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Sie können sich sicherlich alle daran erinnern, wie sie
als Kinder bestimmte Dinge als Geheimnisse betrachtet haben. DA wurde
eine bestimmte Information nur ganz vertrauten Menschen weitergesagt.
Das ist ein Geheimnis, das darfst du nicht weitersagen. Der andere
musste verschwiegen sein, sonst hat man ihm dieses Geheimnis nicht
anvertraut. Oder auch Weihnachten. Es hatte etwas geheimnisvolles, wenn
am Heiligen Abend die Wohnzimmertür verschlossen und auch das
Schlüsselloch zugedeckt war, so dass man nichts sehen konnte. Was mag da
wohl passiert sein, was mag dahinter sein? Ich erlebe es bei meinen
Kindern, dass diese Geheimnistuerei um Nikolaus und Weihnachten etwas
ganz spannendes und schönes hat für die Kinder.
Irgendwann hört dieses Geheimnis dann auf, dann erkennt man, wie viel
menschliches sich dahinter verbirgt, dass dieses Geheimnis eigentlich
gar kein Geheimnis war, sondern nur etwas nicht ganz so richtig Gesagtes
und Dargestelltes. Und wenn die geheime Information erst einmal
ausgesprochen ist, dann ist das Geheimnis auch kein Geheimnis mehr. Ein
gelüftetes Geheimnis ist eigentlich eine Information.
Und doch gibt es Geheimnisse, die nicht übergehen in eine Information,
sondern die den Charakter des Geheimnisses behalten, auch wenn man noch
so oft damit umgeht.
Eines solcher Geheimnisse ist zum Beispiel die Liebe. Niemand weiß, wie
sie entsteht, aber jeder weiß, welches Gefühl sie ausmacht. Niemand
weiß, woher sie kommt und was sie ist, doch jeder weiß: jetzt liebe ich.
Und auch wenn wir Gründe dafür finden können, warum der Andere von mir
geliebt wird, was an ihm so liebenswert ist, das Geschehen Liebe bleibt
ein Geheimnis, denn dass die Beziehung zum Anderen mit Liebe erfüllt
ist, das kann ich nicht machen, das kann ich nicht erzwingen.
Auch im kirchlichen Bereich kennen wir solche Geheimnisse: es sind die
Sakramente. Taufe und Abendmahl sind Handlungen, die ein Geheimnis in
sich tragen. Ein Geheimnis von dem wir erzählen können, dem wir
versuchen können näher zu kommen, aber eines, das wir niemals lüften
können. Bei der Taufe können wir sehen, was geschieht: ein wenig Wasser
über den Kopf, Worte, die Zuspruch und Gemeinschaft beschreiben. Aber
damit haben wir das Geschehen der Taufe, die Verbindung zwischen Gott
und Mensch, zwischen Christus und uns noch lange nicht erfasst. Sie
bleibt inmitten dieses Geschehens ein wirkliches Geheimnis.
Und ganz ähnlich ist es ja auch mit dem Abendmahl. Da ist ein Stückchen
Brot, gleich ob als Oblate oder als gebackenes Brot und ein wenig Wein
oder Saft. Wir nehmen beides zu uns, so wie wir tagtäglich Nahrung zu
uns nehmen. Und doch ist es etwas grundlegend anderes. In diesem Mahl
liegt so viel mehr drin, das wir mit Worten andeuten können, wenn wir es
als Vergegenwärtigung von Christus ansehen, als Zuspruch der Vergebung,
als Zeichen der Gemeinschaft von uns Christen mit Christus beschreiben,
oder als Zeichen der Gemeinschaft von Menschen unterschiedlichster
Herkunft darstellen. Wie gesagt, wir können davon reden, können es in
Geschichten, langen Predigten oder Zeichenhandlungen lebendig zu machen
versuchen, aber das Geheimnis des Glaubens, wie es am Schluss der
Einsetzungsworte gesagt wird, das Geheimnis des Glaubens es bleibt, das
geht nicht verloren, sondern wird immer neu erlebt.
