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Wir haben heute Europawahl. Ich weiß nicht, wie es ihnen
geht, aber so richtig tief beschäftigt mich diese Wahl nicht. Natürlich
weiß ich, dass dieses Parlament eine große Bedeutung hat, denn viele
Bereiche unseres Lebens werden von diesem Parlament bestimmt: an erste
Stelle die Landwirtschaft, aber auch Fragen der Nahrungsmittel, des
Verkehrs, des Handels und der Wirtschaft. Ja an vielen Stellen ärgern wir
uns ja auch darüber, dass Entscheidungen der EU unsere Gesetze berühren,
verändern oder gar zunichte machen. Und an vielen Stellen ärgern wir uns
über die EU, viele auch darüber, dass wir sehr viel Geld für diese
Gemeinschaft investieren. Die Wahlwerbung der kleinen Parteien haben
gerade diesen Punkt immer wieder angeschnitten. Ich komme darauf auch noch
mal zurück.
Ein ganz bedeutsamer Punkt, der in der vergangenen Zeit im Mittelpunkt des
europäischen Denkens steht, ist die Verfassung Europas. Über sie wird viel
gesprochen und sie ist gewiss ein ganz wichtiges Dokument, um die
Grundlage des gemeinsamen Lebens so vieler verschiedener Staaten zu
ordnen. Aus der Sicht der Kirchen ist dabei die Frage nach dem Gottesbezug
in der Verfassung immer wieder ein Punkt, der zur Diskussion Anlass gibt.
So möchten gerne viele Menschen, dass die christliche Prägung unseres
Lebensraumes sich darin äußert, dass das Leben in der Verantwortung vor
Gott zum Ausdruck kommt.
Natürlich würde ich mich als Pfarrer darüber freuen, wenn unser Glaube an
den dreieinigen Gott und die Lebensverantwortung vor ihm seinen Platz
bekäme. Dies wäre nicht nur eine Würdigung des christlichen Glaubens,
sondern auch ein wichtiges Element, um einen Geist der Gemeinschaft in
Europa zu fördern. Nur ist natürlich die Frage, ob dieser Bezug zu Gott in
den Buchstaben eines Verfassungswerkes wirklich Sinn macht, wenn Menschen
unterschiedlicher Glaubensherkunft hier vereint werden.
Was kann der Gottesbezug wirklich erreichen?
Ist es nicht oft so, dass der Bezug zu Gott leichtfertig dahin gesagt wird
und in den konkreten Fragen dieser Bezug aus dem Blickfeld gerät? Und
welcher Gott ist damit dann gemeint? Für uns wäre es der christliche Gott,
also der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat? Können
muslimische Menschen, Menschen ohne religiöse Bindung damit überhaupt
etwas anfangen? Ist nicht eine solche Formulierung dann völlig ohne
Bedeutung? Denn man kann ja nicht von Verfassungs wegen jemanden zu einem
bestimmten Glauben zwingen, wenn man auf der anderen Seite
Religionsfreiheit deutlich machen möchte.
Ich bin nicht davon überzeugt, dass ein einfacher Satz wie: Alles Handeln
geschieht in der Verantwortung vor Gott wirklich tragend ist. Darin wird
Glaube nicht gestärkt oder bedeutsamer gemacht. Wir können den Glauben an
Gott nicht durch die Verfassung stärken, aber wir können eine Verfassung
stärken, wenn wir sie aus dem Gedankengut des christlichen Glaubens immer
wieder stärken und durch den Dienst am Menschen aus der Verantwortung vor
Gott heraus lebendig machen. Für mich wäre es viel sinnvoller, dass wir
als Christen deutlich machten, warum wir die Werte der Union für wichtig
halten, wie wir sie lebendig machen wollen und wer uns darin Stärke, Kraft
und Richtung gibt.
Und wenn man genau hinschaut, dann stecken gerade in den Werten der EU
viele christliche Anliegen drin. So heißt es im Artikel I-2: Die Werte der
Union
Die Werte, auf denen die Union sich gründet, sind die Achtung der
Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und
die Wahrung der Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in
einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz,
Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.
