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1. Joh 4, 7-12

15 mal steht in unserem Predigttext das Wort Liebe oder lieben. 15 mal in 5 Versen, im Durchschnitt also 3mal in jedem Satz. Gewiss hat der Schreiber dieser Zeilen dies nicht bewusst getan, aber man könnte sagen: in jedem Satz dreimal, dann muss es wirklich etwas absolut bedeutsames sein, von dem hier die Rede ist.
Die Liebe, das Lieben – wie schön wäre es, wenn man dies ganz einfach beschreiben könnte. Aber so einfach ist das nicht. Natürlich würde jeder von uns sagen, Liebe, habe ich schon erfahren und erfahre ich immer wieder. Lieben das kenne ich und tue ich. Aber was ist es letztlich, was die Liebe ist. Sie ist nämlich nicht beschreibbar. Es gibt eine Menge von Handlungen, die wir mit Liebe in Verbindung bringen, aber diese Handlungen sind ja nicht die Liebe. Wir kennen das kribbeln im Bauch und das dazugehörige Gefühl. Aber ist die Liebe allein dieses Gefühl in uns, das mehr oder weniger stark ist?
Eine Internetseite beschreibt lexikalisch: Liebe ist ein Begriff, mit dem eine Vielfalt von Gefühlen der Zuneigung charakterisiert wird, die auf die Vereinigung mit dem geliebten Objekt zielen. Man unterscheidet die personenbezogene Liebe zu einem Partner, die die Sexualität mit einschließt, oder zu Eltern, Freunden, Geschwistern und anderen Menschen, und die objektbezogene Liebe zur Natur, zur Freiheit, zum Eigentum u. a.
Liebe hat etwas mit Beziehung zu tun, mit positiver Beziehung zu etwas. Liebe ist die Verbindung zwischen Mensch und Gegenüber und im besten aller Fälle ist es eine Gegenseitige Verbindung, eine gegenseitige Liebe. Woher sie kommt, weiß man allerdings nicht. Und manchmal gerät sie einfach abhanden, wie die Luft aus eine Luftballon entweicht und ihn schlaff werden lässt, ohne das man dies groß merkt.
Eines der wichtigsten, die mir oft bei einer Trauung deutlich werden, ist aber, dass man Liebe eigentlich nicht anordnen kann. entweder sie ist da oder nicht. Sie entwickelt sich, aber ich kann sie nicht erzwingen, nicht herstellen, nicht auf einmal machen. Insofern bin ich immer etwas verwundert, wenn in biblischen Texten Sätze stehen wie: lasst uns einander lieb haben. Aber nun werden die Schreiber solcher Sätze auch wissen, dass man Liebe nicht anordnen kann. Insofern sollten wir genauer hinschauen, was eigentlich gemeint ist.
Fangen wir einfach mal mit dem Satz an: Gott ist die Liebe. Das ist keine umfassende Gottesbeschreibung, aber doch ein ganz wichtiger Teil göttlichen Seins in unserer Welt.
Gott ist die Liebe. Wenn es um Beziehung geht, dann heißt dieser Satz: Gott ist jemand, der Beziehung will und zwar ganz besondere Beziehung zu uns Menschen. „Lasst uns Menschen machen, nach unseren Abbild, uns ähnlich.“ So lauten die Worte Gottes im ersten Schöpfungsbericht. Darin ist diese Liebe bereits angelegt. Der Mensch ist geschaffen von Gott auf Gott hin. Der Mensch als Krone der Schöpfung ist geschaffen für die Beziehung mit Gott, und Gottes Beziehungswille, seine Liebe steht an erster Stelle. Kein anderes Geschöpf wird so eng mit ihm verbunden wie der Mensch. Er ist Ziel des Handelns Gottes. Der Mensch ist derjenige, der im Gegenüber zu Gott am engsten mit ihm verbunden ist, der eben von seiner Liebe am weitgehendsten umgeben ist.
Das heißt, wir Menschen haben ein Gegenüber, das uns mit seinem Wunsch und Willen zu guter Beziehung umgibt. Wir haben ein Gegenüber, dem wir unendlich wichtig sind, dem aufgrund seiner Zuneigung zu uns unendlich wertvoll sind. Oder im Sinne unseres Hauptstichwortes formuliert: wir sind unendlich geliebt von dem, der Anfang und Ende in seinen Händen hat. Das steht über unserem Leben, das wird uns zugesagt für unser Leben, darauf können wir bauen an jedem Tag unseres Lebens. Gott will mit uns eine gute Beziehung haben.
