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2. Kor. 12, 1-10

Ich möchte Sie heute einmal ein wenig in die Predigtarbeit einbeziehen. Das mag ungewöhnlich sein, aber da wir im Gemeinderaum unsere Gottesdienste feiern, können wir sicherlich auch einmal etwas anders Gottesdienst halten.
Ich habe hier zwei Plakate hängen: auf dem einen steht das Stichwort: Stärke  und auf dem anderen das Stichwort: Schwäche. Ich möchte Sie nun bitten, ohne groß zu überlegen, einmal kurz zu sagen, was Ihnen bei diesen Stichworten einfällt. Was verbinden Sie mit den Worten: Stärke, was fällt ihnen ein zu dem Begriff Schwäche.
zum Beispiel:
 

Stärke Schwäche
Kraft Krankheit
Gesundheit Ohnmacht
Macht Verlierer
Wissen schlechte Zensuren
Können Armut
Anerkennung Not
Ansehen Leiden
Einfluß Machtlosigkeit
Ruhe  Übersehen werden
Ausgeglichenheit Haltlos sein
etwas weitergeben können gefangen sein
Glück, glücklich sein  Sterben
Besitz Trauer
Ehrlichkeit Lüge

Wir haben ja doch eine ganze Menge an Begriffen gefunden, die diese beiden Bereiche, Stärke und Schwäche beschreiben. Und es geht in all diesen Bereichen darum, dass wir Menschen uns selber oder andere als stark und als schwach ansehen. Wobei es dann ja so ist, dass Stärke als etwas Gutes, als etwas Positives und Wichtiges angesehen wird. Schwäche hingegen ist etwas Negatives, etwas Schlechte, etwas, das zu beseitigen ist. Menschliche Eigenschaften, menschliche Lebensumstände werden beurteilt und bewertet. Und das Starke ist immer besser als das Schwache.
So war das auch damals in der Stadt Korinth unter den Christen. Schon damals gab es Machtfragen in der christlichen Gemeinde. Die Bedeutung des Paulus, seiner Worte und seiner Botschaft wurde in Frage gestellt. Paulus hatte die Gemeinde ja einmal gegründet und nachdem die Gemeinde einigermaßen lief, ging Paulus ja weiter, um seinen Missionsauftrag in anderen Orten zu erfüllen. Nach ihm traten dann andere Menschen auf, die Macht beanspruchten, die auch andere Gedanken hatten als Paulus, die ihren Einfluß nehmen wollten. So gab es dann natürlich einen Konflikt zwischen den Anhängern des Paulus und den Anhängern der anderen führenden Persönlichkeiten. Paulus wurde in diesen Auseinandersetzungen sehr heftig attackiert: man warf ihn vor, er sei  ein unzuverlässiger Mensch und er rede doppelzüngig, auch sei er sehr engherzig, auch hinterlistig und tückisch. Er könne überhaupt nicht gut reden. Wenn er von ferne Briefe schreibe, dann könne er dreist und stark sein, aber wenn er dann da ist, dann ist er schwach in seinen Möglichkeiten. Er hat etwas herrschsüchtiges und das obwohl er nichts zu bieten hat. Er ist ein Fremder, der in die Stadt kam, von dem man überhaupt nichts genaues weiß. Ja ihm wurde vorgeworfen, er sei ein Verführer, ein armer Habenichts. Und auch seine körperliche Verfassung strahlt nichts aus: krank war er oft, dem Sterben immer sehr nahe.