Und wenn wir es genau betrachten, dann sind es nicht nur die Sakramente,
die ein Geheimnis bergen, sondern im Grunde alles, was wir mit Gott
erleben, was wir als Christen feiern.
Z.B. Weihnachten. Wir hören diese Geschichte von der Volkszählung, von
dem Weg, den Maria und Joseph zurückgelegt haben, von der Geburt an
einem ungastlichen Ort, von der Botschaft der Engel und dem Kommen der
Hirten und der Weisen aus dem Morgenland. Wir hören von der
Menschwerdung Gottes, davon dass Gott den Menschen so nahe sein will,
dass er selber Mensch wird und das menschliche Leben auf sich nimmt. Und
all das fasziniert jedes Jahr auf neue. Jedes Jahr gehen wir wieder auf
diese Erzählung und diese Botschaft zu, nehmen wir anderes wahr, lassen
wir uns von anderem gefangen nehmen und erahnen etwas von dem Geheimnis
dieser Nacht.
Oder Karfreitag. Was da passiert, ist menschlich schnell zu beschreiben.
Da ist einer, der unbequeme Dinge sagt, der den Oberen nicht ins Konzept
passt, der beseitigt werden muss. Die Behörden beschließen die
Beseitigung, man sucht sich Verbündete und schon war der Weg ans Kreuz
besiegelt. Eine Form von Justizirrtum, wie er immer wieder in der Welt
vorkommt. Für uns Christen ist dieses Ereignis nicht nur immer wieder
ein schwer zu verstehendes und zu akzeptierendes, sondern es ist eben
auch ein Geheimnis, das weitaus mehr enthält, als wir je verstehen
können. Gott geht in Jesus Christus in den Tod. Der allmächtige Gott
gibt sich in die Niedrigkeit des Todes hinein, nimmt diesen auf sich, um
dann darin das Leben neu werden zu lassen. Ein eigentlich
unbegreiflicher Gedanke, der mit unseren menschlichen Möglichkeiten auch
nie endgültig und für alle nachvollziehbar erläutert werden kann. Dieses
Ereignis ist und bleibt ein Geheimnis. Es bleibt dies, auch wenn wir
noch so viel davon hören, es in unser Leben einbeziehen, davon leben und
daraus als Christen unsere Kraft schöpfen. Es bleibt ein Geheimnis,
dessen Kraft durch menschliche Denkarbeit nicht verloren geht, sondern
eher stärker wird. Allerdings nur dann, wenn diese Denkarbeit sich eben
nicht auf die menschlichen Möglichkeiten allein beschränkt, sondern sich
darin leiten lässt von dem, von dem das Geheimnis ausgeht, von Gott
selber.
Und darin liegt eigentlich das Geheimnis des Geheimnisses Christus.
Jesus Christus ist nicht mit unseren menschlichen Möglichkeiten zu
verstehen, zumindest nicht das, was sein Geheimnis ausmacht, das was ihn
zu dem Besonderen Ereignis macht, das unsere Zeitrechnung bestimmt. Wir
können mit unseren menschlichen Möglichkeiten wohl Jesus Christus in
seinem Lebenswerk betrachten, wir können sehen, wie er gelebt, gehandelt
hat. Wir können wahrnehmen, was er gesagt hat, können darüber ins
Gespräch kommen, können unsere Gedanken darüber austauschen und so ein
Bild des Menschen Jesus von Nazareth entwerfen. Und das ist wichtig, das
hat große Bedeutung für uns. Aber dass daraus mehr entsteht, dass das
Bedeutsame dieses Menschen tiefer in uns eindringt, dazu helfen uns
unsere menschlichen Möglichkeiten nicht. Dazu brauchen wir das, was wir
Gottes Geist nennen.
Die geistliche Bedeutung Jesu Christi, das tiefe Berührtsein von dem,
was er in die Welt gebracht hat, das Angesprochensein von seinen
Gedanken über das Menschliche hinaus, das ist etwas, was wir mit unseren
Möglichkeiten nicht erreichen können. Das ist etwas, was dahinter liegt,
und was Gott selber in einem jeden von uns tut. Er lässt uns teilhaben
am Geheimnis des Glaubens, ohne uns dieses Geheimnis zu nehmen, ohne es
zu einem Ereignis zu machen, das von uns Menschen handhabbar wird.