Dafür tut er auch etwas, das macht er auch sichtbar. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Die Liebe zu den Menschen macht Gott darin sichtbar, dass er immer wieder in die Welt eingreift. Am sichtbarsten in Jesus Christus, den wir als Sohn Gottes glauben. In diesem Menschen und durch diesen Menschen wird deutlich, wie sehr Gott an den Menschen hängt, wie sehr uns allen seine Liebe gilt. Darum nennen wir uns ja auch Christen, weil wir darauf vertrauen und daran glauben, dass wir Gott in diesem Jesus Christus erkennen können, weil wir darauf vertrauen, dass das, was Jesus in die Welt getragen hat, für uns Menschen Gültigkeit hat. Gott lässt nicht allein, er schickt seinen Sohn. Auch das Ziel dieser Mission wird beschrieben, es geht um Überwindung der Trennung zwischen Gott und den Menschen, die dadurch entsteht, dass wir Gott nicht annehmen, dass wir unser Leben lieber aus uns selber heraus gestalten.
Das wichtigste dieser Überwindung der Trennung ist aber, dass nicht wir etwas tun müssen, dass wir Gott gnädig stimmen müssen, dass wir gleichsam Liebesbeweise bringen müssen, damit wir uns die Liebe Gottes verdienen. So ist das bei uns Menschen oft. Wenn du lieb bist, dann bekommst du Zeichen der Liebe. Wenn du dies oder jenes tust, dann erkenne ich, dass du mich liebst. Aber bei Gott ist das anders. Wir haben es gehört: Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
Die Liebe zu Gott ist gleichsam immer eine antwortende Liebe. Wir sind längst beschenkte, wir müssen nicht erst etwa vorweisen, um von Gott angesehen zu werden, nein er sieht uns an, kommt uns entgegen, bietet Versöhnung an durch Jesus Christus, damit der Weg frei ist, dass auch wir lieben können, das wir die Liebe erwidern, dass wir in der und aus der Liebe können. Gott selber geht uns auf dem Weg der Überwindung der Trennung entgegen, er reicht die Hand, wo wir die Schuld tragen und eigentlich den ersten Schritt gehen müssten. Doch Gott will uns zu sich hinziehen. Im Epheserbrief hat es jemand so formuliert: Gott liebt uns zu sich hin, er zieht uns zu sich dadurch, dass er uns mit ganzem Herzen bei sich haben will.
Und das ist der Raum in dem wir leben. Wir leben im Raum der Liebe Gottes, wir leben aus dieser Liebe Gottes jeder einzelne von uns ganz persönlich.
Und weil wir in diesen Raum leben, können wir diese Liebe auch weiter geben. Und nichts anderes ist denn auch das, was der Johannesbrief den Christen vor Augen führen will. Ihr lebt im Raum der Liebe, unverdienter maßen, ihr seid beschenkt von der Fülle der Liebe Gottes, dann behaltet sie nicht für euch, als sei es ein individuelles Geschenk, das keine Bedeutung für andere hat. Ganz im Gegenteil.
Vielleicht wird das ein wenig deutlich, wenn wir unserem Bibeltext einmal so hören, dass wir das Wort Liebe immer mit Gott in Beziehung setzen.
Ihr von Gott Geliebten, lasst uns einander die Liebe Gottes weitergeben. Denn die Liebe ist von Gott. Und wer Gottes Liebe weiter trägt, der zeigt, dass er von Gott geboren ist und Gott kennt. Wer Gottes Liebe nicht weiter trägt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe, die allen Menschen gilt.
Ihr von Gott Geliebten. Wenn Gott uns allen so nahe ist, dann sollen auch wir einander diese Nähe Gottes zeigen. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander Gottes Nähe zeigen, so bleibt Gott in uns allen lebendig und seine Liebe wird in uns vollkommen.
