Predigt

NT

 

Predigt

Aktuell
Archiv
Links

Home

Predigt

Kirchen

Kinder-
gottesdienst
Konfirmanden
Gemeinde
Gemeindebrief
Gottesdienst
Links
Gästebuch
Sitemap
Kontakt
 

1. Kor 14, 1- 4.20-25

Die biblische Lesung, die wir eben gehört haben, mag uns in vielfältiger Weise befremden. Wir werden nämlich in ein Problem der ersten Christenheit hineingenommen, das uns in aller Regel sehr fern ist, zumindest hier in Groß Elbe. Es geht in diesen Zeilen des Paulus um ein Problem des christlichen Gottesdienstes, das er in der Gemeinde in Korinth erlebt hat. Dort gab es nämlich das Phänomen der Zungenrede. Sie werden nun sicher fragen, was das ist: Zungenrede.
Zungenrede ist ein Reden, das nicht direkt von unserem normalen Sprachzentrum gesteuert wird. Es ist ein Singen, lallen, eine Lautbildung, die einfach so entsteht durch etwas, das tief im Innern eines Menschen angeregt wird. In der ersten Christenheit wurde dieses Zungenreden als eine Gabe des Heiligen Geistes verstanden. Man sah darin eine unmittelbare Verbindung zu Gott. Das Zungenreden war eine Form von Gebet, ein inniges Gespräch mit Gott.
Das Phänomen der Zungenrede scheint im Laufe der Christenheit sehr zurückgegangen zu sein, zumindest wird darüber nicht geschrieben. Mit dem Aufkommen sogenannter Pfingstbewegungen, pfingstlerischen, charismatischen religiösen Gruppierungen tauchte dieses Phänomen wieder auf. Beschrieben wurde es oft als ein ekstatisches Lallen, das gleichsam wie in Trance geschieht. Damit wird man dem ernsthaften Zungenreden sicher nicht gerecht, aber es gibt immer wieder Gruppierungen, wo solches ekstatisches Stammeln als ein Beweis für die Gegenwart des göttlichen Geistes verstanden wird.
Ich selber habe vor einigen Jahren einmal am Gottesdienst eines Glaubenszentrums in Braunschweig teilgenommen. DA habe ich ein solches Phänomen auch erlebt, allerdings in anderer Weise. Es befanden sich etwa 150 Menschen in eine großen Raum. An verschiedenen Stellen des Gottesdienstes begann ein Raunen, ein Summen und unverständliches Reden, das nicht ekstatisch war. Man hatte den Eindruck, dass die Menschen sehr konzentriert waren. Das verblüffende für mich war, dass diese Form des Betens langsam begann, dann einige Zeit dauerte, und recht schnell auch gemeinsam endete. Viele Umstehende sagen dabei sehr beglückt aus. Allerdings mußte ich feststellen, dass dieses scheinbar geistvolle Geschehen gesteuert wurde, nämlich durch die moderne Technik eines Syntecicers.
Warum erzähle ich das? Zungenrede, geistvolles Reden in einer anderen, unbekannten Sprache wurde und wird in manchen religiösen Gruppierungen als Zeichen für das Wirkens des Heiligen Geistes gehalten, für die Gegenwart des Geistes an der jeweiligen Stelle, wo das geschieht. Wer so etwa kann, der hat den Heiligen Geist, der hat Unmittelbarkeit zu Gott. Nur wird damit auch sehr viel Schindluder getrieben, ich denke, dass Menschen damit auch verführt werden, dass religiöse Empfindungen damit auch mißbraucht werden, oder dass das Fehlen solchen Erlebens auch als Unglaube schlecht gemacht wird.
Ich kann mir vorstellen, dass es Formen religiösen Erlebens gibt, die so etwas hervorbringen, auch bei sehr ernst zu nehmenden Menschen. Nur kann das keine Form religiösen Redens und Handelns sein, die man auf alle übertragen kann. Ich denke, dass darin auch die Gefahr liegt, dass Menschen dabei vereinnahmt werden, dass sie auch verführt werden, dass sie durch so etwas in eine Richtung gedrängt werden, die mit dem christlichen Glauben nicht mehr vereinbar ist.
Und es gibt in unserer Landeskirche auch ganz normale evangelische Gemeinden, in denen mit solchen Geistesgaben Gottesdienste gefeiert werden. Es gibt darüber auch heftige Diskussionen.
