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Die biblische Lesung, die wir eben gehört
haben, mag uns in vielfältiger Weise befremden. Wir werden nämlich
in ein Problem der ersten Christenheit hineingenommen, das uns in aller
Regel sehr fern ist, zumindest hier in Groß Elbe. Es geht in diesen
Zeilen des Paulus um ein Problem des christlichen Gottesdienstes, das er
in der Gemeinde in Korinth erlebt hat. Dort gab es nämlich das Phänomen
der Zungenrede. Sie werden nun sicher fragen, was das ist: Zungenrede.
Zungenrede ist ein Reden, das nicht direkt von
unserem normalen Sprachzentrum gesteuert wird. Es ist ein Singen, lallen,
eine Lautbildung, die einfach so entsteht durch etwas, das tief im Innern
eines Menschen angeregt wird. In der ersten Christenheit wurde dieses Zungenreden
als eine Gabe des Heiligen Geistes verstanden. Man sah darin eine unmittelbare
Verbindung zu Gott. Das Zungenreden war eine Form von Gebet, ein inniges
Gespräch mit Gott.
Das Phänomen der Zungenrede scheint im Laufe
der Christenheit sehr zurückgegangen zu sein, zumindest wird darüber
nicht geschrieben. Mit dem Aufkommen sogenannter Pfingstbewegungen,
pfingstlerischen,
charismatischen religiösen Gruppierungen tauchte dieses Phänomen
wieder auf. Beschrieben wurde es oft als ein ekstatisches Lallen, das gleichsam
wie in Trance geschieht. Damit wird man dem ernsthaften Zungenreden sicher
nicht gerecht, aber es gibt immer wieder Gruppierungen, wo solches ekstatisches
Stammeln als ein Beweis für die Gegenwart des göttlichen Geistes
verstanden wird.
Ich selber habe vor einigen Jahren einmal am
Gottesdienst eines Glaubenszentrums in Braunschweig teilgenommen. DA habe
ich ein solches Phänomen auch erlebt, allerdings in anderer Weise.
Es befanden sich etwa 150 Menschen in eine großen Raum. An verschiedenen
Stellen des Gottesdienstes begann ein Raunen, ein Summen und unverständliches
Reden, das nicht ekstatisch war. Man hatte den Eindruck, dass die Menschen
sehr konzentriert waren. Das verblüffende für mich war, dass
diese Form des Betens langsam begann, dann einige Zeit dauerte, und recht
schnell auch gemeinsam endete. Viele Umstehende sagen dabei sehr beglückt
aus. Allerdings mußte ich feststellen, dass dieses scheinbar geistvolle
Geschehen gesteuert wurde, nämlich durch die moderne Technik eines
Syntecicers.
Warum erzähle ich das? Zungenrede, geistvolles
Reden in einer anderen, unbekannten Sprache wurde und wird in manchen religiösen
Gruppierungen als Zeichen für das Wirkens des Heiligen Geistes gehalten,
für die Gegenwart des Geistes an der jeweiligen Stelle, wo das geschieht.
Wer so etwa kann, der hat den Heiligen Geist, der hat Unmittelbarkeit zu
Gott. Nur wird damit auch sehr viel Schindluder getrieben, ich denke, dass
Menschen damit auch verführt werden, dass religiöse Empfindungen
damit auch mißbraucht werden, oder dass das Fehlen solchen Erlebens
auch als Unglaube schlecht gemacht wird.
Ich kann mir vorstellen, dass es Formen religiösen
Erlebens gibt, die so etwas hervorbringen, auch bei sehr ernst zu nehmenden
Menschen. Nur kann das keine Form religiösen Redens und Handelns sein,
die man auf alle übertragen kann. Ich denke, dass darin auch die Gefahr
liegt, dass Menschen dabei vereinnahmt werden, dass sie auch verführt
werden, dass sie durch so etwas in eine Richtung gedrängt werden,
die mit dem christlichen Glauben nicht mehr vereinbar ist.
Und es gibt in unserer Landeskirche auch ganz
normale evangelische Gemeinden, in denen mit solchen Geistesgaben Gottesdienste
gefeiert werden. Es gibt darüber auch heftige Diskussionen.