Ich denke, darin wird es deutlich, dass der Auftrag der Liebe letztlich kein Auftrag aus sich selber heraus ist, den es einfach zu erfüllen gilt, sondern es ist die Antwort auf das zuvorkommende Handeln Gottes. Weil Gott seine ganze Liebe geschenkt hat, weil er längst liebend an uns gehandelt hat, darum ist es gleichsam automatische Antwort des Glaubenden, diese Liebe für andere sichtbar werden zu lassen.
Wie wichtig dies ist, das erleben wir gerade in den letzten Tagen, aber es wird überall deutlich, wo Terror geschieht. Die Achtung des Menschen, das Wissen darum, dass der Mensch etwas unendlich wertvolles ist, ist Ausdruck der Liebe Gottes. Ein Glaube, ein Ideologie, die das nicht sieht und dementsprechend unmenschlich handelt, dass Kinder und andere Unschuldige vom ideologischen Handeln so missachtet werden, der hat auch nichts mit dem Gott zu tun, der die Liebe ist. Wer diesem Gott verpflichtet ist, der kann nur aufbauend handeln, der sieht sich gefordert, die Menschlichkeit zu fördern und dem unmenschlichen Handeln entgegenzustehen. Einsatz für die Menschen, für die Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse, gegen Terror und Gewalt, gegen Hunger und Not ist das, was Johannes in dem Satz sagt: Lasst uns einander lieben.
Lasst uns einander lieben, das heißt dann auch Versöhnung weiter tragen. Nach dem Vorbild Gottes geht das sogar soweit, dass wir nicht nur darauf warten, dass der schuldige kommt und um Entschuldigung bittet, sondern aus der Liebe Gottes leben heißt auch: dem Schuldigen entgegengehen, als Geschädigter den ersten Schritt machen, die Hand reichen, um so der Liebe, dem Versöhnungswillen Gottes Raum zu geben. Das ist verdammt schwer, da muss man manchmal sehr hoch und weit über seinen Schatten springen. Aber nur so kann es auch gelingen, dass Liebe wirklich Raum gewinnt, dass diese Welt eben nicht im Gegeneinander stecken bleibt, sondern in seiner Gesamtverantwortung aufeinander zu wächst. Jesus hat dies aber deutlich gemacht vor allem in der absoluten Zuspitzung der Liebe in der Feindesliebe. Den Feind als Geliebten Gottes ansehen, ihn nicht behaften nur auf seine Taten hin, sondern ihn ansehen als gleich bedeutsames Gegenüber vor Gott, das verändert das Leben. Der barmherzige Samariter, von dem wir gehört haben, war Ausländer, religiöser Feind, doch er ist das Beispiel für caritatives, oder auf deutsch: liebevolles Handeln.
Und dieses Handeln aus der Liebe heraus können wir auch auf die ganze Schöpfung übertragen. „Objektbezogene Liebe„ nannte das Lexikon das. Die Schöpfung ist Gott wichtig. „Sie es war sehr gut.“ heißt es. Sie so zu bewahren, ist antwortendes Liebeshandeln des Menschen. Für Gerechtigkeit einzutreten, den Frieden zu fördern, all das sind Handlungen aus Liebe heraus, aus dem Glauben und Bewusstsein, sich selber als geliebt und angenommen zu wissen und der Botschaft unseres Gottes trauen.
Man kann die Liebe nicht beschreiben, aber wir haben viele Möglichkeiten, sie sichtbar zu machen, indem wir uns von Gottes Botschaft, vom Vorbild Jesu Christi leiten lassen.
Liebe kann man nicht befehlen, aber wir können uns daran erinnern lassen, was Gott an uns getan hat und tut, auf dass wir uns davon anrühren lassen, es weiter zu geben, nicht immer als Zeichen eigener gefühlvoller Zuneigung, aber als Zeichen der liebevollen Zuwendung Gott zu uns und allen Menschen. In diesem Sinne, ihr geliebten Gottes, hat Gott uns so geliebt, dann lasst uns auch untereinander lieben. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 166, 1, 2, 5, 6
Psalm 112, 5-9
Eingangsliturgie
Gebet: EGb S 375 Gebet 1
Lesung: Lk 10, 25-37
Lied: 612, 1-5
Lesung: 1 Joh 7, 12
Glaubensbekenntnis
Lied: 401,1-4
Predigt
Lied: 613, 1-3
Abkündigungen
Fürbittengebet
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt 

5. 9. 2004

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