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2. Tim 1, 7-10

Was sind Christen für Menschen? Diese Frage wird immer wieder einmal gestellt. Was ist ein Christ für ein Mensch? Was macht einen Christen aus?
Ich vermute einmal, dass wir so ganz grundsätzlich erst einmal antworten würden: Christen sind Menschen, die die zehn Gebote halten. Und die Nächstenliebe, die gehört ja auch noch dazu. Ja und irgendwie an Gott glauben, das tun diese Menschen auch. Und dann wird es schon etwas schwieriger, zu beschreiben, was Christen eigentlich für Menschen sind. Richtig ist das sicherlich, was gesagt wird. Obgleich ich einmal behaupten möchte, dass das Halten der 10 Gebote und die Ausübung der Nächstenliebe nicht immer das vornehmliche Kennzeichen der Christen ist, da auch Christen hier oftmals ihre menschliche Seite zeigen.
Wenn wir die Zeugnisse der ersten Christen lesen, dann ist die Beschreibung der Christen oftmals eine ganz andere. Da geht es nicht um die 10 Gebote, nicht vornehmlich um die Nächstenliebe, beides wird als Gottes Wille eher als völlig selbstverständlich angesehen. Nein, Christen zeichnen sich durch anderes aus. Wir haben vorhin einen sehr lebensnahen Text aus einem Brief gehört. Der beginnt in der Übersetzung Martin Luthers mit dem Satz: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und darin sehe ich eine ganz wichtige Beschreibung für uns Christen. In diesen Worten wird so etwas wie die grundlegende Beschreibung christlichen Daseins gegeben.
Am Anfang also heißt es: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Der Schreiber des Briefes erinnert seinen Freund Timotheus, dem er diesen Brief schreibt, an seine Taufe und auch an seine Beauftragung zum Dienst als Prediger. In beidem wird durch das Auflegen der Hände symbolisch deutlich gemacht: Gottes Geist liegt nun auf dir. Timotheus war ein Mensch, der während seiner Arbeit sehr verzweifelt geworden war. Niedergedrückt und inzwischen auch voller Angst, weil die Menschen ihm nicht zuhörten, weil er immer häufiger angegriffen wurde, wegen seines Glaubens, weil er auch darum fürchten musste, wie der Apostel Paulus ins Gefängnis zu kommen. Das prägte sein derzeitiges Leben.
Und oft genug geht es uns ja ganz ähnlich, dass die Bedrückungen des Alltages uns schwer auf der Seele liegen, dass wir nicht mehr so recht weiter wissen, dass die Angst und die Sorge um uns selber aber auch um andere fast aufzufressen droht. Und vielleicht geht es uns in diesen Zeiten auch so, dass wir Angst und Furcht haben, wie es politisch mit unserem Land weitergehen wird. Zukunftsängste treiben viele Menschen um, vor allem diejenigen, die um Arbeit bangen müssen oder die Angst vor dem Harz IV Gesetz haben.
Und nun wird uns gesagt: Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Was sind also Christen für Menschen? Menschen ohne Angst und Furcht? Hoffentlich nicht. Angst gehört zum Leben, sie hat eine ganz wichtige, oft schützende Funktion. Wer keine Angst hat, der wird auch Gefahren des Lebens nicht richtig einschätzen können.
Christen sind Menschen, die sich in aller Angst und Furcht, nicht davon gefangen nehmen lassen, sondern die in diesen Lebenssituationen, wie immer sie auch aussehen mögen, dem liebenden Gott immer ein Stückchen mehr zutrauen. Denn Gottes Geist ist nicht der Geist der Furcht, der unser Handeln bestimmen soll, sondern ein Geist der hoffnungsvoll ist auch in der hoffnungslosesten Situation.
