufnehmen, wenn ich
mich auf den anderen einlasse, wenn ich mein Gegenüber ernst nehme, wenn
ich mich ihm öffne. Das ist schwer im Blick auf Gott, der ja nicht
direkt antwortet. Das macht das Beten ja auch schwer, weil wir dieses
direkte Gegenüber nicht gleich vernehmen, weil es Zeit braucht, für das,
was wir als Wort Gottes hören.
Für mich ist das Gebet dennoch eine ganz wichtige Zwiesprache, die man
gewiss mit eine Art Selbstgespräch vergleichen kann. Das Gegenüber wird
in mir laut, immer mit der Ungewissheit: ist es jetzt wirklich Gottes
Stimme in mir oder doch nur meine eigene Stimme, die mir etwas einredet,
was ich gerne hören möchte. Dennoch ist dieses Gespräch wichtig, ist
diese Zwiesprache bedeutsam. Und es ist eine Zwiesprache, in der
indirekt auch jemand drittes auftaucht: Jesus selber. Er sagt ja nicht
nur allein: Wenn ihr den Vater um etwas bitten wertet, so wird er's euch
geben; sondern er sagt: Wenn ihr den Vater um etwas bitten wertet in
meinem Namen, so wird er's euch geben.
Insofern wird das Gebet zu einem Glaubensakt und zu einem
Vertrauensgeschehen. Das was uns auf dem Herzen liegt, was wir vor Gott
bringen, wird zunächst in Beziehung gesetzt zu Jesus. Und damit wird es
indirekt befragt danach, was wollen wir eigentlich von Gott?
Die 3 in Mathe kann es ja nicht wirklich sein. Dafür sind wir nun
wirklich auch selbst verantwortlich.
Im Namen Jesu beten, das heißt für mich, das, was mir Sorgen bereitet
vor Gott auszubreiten, es ihm mitzuteilen, mit Freude, mit Dank, mit
Lob, mit Ernst, mit Klage, in Verzweifelung, ja in Hass gegen das, was
da geschieht, was Gott uns auch auferlegt. Es gibt da keine Beschränkung
und dies sollte im Gebet auch so laut werden, wie es in unserem Herzen
ist, am besten noch laut nach außen gesprochen werden. Es wirklich
rauslassen und dazu ist lautes Sprechen ganz wichtig, sonst bleibt es
nämlich doch nur in uns. Ich weiß, wie merkwürdig das ist, das kostet
große Überwindung, aber gerade wenn der Druck in uns am größten ich,
dann sollte wir den Mut haben, laut unserer Not Ausdruck zu verleihen.
Dies wäre ein wichtiger erster Schritt des Gebetes.
Das zweite ist für mich dann das Nachdenken, was ich in dieser Situation
von Gott wirklich erwarte. Für mich ist da das bedeutendste Beispiel
Jesu Gebet in Gethsemane. Jesus weiß um seinen bevorstehenden Tod. Er
hat dieselbe Angst, wie wir alle sie wohl haben würden, wüssten wir um
diesen Ausgang des Lebens. Jesus bittet Gott inständig mit tränenden
Augen, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Jesus wünscht sich,
dass sich sein Lebensweg verändert, dass er diesem Ende entrinnen kann.
So wie wir in den verschiedensten Lebenssituationen darum beten, dass
sich etwas in eine bestimmte Richtung verändern möge. Doch dann kommt
der entscheidende Satz, der das Zentrum eines jeden Gebetes ist: Doch
nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille.
In Jesu Namen zu beten, das heißt, zu fragen, was ist eigentlich Gottes
Wille in dieser Situation. Was erwartet er von mir, was kann ich
angesichts des Evangeliums von Jesus Christus als den Wunsch und das
Ziel Gottes für mich und mein Leben ansehen?
Was Jesus mit seinem Gebet vor Augen stellt, ist, dass das wichtigste in
einem Gebet ist, dass wir Gott vertrauen. Beten heißt: sich Gott
anvertrauen, sich mit seinem Leben, seinen Gefühlen und all dem, was auf
der Seele liegt, in Gottes Hände begeben und damit sich selber aus der
Hand legen. Nicht mein Wille geschehe. Und ich bin der festen
Überzeugung, dass genau dies, das aller Schwerste an einem Gebet ist.
Sich selber aus der Hand geben, alles fallen zu lassen, die eigene
Sicherheit des Lebens aufgeben und nur noch zu sagen: Gott, so ist mein
Leben, nimm du es in die Hand und führe es.
Beten in Jesu Namen - das heißt letztlich genau dieses: nicht ich stehe
an erster Stelle, sondern Gott, sein Wille, sein Weg mit mir. Ich
behaupte, dass Menschen, die die Kraft des Gebetes anzweifeln, weil der
Erfolg ausbleibt, genau dieses außer Acht lassen, dass es im Gebet nicht
um uns und die Erfüllung unserer Wünsche geht, sondern dass es um Gott
geht und um das, was er an uns tut.
Vertrauen zu Gott im Gebet, das bedeutet: ich vertraue darauf, dass
dieser Gott für mich Gutes bereit hat. Dieser Gott lässt mich nicht
untergehen, lässt mich nicht einfach beiseite stehen und allein. Dieser
Gott ist für mich da und selbst wenn mein Leben nicht so aussieht, wie
ich es mir wünsche und vorstelle, ich bin gewiss, Gottes Weg mit mir
führt zum Guten. Bei ihm bin ich geborgen und darf gewiss sein, dass das
Ziel meines Lebens Gott selber ist. Darum kann ich mich loslassen, kann
ihm die Zukunft übergeben.
