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1. Joh 4, 16b - 21

Wir haben heute Europawahl. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber so richtig tief beschäftigt mich diese Wahl nicht. Natürlich weiß ich, dass dieses Parlament eine große Bedeutung hat, denn viele Bereiche unseres Lebens werden von diesem Parlament bestimmt: an erste Stelle die Landwirtschaft, aber auch Fragen der Nahrungsmittel, des Verkehrs, des Handels und der Wirtschaft. Ja an vielen Stellen ärgern wir uns ja auch darüber, dass Entscheidungen der EU unsere Gesetze berühren, verändern oder gar zunichte machen. Und an vielen Stellen ärgern wir uns über die EU, viele auch darüber, dass wir sehr viel Geld für diese Gemeinschaft investieren. Die Wahlwerbung der kleinen Parteien haben gerade diesen Punkt immer wieder angeschnitten. Ich komme darauf auch noch mal zurück.
Ein ganz bedeutsamer Punkt, der in der vergangenen Zeit im Mittelpunkt des europäischen Denkens steht, ist die Verfassung Europas. Über sie wird viel gesprochen und sie ist gewiss ein ganz wichtiges Dokument, um die Grundlage des gemeinsamen Lebens so vieler verschiedener Staaten zu ordnen. Aus der Sicht der Kirchen ist dabei die Frage nach dem Gottesbezug in der Verfassung immer wieder ein Punkt, der zur Diskussion Anlass gibt. So möchten gerne viele Menschen, dass die christliche Prägung unseres Lebensraumes sich darin äußert, dass das Leben in der Verantwortung vor Gott zum Ausdruck kommt.
Natürlich würde ich mich als Pfarrer darüber freuen, wenn unser Glaube an den dreieinigen Gott und die Lebensverantwortung vor ihm seinen Platz bekäme. Dies wäre nicht nur eine Würdigung des christlichen Glaubens, sondern auch ein wichtiges Element, um einen Geist der Gemeinschaft in Europa zu fördern. Nur ist natürlich die Frage, ob dieser Bezug zu Gott in den Buchstaben eines Verfassungswerkes wirklich Sinn macht, wenn Menschen unterschiedlicher Glaubensherkunft hier vereint werden.
Was kann der Gottesbezug wirklich erreichen?
Ist es nicht oft so, dass der Bezug zu Gott leichtfertig dahin gesagt wird und in den konkreten Fragen dieser Bezug aus dem Blickfeld gerät? Und welcher Gott ist damit dann gemeint? Für uns wäre es der christliche Gott, also der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat? Können muslimische Menschen, Menschen ohne religiöse Bindung damit überhaupt etwas anfangen? Ist nicht eine solche Formulierung dann völlig ohne Bedeutung? Denn man kann ja nicht von Verfassungs wegen jemanden zu einem bestimmten Glauben zwingen, wenn man auf der anderen Seite Religionsfreiheit deutlich machen möchte.
Ich bin nicht davon überzeugt, dass ein einfacher Satz wie: Alles Handeln geschieht in der Verantwortung vor Gott wirklich tragend ist. Darin wird Glaube nicht gestärkt oder bedeutsamer gemacht. Wir können den Glauben an Gott nicht durch die Verfassung stärken, aber wir können eine Verfassung stärken, wenn wir sie aus dem Gedankengut des christlichen Glaubens immer wieder stärken und durch den Dienst am Menschen aus der Verantwortung vor Gott heraus lebendig machen. Für mich wäre es viel sinnvoller, dass wir als Christen deutlich machten, warum wir die Werte der Union für wichtig halten, wie wir sie lebendig machen wollen und wer uns darin Stärke, Kraft und Richtung gibt.
Und wenn man genau hinschaut, dann stecken gerade in den Werten der EU viele christliche Anliegen drin. So heißt es im Artikel I-2: Die Werte der Union
Die Werte, auf denen die Union sich gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.