Paulus hat diese negative Seite der Manipulation
von Menschen sicher nicht im Blick, die wir heute haben. Er sah ein ganz
anderes Problem. Für ihn ging es um die Frage, wodurch baue ich Gemeinde
besser auf, womit erreiche ich die Menschen, dass sie die Wahrheit des
Glaubens erkennen. Er hat diese Form der christlichen Glaubenserfahrung
nicht einfach beiseite geschoben. Er kann auch schreiben, dass es gut wäre,
wenn jeder Christ diese innige Gotteserfahrung machen könnte, und
in solcher Unmittelbarkeit zu Gott reden könnte. Doch ist dies etwas,
was in den Bereich der persönlichen Frömmigkeit gehört.
Besser noch ist es, wenn wir so reden, dass die anderen Menschen uns verstehen,
dass sie begreifen, was wir sagen, was wir glauben, was uns in unserer
Religion wichtig ist.
Ich wünschte, dass ihr alle in Sprachen
des Geistes reden könntet; aber noch lieber wäre es mir, ihr
alle könntet prophetische Weisungen verkündigen. Das hat mehr
Gewicht, als in unbekannten Sprachen zu reden. (V5)
Der Zungenrede stellt Paulus die prophetische
Rede gegenüber. Was meint prophetische Rede? Wenn wir von Prophetie
reden, dann hat das etwas mit Zukunft zu tun. Jemandem etwas prophezeien
verstehen wir zumeist so: dem anderen ein zukünftiges Ereignis seines
Lebens vor Augen stellen. Ich prophezeie dir, dass das nicht gutgehen wird,
dass dieser Weg falsch sein wird, den du einschlägst. Meistens sind
Prophezeiungen bei uns negativ gemeint.
Für Paulus geht es aber nicht um so etwas.
Wenn ich Paulus richtig verstanden habe, dann hat Prophetie nichts mit
Wahrsagerei, mit Zukunftsspielereien zu tun, sondern Prophetie ist etwas
anderes. Wenn ich die alttestamentlichen Propheten anschaue, so steht in
dem, was sie sagen, auch Zukunftsdenken drin. Es wird etwas angesagt, von
dem was Gott tun wird. Aber noch massiver wird in dem, was diese Propheten
sagen, die Stimme Gottes als eine lebensbestimmende Macht sichtbar. Propheten
treten auf, wenn die Menschen sich von Gott entfernt haben, sei es durch
ihr negatives Verhalten oder durch ihren fehlenden Glauben, ihre fehlende
Hoffnung in schwierigen Zeiten. Moralisches Fehlverhalten, religiöse
Trennung von Gott, das waren die Auslöser für das Auftreten von
Propheten. Wenn man dies im Hinterkopf hat und dann diese Worte von Paulus
hört, dann verstehe ich sein prophetisches Reden so, dass wir unsere
Gaben einsetzen sollen, um Menschen aus ihrer Trennung von Gott herauszuholen
und sie in eine neue Beziehung zu Gott hineinzuführen. Prophetische
Rede, so möchte ich sagen, ist ein Sprechen aus dem Vertrauen heraus,
dass Gott eine Wirklichkeit ist, die uns angeht, die das Leben bereichert
und verändert. Wir würden heute vielleicht besser sagen, dass
wir aus dem Glauben heraus reden sollen, vernünftig, verständlich,
ansprechend und wirklich das Herz und den Verstand des Gegenübers
treffend. Solche prophetische Rede will die Lebenssituation des Menschen
aufdecken, sie deutlich machen und den Menschen zu einer Umkehr einladen,
einer Umkehr des Lebens, des Handelns, des Denkens, des Glaubens. Und solche
prophetische Rede arbeitet eben nicht mit Tricks - wie einem elektronischen
Instrument, das eine Stimmung vorgaukeln kann - sondern sie ergeht mit
klaren und deutlichen Worten, die ein Mensch verstehen kann. So sollen
Christen reden, wenn sie Gottesdienste feiern, so sollen sie auf Menschen
zugehen, wenn es darum geht, den Glauben zur Sprache zu bringen.
Was bedeutet das für uns Christen und für
unseren Gottesdienst, um den es bei all den Gedanken des Paulus ja auch
geht?
Ich denke, für uns Christen ist dies eine
Aufforderung mit klaren Worten, unseren Glauben weiterzugeben. Wir sollen
danach suchen, nicht mit religiösen Sondererfahrungen für die
Wahrheit unseres Glaubens einzutreten, sondern mit Gedanken, die unser
Gegenüber nachvollziehen kann. Religiöse Sondererfahrungen sind
immer besondere, eigene Erfahrungen, die ihre Bedeutung haben, aber die
doch keine allgemeine Bedeutung erlangen können. Der Glaube richtet
sich ja nicht auf diese Sondererfahrungen, sondern auf die Botschaft der
Bibel, die in diesen Sondererfahrungen noch einmal eine höhere Bedeutung
erfährt für den, der diese Erfahrung gemacht hat. Aber die Sondererfahrungen
sind eben nicht die allgemeine Wahrheit, die auf alle anderen übertragen
werden muß. Nicht in einem bestimmten religiösen Erleben liegt
die Wahrheit Gottes, sondern in der Botschaft, die uns überliefert
ist, und an Hand derer wir unsere eigenen Erfahrungen machen und überprüfen.