Wir erleben das ja vielleicht selber in unserem Leben. Wir erzählen von
unserem Glauben, versuchen davon weiterzugeben, und doch tut sich bei
unserem Gegenüber nichts. Er oder sie hört wohl zu, lässt sich auf ein
Gespräch ein, versucht die Inhalte zu verstehen, versucht mit den
menschlichen Möglichkeiten daran zu kommen, doch es fehlt noch etwas,
was wir als Gesprächspartner eben nicht in der Hand haben, um den
anderen zum Glauben zu bewegen. Wir haben dieses Geheimnis eben nicht in
der Hand, dass uns Gott in dem begegnet, was Christus getan hat, dass
wir Gott begegnen in dem Wort, das er uns in der Schrift überliefert
hat. Das ist eben das Geheimnis, das bleibt, gleich wie tief wir im
Glauben verwurzelt sind.
Und das hat auch schon Paulus in der ersten Christenheit erlebt. Wir
haben ja vorhin davon gehört und ich möchte das noch mal in Erinnerung
rufen.
Paulus hatte nichts großes vorzubringen. Seine Botschaft lautete ganz
schlicht und einfach: Der gekreuzigte Jesus von Nazareth ist der
Erlöser, er ist der Christus. Und das ist nicht mit großen Worten zu
erklären, es ist nicht so zu erklären, dass jeder sagen kann, so ist es.
Nein, mit Stottern und Stammeln, mit dem Suchen nach Worten, mit dem
immer neuen Versuch es klarzumachen, so trat Paulus auf, um diese
Wahrheit deutlich zu machen. Und seine Erfahrung war dabei: Was wir
sagen, ist eine Art Weisheit für die, die nicht mehr ihre eigenen
Gedanken denken, die nicht philosophische Wahrheit suchen, sondern dem
göttlichen Wort zuhören und ihm vertrauen. Denn diese Weisheit hat
nichts mit der Bildung gemein, die man unter Menschen schätzt, und nicht
mit den Philosophien und Weltanschauungen dieser Welt, die doch alle –
wenn sie ihre Zeit gehabt haben – untergehen. Wir sprechen eine Weisheit
aus, die von Gott kommt und sein Geheimnis birgt. Sie ist verborgen –
wie Gott in Christus verborgen war – und Gott hat sie für uns
bereitgelegt, ehe die Welt war, um uns teilzugeben an seiner
Herrlichkeit. Keine der unsichtbaren, dunklen Mächte, die über diese
Menschenwelt herrschen, hat sie begriffen, sonst hätten sie den, der ein
Herr ist über alle Herrlichkeit der göttlichen Welt, nicht ans Kreuz
gebracht. Es ist, wie die Schrift sagt: Was kein Auge sah, was kein Ohr
hörte, was in keines Menschen Herz drang, hat Gott denen bereitet, die
ihn lieben.
Uns aber hat Gott es enthüllt durch den heiligen Geist. Denn der Geist
sucht und findet alles, was tief in Gott verborgen ist.
Die Botschaft, die Paulus weitergegeben hat, ist in den menschlichen
Augen zunächst unverständlich. Unbegreiflich für die normalen
Verstehensmöglichkeiten der Menschen damals und auch der Menschen heute.