An erster Stelle steht die Achtung der Menschenwürde. Dieser Gedanke ist ein zutiefst biblischer, ein zutiefst christlicher Gedanke. Wenn wir danach fragen, was die Würde des Menschen ausmacht, so erreicht nämlich gerade das christlich-biblische Menschenbild in seiner spezifischen Ausprägung die größte Tiefe dieses Gedankens. Der Mensch hat nämlich nicht seine besondere Würde, weil er ein denkendes Wesen ist, dass sich selbst reflektieren kann. Dies würde all solche Menschen beiseiteschieben, denen die geistigen Fähigkeiten abhanden gekommen sind. Nein, die Menschenwürde liegt beschlossen in Gott, der uns von außen diese Würde zuspricht. Die Würde des Menschen ist so hoch wie nur irgendetwas einzuschätzen, weil Gott sie uns gibt und im Wirken seines Sohnes Jesus Christus immer wieder an erste Stelle gestellt hat. Würde des Menschen, das heißt, jeder Mensch genießt von Gott her größte Anerkennung und er darf in dieser Würde nicht angetastet werden. Bei Jesus kann man dies sehen in seinem Umgang mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft, denen die sich gegen Gott selber vergangen haben bis hin zu denen, die ihn ans Kreuz gebracht haben. In allen Bereichen hat Jesus deutlich gemacht, dass jeder in seiner Menschenwürde unantastbar ist, weil eben nicht der Mensch das Kriterium ist, sondern Gott diese Würde ausspricht. Insofern liegt in der Achtung der Menschenwürde in seiner Tiefendimension die Verantwortung vor Gott mit drin. Wir Menschen haben dies in unserem irdischen Bereich zu kontrollieren, haben zu maßregeln und uns immer wieder dafür einzusetzen, in allem, was Menschen betrifft.
Ihren tiefsten Grund hat diese Menschenwürde in der Liebe Gottes. Und damit sind wir auch bei unserem heutigen Predigttext, in dem dies ausgesprochen wird.
Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Die Achtung der Menschenwürde ist die Achtung des Menschen, der von Gott her unendlich geliebt ist, es ist die Achtung dessen, dass Gottes liebende Zuwendung höheren Rang hat vor allen menschlichen Gedanken zum diesem Thema. Jede menschliche Begrenzung der Würde des Menschen führt letztlich dazu, dass wir unmenschlich werden, dass persönliche Maßstäbe Oberhand gewinnen. Wer den Begriff der Menschenwürde wirklich grenzenlos ansehen will, der kann dies nicht ohne das christliche Denken tun. Insofern ist gerade in diesem Gedanken das besondere christliche Erbe enthalten. Und es gilt für die Politiker, eben dieses Erbe lebendig zu machen, auch ohne einen direkten Gottesbezug.
Die weiteren Werte, auf denen die Union sich gründet, sind die Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.
Freiheit ist ein ebenso wichtiges christliches Anliegen. Jesus Christus ist für die Freiheit des Menschen gestorben, für die Freiheit vom Gesetz, von menschlichen Grenzen des Denken, von begrenzenden Gedanken. Jesus will uns führen in die Freiheit der Liebe, der Zuwendung und der unbegrenzten Gemeinschaft. Dies alles ist notwendig in einer so großen Gesellschaft, wie die EU es ist, wobei diese Werte nicht auf die europäische Union beschränkt ist. Darin sind auch eingeschlossen die Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung. Das sind christliche Werte, die sicher auch in Gedanken nichtchristlicher Denker auftauchen. Aber sie bekommen eben ihre Tiefe erst darin, dass wir uns Menschen nicht von uns selber her sehen, sondern dass wir diese Werte als solche Verstehen, die von Gott her ihre Mitte haben. Gerechtigkeit ist nämlich nicht immer, dass jeder dasselbe erhält, sondern gerecht ist, das jedem zukommt, was für ihn gut ist, was für sein Überleben nötig ist und was den anderen nicht an die Seite drückt. Gottes Gerechtigkeit ist eine solche Gerechtigkeit, die nicht Gleichmacherei ist, sondern eine Gerechtigkeit der Zugewandtheit, der Lebensermöglichung für jedermann. Das meint letztlich auch Solidarität. Und das ist der Punkt, den ich zu Beginn schon einmal benannt habe und auf den ich zurückkommen wollte. Wir ärgern uns über die Beiträge zur EU. Wir haben so viel Probleme in unserem Land und bezahlen dorthin so viel. Solidarität und Gerechtigkeit heißt, dass ein reiches Land wie wir unsere besondere Aufgabe auch haben, diese Gemeinschaft zu stärken. Gerade eine Gemeinschaft, die sich vom christlichen prägen lässt, darf nicht von der vermeintlichen Gleichheit aller ausgehen, sondern muss die besondere Situation jedes einzelnen sehen und dann können und dürfen nicht die Schwachen die Starken, sondern müssen die Starken die Schwachen tragen. Und wir sind die Starken und so ist es selbstverständlich, dass wir diese Stärke auch in der Gemeinschaft deutlich machen.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
So beschreibt die Bibel dies mit ihren Worten. In der konkreten Auslegung auf die heute Wahl hin, dann dies nicht anderes gedeutet werden, als dass wir unsere Verantwortung aus unserer Stärke heraus wahrnehmen im Dienst für die Menschen um uns herum.
