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Grundlage der Predigt: Text von Kalil Gibran - Von den Kindern
(aus: Der Prophet)

Wer Kinder hat reagiert sicher immer feinfühlig auf das, was Menschen über Kinder äußern. Vor allem dann, wenn es poetische Gedanken sind, die versuchen das Wesen der Kinder in den Blick zu nehmen.
Einer der schönsten Texte zu diesem Thema entstammt der Feder eines arabischen Schriftstellers, der 1881geboren wurde und im alter von 50 Jahren in New York gestorben ist, ich meine Khalil Gibran. In seinem Werk: der Prophet hat er unter der Überschrift: Von den Kindern folgendes geschrieben:
Und eine Frau, die ein Kind an der Brust hielt, sagte:
,,Rede uns von den Kindern.« Und er sprach also.
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
Sie kommen durch euch, doch nicht von euch;
Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eignen Gedanken.
Ihr dürft ihren Leib behausen. doch nicht ihre Seele,
Denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen.
Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen,
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilet es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.
Der Schütze sieht das Zeichen auf dem Pfade der Unendlichkeit, und Er biegt euch mit Seiner Macht, auf daß Seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Möge das Biegen in des Schützen Hand euch zur Freude gereichen;
Denn gleich wie Er den fliegenden Pfeil liebet, so liebt Er auch den Bogen, der standhaft bleibt.

