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2. Kor. 6, 1-10

Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49, 8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; a1s die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Gnade sei mit uns ...
Biblische Texte zu lesen ist insofern immer wieder interessant, als dass wir an vielen Stellen eben auch vom Leben derjenigen hören, die als Erste versucht haben, im christlichen Glauben zu leben. Paulus gehörte dazu. Und da wir von ihm einige Briefe haben, in denen er von sich erzählt, haben wir ein relativ deutliches Bild seiner Person. So können wir aus seinem Leben einiges erfahren, was für unser christliches Leben bedeutsam ist. Obgleich es auf der anderen Seite auch schwierig ist, seine Lebensweisen auf uns und unser Leben zu übertragen. Denn es liegen ja doch 2000 Jahr dazwischen, die Lebensanschauungen haben sich gewandelt und auch das Denken der Christen heute und der Christen damals ist unterschiedlich. Doch wenn man dies im Hinterkopf hat und es einbezieht in das eigene Nachdenken, so ist es spannend sich mit den Gedanken der ersten Christen auseinanderzusetzen.
Nehmen wir also Paulus mit seinen Gedanken aus dem 2. Korintherbrief, die wir vorhin gehört haben.
Paulus ist nicht aufgewachsen in einer christlichen Gemeinde wie wir, er ist nicht als Baby getauft, ging nicht zum Konfirmandenunterricht. Christliche Kirche gehörte für ihn nicht zum Leben dazu, so dass er diesen Glauben durch die Erziehung mitbekommen hätte. Religiöses Denken schon, er war ja ein frommer Jude gewesen, der sehr in diesem Glauben zu Hause gewesen ist. Aber Christ wurde er erst später. Das Christentum und das Leben in diesem Glauben war für etwas absolut neues, das auch sein bisheriges Leben völlig veränderte. Seine Gedanken und Lebensweisen waren geprägt von diesem ganz neuen Glauben, der in ihm wach geworden war.
Unser Leben sieht da anders aus. Wir leben inzwischen mit einer 2000jährigen Geschichte des Christentums. Wir leben damit, dass wir es uns nicht vorstellen können, wie man wirklich ohne diesen Glauben leben kann. Sicher gibt es viele Menschen bei uns, die von sich sagen, ich glaube nicht daran. Aber unser Leben ist einfach von der Geschichte her so geprägt vom Christentum, dass wir es oft gar nicht mehr merken, wo überall das Christentum im heutigen gesellschaftlichen Leben Platz hat.
Für Paulus dauerte sein christliches Leben ca. 28 Jahre, er war etwa 32 als er mit dem Christentum Berührung bekam. Sein Leben als Christ war für ihn ein ganz bewußter Weg, der zudem sehr geprägt war von einer Vorstellung, die die Christen bis heute nicht aufgegeben haben, deren Bedeutung aber doch nachgelassen hat. Ich meine damit, dass die ersten Christen und somit auch Paulus fest davon überzeugt waren, dass Jesus Christus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommt, dass sie ihn wiedersehen und mit ihn in die Herrlichkeit eingehen. Wie gesagt, dieser Gedanke ist im Glauben noch vorhanden - wir sagen ja im Glaubensbekenntnis: er wird wiederkommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Aber die zeitliche Nähe und damit die Beeinflussung des aktuellen Lebensgeschehens ist doch verloren gegangen.
Für die ersten Christen hatte dieser Gedanke große Konsequenzen: Wenn ich nämlich mit dem Kommen Christi täglich rechnen muß, dann kann und muß ich mein Leben darauf einrichten. Ich brauche mich um Zukunftsdinge nicht zu kümmern, da macht Christus für mich. Ich muß nur hier und heute untadelig leben.