Und einem solchen Menschen solle man glauben, seinen Gedanken solle man sich anvertrauen? Das kann doch nicht sein. Wenn es denn in der Botschaft um die Kraft Gottes geht, dann müsse man doch auch starke, kraftvoll strahlende Verkündiger haben, aber doch nicht eine solch schwache Figur, wie den Paulus. Und außerdem hat Paulus keine spezifischen Gotteserfahrungen zu bieten, keine irgendwie außergewöhnliche Ereignisse mit Gott zu berichten. Paulus als ist unglaubwürdig.
Paulus kennt diese Anwürfe, er sieht, wie sehr die Menschen in Korinth in den Kategorien von Stark und Schwach denken und dadurch nur dem Glauben schenken wollen, der Stark ist und etwas Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Die anderen Rühmen sich ihrer Stärken und was tut Paulus?
Die Worte, die wir vorhin gehört haben, sind seine Antwort auf diese Vorwürfe. Paulus will sich nicht auf das Terrain des Rühmens begeben, wie es seine Gegner tun.
Doch Paulus rühmt sich hier nun nicht seiner glorreichen Taten, sondern er rühmt sich ganz anderer Dinge: er rühmt sich, dass er oft gefangen gewesen ist um seines Glaubens willen, er ist ausgepeitscht worden, sollte gesteinigt werden, hat viel Not auf sich genommen, kam viel in Gefahr unter Römern, Juden und Griechen, unter falschen Brüdern. Hunger, Durst, Frost, alltäglicher Mangel und vieles andere mehr hat er erlitten, und all dessen rühmt er sich. Das stellt er seinen Gegnern vor  Augen. Er hat wohl auch ekstatische Erfahrungen - er benennt sie kurz, obwohl er davon gar nichts hält – aber diese machen sein Leben, seine Missionsarbeit nicht aus. Nein er rühmt sich seiner Schwäche.
Ungewöhnlich für damalige Ohren, ungewöhnlich für unsere heutigen Ohren. Schwäche als etwas, das herausgestellt wird. Wir kennen das höchstens davon, dass jemand mit seiner Schwäche kokettiert, also seine Schwäche als Stärke ausgibt oder darüber Mitleid und Zuwendung erwartet. Doch so ist das bei Paulus nicht gemeint.
Paulus wußte sich inmitten der Schwäche getragen von der Zuwendung Jesu Christi. Denn der wichtigste Satz unseres Predigtabschnittes lautet: Jesus Christus spricht: Laß dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Ich habe ihnen dazu einen kleine Karte mitgebracht, die diese Worte in einem Wortbild deutlich machen sollen.



Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das heißt doch, es kommt bei Gott nicht auf die eigene Kraft an, auf das was wir vorweisen können, sondern darauf, dass wir in allem, was wir erleben und erfahren, Gottes Gegenwart wahrnehmen und erhoffen. Und das gilt sowohl für die Seite der Stärke als auch für die Seite der Schwäche.
Vielleicht können wir das an dem deutlich werden lassen, was wir am Anfang gemeinsam erarbeitet haben. Dazu möchte ich die Überschriften unserer Auflistung einfach vertauschen. Das, was wir vorhin unter dem Stichwort Stärke hatten, soll nun unter dem Stichwort Schwäche beleuchtet werden, das was wir eben unter dem Stichwort Schwäche beleuchtet haben, soll nun unter dem Stichwort Stärke gesehen werden.

Schwäche Stärke
Kraft Krankheit
Gesundheit Ohnmacht
Macht Verlierer
Wissen schlechte Zensuren
Können Armut
Anerkennung Not
Ansehen Leiden
Einfluß Machtlosigkeit
Ruhe  Übersehen werden
Ausgeglichenheit Haltlos sein
etwas weitergeben können gefangen sein
Glück, glücklich sein  Sterben
Besitz Trauer
Ehrlichkeit Lüge

Aus der geistlichen Sicht des Paulus wird nämlich die Sicht des Lebens umgekehrt. Er sagt: es kommt im menschlichen Leben nicht auf die Dinge an, die nach landläufiger Meinung als Stark oder Schwach angesehen werden, sondern es geht im Leben darum, die Gnade Gottes wirksam sein zu lassen. Und das nicht nur in den religiösen Erlebnissen unseres Lebens, sondern im schlichten Alltag des Lebens, in dem, was uns tagtäglich berührt. Eben so wie es in unserer Liste aufgeführt worden ist.
Laß dir an meiner Gnade genügen! Das ist auf der einen Seite der Hinweis darauf, dass wir sehr schnell darin geraten, uns auf unser eigenes Vermögen zu verlassen, auf unser Können.
Kraft, Gesundheit, Macht, Wissen, Können, Anerkennung, Ansehen, Einfluß, Ruhe, Ausgeglichenheit, etwas weitergeben können, Glück, glücklich sein, Besitz, Ehrlichkeit. Ganz wichtige Bereiche in unserem Leben sind das. Sie helfen uns, sie helfen anderen. Aber wie sieht dies alles unter dem Blickwinkel des Satzes: Laß dir an meiner Gnade genügen! aus?
Zum einen treibt dieser Satz zur Dankbarkeit. Das, was ich habe, ist ein Geschenk, das – so sehr es auch auf eigenem Vermögen beruhen mag – immer auch etwas ist, das ich nicht mir selber, sondern letztlich Gott zu verdanken habe und deshalb auch vor ihm zu verantworten habe.  Zum anderen treibt dieser Satz dazu, vorsichtig zu sein, mein Leben daran zu hängen. Sein Leben an diese vermeintlichen Stärken zu hängen, führt dazu, dass das Leben auch sehr schnell haltlos und grundlos wird. Denn die Stärke des Lebens liegt nicht in diesen Bereichen, sondern eben in der Gnade Gottes.
Und das sieht Paulus als die Stärke des Glaubens an. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, so hat er Jesus zu sich sprechen hören. In der Schwachheit unseres Lebens wird sichtbar, dass nicht wir Menschen das Leben in der Hand haben, sondern dass Gott es in der Hand hat.
Sich selber in der Krankheit am Ende sehen, sich ausgeliefert begreifen, darin ganz auf Gott gewiesen zu sein, ist eine Möglichkeit Gottes Kraft zu erkennen. Mitten in der Ohnmacht nicht mehr sich selber sehen, sondern Vertrauen lernen, ist eine Möglichkeit Gottes Kraft und Macht zu verstehen. Im Vertrauen auf Gott, seine eigene Schwäche anerkennen und die Zusage Gottes erkennen, dass er uns annimmt und darin Leben verleiht, darin liegt die große Macht der Kraft Gottes. Diese Kraft entnimmt uns nicht all der negativen Seiten des Lebens,  die bleiben und sie bleiben sicher auch bedrückend. Aber der Blick auf das Kreuz, auf das wir in der kommenden Passionszeit zugehen, zeigt uns doch, dass wir inmitten der Schwachheit von Gott umgeben sind.
Lass dir an meiner Gnade genügen!, sagt Jesus. Du empfängst, was du wirklich brauchst. Du kannst z.B. auch auf dem Krankenbett mit meiner Kraft deine ganze Kraft einsetzen, um mit der Krankheit zu leben und für andere da zu sein. Wenn du nur auf deine Schwäche schaust, und dich von ihr einnehmen lässt, dann bist du darin gefangen und deine Möglichkeiten sind gering. Doch wo du davon absehen kannst, wo das Vertrauen zu mir möglich ist, da wird Kraft zu spüren sein, die über diese Schwachheit erhebt. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Schwäche ist nicht gleich Schwäche, Stärke aber auch nicht gleich Stärke. Schwäche ist auch nicht automatisch Stärke, so wie Stärke auch nicht automatisch Schwäche ist. Der Glaube ist es, der Stärke zu wahrer Stärke macht, und der Schwäche durch die Kraft Gottes durch die Kraft Jesu Christi zu überwinden vermag. Daran wollen wir uns erinnern lassen, wenn wir die Worte Jesu hören und lesen: Lass dir an meiner Gnade genügen! Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Amen.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
  Sexagesimae

27.2.2000

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