Es ist der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Der Geist der Kraft, im griechischen steht das Wort: dynamis, das hat mit Dynamik etwas zu tun. Dynamik im Leben, das heißt, vorangehen, nach vorne sehen, sich nicht bremsen lassen. Dynamik heißt Bewegung und nicht Stillstand. Angst und Furcht lässt uns oft stehen bleiben, lähmt unsere Gedanken, unser Tun. Und nun wird gesagt, du hast von Gott einen Geist empfangen, der dich in Bewegung setzen will, der genügend Kraft bietet, den Weg weiter fortzusetzen, vielleicht andere Wege zu gehen als vorher, aber sie zu gehen und nicht stehen zu bleiben. Erinnere dich an deine Taufe, wenn du meinst das Leben bleibt stehen, wenn die Angst im Leben dich starr macht, wenn die Dynamik fehlt, den Weg fortzusetzen. Erinnere dich daran, dass Gottes Kraft dich begleitet und dir Mut machen will nach vorne zu sehen und zu gehen. Das ist etwas, was Christen auszeichnen sollte. Schwarzmaler gibt es genug in dieser Welt, wir selber verfallen vielleicht manchmal in solche Schwarzmalerei, wenn es mal nicht so läuft im Leben, oder wenn wir an die Grenzen des Lebens stoßen. Doch gerade dann sollten wir uns an diese Kraft Gottes zu erinnern, die uns doch verliehen ist, die uns im Wasser der Taufe ergriffen hat, das ist wichtig, denn darauf können wir uns fest verlassen. Und das ist etwas, was wir durch unser Vorbild, durch unser ganz konkretes Tun anderen Menschen weitergeben können und wozu wir sie ermutigen können. Bau auf die Kraft, die von Gott her kommt und nicht auf die eigenen, oft angstvollen und kraftlosen Gedanken, die von Menschen kommen.
Das zweite, was uns gesagt wird, ist, dass uns der Geist der Liebe gegeben ist. Furcht hängt ganz oft auch damit zusammen, dass wir keine Annahme im Leben spüren, dass uns Liebe und Zuspruch fehlt. Taufe sagt: dein ganzes Leben steht unter dem Zuspruch der Liebe Gottes. Du bist ein angenommener Mensch, Gottes Liebe gilt dir. Jesus Christus ist der Garant dafür. Nun klingt das sehr theoretisch, schön in der Kirche, aber wie sieht das im Alltag aus. Ehrlich gesagt: genauso, nur dass wir uns das oft genug nicht zugestehen können. Wir suchen nach Annahme und Anerkennung von Menschen, und wenn sie ausbleibt, sehen wir uns sehr allein in dieser Welt. Und ehrlich gesagt, das geht auch mir als Pfarrer nicht anders, solche Gedanken kommen immer mal wieder. Gut dass dann einer sagt: nicht der Geist der Furcht ist uns gegeben, sondern der Liebe. Die steht für uns im Raum, die gilt uns, auch wenn wir sie nicht festmachen können an äußeren Dingen, sondern wir sie nur glauben können. Aber gerade in diesem Glauben ist die Liebe lebendig und vermag uns auch aus der Furcht herauszuholen. Der Glaube vermag insofern nämlich Berge zu versetzen, als dass die Berge von Furcht durch den Glauben, durch die von Gott kommende Zuwendung zu uns, überwunden werden können. Wir gehen die schwierigen Wege des Lebens nicht allein, da ist einer, der mitgeht, bis in den Tod. Und das ist das größte Zeichen der Liebe Gottes, dass er mit geht bis in den Tod. Deshalb ist ja das Kreuzeszeichen bei der Taufe oder beim Segen am Schluss des Gottesdienstes so bedeutsam. Gottes Nähe bricht nicht ab, seine Liebe geht weiter und das gibt uns Hoffnung, das gibt uns Kraft für die Wege durch die problematischen Seiten des Lebens.
Als dritte Gabe ist uns der Geist der Besonnenheit gegeben. Man kann auch sagen der Geist der Nüchternheit. Hier geht es natürlich nicht um Alkohol, sondern um das klare, eben ungetrübte, nüchtern Denken. Christen sind keine Phantasten, keine Träumer, keiner Menschen, die mit irgendwelchen Hirngespinsten das Leben versuchen anders zu sehen als es ist. Nein, Christen haben den Geist der Nüchternheit und der Besonnenheit empfangen.
