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Ich möchte Sie heute einmal ein wenig in die Predigtarbeit einbeziehen.
Das mag ungewöhnlich sein, aber da wir im Gemeinderaum unsere Gottesdienste
feiern, können wir sicherlich auch einmal etwas anders Gottesdienst
halten.
Ich habe hier zwei Plakate hängen: auf dem einen steht das Stichwort:
Stärke und auf dem anderen das Stichwort: Schwäche. Ich
möchte Sie nun bitten, ohne groß zu überlegen, einmal kurz
zu sagen, was Ihnen bei diesen Stichworten einfällt. Was verbinden
Sie mit den Worten: Stärke, was fällt ihnen ein zu dem Begriff
Schwäche.
zum Beispiel:
| Stärke |
Schwäche |
| Kraft |
Krankheit |
| Gesundheit |
Ohnmacht |
| Macht |
Verlierer |
| Wissen |
schlechte Zensuren |
| Können |
Armut |
| Anerkennung |
Not |
| Ansehen |
Leiden |
| Einfluß |
Machtlosigkeit |
| Ruhe |
Übersehen werden |
| Ausgeglichenheit |
Haltlos sein |
| etwas weitergeben können |
gefangen sein |
| Glück, glücklich sein |
Sterben |
| Besitz |
Trauer |
| Ehrlichkeit |
Lüge |
Wir haben ja doch eine ganze Menge an Begriffen gefunden, die diese
beiden Bereiche, Stärke und Schwäche beschreiben. Und es geht
in all diesen Bereichen darum, dass wir Menschen uns selber oder andere
als stark und als schwach ansehen. Wobei es dann ja so ist, dass Stärke
als etwas Gutes, als etwas Positives und Wichtiges angesehen wird. Schwäche
hingegen ist etwas Negatives, etwas Schlechte, etwas, das zu beseitigen
ist. Menschliche Eigenschaften, menschliche Lebensumstände werden
beurteilt und bewertet. Und das Starke ist immer besser als das Schwache.
So war das auch damals in der Stadt Korinth unter den Christen. Schon
damals gab es Machtfragen in der christlichen Gemeinde. Die Bedeutung des Paulus, seiner Worte und seiner Botschaft wurde in Frage gestellt. Paulus
hatte die Gemeinde ja einmal gegründet und nachdem die Gemeinde einigermaßen
lief, ging Paulus ja weiter, um seinen Missionsauftrag in anderen Orten
zu erfüllen. Nach ihm traten dann andere Menschen auf, die Macht beanspruchten,
die auch andere Gedanken hatten als Paulus, die ihren Einfluß nehmen
wollten. So gab es dann natürlich einen Konflikt zwischen den Anhängern
des Paulus und den Anhängern der anderen führenden Persönlichkeiten.
Paulus wurde in diesen Auseinandersetzungen sehr heftig attackiert: man
warf ihn vor, er sei ein unzuverlässiger Mensch und er rede
doppelzüngig, auch sei er sehr engherzig, auch hinterlistig und tückisch.
Er könne überhaupt nicht gut reden. Wenn er von ferne Briefe
schreibe, dann könne er dreist und stark sein, aber wenn er dann da
ist, dann ist er schwach in seinen Möglichkeiten. Er hat etwas herrschsüchtiges
und das obwohl er nichts zu bieten hat. Er ist ein Fremder, der in die
Stadt kam, von dem man überhaupt nichts genaues weiß. Ja ihm
wurde vorgeworfen, er sei ein Verführer, ein armer Habenichts. Und
auch seine körperliche Verfassung strahlt nichts aus: krank war er
oft, dem Sterben immer sehr nahe.
Und einem solchen Menschen solle man glauben, seinen Gedanken solle
man sich anvertrauen? Das kann doch nicht sein. Wenn es denn in der Botschaft
um die Kraft Gottes geht, dann müsse man doch auch starke, kraftvoll
strahlende Verkündiger haben, aber doch nicht eine solch schwache
Figur, wie den Paulus. Und außerdem hat Paulus keine spezifischen
Gotteserfahrungen zu bieten, keine irgendwie außergewöhnliche
Ereignisse mit Gott zu berichten. Paulus als ist unglaubwürdig.
