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1. Kor 12, 12-27

Gnade sei mit uns ...
Wir haben als erste Lesung einen langen Text aus dem Korintherbrief gehört. Er war sehr bildreich, manchem bekannt, manchem auf Grund der Fülle der unterschiedlichen Bilder und Formulierungen auch sehr schwer eingängig. Dabei gehört dieser Text zu den wichtigsten Aussagen und Bildern, die Paulus uns hinterlassen. Deshalb möchte ich heute diese Predigt so gestalten, dass wir diesen Bibeltext einmal Schritt für Schritt nachgehen. Wir wollen diesen Bildern folgen, sie auf uns wirken lassen und bedenken, was Paulus uns da auf den gemeinsamen Weg mit gibt.
Und im Hintergrund steht der Text aus der Bergpredigt, halte die rechte Wange hin, liebe deine Feinde, lebe in der Vollkommenheit Gottes. Diese beiden Texte haben nach außen gar nichts miteinander zu tun und doch werden sie durch diesen Gottesdienst heute miteinander verbunden.
Schauen wir, was wir am Ende davon mit nach Hause nehmen können.

In unserem heutigen Predigttext geht es um die Einheit der christlichen Gemeinschaft. In Korinth, an dessen Christengemeinde Paulus den Brief schreibt, gibt es nämlich Streitigkeiten um das wahre Christsein. Paulus führt das dazu sehr grundsätzliche Erwägungen dazu zu machen.
Am Ende dieser Erwägungen schreibt er den Satz: "Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm."
Die Gemeinschaft der Glaubenden, die Gemeinschaft der Christen, also doch wir, die wir hier sitzen und alle anderen, die durch die Taufe mit Christus verbunden sind, sie alle bilden zusammen den Leib Christi. Ein schönes Bild. Wir dürfen ein Teil dessen sein, was Gott in diesem Jesus Christus gewirkt hat, wir dürfen es weitertragen. Gott traut uns zu, als Leib Christi in dieser Welt das weiterzugeben, was Jesus vor 2000 Jahren begonnen hat. Wir sind nicht nur passiv Glaubende, sondern als Teil des Leibes Christi haben wir auch ganz aktiv daran Anteil, das Wirken Gottes in die Welt zu tragen. Ich finde das immer wieder toll, zu sehen, was Gott uns da zutraut, was er uns anvertraut und wozu er uns fähig macht. Wir sehen das oft ganz anders, weil wir es uns nicht zutrauen, weil wir uns unfähig dafür halten, diese Botschaft weiterzutragen. Die rechte Wange hinhalten, den Feind lieben, vollkommen leben, das tun wir doch nicht und das ist so unendlich schwer wirklich umzusetzen. Das soll Gott man lieber alleine machen. So denken wir. Und Gott denkt: du kannst das. Lass dich stärken durch mein Wort. Ich traue es dir zu, als Teil des Leibes Christi deinen Teil dazu beizutragen, dass diese Welt in meinem Sinne Gestalt gewinnt. Ihr könnt das Licht Christi in die Welt tragen. Ihr seid der Leib Christi und jeder von euch ist ein Glied.
Nur ist das aber gar nicht so einfach mit dem Leib Christi. Schön wäre es ja, wenn dieser Leib Christi, also die Gemeinschaft der Christen, die sichtbar wird in der Kirche Jesu Christi, eine einheitliche Gestalt hätte. Aber wir sehen sowohl im Großen als im Kleinen, dass die Christen doch sehr unterschiedlich sind, sehr verschieden ihr Christsein leben und sich innerhalb der unterschiedlichen Konfessionen auch nicht immer einig sind. Ganz im Gegenteil im Laufe der Jahrhundert wurden zwischen unterschiedlichen christlichen Gruppierungen auch heftigste Auseinandersetzungen geführt.
Gerade darum aber ist es so wichtig, dass wir das Bild, das Paulus da zeichnet, immer wieder neu bedenken, dass wir unser Gliedsein recht verstehen.
Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus.
Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.
Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern.