Wir denken heute so nicht mehr. Darum ist unser geistliches Leben auch verändert und ich denke auch schwieriger geworden. 60, 70 oder gar 80 Jahre lang im christlichen Glauben zu leben, den Glauben weiterzutragen in all dem, was uns Menschen begegnet, das ist schwer. Vor allem wenn ich an Sie heute denke (wir haben heute Geburtstagstreffen der über 60jährigen), die Sie die Geschichte des letzten Jahrhunderts bewußt miterlebt haben. Da gab es so manches, was sie haben ertragen müssen, erleiden und erdulden müssen.
Paulus konnte sagen: im Dienst für Gott ertrage ich geduldig Sorgen, Nöte und Schwierigkeiten, lasse mich schlagen und einsperren, setze mich Tag und Nacht ein, leide auch gern Hunger. Ich tue das, denn ich lebe ganz von der Hoffnung, dass ich Christus noch in diesem Leben sehe und in seiner Herrlichkeit aufgenommen werde. Und diese Hoffnung gibt ja auch die Kraft, zu einem untadeligem Leben, von dem Paulus an die Korinther schreibt.
In der so geschilderten Weise fällt es mir schwer, dies für uns heute zu übertragen. Wir können solches Leben und solche Gedanken nicht einfach blind auf uns heute übertragen, wo doch unsere Gedanken eben nicht mehr davon getragen sind, morgen dem Auferstandenen gegenüberzutreten. Unser Leben ist zu vielfältig, als dass es eindeutig zu leben ist, als dass wir Christen immer ganz und gar den Idealen des Glaubens lebendig Ausdruck verleihen können. Dennoch brauchen wir diese biblischen Gedanken, um eine Leitlinie oder einen Halt zu haben, um Lebenssituationen im Glauben verstehen und durchstehen zu können. Aber das heißt nicht, dass wir uns den dahinter stehenden Idealen unterwerfen müßten, die Paulus oder andere biblische Schriftsteller in ihren Texten entwerfen.
Zwei Gedanken des Paulus möchte ich dazu aufgreifen, um das deutlich zu machen. Einmal sagt Paulus: Keiner soll an meinem Verhalten Anstoß nehmen. Das ist ein wunderbares Vorhaben, das Paulus da hat, und ich möchte mich dem auch anschließen. Glaube soll in meinem Leben sichtbar werden, soll lebendig sein. Und doch weiß ich, dass es mir und uns allen nicht immer gelingt, so zu leben. Wir tun Dinge, die falsch sind, die Menschen nicht dienlich sind, die Menschen auch treffen, sie schmerzlich berühren, und die auch nicht mit dem Leben im Glauben in Verbindung zu bringen sind. Manchmal muß man so handeln, auch um des Glaubens willen, manchesmal kann man aber auch nicht aus seiner menschlichen Haut. Christen als Vorbild, das ist gut und wichtig, aber bitte als menschliches Vorbild, als fehlerhaftes Vorbild, als Bild vom Menschen, der nicht ideal, sondern eben menschlich ist. Paulus stellt, wenn man den Text sehr eng versteht, die Wahrheit der christlichen Botschaft mit seinem Verhalten gleich. Und das tun heute auch viele Menschen, die Christen kritisieren und sich deshalb vom Christentum abwenden. Ich kann diese Gleichstellung nicht so annehmen. Ich sehe das so: wir können wohl durch Menschen hindurch Gott schauen, können durch ihr Leben Gottes Wirken verstehen, aber wichtig ist auch, dass wir durch die Fehler der Menschen hindurch an Gott festhalten, der eben nicht identisch ist mit seinen Dienern, sondern ihnen immer gegenüber ist. Nicht die Wahrhaftigkeit der Christen macht die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens aus, sondern die Wahrheit des Glaubens erweist sich durch Gottes Handeln selber, mit den Menschen, in den Menschen und neben den Menschen.