Es ist ein wundervoller Text, der mich immer wieder fasziniert und einnimmt. Er steckt voller Wahrheit und Tiefe und er ist zudem zutiefst religiös ohne dies aufdringlich nach außen zu stellen.
In dieser so ansprechenden Art beginnt er allerdings auch sofort mit der härtesten Wahrheit über die Kinder:
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Wir sprechen von meinen Kindern, unseren Kindern, wir haben Kinder. Und wir würden in der Regel alles tun, um dieses mein Kind, unser Kind, dies haben zu verteidigen gegen alle Angriffe von außen. Das ist uns von der Natur so eingegeben.
Und nun sagt dieser Schriftsteller: Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch. Sie sind bei euch, und doch gehören sie euch nicht.
Kinder sind nicht unser Besitz, sie sind uns nur anvertraut. Biologisch sind die das Produkt menschlicher Zeugung und doch sind sie viel viel mehr, weshalb der Prophet auch sagen kann, sie sind nicht unsere Kinder. Es sind Söhne und Tochter von des Lebens Verlangen nach sich selber.
Und dies ist nicht nur biologisch gemeint, dass die Vermehrung zum biologischen Leben gehört. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch; das Leben, die wirkliche Tiefe des Lebens dieser Schöpfung liegt doch ganz woanders, sie liegt bei dem, der das Leben als der Schöpfer in seiner Hand hat. Kinder sind als Geschöpfte dieses Gottes von der liebenden Macht des Lebens gerufene Geschöpfe, die uns Menschen in die Hand gegeben sind, auf dass wir sie ins Leben begleiten. Anvertraut sind sie uns, sicher ein Leben lang, wenn es gut geht und die Bindung und Beziehung lebendig bleibt. Aber eben doch nur anvertraut, kein Besitz mit dem ich machen kann, was ich will, sondern ein Geschöpf Gottes, das seine ganz eigene Entwicklung macht.
Sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eignen Gedanken. Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele, denn ihre Seele wohnt im Hause von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen.
Ich denke, es ist immer eine der schmerzvollsten Erfahrungen von uns als Eltern, wenn wir dies merken, dass unsere Kinder anders sind als wir denken, wenn wir spüren, sie gehen ihren eigenen Weg. Aber das steht nun einmal von Anfang an fest: als eigenständiges Geschöpf Gottes sind unsere Kinder anders als wir, so viel sie auch von uns geerbt haben mögen. Sie sind eigenständig und unsere Aufgabe ist es, sie ins Leben zu führen, ihnen etwas mitzugeben, was ihnen hilft, in diesem Leben ihren eigenen Stand zu finden.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile entsandt werden.
Wie sehr berührt uns dies in manchen Zeiten schmerzlich, wenn wir akzeptieren müssen, wenn unsere Kinder wirklich ihre eigenen Wege gehen, die wir nicht immer nachvollziehen können. Da fliegt nun dieser Pfeil und ich kann seine Reise nicht mehr aufhalten. Unser Erziehung ist sicher ein wenig, wie der Wind, der die Bahn des Pfeile ein wenig beeinflusst, doch die Winde wehen von vielen Seiten und welcher Wind am stärksten ist, das werden wir erst am Ende sehen.
Aber gleichzeitig ist es auch ein wundervolles erleben zu sehen, wie ein Mensch sich entwickelt. Wie Kinder das Leben mit eigenen Augen wahrnehmen und darin zurechtkommen. Wie sie uns auch lehren, das Leben neu und anders wahrzunehmen. Darin liegt Faszinierendes und so vieles, für das wir unendlich dankbar sein können, selbst dann noch, wenn uns der Zorn übermannt und die Stimmung im Hause eher schlecht ist. Die Liebe zu den Kindern ist das schönste, aber sicher auch schwierigste Geschenk des Lebens, das wir erhalten.
Dass unsere Kinder nicht unsere Kinder sind, zeigt aber nicht nur die Abschieds- und Trennungssituation, in die wir immer hineingeraten. Dieser Gedanke hat auch eine sehr beruhigende Dimension. Im Vertrauen darauf, dass unsere Kinder Geschöpfe Gottes sind, bedeutet dies doch auch, dass wir die Verantwortung für das Leben dieser Kinder nicht allein in unserer Hand haben. Wir vertrauen darauf, dass Gottes Hand über unseren Kindern ist, dass neben, vor, hinter und unter ihnen die Hand des gnädigen Gottes ist, der dieses Leben trägt, begleitet und vollendet.
Wir werden gebraucht von Gott als Eltern, als der Bogen, der den Pfeil mit Schwung ins Leben befördert. Dazu braucht Gott unsere ganze Kraft, unsere Beweglichkeit, all unsere Sorge für die Kinder, die wir ins Leben begleiten. Er biegt euch mit Seiner Macht, auf dass Seine Pfeile schnell und weit fliegen. Aber die Verantwortung für den Schuss, für den Weg des Pfeiles, für das Ziel, auf das der Pfeil zusteuert, die hat der Schütze, der der den Bogen nutzt, um den Pfeil abzuschießen. So sehr wir menschlich den Weg unserer Kinder begleiten mit allem, wozu wir fähig sind, noch mehr ist es das Wirken Gottes, dem wir unsere Kinder als die fliegenden Pfeile anvertrauen. Darin liegt Ungewissheit, denn wir wissen die Weg Gottes nicht. Aber darin liegt auch Festigkeit, denn wir vertrauen diesem Gott, dass er das Leben zum Guten führen will. Wir vertrauen darauf, dass die Liebe Gottes als die unendliche Kraft des Lebens feststeht und dass sie unsere Kinder, dass sie jeden von uns begleitet.
Denn gleich wie Er den fliegenden Pfeil liebet, so liebt Er auch den Bogen, der standhaft bleibt. Und das ist die Liebe dessen, der selber auch den Weg durch Leid und Tod hindurchgegangen ist. Und das kann uns gewiß machen, dass der Weg des Pfeiles, welche Richtung er auch immer einschlagen mag, immer einer ist, der in der Hand des liebenden Gottes Endet. Da übersteigt dann unser Glaube auch das Bild des Schützen, das Kalil Gibran gebraucht. Denn unser Gott ist nicht nur Schöpfer, der auf den Weg bringt, er ist auch Erhalter des Lebens und das letzte Ziel allen Lebens. Sich dieser Liebe anzuvertrauen, bedeutet, den ganzen Anspruch der Verantwortung für Menschen anzunehmen, vor allem eben bei unseren Kindern, und gleichzeitig zu wissen, damit stehe ich nicht allein da, ich weiß mich getragen und gehalten von einer Kraft, die weit über meine Kräfte fähig ist, dieses Leben zu halten.
Der Schütze hält den Bogen in fester Hand, denn nur so kann er ihn brauchen, um den Pfeil abzuschießen. Diese feste Hand zu spüren, das wünsche ich Ihnen und schließe mit den letzten Worten Kalil Gibrans:
Möge das Biegen in des Schützen Hand euch zur Freude gereichen; denn gleich wie Er den fliegenden Pfeil liebet, so liebt Er auch den Bogen, der standhaft bleibt. Amen

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Der Gottesdienst wurde in
Gustedt gehalten

Rogate
25. Juni 2000

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