Kirche, Gemeinschaft der Christen, so macht Paulus deutlich, ist eine ganz eigene Einheit von Menschen. Die Gemeinschaft liegt nicht in dem, was die Menschen von sich aus verbindet, sondern darin, dass Gott sie untereinander verbunden hat. Wir Christen sind verbunden, weil wir alle aus der Taufe heraus leben, in der Gott sein großes Ja zu uns gesprochen hat. Wir sind durch diese Taufe zur Einheit verbunden und wir leben aus dem einen Geist, der in der Taufe geschenkt wird. Darin allein liegt die Einheit der Christen beschlossen, darum sind wir ein Leib als Kirche. Und da spielen die äußeren Verschiedenheiten keine Rolle. Die sozialen Unterschiede, die so unterschiedlichen Möglichkeiten, die jeder von uns hat, haben dabei keine Bedeutung. Jeder und jede von uns, jede und jeder Getaufte gehört hinein in den einen Leib Christi, unabhängig von dem, was wir Menschen an Verschiedenheiten an uns auch wahrnehmen mögen. Darin liegt doch auch der Grund, warum Jesus sagt: liebet eure Feinde, liebe auch den, der gegen dich ist, der anders ist. Nicht eure Unterschiede zählen, sondern die Gemeinschaft, die Gott will.
Wir Menschen sind schnell dabei, diese Gemeinschaft aufzulösen, ihr lieber ein menschliches Gesicht zu geben, als das Gesicht, das Gott ihr geben will. Und das tun wir auf verschiedenste Weise. Paulus nimmt das in seinem Bild auf. Da gibt es zum Beispiel diejenigen, die sich selber nicht dazugehörig fühlen, weil sie irgendetwas nicht können, oder nicht so sind wie die anderen.
"Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib."
Ich muss nicht so sein wie andere. Ich muss nicht so sein, wie andere mich haben wollen. Ich darf so sein, wie ich bin. Ich darf als ich selber, mit meinen Möglichkeiten und Gaben Teil dieser Gemeinschaft sein, mich dort zuhause wissen, mich als dazugehörig ansehen. Lassen wir uns das doch wirklich gesagt sein und nehmen uns genauso wichtig, wie die anderen, die wir als viel dazugehöriger empfinden.
Dieser Gedanke, sich nicht dazugehörig zu empfinden, kommt manchmal daher, dass es andere gibt, die uns weiß machen wollen, dass man eine bestimmte Art zu Glauben und zu leben haben muss, um zur Gemeinschaft der Christen zu gehören.
"Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?"
Solche Sätze stehen gegen alle, die meinen, man müsse eine bestimmte Art von Frömmigkeit haben, in bestimmter Weise leben, bestimmte Dinge tun, um zur Gemeinschaft dazuzugehören. Es spricht dagegen, dass Glaubensleben einförmig ist. Gerade eher sektiererische Gruppierungen im christlichen Bereich fordern diese Einförmigkeit, erwarten eine ganz bestimmte Haltung, ohne die man dieser Gemeinschaft nicht angehören kann. Paulus sagt: ein Leib, der nur aus Augen besteht ist kein Leib. Eine Gemeinschaft in der es nur Ohren gibt, da kann nicht die Fülle des Leibes Christi wirksam werden.
"Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib."
In der Vielfalt liegt die eigentliche Kraft der Fülle Gottes, die sichtbar wird in der Vielfalt der Menschen mit ihren so unterschiedlichsten Gaben und Möglichkeiten. Jeder von uns wichtig in dem ganzen Leib Christi, jeder von uns hat seine Aufgabe darin, wird gebraucht und wird von Gott in den Dienst genommen. Dabei gibt es auch keine besondere Stellung, wie wir sie in unserem menschlichen Leben oft kennen.
"Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht."
Solche Gedanken sprechen gegen jede autoritäre Struktur in der Kirche. Es kann nicht einfach einer machen, was er will, und die anderen haben dann zu folgen. Gerade das Bild vom Leib in dem jeder seine Funktion und Aufgabe hat, macht deutlich dass christliche Gemeinschaft eine zutiefst demokratische Gemeinschaft ist. Und das darf man auch ruhig Pastorenkritisch sehen. Ihr Wort mag Gewicht haben, weil wir studiert haben und manches tiefer durchdenken durften, aber damit ist nicht alles richtig, was wir sagen und wollen. Wir dürfen unsere Stellung auch nicht missbrauchen, sondern die Gemeinschaft, der Dienst am Leib Christi ist das Wichtige, und da brauchen wir Pastoren auch die kritische Begleitung der anderen Glieder am Leib Christi, ohne die wir nichts wären.
Christliche Gemeinschaft ist eine zutiefst demokratische Gemeinschaft habe ich gesagt, und sie ist zugleich eine zutiefst soziale Gemeinschaft.
Paulus schreibt: "Gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir um so mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen."
Moderne Medizin macht es uns möglich, das unansehliche an unserem Körper zu entfernen. Fett wird abgesaugt, die faltige Haut wird gestrafft, der zu kleine Busen vergrößert, der zu große verkleinert, die Nase begradigt, die Ohren angelegt. Ja es gibt Menschen, die sich nach einem ganz bestimmten Vorbild äußerlich verändern.