Natürlich sehe ich und spüre ich auch die Angst, die uns dabei befällt. Die billigen Arbeitskräfte aus den östlichen Beitrittsländern, die das Gefüge des Arbeitsmarktes hier kaputt machen. Dieser Gedanke steht vielfach an erster Stelle. Haben wir daneben schon mal wahrgenommen, dass die anderen Angst vor uns haben. Angst vor unserer Wirtschaftmacht, Angst, den Ostmarkt einzuverleiben, Angst vor Überfremdung durch deutsches Handeln? Wie war es denn in den neuen Bundesländern: Wer hat da plötzlich das wirtschaftliche Sagen gehabt: doch zu allermeist die westlichen Handelsketten allen voran Aldi und Lidl die den Markt schnell für sich eroberten, und nicht die Ostfirmen, der Konsum oder andere. Nehmen wir einmal wahr, was da geschehen ist an innerdeutscher Überfremdung und sehen dann auf die anderen Länder, die die Angst davor in sich tragen.
Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lesen wir doch diese Sätze einmal als solche, die davon zeugen, dass nicht Angst vor den anderen das Leben bestimmen darf. Angst schafft nur Unruhe, schafft Abgrenzung, schafft Neid und Zwietracht. Die Liebe, Gott selber, will uns aber führen zu Zuversicht, zur Ruhe, zur Gemeinschaft und zum Miteinander. Und das gilt es zu fördern und zu stärken. Und das ist letztlich auch das wichtigste am Leben in Europa und für unser Leben in dieser Gemeinschaft. Nicht der verschriftete Gottesbezug macht Europa zu einem christlichen Lebensraum, sondern letztlich die Güte Gottes, die Liebe Gottes, die das Handeln der Menschen bestimmt. Letztlich gilt es für jeden Einzelnen diese beschworene Verantwortung vor Gott für sich ernst zu nehmen und ins eigene Handeln umzusetzen und so den Gottesbezug des Lebens sichtbar zu machen. Leben wir die Liebe, Leben wir aus der Liebe, lassen wir die Liebe Gottes unser Leben bestimmen, dann wird es ein Europa, in dem Gottes Geist wirkt und das ist das entscheidende. Amen

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 449,1-4
Psalm 34
Eingangsliturgie
Gebet:
Gütiger Gott!
Mit deiner Liebe umgibst du uns, mit ihr erfüllst du unser Leben. Wir bitten dich, lass uns diese Liebe immer wieder erkennen, hilf uns aus dieser Liebe zu leben, auf dass wir dir und Menschen darin gerecht werden. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung 1. Joh 4, 16b-21
Lied 412,1-4
Lesung: Lk 16, 19-31
Glaubensbekenntnis
Lied: 613, 1-3
Predigt
Lied: 221, 1-3
Feier des Abendmahles
Gott unser Vater, wir danken dir, dass du mit deiner ganzen Liebe, deiner Hinwendung und Annahme uns Menschen anrührst und wichtig achtest. Dies ist das wichtigste, was wir Menschen bekommen können und das, was unser ganzes Leben trägt. So wollen wir dich loben mit allen, die auf die auf dich vertrauen.
331, 1-2
Herr, Jesus Christus, die Abbild der Liebe Gottes, der du in deinem Handeln die Hingabe Gottes lebendig gemacht hast. Sei du bei und so wie du es verheißen hast am Tag vor deinem Tod.
Einsetzungsworte
Komm, Herr, Jesus, sei du unser Gast, segne, was du uns gegeben hast. Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe und führe du uns zusammen zur Gemeinschaft deiner Brüder und Schwestern. Als solche vereint beten wir zu dir:
Vaterunser
Gott ist die Liebe - so lebt durch in der Liebe Gottes.
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott!
Um deiner Liebe willen - lass uns anderen als Brüder und Schwestern begegnen und sie als Brüder und Schwestern ansehen.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Benachteiligten nicht aus den Augen verlieren, hilf uns sie in ihrer Würde hoch zu achten.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Traurigen trösten, dass sie gestärkt werden.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Einsamen besuchen, dass sie nicht alleine bleiben, sondern deine Liebe erfahren.
Um deiner Liebe willen - lass uns einander in Respekt begegnen, auf dass wir wirklich zueinander finden.
Um deiner Liebe willen - lass uns untereinander Frieden halten, auf dass wir eine Zukunft haben.
Um deiner Liebe willen - lass uns für Gerechtigkeit kämpfen, auf dass Neid und Hass ein Ende finden.
Um deiner Liebe willen - lass uns auf deine Schöpfung achten, auf dass auch unsere Kinder ein guten Leben haben.
Um deiner Liebe willen - stärke unsere Politiker, dass sie das Wohl der Menschen an erster Stelle sehen.
Um deiner Liebe willen - lass uns bei dir bleiben und bleibe du bei uns mit deiner ganzen Liebe.
(Nach einer Vorlage von A. Reinhold - www.kanzelgruss.de )
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt 

13. 6. 2004

Liturgischer
Ablauf
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