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1. Joh 2, 12-17

Am Ende unsere heutigen Predigtabschnittes aus dem 1. Johannesbrief heißt es:
Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.
Wenn man diese Gedanken hört, dann könnte man auf den Gedanken kommen, das ein wahrhaft christliches Leben nur gelebt werden kann, wenn man sich aus der Welt zurückzieht. Unsere Liebe soll nicht dieser Welt gelten, nicht dem was in der Welt ist. Das würde also bedeuten: Glaubensleben geschieht am besten außerhalb dieser Welt.
Solche Gedanken gab es schon sehr früh. Vor allem nachdem das Christentum im Jahre 324 Staatsreligion wurde, gab es Menschen, die für sich gesagt haben, man muss anders leben. Nun es war ja auch so, dass Menschen zwangsgetauft wurde, dass das Christentum eine übergestülpte Religion wurden. Es gab keine bewusste Entscheidung dafür, keine Bekehrung - wie immer die auch ausgesehen haben mag - sondern man gehörte einfach dazu. Jetzt wurde man eben Teil des Christentums.
Darüber waren Menschen, die sehr mit diesem Glauben verbunden waren und darin lebten, sehr unzufrieden. Sie wollten diesen christlichen Glauben sehr ernsthaft und vollkommen leben, so wie es die Bibel an vielen Stellen zum Ausdruck bringt, wie auch in diesem Johannesbrief.
Schon zuvor gab es immer wieder einzelne Menschen, die Als so genannte Eremiten lebten, in Einsamkeit und ganz für sich und ihren Glauben. Später gab es Gruppen von Eremiten und dann auch solchen, die in Gemeinschaft christliches Leben gestalten wollten. Daraus entwickelten sich dann klösterliche Lebensformen. In der Einsamkeit und Zurückgezogenheit wollten diese Menschen leben, unbehelligt von den vielen alltäglichen Fragen. Ora et labora, das war die Grundregel der Benediktiner, die sich im 6. Jhd um den Heiligen Benedikt scharten. Er begründete das mittelalterliche Mönchswesen.
Schaut man sich andere Religionen an oder auch esoterische Kreise heutiger Zeit, so findet man dieses Phänomen eigentlich überall. Um seine innere Mitte zu finden, um seine religiösen Erfahrungen zu machen, muss man sich zurückziehen. Es braucht Ruhe, Abgeschiedenheit, ein Ort ohne Ablenkungen und hoher Konzentrationsmöglichkeit.
Ich muss allerdings sagen, dass oft als Widerspruch zum Weg Gottes empfinde, wenn ein solche Gedanken geäußert wird, dass wir die Welt nicht lieben dürfen.
Die grundlegenden Aussagen des Glaubens beziehen sich doch gerade darauf, dass Gott diese Welt liebt. Ich glaube an Gott den Schöpfer. Er hat diese Welt geschaffen, sagen wir. Gott wollte diese Welt und er wollte sie für die Menschen. Um ihretwillen hat er sie geschaffen, sagen sogar einige im Blick auf die beiden Schöpfungsberichte. Der Mensch, die Krone oder der Anfang der Schöpfung. Gott wollte ein Gegenüber haben und für ihn hat er diese Welt geschaffen.
Wir glauben an Jesus Christus. In ihm, so sagt unser Glaube ist Gott Mensch geworden. Er ist in diese Welt hineingekommen, hat in ihr gelebt. Er ist Teil dieser Welt und hat selber das freudig angenommen, was die Welt zu bieten hat. Ich finde es immer wieder sichtig darauf hinzuweisen, dass Jesus als Fresser und Säufer beschimpft wurde. Er scheint also fröhlich gefeiert zu haben mit seinen Freunde und mit denen, mit denen er so zusammengesessen hat. Er hat also nicht gesagt: das dürft ihr nicht, sondern hat deutlich gemacht: dies ist Teil der Welt, Geschenk Gottes, so lasst es uns in Freude und Fröhlichkeit genießen. Jesus ist nicht als weltfremder Gottes Sohn in diese Welt eingegangen, um die verlorenen Seele aus dieser so gottlosen Welt zu retten, sondern er hat sich ganz in diese Welt hineingegeben, hat Gott seinen Platz inmitten dieser Welt gegeben, ja er ist am Schluss sogar in die Tiefen dieser Welt eingedrungen, um so die Nähe Gottes auch in dieses Erfahrungen unseres Lebens vor Augen zu stellen.