Paulus hat diese negative Seite der Manipulation von Menschen sicher nicht im Blick, die wir heute haben. Er sah ein ganz anderes Problem. Für ihn ging es um die Frage, wodurch baue ich Gemeinde besser auf, womit erreiche ich die Menschen, dass sie die Wahrheit des Glaubens erkennen. Er hat diese Form der christlichen Glaubenserfahrung nicht einfach beiseite geschoben. Er kann auch schreiben, dass es gut wäre, wenn jeder Christ diese innige Gotteserfahrung machen könnte, und in solcher Unmittelbarkeit zu Gott reden könnte. Doch ist dies etwas, was in den Bereich der persönlichen Frömmigkeit gehört. Besser noch ist es, wenn wir so reden, dass die anderen Menschen uns verstehen, dass sie begreifen, was wir sagen, was wir glauben, was uns in unserer Religion wichtig ist.
Ich wünschte, dass ihr alle in Sprachen des Geistes reden könntet; aber noch lieber wäre es mir, ihr alle könntet prophetische Weisungen verkündigen. Das hat mehr Gewicht, als in unbekannten Sprachen zu reden. (V5)
Der Zungenrede stellt Paulus die prophetische Rede gegenüber. Was meint prophetische Rede? Wenn wir von Prophetie reden, dann hat das etwas mit Zukunft zu tun. Jemandem etwas prophezeien verstehen wir zumeist so: dem anderen ein zukünftiges Ereignis seines Lebens vor Augen stellen. Ich prophezeie dir, dass das nicht gutgehen wird, dass dieser Weg falsch sein wird, den du einschlägst. Meistens sind Prophezeiungen bei uns negativ gemeint.
Für Paulus geht es aber nicht um so etwas. Wenn ich Paulus richtig verstanden habe, dann hat Prophetie nichts mit Wahrsagerei, mit Zukunftsspielereien zu tun, sondern Prophetie ist etwas anderes. Wenn ich die alttestamentlichen Propheten anschaue, so steht in dem, was sie sagen, auch Zukunftsdenken drin. Es wird etwas angesagt, von dem was Gott tun wird. Aber noch massiver wird in dem, was diese Propheten sagen, die Stimme Gottes als eine lebensbestimmende Macht sichtbar. Propheten treten auf, wenn die Menschen sich von Gott entfernt haben, sei es durch ihr negatives Verhalten oder durch ihren fehlenden Glauben, ihre fehlende Hoffnung in schwierigen Zeiten. Moralisches Fehlverhalten, religiöse Trennung von Gott, das waren die Auslöser für das Auftreten von Propheten. Wenn man dies im Hinterkopf hat und dann diese Worte von Paulus hört, dann verstehe ich sein prophetisches Reden so, dass wir unsere Gaben einsetzen sollen, um Menschen aus ihrer Trennung von Gott herauszuholen und sie in eine neue Beziehung zu Gott hineinzuführen. Prophetische Rede, so möchte ich sagen, ist ein Sprechen aus dem Vertrauen heraus, dass Gott eine Wirklichkeit ist, die uns angeht, die das Leben bereichert und verändert. Wir würden heute vielleicht besser sagen, dass wir aus dem Glauben heraus reden sollen, vernünftig, verständlich, ansprechend und wirklich das Herz und den Verstand des Gegenübers treffend. Solche prophetische Rede will die Lebenssituation des Menschen aufdecken, sie deutlich machen und den Menschen zu einer Umkehr einladen, einer Umkehr des Lebens, des Handelns, des Denkens, des Glaubens. Und solche prophetische Rede arbeitet eben nicht mit Tricks - wie einem elektronischen Instrument, das eine Stimmung vorgaukeln kann - sondern sie ergeht mit klaren und deutlichen Worten, die ein Mensch verstehen kann. So sollen Christen reden, wenn sie Gottesdienste feiern, so sollen sie auf Menschen zugehen, wenn es darum geht, den Glauben zur Sprache zu bringen.
Was bedeutet das für uns Christen und für unseren Gottesdienst, um den es bei all den Gedanken des Paulus ja auch geht?