In Korinth gab es zu Zeiten des Paulus viele Menschen, die gesagt haben,
dass in der Geisterfahrung der Zungenrede die Wahrheit Gottes liegt. Nur
wer dies für sich erfährt und praktizieren kann, der ist wirklich
vom Geist erfüllt. Und genau dies lehnt Paulus ab. Er spricht den
Menschen nicht diese Glaubenserfahrung ab, Zungenrede mag eine religiöse
Erfahrung sein, die für einen Menschen große Bedeutung hat.
Aber sie ist eben nicht nach außen zu vermitteln, genauso wenig wie
andere besondere Erfahrungen, die einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit
erhalten. Jeder macht seine eigenen Glaubenserfahrungen. Die prophetische
Rede dagegen stellt eine Welt- und Glaubenssicht vor Augen, die geprägt
ist davon, dass Menschen einer Wahrheit begegnen, die über persönliche
Erfahrungen hinaus geht, und eine Möglichkeit ist und wird, das eigene
Leben intensiver zu verstehen.
Und so soll das dann auch im Gottesdienst sein.
Auch dort soll offen und nachvollziehbar zur Sprache kommen, was Menschen
hilft, ihr Leben zu verstehen, sie sollen mit dem, was ihr Leben ausmacht,
hier einen Platz haben, um es einzubringen, es vor Gott zu bringen, um
sich anregen zu lassen, andere, eigene Gedanken zu entwickeln, um so das
Leben auf Gott hin zu verändern.
So sollte unser Gottesdienst auch für diejenigen
immer wieder verständlich sein, die nicht so oft da sind, die als
Außenstehende dazukommen. So manches mal habe ich den Eindruck, dass
Außenstehende sich im Gottesdienst so fühlen müssen, wie
Menschen, die Zungenrede nicht verstehen. Man hört die Worte wohl,
aber kann sie nicht einbeziehen ins Leben. Den Konfirmanden z.B. ist ganz
viele fremd im Gottesdienst, sie wissen gar nicht, warum manches gesagt
und getan wird, und so beschäftigen sie sich lieber mit anderen Dingen.
Und so sind diese Gedanken des Paulus auch immer wieder eine Anfrage an
mich als Pfarrer, wie ich in der Predigt rede, und auch an uns als Gemeinde,
wie wir Gottesdienste feiern. Ist das, was ich sage hilfreich, können
Menschen verstehen, was ich sage oder ist das zu weit weg von ihnen. Sind
unsere Gottesdienste wirklich auferbauend für die Menschen oder sind
sie eher abschreckend und hinderlich? Ist das, was wir reden als Christen
Zungenrede, also ein Reden, das andere nicht verstehen und nachvollziehen
können, oder ist es ein ansprechendes, treffendes Reden, das Menschen
verändern kann?
Es wird sicher mal so und mal so aussehen. Weder
kann ein Gottesdienst so sein, dass immer alle angesprochen sind, noch
kann eine Predigt oder ein Gespräch immer so sein, dass es für
jeden verständlich und weiterführend ist. Aber gerade diese Auseinandersetzung
des Paulus mit der Zungenrede führt uns dahin, dass wir sehr hellhörig
sein sollten dafür, wie wir über unsren Glauben sprechen, wie
wir ihn leben. Ist das, was uns persönlich wichtig und bedeutsam ist,
wirklich etwas, was für alle gut ist? Baut es wirklich auf, oder ist
es hinderlich? Paulus sagt, es gibt unterschiedliche Gaben des Geistes,
sie haben ihre Bedeutung und sie dürfen auch nicht einfach so beiseite
geschoben werden. Doch das Ziel, die Auferbauung der Gemeinde, die Auferbauung
der Menschen steht im Vordergrund und das gilt es anzustreben in unserem
gemeinsamen christlichen Tun. Und das soll uns begleiten in unserem Handeln
und darin wird dann auch das Wirken des Geiste sichtbar sein. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe |
2. n. Trin.
2.7.2000 |
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