Ich finde es toll, wie die Bibel hier über Christen spricht. Oft genug nämlich werden wir Christen ja als weltferne Menschen angesehen, die in ihrem Glauben etwas vor Augen haben, das mit dieser Welt nicht zusammenpasst. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Gott ist in dieser Welt Mensch geworden, es wollte inmitten dieser, unserer Welt sein Reich aufrichten, seine Güte sichtbar werden lassen. Und deshalb sollten Christen auch ganz nüchterne, ganz auf die Probleme dieser Welt ausgerichtete Menschen sein. Das bedeutet, dass wir Christen nicht allein mit der Bibel die Probleme der Welt lösen können, es gehört viel Sachverstand dazu. Die Bibel gibt die Richtung, unser menschliches Denken geht den Weg dazu. Besonnenheit bedeutet auch, sich nicht von allem und jedem aus der Bahn werfen zu lassen. Im ersten Moment mag uns eine Nachricht umwerfen, wir brauchen ein wenig Zeit, damit klarzukommen. Wir haben nicht den Geist der Furcht bekommen, der uns in dieser Furcht dann verharren läßt, sondern eben den Geist der Besonnenheit, der sich auch das Recht nehmen darf, Abstand zu nehmen, und viel mehr in den Blick zu nehmen. Denken wir z.B. an einen Unfall, der das Leben verändert. Ich kann mich nun in die Angst vergraben, was aus dem Leben nun wird und was ich alles nicht mehr kann. Ich kann aber auch versuchen, zu sehen, was sonst noch alles möglich ist, welche Hilfe ich erhalte, welche Lebensperspektiven ich auch nach dem Unfall behalte, auch wenn das Leben eingeschränkt sein mag. Da z.B. macht sich der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit bemerkbar, durch den sich die Sicht des Lebens dann auch positiv verändern kann.
Was also sind Christen nun für Menschen? Christen sind Menschen, die aus dem Glauben an Gott und Jesus Christus heraus leben, die sich von der Kraft Gottes, von der Liebe Jesu Christi und vom Heiligen Geist der Besonnenheit ihr Leben bestimmen lassen, und daraus folgt dann sicher auch ein Leben nach den Geboten und im Geist der Nächstenliebe. Diese Kraft Gottes, diese Liebe Jesu Christi, diesen Geist der Besonnenheit im Leben wirksam sein lassen, das macht uns Christen aus und darin können wir Vorbild sein für andere Menschen, für unsere Kinder, die wir zur Taufe bringen, und für viele andere Menschen, die sich nach Orientierung sehen und uns Christen brauchen, um ihren Weg zu finden. Möge Gott uns helfen, dass wir aus seinem Geist, dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit leben können. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 162, 1-4
Psalm 68 i.A.
Eingangsliturgie
Gebet des Tages:
Es ist Sonntag Gott, der Alltag ist an die Seite gerückt, wir wollen feiern, wir wollen Ruhe finden, wir suchen nach Heil in unserem Leben.
Darum bitten wir dich, lass uns in diesem Gottesdienst finden, was wir brauchen, ein jeder und eine jede von uns auf seine Weise. Gib Freude, Kraft, Geduld und Hoffnung, Stärke und Liebe für das, was uns außerhalb dieser Kirche beschäftigt.
Das bitten wir...
Lesung: Joh 11, 1.3.17.27
Lied: 373, 1, 4-6
Lesung: 2. Tim 1, 7-10
Glaubensbekenntnis
Lied: 378, 1-5
Predigt
Lied: 136,1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet:
Gütiger Gott!
Die Gedanken des Alltages werden uns gleich wieder ergreifen, gütiger Gott. Freudiges haben wir vor, Bedrückendes begleitet uns, schmerzhaftes gilt es zu ertragen. Laß uns furchtlos sein, gib uns die Kraft, die Liebe und Besonnenheit, die wir nötig haben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir sind bei dir und feiern unseren Glauben. Hilf uns und deiner ganzen Kirchen diesen Glauben immer wieder lebendig im Alltag zu bezeugen. Laß die gute Botschaft der Liebe unter uns wirksam sein. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir beten für alle Menschen, die ihre Kraft einsetzen für die Menschen. Lass Sie alle erkennen, dass ihr Amt ein Dienst ist, der von dir und deinem Geist begleitet ist. Lass sie daraus Kraft schöpfen für ihr Tun und lass sie nicht verzweifeln, wo etwas misslingt. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir beten für alle Menschen, die unter den Lasten des Lebens zu leiden haben. Wir denken an die Menschen in unseren Gemeinden, die von Sorgen gedrückt sind, aber auch an die Menschen in der Welt, die Hunger leiden, Angst haben, vor Krieg und Gewalt, vor Unterdrückung und Gefahren. Lass dort immer wieder Mut und Hoffnung aufkeimen auf eine Zukunft durch dich. Und nimm auch uns dazu in den Dienst, hoffnungsvoll zu wirken in dieser Welt.
Stille
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt

26. 9. 2004

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