Weg mit dem, was ich nicht will. Wir, die wir hier sitzen, mögen solche Gedanken nicht hegen, aber sie kommen einen in den Sinn, wenn man das Bild, das Paulus hier gebraucht, etwas weiter denkt. Aber gerade da macht Paulus deutlich: das, was wir nicht haben möchten, das schwache, das unansehnliche, das wenig anständige und unehrenhafte, das soll seine Bedeutung haben, ja, es soll sogar noch mehr positive Beachtung finden als die anderen. Die letzteren haben ihren Teil der Beachtung, aber die anderen, die oft genug mit Füßen getreten werden, die bedürfen ganz besonderer Zuwendung, damit der Leib als Ganzer bedeutsam bleibt. Es soll kein Zwiespalt entstehen, kein oben und unten, kein wichtig und unwichtig, kein bedeutsam und unbedeutsam, nicht Freund und Feind, sondern alle zusammen bilden deinen einen Leib. Es gilt füreinander einzustehen, füreinander da zu sein, und die Gesamtverantwortung für alle wahrzunehmen. Zurückstehen, eigene Ansprüche nach hinten stellen, den anderen groß machen, ihm Bedeutung verleihen, das ist die soziale Dimension des christlichen Glaubens, die Eintritt für die Schwachen.
"Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm." Wein mit den Weinenden, lach mit den Lachenden. Das ist die Aufforderung nicht nur das eigene Empfinden zum Maßstab zu machen, sondern immer auch den anderen zu sehen. Und wo ich den anderen sehe, da sieht er auch mich. Ich komme nicht zu kurz, wenn ich dem anderen mehr gebe, als ich selber bekommen habe. Wo wir füreinander einstehen, wo wir christliche Gemeinschaft als demokratische und soziale Verantwortung sehen, da wird keiner beiseite stehen, da wird jeder das bekommen, was er braucht.

"Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm." Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, dieses Bild als ein grundlegendes Bild für die Gemeinschaft von uns Christen zum Ausdruck zu bringen. Wir sind Teil dieser Gemeinschaft, weil Gott es will und er ruft uns zueinander, er führt uns zueinander und er gibt uns auch die Kraft, diese Gemeinschaft zu leben. Und dort, wo wir unter den Brüchen dieser Gemeinschaft des Leibes Christi leiden, da möge er uns stark machen, diese Brüche zu überwinden, auf dass wir in Liebe miteinander leben können. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 487,1-4 (Wir haben Abendgottesdienst am Samstag)
Psalm 19 - EG 708
Eingangsliturgie - Gebet:
siehe EGb 393, 3. Gebet
Lesung: 1. Kor 12, 12-27
Lied: 268,1-5
Lesung: Mt 5, 38-48
Glaubensbekenntnis
Lied: EG NsB 612, 1-5 Herr gib uns Mut zum Brücken bauen
Predigt
Lied: 572, 1,3,5
Abkündigungen - Fürbittengebet
Herr, Jesus Christus
Wir bitten dich für deine Kirche, dass wir uns wie Glieder des einen Leibes sehen und füreinander einstehen. Hilf uns, dass wir so den Menschen dienen und dein Lob groß machen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die in der Gemeinschaft der Kirche zuhause sind. Dass sie sich weiter darin wohl fühlen, dass sie für sich und ihren Dienst in der Welt Kraft, Stärke, Güte und Liebe empfangen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, denen die Gemeinschaft der Kirche nur ferne Heimat ist, dass sie nicht vergessen, dass sie Teil deines Leibes sind, der für sie da ist. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, denen die Gemeinschaft der Kirche fremd geworden ist und ihnen nichts mehr sagt. Gib ihnen offen Augen und Ohren, um deine Botschaft neu zu erkennen und hilf uns, dass wir dabei gute Botschafter sind. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die der Gemeinschaft der Kirche feindlich gegenüber stehen. Hilf uns, dass wir diese Feindschaft nicht zum Maßstab unseres Handelns machen, sonderd dass wir sie im Geist Jesu überwinden. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für die Einheit der Kirchen, die in aller Verschiedenheit ihrer Ausprägungen doch ein Leib sind. Hilf uns an der Überwindung der Trennungen mit zu bauen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir beten für alle, denen eine Last auferlegt wurde in ihrem Leben. In der Stille rufen wir uns die Namen derer ins Gedächtnis, die wir Gott besonders anbefehlen wollen.
Stille
Jesus Christus, erbarme dich dieser Menschen, schenken ihnen, was sie nach deinem Willen nötig haben. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
163

 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Klein Elbe
21. n. Trin 19.10.02
Liturgischer
Ablauf
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