An erster Stelle steht die Achtung der Menschenwürde. Dieser Gedanke ist
ein zutiefst biblischer, ein zutiefst christlicher Gedanke. Wenn wir
danach fragen, was die Würde des Menschen ausmacht, so erreicht nämlich
gerade das christlich-biblische Menschenbild in seiner spezifischen
Ausprägung die größte Tiefe dieses Gedankens. Der Mensch hat nämlich nicht
seine besondere Würde, weil er ein denkendes Wesen ist, dass sich selbst
reflektieren kann. Dies würde all solche Menschen beiseiteschieben, denen
die geistigen Fähigkeiten abhanden gekommen sind. Nein, die Menschenwürde
liegt beschlossen in Gott, der uns von außen diese Würde zuspricht. Die
Würde des Menschen ist so hoch wie nur irgendetwas einzuschätzen, weil
Gott sie uns gibt und im Wirken seines Sohnes Jesus Christus immer wieder
an erste Stelle gestellt hat. Würde des Menschen, das heißt, jeder Mensch
genießt von Gott her größte Anerkennung und er darf in dieser Würde nicht
angetastet werden. Bei Jesus kann man dies sehen in seinem Umgang mit den
Ausgestoßenen der Gesellschaft, denen die sich gegen Gott selber vergangen
haben bis hin zu denen, die ihn ans Kreuz gebracht haben. In allen
Bereichen hat Jesus deutlich gemacht, dass jeder in seiner Menschenwürde
unantastbar ist, weil eben nicht der Mensch das Kriterium ist, sondern
Gott diese Würde ausspricht. Insofern liegt in der Achtung der
Menschenwürde in seiner Tiefendimension die Verantwortung vor Gott mit
drin. Wir Menschen haben dies in unserem irdischen Bereich zu
kontrollieren, haben zu maßregeln und uns immer wieder dafür einzusetzen,
in allem, was Menschen betrifft.
Ihren tiefsten Grund hat diese Menschenwürde in der Liebe Gottes. Und
damit sind wir auch bei unserem heutigen Predigttext, in dem dies
ausgesprochen wird.
Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott
ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in
ihm. Die Achtung der Menschenwürde ist die Achtung des Menschen, der von
Gott her unendlich geliebt ist, es ist die Achtung dessen, dass Gottes
liebende Zuwendung höheren Rang hat vor allen menschlichen Gedanken zum
diesem Thema. Jede menschliche Begrenzung der Würde des Menschen führt
letztlich dazu, dass wir unmenschlich werden, dass persönliche Maßstäbe
Oberhand gewinnen. Wer den Begriff der Menschenwürde wirklich grenzenlos
ansehen will, der kann dies nicht ohne das christliche Denken tun.
Insofern ist gerade in diesem Gedanken das besondere christliche Erbe
enthalten. Und es gilt für die Politiker, eben dieses Erbe lebendig zu
machen, auch ohne einen direkten Gottesbezug.
Die weiteren Werte, auf denen die Union sich gründet, sind die Freiheit,
Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der
Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer
Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz,
Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.
Freiheit ist ein ebenso wichtiges christliches Anliegen. Jesus Christus
ist für die Freiheit des Menschen gestorben, für die Freiheit vom Gesetz,
von menschlichen Grenzen des Denken, von begrenzenden Gedanken. Jesus will
uns führen in die Freiheit der Liebe, der Zuwendung und der unbegrenzten
Gemeinschaft. Dies alles ist notwendig in einer so großen Gesellschaft,
wie die EU es ist, wobei diese Werte nicht auf die europäische Union
beschränkt ist. Darin sind auch eingeschlossen die Werte wie
Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung. Das sind christliche
Werte, die sicher auch in Gedanken nichtchristlicher Denker auftauchen.
Aber sie bekommen eben ihre Tiefe erst darin, dass wir uns Menschen nicht
von uns selber her sehen, sondern dass wir diese Werte als solche
Verstehen, die von Gott her ihre Mitte haben. Gerechtigkeit ist nämlich
nicht immer, dass jeder dasselbe erhält, sondern gerecht ist, das jedem
zukommt, was für ihn gut ist, was für sein Überleben nötig ist und was den
anderen nicht an die Seite drückt. Gottes Gerechtigkeit ist eine solche
Gerechtigkeit, die nicht Gleichmacherei ist, sondern eine Gerechtigkeit
der Zugewandtheit, der Lebensermöglichung für jedermann. Das meint
letztlich auch Solidarität. Und das ist der Punkt, den ich zu Beginn schon
einmal benannt habe und auf den ich zurückkommen wollte. Wir ärgern uns
über die Beiträge zur EU. Wir haben so viel Probleme in unserem Land und
bezahlen dorthin so viel. Solidarität und Gerechtigkeit heißt, dass ein
reiches Land wie wir unsere besondere Aufgabe auch haben, diese
Gemeinschaft zu stärken. Gerade eine Gemeinschaft, die sich vom
christlichen prägen lässt, darf nicht von der vermeintlichen Gleichheit
aller ausgehen, sondern muss die besondere Situation jedes einzelnen sehen
und dann können und dürfen nicht die Schwachen die Starken, sondern müssen
die Starken die Schwachen tragen. Und wir sind die Starken und so ist es
selbstverständlich, dass wir diese Stärke auch in der Gemeinschaft
deutlich machen.
Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich
liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen
Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht
sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der
auch seinen Bruder liebe.
So beschreibt die Bibel dies mit ihren Worten. In der konkreten Auslegung
auf die heute Wahl hin, dann dies nicht anderes gedeutet werden, als dass
wir unsere Verantwortung aus unserer Stärke heraus wahrnehmen im Dienst
für die Menschen um uns herum.
Natürlich sehe ich und spüre ich auch die Angst, die uns dabei befällt.