Und das kann ich im Glauben an Jesus Christus vor allem in der
Grenzsituation des Endes deutlich sehen. Gott lässt seinen Sohn nicht
allein, auch nicht am Kreuz, sondern er führt ihn durch das Kreuz zum
Leben. Jesu Bitte war: Lass den Kelch an mir vorüber gehen, lass mich am
Kreuz vorübergehen. Der Weg zum Leben führte durchs Kreuz hindurch,
führt mitten durch die Tiefen des Lebens. In Jesu Namen beten, heißt,
dieses vor Augen zu haben und es beim Gebet mit einzubeziehen.
Der Weg der Krankheit soll natürlich zum Guten verlaufen, doch ist das
Gute, das was wir vor Augen haben. Beten im Angesicht der Krankheit, das
heißt für mich auch, bitten um die Kraft, den schlimmsten Weg gehen zu
können, nicht zu verzweifeln am Leben und an der Liebe Gottes. Es geht
nicht um vordergründige Veränderung des Lebens, sondern um die
Durchdringung des Lebens mit der Kraft der Liebe Gottes, die auch durch
die schlimmsten Wege des Lebens hindurchträgt und zu einer Zukunft
führt, gewiss nicht immer die ist, die wir uns wünsche und vorstellen,
aber die doch die Zukunft Gottes ist. Und wenn wir dessen gewiss sind,
dann wird auch die Erfüllung des Gebetes nicht festgemacht an den
Dingen, die wir uns Wünschen, sondern daran, ob wir im Vertrauen auf
Gott das Leben meistern, dass wir uns nicht von ihm abwenden, sondern
immer wieder auf der Suche sind nach dem tragenden Grund des Lebens. Und
diesen tragenden Grund wird er uns nicht versagen. Wenn ihr den Vater um
etwas bitten wertet in meinem Namen, so wird er's euch geben. Nicht so
wie wir es uns vielleicht vorstellen, aber doch so, dass Gottes Wille
lebendig bleibt. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude
vollkommen sei, das verheißt uns das Wort Jesu aus dem heutigen
Evangelium.
Im letzten Satz dieses Evangeliumsabschnittes wird das, was ich eben
versucht habe deutlich zu machen, noch einmal auf andere Weise gesagt:
In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt
überwunden.
Jesus bringt damit sehr deutlich zum Ausdruck, dass uns im Alltag dieser
Welt vieles begegnet, das uns Angst macht, das unser Leben aus den Fugen
geraden lässt. Vieles ist darin, was uns große Sorge bereitet, ja unser
Leben in Frage stellt und uns deshalb eben auch Angst macht. Jesus hat
dies für sich ja auch erlebt bis zum bitteren Ende. Nun sagt er, er habe
die Welt überwunden. Er hat sich nicht an sie gebunden, er hat nicht in
dieser Welt Erfüllung gesucht, er hat nicht in der Erfüllung irdischer
Wünsche das Ziel des Lebens gesucht, sondern darin, dass er sich in
seinem Tun an Gott ausgerichtet hat. Und weil er dies getan hat, hat er
sich ganz den Menschen und dieser Welt zuwenden können, ohne eben darin
gefangen zu sein. Das Gebet im Namen Jesu führt uns eben diesen Weg, weg
aus den irdischen Bindungen hin zu einer alles umgreifenden Perspektive.
Im Glauben überschreiten wir die Gebundenheit an diese Welt, ja wir
können auch die Ängste dieser Welt überwinden. Das Gebet im Namen Jesu,
das Gebet im wirklichen Vertrauen zum gütigen Gott, öffnet uns das Leben
in ganz neuer Weise. Und zu einem solchen Gebet will Jesus uns führen.
Nicht die Angst, die Not und alles Bedrückende sind das, was unser Leben
ausmacht, sondern der Glaube weist uns dahin, dass wir im Gebet diese
Welt überwinden können, aus einer ganz anderen Kraft schöpfen können und
sich so im Leben auch Veränderung einstellt. Nicht immer so wie wir es
uns vorstellen, aber doch so, dass wir vertrauensvoll unseren Weg gehen
können.
Dazu gebe uns Gott in der Zwiesprache mit ihm seinen Geist und seine
Kraft.
Amen.
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 317,1-5
Eingangsliturgie
Gebet
Lesung
Lied: 289,1-3,5
Lesung
Glaubensbekenntnis
Lied: 133, 1,2,5,13
Predigt
Lied: 361, 1-3+8
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gütiger Gott, wir treten vor dich, weil wir darauf vertrauen, dass du es
gut mit uns meinst. Wir bitten dich, erhöre unsere Bitten und führe uns
zum Vertrauen zu dir. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, die zu dir in ihrer Not rufen und
Hilfe erhoffen. Lass sie nicht allein in all ihrer Not, gib du ihnen,
was sie nötig haben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für Menschen, die in Sorge um ihre Angehörigen sind: sei
es durch Unfälle, durch Gewalt und Krieg, durch die Erdebeben in
Algerien oder wegen Auseinandersetzungen in der Familie. Nimm ihnen ihre
Sorgen ab, schenke ihnen deine Kraft zum Leben. Darum rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für den Kirchentag in der kommenden Woche. Mögen die
Menschen dort wirkliche Gemeinschaft durch deinen Geist erfahren, möge
kirchliche Gemeinschaft inmitten der Trennung sichtbar werden. Mögen all
dort vor Schaden und Gefahr bewahr werden. Darum rufen wir zu dir: Herr,
erbarme dich.
In der Stille bringen wir unsere persönlichen Anliegen vor Gott:
Für alle benannte und alles unbenannte rufen wir: Herr, erbarme dich.
Alles, was uns wichtig ist, legen wir in deine Hände Gott. Handle mit
uns nach deinem Willen. Amen
Vaterunser EG 188
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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