Paulus kennt diese Anwürfe, er sieht, wie sehr die Menschen in
Korinth in den Kategorien von Stark und Schwach denken und dadurch nur
dem Glauben schenken wollen, der Stark ist und etwas Außergewöhnliches
vorzuweisen hat. Die anderen Rühmen sich ihrer Stärken und was
tut Paulus?
Die Worte, die wir vorhin gehört haben, sind seine Antwort auf
diese Vorwürfe. Paulus will sich nicht auf das Terrain des Rühmens
begeben, wie es seine Gegner tun.
Doch Paulus rühmt sich hier nun nicht seiner glorreichen Taten,
sondern er rühmt sich ganz anderer Dinge: er rühmt sich, dass
er oft gefangen gewesen ist um seines Glaubens willen, er ist ausgepeitscht
worden, sollte gesteinigt werden, hat viel Not auf sich genommen, kam viel
in Gefahr unter Römern, Juden und Griechen, unter falschen Brüdern.
Hunger, Durst, Frost, alltäglicher Mangel und vieles andere mehr hat
er erlitten, und all dessen rühmt er sich. Das stellt er seinen Gegnern
vor Augen. Er hat wohl auch ekstatische Erfahrungen - er benennt
sie kurz, obwohl er davon gar nichts hält – aber diese machen sein
Leben, seine Missionsarbeit nicht aus. Nein er rühmt sich seiner Schwäche.
Ungewöhnlich für damalige Ohren, ungewöhnlich für
unsere heutigen Ohren. Schwäche als etwas, das herausgestellt wird.
Wir kennen das höchstens davon, dass jemand mit seiner Schwäche
kokettiert, also seine Schwäche als Stärke ausgibt oder darüber
Mitleid und Zuwendung erwartet. Doch so ist das bei Paulus nicht gemeint.
Paulus wußte sich inmitten der Schwäche getragen von der
Zuwendung Jesu Christi. Denn der wichtigste Satz unseres Predigtabschnittes
lautet: Jesus Christus spricht: Laß dir an meiner Gnade genügen.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Ich habe ihnen dazu einen kleine Karte mitgebracht, die diese Worte
in einem Wortbild deutlich machen sollen.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das heißt doch,
es kommt bei Gott nicht auf die eigene Kraft an, auf das was wir vorweisen
können, sondern darauf, dass wir in allem, was wir erleben und erfahren,
Gottes Gegenwart wahrnehmen und erhoffen. Und das gilt sowohl für
die Seite der Stärke als auch für die Seite der Schwäche.
Vielleicht können wir das an dem deutlich werden lassen, was wir
am Anfang gemeinsam erarbeitet haben. Dazu möchte ich die Überschriften
unserer Auflistung einfach vertauschen. Das, was wir vorhin unter dem Stichwort
Stärke hatten, soll nun unter dem Stichwort Schwäche beleuchtet
werden, das was wir eben unter dem Stichwort Schwäche beleuchtet haben,
soll nun unter dem Stichwort Stärke gesehen werden.
| Schwäche |
Stärke |
| Kraft |
Krankheit |
| Gesundheit |
Ohnmacht |
| Macht |
Verlierer |
| Wissen |
schlechte Zensuren |
| Können |
Armut |
| Anerkennung |
Not |
| Ansehen |
Leiden |
| Einfluß |
Machtlosigkeit |
| Ruhe |
Übersehen werden |
| Ausgeglichenheit |
Haltlos sein |
| etwas weitergeben können |
gefangen sein |
| Glück, glücklich sein |
Sterben |
| Besitz |
Trauer |
| Ehrlichkeit |
Lüge |
Aus der geistlichen Sicht des Paulus wird nämlich die Sicht des
Lebens umgekehrt. Er sagt: es kommt im menschlichen Leben nicht auf die
Dinge an, die nach landläufiger Meinung als Stark oder Schwach angesehen
werden, sondern es geht im Leben darum, die Gnade Gottes wirksam sein zu
lassen. Und das nicht nur in den religiösen Erlebnissen unseres Lebens,
sondern im schlichten Alltag des Lebens, in dem, was uns tagtäglich
berührt. Eben so wie es in unserer Liste aufgeführt worden ist.