Die billigen Arbeitskräfte aus den östlichen Beitrittsländern, die das
Gefüge des Arbeitsmarktes hier kaputt machen. Dieser Gedanke steht
vielfach an erster Stelle. Haben wir daneben schon mal wahrgenommen, dass
die anderen Angst vor uns haben. Angst vor unserer Wirtschaftmacht, Angst,
den Ostmarkt einzuverleiben, Angst vor Überfremdung durch deutsches
Handeln? Wie war es denn in den neuen Bundesländern: Wer hat da plötzlich
das wirtschaftliche Sagen gehabt: doch zu allermeist die westlichen
Handelsketten allen voran Aldi und Lidl die den Markt schnell für sich
eroberten, und nicht die Ostfirmen, der Konsum oder andere. Nehmen wir
einmal wahr, was da geschehen ist an innerdeutscher Überfremdung und sehen
dann auf die anderen Länder, die die Angst davor in sich tragen.
Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag
des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist
nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus;
denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht
vollkommen in der Liebe. Lesen wir doch diese Sätze einmal als solche, die
davon zeugen, dass nicht Angst vor den anderen das Leben bestimmen darf.
Angst schafft nur Unruhe, schafft Abgrenzung, schafft Neid und Zwietracht.
Die Liebe, Gott selber, will uns aber führen zu Zuversicht, zur Ruhe, zur
Gemeinschaft und zum Miteinander. Und das gilt es zu fördern und zu
stärken. Und das ist letztlich auch das wichtigste am Leben in Europa und
für unser Leben in dieser Gemeinschaft. Nicht der verschriftete
Gottesbezug macht Europa zu einem christlichen Lebensraum, sondern
letztlich die Güte Gottes, die Liebe Gottes, die das Handeln der Menschen
bestimmt. Letztlich gilt es für jeden Einzelnen diese beschworene
Verantwortung vor Gott für sich ernst zu nehmen und ins eigene Handeln
umzusetzen und so den Gottesbezug des Lebens sichtbar zu machen. Leben wir
die Liebe, Leben wir aus der Liebe, lassen wir die Liebe Gottes unser
Leben bestimmen, dann wird es ein Europa, in dem Gottes Geist wirkt und
das ist das entscheidende. Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 449,1-4
Psalm 34
Eingangsliturgie
Gebet:
Gütiger Gott!
Mit deiner Liebe umgibst du uns, mit ihr erfüllst du unser Leben. Wir
bitten dich, lass uns diese Liebe immer wieder erkennen, hilf uns aus
dieser Liebe zu leben, auf dass wir dir und Menschen darin gerecht werden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn und Bruder, der mit
dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
Lesung 1. Joh 4, 16b-21
Lied 412,1-4
Lesung: Lk 16, 19-31
Glaubensbekenntnis
Lied: 613, 1-3
Predigt
Lied: 221, 1-3
Feier des Abendmahles
Gott unser Vater, wir danken dir, dass du mit deiner ganzen Liebe, deiner
Hinwendung und Annahme uns Menschen anrührst und wichtig achtest. Dies ist
das wichtigste, was wir Menschen bekommen können und das, was unser ganzes
Leben trägt. So wollen wir dich loben mit allen, die auf die auf dich
vertrauen.
331, 1-2
Herr, Jesus Christus, die Abbild der Liebe Gottes, der du in deinem
Handeln die Hingabe Gottes lebendig gemacht hast. Sei du bei und so wie du
es verheißen hast am Tag vor deinem Tod.
Einsetzungsworte
Komm, Herr, Jesus, sei du unser Gast, segne, was du uns gegeben hast.
Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe und führe du uns zusammen zur
Gemeinschaft deiner Brüder und Schwestern. Als solche vereint beten wir zu
dir:
Vaterunser
Gott ist die Liebe - so lebt durch in der Liebe Gottes.
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott!
Um deiner Liebe willen - lass uns anderen als Brüder und Schwestern
begegnen und sie als Brüder und Schwestern ansehen.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Benachteiligten nicht aus den Augen
verlieren, hilf uns sie in ihrer Würde hoch zu achten.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Traurigen trösten, dass sie gestärkt
werden.
Um deiner Liebe willen - lass uns die Einsamen besuchen, dass sie nicht
alleine bleiben, sondern deine Liebe erfahren.
Um deiner Liebe willen - lass uns einander in Respekt begegnen, auf dass
wir wirklich zueinander finden.
Um deiner Liebe willen - lass uns untereinander Frieden halten, auf dass
wir eine Zukunft haben.
Um deiner Liebe willen - lass uns für Gerechtigkeit kämpfen, auf dass Neid
und Hass ein Ende finden.
Um deiner Liebe willen - lass uns auf deine Schöpfung achten, auf dass
auch unsere Kinder ein guten Leben haben.
Um deiner Liebe willen - stärke unsere Politiker, dass sie das Wohl der
Menschen an erster Stelle sehen.
Um deiner Liebe willen - lass uns bei dir bleiben und bleibe du bei uns
mit deiner ganzen Liebe.
(Nach einer Vorlage von A. Reinhold -
www.kanzelgruss.de
)
Segen
163
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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