Der zweite Satz, den ich kurz bedenken möchte ist der, dass Paulus sagt: ich ertrage geduldig Sorge, Nöte und Schwierigkeiten. Er kann dies für sich so sagen, vor allem Angesichts der Hoffnung auf das nahe Kommen Christi. Aber für mich und andere möchte ich sagen: ich möchte nicht alles nur geduldig hinnehmen: es gibt Sorgen, Nöte und Schwierigkeiten, da dürfen wir nicht wie geduldige Schafe den Mund halten, da müssen wir ungeduldig sein, da gilt es die Sorgen herauszuschreien, die Nöte anzuklagen und die Schwierigkeiten ganz aktiv anzugehen.
Sie kennen vielleicht das alte Gebet, das da heißt: Herr, schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
So kann ich dann auch die paulinischen Gedanken von der Geduld annehmen. Nicht als falsch verstandene Demut und Rücksichtnahme, sondern als bewußten Umgang mit den Lebenssituationen, in die ich hineingestellt bin. Wo ich Sorge, Not und Schwierigkeit als etwas empfinde, das aus menschlicher Kraft nicht zu überwinden ist, dann will ich gerne Demut über, in aktiver Demut auch des Klage- und des Bittgebetes. Und wo ich es als etwas empfinde, das wir Menschen zu verantworten haben, da soll mein Aktivität sich zeigen und gerade darin Gott gegenüber demütig sein, dass ich von ihm Mut erbitte, die notwendigen Schritte zu tun, sie zu gehen und durchzuhalten. Auch um des Glaubens willen.
Und wenn wir dies tun als Mitarbeiter Gottes, dann bekommt christliches Leben für mich ein anderes Gesicht: nämlich nicht das Gesicht eines untadeligen Lebens, moralisch einwandfrei entsprechend den Vorstellungen einer christlichen Gesellschaft. Sondern christliches Leben spiegelt sich gerade darin, dass die Spannungen des Lebens ausgehalten und getragen werden. Jedoch nicht im vordergründigen Sinne, nach dem Motto: man macht mir Kummer, aber ich bin fröhlich, so als ob wir keine Trauer tragen dürften. Nein, wir Christen dürfen Kummer spüren, dürfen Trauer tragen, wir sollen Beklagenswertes beklagen und nicht durch vordergründigen Frohsinn überspielen. Christlicher Glaube zeigt sich darin, dass wir dies als Teil unseres Lebens begreifen, das in allem von Gott umgriffen ist. Wir müssen nicht im Kummer versinken, die Trauer braucht uns nicht endgültig zu lähmen, die Beklagenswerte Situation ist nicht das Einzige im Leben, wir haben einen Gott, der alle Lebenssituationen geleitet, dem wir also unser ganzes Leben anvertrauen können.
Wenn also Paulus davon spricht, dass wir uns in allem als Diener Gottes erweisen sollen, dann verstehe ich seine Worte nun so: er will kein ideales Christentum beschreiben, sondern er will in seinen Worten eigentlich Gott preisen, als den, der es ermöglicht, die Spannungen des Lebens auszuhalten, sie im Glauben durchzuhalten. Der Glaube ermöglicht es, in einem langen christlichen Leben auch die schwierigen Seiten des eigenen Daseins anzunehmen, sich immer wieder neu zu orientieren. Er hilft, auch Schuld einzugestehen, mit ihr zu leben, aus der Vergebung Gottes zu schöpfen. Sich nicht davon und von den Bedrückungen des Lebens unterkriegen zu lassen, in guten Zeiten nicht überheblich zu werden, sich in all dem an Gott zu orientieren, sich von ihm tragen zu lassen, das ist christliches Leben. Und darin gilt es Vorbild zu sein, untadelig, wie Paulus sagt. In einem solchen Leben, im Aus- und Durchhalten der verschiedensten Lebenssituationen, verkünden wir den Glauben an Gott. Als solche, wie Paulus sagt, die nichts besitzen, die Gott nicht in der Hand haben, und die doch alles haben, was man zu einem solchen Leben mit Höhen und Tiefen braucht: das Vertrauen zum lebendigen Gott. In diesem Sinne wollen wir Diener Gottes sein. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
  Invokavit
26.3.2000
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