Das ist doch keine Weltflucht, sondern Glaubensleben inmitten dieser Welt. Jesus lebte von der Liebe zu der Welt und den Menschen, die in dieser Welt ihr Leben gestalten. Insofern möchte ich dem Schreiber des Johannesbriefes auf der einen Seite widersprechen: die Liebe zur Welt ist nicht das Gegenteil der Gottesliebe. Liebe zu Gott schließt eine Liebe zur Welt, eine Liebe zu den Menschen ein. Gottesliebe geht für mich nicht ohne Liebe zur Schöpfung. Wer von Liebe zu Gott redet, der hat auch die Bewahrung der Schöpfung im Blick zu haben. Im Glauben an Gott geht es auch um die Liebe zu den Menschen und um den Einsatz für den Menschen. Alles, was dem Leben von Menschen widerspricht: vor allem Gewalt, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. gilt es im Sinne der Liebe Gottes zur Welt und zur Gerechtigkeit in der Welt anzuprangern und zu verändern. Das ist unsere Aufgabe in dieser Welt und für diese Welt. Der Friede Gottes ist Aufgabe in der Welt, ist unsere menschliche Aufgabe mit den begrenzten Möglichkeiten, die wir haben. Und das können wir nicht erreichen, wenn wir aus dieser Welt ausbrechen und fliehen, sondern nur, wenn wir in ihr tätig sind und ganz wachsam darauf achten, was in dieser Welt geschieht. Weltflucht wäre unter diesem Blickwinkel nicht im Sinne der biblischen Botschaft.
Nun möchte ich aber die Worte der Bibel auch in unserem heutigen Predigttext ernst nehmen. Sie reizen mit zum Widerspruch, aber es liegt darin auch ein Anliegen des Briefschreibers, das ich aufnehmen und stark machen möchte. Denn die Geschichte und auch die Gegenwart zeigt ja, dass der Rückzug aus der Welt, die kritische Distanz zu dem, was geschieht, auch seine Bedeutung hat. Und darin sehe ich die bedenkenswerte Seite des Angesprochenen.
Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.
Was der Johannesbrief hier anspricht, ist, dass es in dieser Welt Versuchungen gibt, die uns gefangen nehmen, die uns letztlich abbringen von der Liebe zur Welt, wie Jesus sie gelebt hat. Es gibt in unserer Welt ungeheuer vieles, wo man sagen muss, dass dies etwas ist, wogegen man sich wehren muss. Der Johannesbrief schreibt von der Fleisches Lust. Viele sehen darin wieder die typisch kirchliche Ablehnung der Sexualität. Das ist aber keineswegs so. Sexualität ist eine gute Gabe Gottes, die wir nicht zu verachten brauchen. Aber es gibt Formen der Sexualität, die dem Geist Gottes und der Liebe widersprechen, die das Gegenüber der Sexualität nicht als eigenständige, liebenswerte Person anerkennt. Und das geschieht immer dort, wo Menschen einen anderen Menschen zum Objekt der eigenen Lust degradieren. Das geschieht vor allem im verbrecherischen Bereich, bei Vergewaltigung und Kindesmissbrauch, aber auch in manch anderen Bereichen, wo die Würde des anderen mit Füßen getreten wird. Christlicher Glaube hält ja gerade die Würde des anderen hoch und deshalb gehört es für Christen dazu, die in allen Bereichen des Lebens zu achten, auch in der Sexualität. Oft genug wird dies verletzt und in den Filmen unserer Tage für viele als durchaus legitimen Umgang mit Menschen dargestellt. Sich dieser Welt zu entziehen, sich gegen eine solche Weltsicht zu stellen, dafür kann ich gut eintreten. Diese Welt zu fliehen, ist sicher richtig.