Ich denke, für uns Christen ist dies eine Aufforderung mit klaren Worten, unseren Glauben weiterzugeben. Wir sollen danach suchen, nicht mit religiösen Sondererfahrungen für die Wahrheit unseres Glaubens einzutreten, sondern mit Gedanken, die unser Gegenüber nachvollziehen kann. Religiöse Sondererfahrungen sind immer besondere, eigene Erfahrungen, die ihre Bedeutung haben, aber die doch keine allgemeine Bedeutung erlangen können. Der Glaube richtet sich ja nicht auf diese Sondererfahrungen, sondern auf die Botschaft der Bibel, die in diesen Sondererfahrungen noch einmal eine höhere Bedeutung erfährt für den, der diese Erfahrung gemacht hat. Aber die Sondererfahrungen sind eben nicht die allgemeine Wahrheit, die auf alle anderen übertragen werden muß. Nicht in einem bestimmten religiösen Erleben liegt die Wahrheit Gottes, sondern in der Botschaft, die uns überliefert ist, und an Hand derer wir unsere eigenen Erfahrungen machen und überprüfen. In Korinth gab es zu Zeiten des Paulus viele Menschen, die gesagt haben, dass in der Geisterfahrung der Zungenrede die Wahrheit Gottes liegt. Nur wer dies für sich erfährt und praktizieren kann, der ist wirklich vom Geist erfüllt. Und genau dies lehnt Paulus ab. Er spricht den Menschen nicht diese Glaubenserfahrung ab, Zungenrede mag eine religiöse Erfahrung sein, die für einen Menschen große Bedeutung hat. Aber sie ist eben nicht nach außen zu vermitteln, genauso wenig wie andere besondere Erfahrungen, die einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhalten. Jeder macht seine eigenen Glaubenserfahrungen. Die prophetische Rede dagegen stellt eine Welt- und Glaubenssicht vor Augen, die geprägt ist davon, dass Menschen einer Wahrheit begegnen, die über persönliche Erfahrungen hinaus geht, und eine Möglichkeit ist und wird, das eigene Leben intensiver zu verstehen.
Und so soll das dann auch im Gottesdienst sein. Auch dort soll offen und nachvollziehbar zur Sprache kommen, was Menschen hilft, ihr Leben zu verstehen, sie sollen mit dem, was ihr Leben ausmacht, hier einen Platz haben, um es einzubringen, es vor Gott zu bringen, um sich anregen zu lassen, andere, eigene Gedanken zu entwickeln, um so das Leben auf Gott hin zu verändern. 
So sollte unser Gottesdienst auch für diejenigen immer wieder verständlich sein, die nicht so oft da sind, die als Außenstehende dazukommen. So manches mal habe ich den Eindruck, dass Außenstehende sich im Gottesdienst so fühlen müssen, wie Menschen, die Zungenrede nicht verstehen. Man hört die Worte wohl, aber kann sie nicht einbeziehen ins Leben. Den Konfirmanden z.B. ist ganz viele fremd im Gottesdienst, sie wissen gar nicht, warum manches gesagt und getan wird, und so beschäftigen sie sich lieber mit anderen Dingen. Und so sind diese Gedanken des Paulus auch immer wieder eine Anfrage an mich als Pfarrer, wie ich in der Predigt rede, und auch an uns als Gemeinde, wie wir Gottesdienste feiern. Ist das, was ich sage hilfreich, können Menschen verstehen, was ich sage oder ist das zu weit weg von ihnen. Sind unsere Gottesdienste wirklich auferbauend für die Menschen oder sind sie eher abschreckend und hinderlich? Ist das, was wir reden als Christen Zungenrede, also ein Reden, das andere nicht verstehen und nachvollziehen können, oder ist es ein ansprechendes, treffendes Reden, das Menschen verändern kann?
Es wird sicher mal so und mal so aussehen. Weder kann ein Gottesdienst so sein, dass immer alle angesprochen sind, noch kann eine Predigt oder ein Gespräch immer so sein, dass es für jeden verständlich und weiterführend ist. Aber gerade diese Auseinandersetzung des Paulus mit der Zungenrede führt uns dahin, dass wir sehr hellhörig sein sollten dafür, wie wir über unsren Glauben sprechen, wie wir ihn leben. Ist das, was uns persönlich wichtig und bedeutsam ist, wirklich etwas, was für alle gut ist? Baut es wirklich auf, oder ist es hinderlich? Paulus sagt, es gibt unterschiedliche Gaben des Geistes, sie haben ihre Bedeutung und sie dürfen auch nicht einfach so beiseite geschoben werden. Doch das Ziel, die Auferbauung der Gemeinde, die Auferbauung der Menschen steht im Vordergrund und das gilt es anzustreben in unserem gemeinsamen christlichen Tun. Und das soll uns begleiten in unserem Handeln und darin wird dann auch das Wirken des Geiste sichtbar sein. Amen.

  oben

 
Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe
  2. n. Trin.
2.7.2000
Predigt drucken
 

 

 

 

 

   

© für alle Seiten und Inhalte liegen bei Jürgen Grote