Laß dir an meiner Gnade genügen! Das ist auf der einen Seite
der Hinweis darauf, dass wir sehr schnell darin geraten, uns auf unser
eigenes Vermögen zu verlassen, auf unser Können.
Kraft, Gesundheit, Macht, Wissen, Können, Anerkennung, Ansehen,
Einfluß, Ruhe, Ausgeglichenheit, etwas weitergeben können, Glück,
glücklich sein, Besitz, Ehrlichkeit. Ganz wichtige Bereiche in unserem
Leben sind das. Sie helfen uns, sie helfen anderen. Aber wie sieht dies
alles unter dem Blickwinkel des Satzes: Laß dir an meiner Gnade genügen!
aus?
Zum einen treibt dieser Satz zur Dankbarkeit. Das, was ich habe, ist
ein Geschenk, das – so sehr es auch auf eigenem Vermögen beruhen mag
– immer auch etwas ist, das ich nicht mir selber, sondern letztlich Gott
zu verdanken habe und deshalb auch vor ihm zu verantworten habe.
Zum anderen treibt dieser Satz dazu, vorsichtig zu sein, mein Leben daran
zu hängen. Sein Leben an diese vermeintlichen Stärken zu hängen,
führt dazu, dass das Leben auch sehr schnell haltlos und grundlos
wird. Denn die Stärke des Lebens liegt nicht in diesen Bereichen,
sondern eben in der Gnade Gottes.
Und das sieht Paulus als die Stärke des Glaubens an. Meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig, so hat er Jesus zu sich sprechen hören.
In der Schwachheit unseres Lebens wird sichtbar, dass nicht wir Menschen
das Leben in der Hand haben, sondern dass Gott es in der Hand hat.
Sich selber in der Krankheit am Ende sehen, sich ausgeliefert begreifen,
darin ganz auf Gott gewiesen zu sein, ist eine Möglichkeit Gottes
Kraft zu erkennen. Mitten in der Ohnmacht nicht mehr sich selber sehen,
sondern Vertrauen lernen, ist eine Möglichkeit Gottes Kraft und Macht
zu verstehen. Im Vertrauen auf Gott, seine eigene Schwäche anerkennen
und die Zusage Gottes erkennen, dass er uns annimmt und darin Leben verleiht,
darin liegt die große Macht der Kraft Gottes. Diese Kraft entnimmt
uns nicht all der negativen Seiten des Lebens, die bleiben und sie
bleiben sicher auch bedrückend. Aber der Blick auf das Kreuz, auf
das wir in der kommenden Passionszeit zugehen, zeigt uns doch, dass wir
inmitten der Schwachheit von Gott umgeben sind.
Lass dir an meiner Gnade genügen!, sagt Jesus. Du empfängst,
was du wirklich brauchst. Du kannst z.B. auch auf dem Krankenbett mit meiner
Kraft deine ganze Kraft einsetzen, um mit der Krankheit zu leben und für
andere da zu sein. Wenn du nur auf deine Schwäche schaust, und dich
von ihr einnehmen lässt, dann bist du darin gefangen und deine
Möglichkeiten sind gering. Doch wo du davon absehen kannst, wo das
Vertrauen zu mir möglich ist, da wird Kraft zu spüren sein, die
über diese Schwachheit erhebt. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Schwäche ist nicht gleich Schwäche, Stärke aber auch
nicht gleich Stärke. Schwäche ist auch nicht automatisch Stärke,
so wie Stärke auch nicht automatisch Schwäche ist. Der Glaube
ist es, der Stärke zu wahrer Stärke macht, und der Schwäche
durch die Kraft Gottes durch die Kraft Jesu Christi zu überwinden
vermag. Daran wollen wir uns erinnern lassen, wenn wir die Worte Jesu hören
und lesen: Lass dir an meiner Gnade genügen! Meine Kraft ist
in den Schwachen mächtig. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe |
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Sexagesimae
27.2.2000 |
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