Als zweites nennte der erste Johannesbrief die Lust der Augen. Haben wollen, besitzen wollen, dem anderen etwas beweisen müssen im Äußeren, davon lebt diese Welt an vielen Stellen. In der Schule sind es die Markenklamotten, die man anhaben muss, um dazuzugehören. Später wird das Auto zu einem Symbol der Bedeutsamkeit. Die Werbung verspricht so vieles, womit man durch das Haben die Bedeutung seines Lebens steigern kann. Doch man kann es sicher nicht oft genug sagen: worauf bauen wir da unser Leben auf? Wie dünn ist doch dieses Eis, auf dem wir da stehen. Kann uns denn Besitz irgendetwas geben, was dem tiefsten Innern des Lebens wirklich Halt gibt? Im Heidelberger Katechismus, der auch in unserem Gesangbuch steht, lautet die erste und damit wichtigste Frage: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Kann mir irgendetwas, das ich meinen Besitz nenne, diesen Trost geben? Es ist die Lust des Lebens, schöne Dinge in Besitz zu nehmen, und wer es sich leisten kann, soll es von mir aus auch tun. Aber das, was letztlich zählt im Leben, können wir daraus nicht schöpfen. Wir brauchen eine Bindung an die wirkliche Macht des Lebens, wenn es darum geht, den Trost im Leben und im Sterben zu erlangen.
Das Dritte ist: Hoffärtiges Leben, Stolz auf Ansehen und Macht, die oft genug darauf beruht, dass andere darunter zu leiden haben. Dahinter steckt eine Stärke, die sich auf ein übersteigertes Selbstbewusstsein gründet, das den anderen aus den Augen verliert, oder gar dem anderen Anerkennung verweigert, wenn nicht dieselben Ziele verfolgt werden. Das ist ein Ichbezogenes Leben, das den Blick für den anderen verloren hat. Und auch dies widerspricht dem Glauben an Gott, der uns von Anfang an in die Gemeinschaft untereinander und Verantwortung füreinander ruft und in Christus noch einmal dieses Gemeinschaftsbewusstsein vertieft hat.
All diese genannten Punkte, die der Schreiber des Johannesbriefes da anspricht, widersprechen der Bruderliebe. In unserer Welt liegen diese Gefahren und jeder von uns ist von verschiedensten Gefahren bedroht, die in unserer Welt liegen. Doch wir entkommen diesen Gefahren nicht dadurch, dass wir dieser Welt entfliehen. Das können wir auch gar nicht. Auch im Kloster gibt es Anfechtungen dieser Welt. Wir entkommen diesen Gefahren nur dadurch, dass wir jeden Tag neu unser Vertrauen auf die Kraft der Liebe Gottes setzen. Diese Liebe bindet sich nämlich nicht an die Welt, sondern lässt sich leiten von Jesus Christus. Und darin können wir ein Stück der Ewigkeit spüren, die ja keine zeitliche, sondern eine Tiefendimension des Lebens ist. Verloren gehen wir, wenn wir gleichsam nur innerweltlich denken, leben und handeln. Wirkliche Tiefe des Leben und darin unendliche Zukunft und damit den Trost im Leben und im Sterben gewinnen wir, wo wir die Welt liebend übersteigen durch unseren Glauben, durch das Vertrauen zu dem lebendigen Gott, der diese Welt mit seiner Liebe umschlossen hat. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Begrüßung - Orgelvorspiel
Lied: 443,1-4
Psalm 143, 1-10 EG 755
Eingangsliturgie - Gebet:
EGb 395 - 1. Gebet
Lesung: 1. Joh 2, 12-17
Lied: 404, 1, 3, 7+8
Lesung: Micha 6, 6-8
Glaubensbekenntnis
Lied: 390,1-3
Predigt
Lied: 603,1-3
Abkündigungen - Fürbittengebet
Treuer Gott!
Du schaffst und erhältst unser Leben. Wir bitten dich, nimm uns unter deinen Schutz. Wehre all den Mächten, die das Leben bedrohen, bring uns deinen Frieden.
Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die sich und ihren Körper verkaufen müssen, die von der Macht anderer bis ins Körperliche hinein missbraucht werden, lass sie dennoch Achtung erleben und hilf zu Wegen aus dieser Situation. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die sich in den Angeboten dieser Welt verlieren, die ihr eigenes Ich an die Welt verkaufen. Hilf ihnen zu erkennen, dass die Bedeutung ihres Lebens ganz woanders liegt. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle Menschen, die Macht und Ansehen genießen. Dass sie dies nicht eigennützig missbrauchen, sondern für das Leben dieser Welt einsetzen. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die unter den Bedrückungen des Lebens leiden. Für die Kranken in unseren Familien und Dörfern, für alle, die von Sorgen und Ängsten um andere geplagt sind. Gib ihnen Stärke und Hilfe in dieser Zeit. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und
Gustedt
22.n.Trin.
27.10.2002
Liturgischer
Ablauf
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