Und doch steht eben etwas hinter dieser Botschaft, das Menschen anrührt,
das ihnen hilft in ihrem Leben. Es ist etwas, was das Leben bereichert,
es tiefer und bedeutsamer macht. Gott hat es enthüllt durch den Heiligen
Geist. Gott hat es dem Glauben enthüllt, dem Vertrauen, das sich Gott
anvertraut, das sich nicht leiten lässt vom allgemeinen menschlichen
Denken und Handeln, sondern dass sich von Gott ansprechen lässt. Dieser
Glaube entdeckt das Geheimnis, er entdeckt, was es mit Christus auf sich
hat, was Weihnachten und Karfreitag und Ostern bedeuten, was die Kraft
ist, die Jesus bestimmt und sein Leben über das menschlich anständige
hinaus bedeutsam macht. Und dieser Glaube entdeckt dieses Geheimnis als
ein solches, das eben nicht gelüftet werden kann, sondern das immer
wieder neu als Geheimnis da steht, und was dann auch für den Glaubenden
immer wieder neu zu entdecken ist. Und darin liegt denn auch das, was
Paulus die Weisheit Gottes nennt, dass all dies nämlich nicht aufgeht,
in einem bestimmten Denken, dem sich alle Menschen anzupassen haben,
sondern dass es dem menschlichen entzogen ist, und Gott selber sich
immer wieder anders, immer wieder neu den Menschen durch seinen Geist
zeigt. Das macht die Lebendigkeit des Glaubens aus, das beschreibt den
Glauben als ein Geschehen, das dynamisch ist, nicht starr auf ein
Handeln und Denken eingeschränkt ist. Und das ist ja dann auch das
Spannende des Glaubens, das wir als Glaubende immer neue Entdeckungen
machen, dass wir im Glauben immer neue Erfahrungen machen, ohne dass das
Geheimnis des Glaubens je verloren geht. Die Menschlichkeit Gottes ist
ein immer wieder neu zu suchendes Geschehen in unserem Leben, das wir
nie ganz begreifen können, aber auf das wir unser Leben voll und ganz
stützen können. Gottes Geist hilft uns dazu - jeden Tag neu.
Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 628, 1-4
Psalm 105 mit Liedruf von Jürgen Grote:
Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Danket dem Herrn und rühmet
ihn!
Eingangsliturgie
Gebet
Gütiger Gott!
Wir wissen um dich und vertrauen dir. Aber wir wissen auch, das wir die
Tiefe deines Wirkens nie begreifen können, dass wir dich nie fassen
können. Darum bitten wir dich, lass uns an dem genügen, was wir an
Glauben in uns tragen, stärke uns und ermutige uns, in diesem Vertrauen
zu dir. Lass uns dich schrittweise immer tiefer erkennen als den, der
alles umfasst und von uns nie erfasst werden kann. Das bitten wir durch
Jesus Christus ....
Lesung: Joh 2, 1-11
Lied 398,1-2
Lesung 1. Kor 2, 1-10 nach Zink
Glaubensbekenntnis
Lied 72,1-3+5-6
Predigt
Lied 326,1-3+7
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vater im Himmel
Das Leben mit dir ist und bleibt ein geheimnisvolles Leben. Wir sind
dankbar dafür, dass wir hinter das Geheimnis schauen dürfen, ohne dass
das Geheimnis seine Bedeutung verliert. Darum dürfen wir gewiss sein,
dass du uns zur Seite bist, auch wenn wir es nicht sofort erkennen.
So bitten wir dich, sei bei allen, die ohne einen Halt im Leben sind,
die jemanden brauchen, an dem sie sich festhalten können. Gib ihnen Mut
und Geduld durch das Vertrauen auf Dich. Darum rufen wir zu dir: Herr,
erbarme dich.
Wir bitten dich für alle, deren Leben vom Schicksal gezeichnet ist, die
mit Krankheit leben müssen, mit dem Sterben konfrontiert werden, die
Trauer aushalten müssen. Ihnen allen gib Hoffnung auf deine Gegenwart.
Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für die Politiker in unserem Lande. Hilf ihnen grade Wege zu
gehen, offen und ehrlich zu sein, dass sie wahrhaft zum Wohle der
Menschen arbeiten. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für die Kirchen, dass sie wahrhaftig bleiben, um so dir und
den Menschen zu dienen. Lass sie Wege des Miteinanders finden innerhalb
und außerhalb der verschiedenen Konfessionen. Darum rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Persönliches in der Stille
Vaterunser
628,5
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
oben
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe |
2.n.Epiphanias
15.1.2006 |
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