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100. Geburtstag Dietrich
Bonhoeffer |
Dietrich Bonhoeffer – das ist der Name eines evangelischen
Geistlichen, den man kennt. Ist auch die Biographie nicht in allen
Einzelheiten geläufig, so doch dies: er war ein Mensch, der sich
politisch engagiert hat und der dies als Pfarrer getan hat. Und sein
Lied – Von guten Mächten wunderbar geborgen – das ist bekannt und gerade
der Refrain des Liedes hat schon vielen Menschen Halt, Kraft und Trost
gegeben.
Dietrich Bonhoeffer das ist so etwas wie ein „evangelischer Heiliger“.
ER war ein durch und durch evangelischer und dabei immer ökumenischer
Theologe. Und er war ein Heiliger, weil er den Glauben in einer
Menschlichkeit, einer Weltverbundenheit deutlich gemacht hat wie kein
anderer. Und ein wenig davon möchte ich heute morgen lebendig werden
lassen in Texten, die Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat.
Drei Bereiche sollen dabei zur Sprache kommen:
o Seine geistliche Motivation politisch zu sein.
o Seine weltliche Frömmigkeit
o Sein Wissen um die Gnade, die ohne Nachfolge nichts ist.
Dietrich Bonhoeffer schreibt in einem Aufsatz 1933:
„Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter
Weise verpflichtet.... (sie hat) nicht nur die Opfer unter dem Rad zu
verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches …
politisches Handeln der Kirche …ist … gefordert, wenn die Kirche …den
Staat …ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen
sieht.“
„Dem Rad der Geschichte in die Speichen fallen“, solange es noch
Zeit ist. Das traut Dietrich Bonhoeffer den Christenmenschen zu.
Gesellschaftliche Verantwortung aufgrund unseres Glaubens hat er uns ins
Stammbuch geschrieben. Das ist sein Anspruch, das ist das, was ihn
ausgemacht hat, darin ist er Vorbild für viele Menschen.
Für Dietrich Bonhoeffer war dies ein Weg in den Tod. Er war im dritten
Reich Widerstandskämpfer und das hat ihn am Ende ins KZ und in den
gewaltsamen Tod geführt. Aber es war für ihn ein zutiefst christlicher
Weg, ein vom Glauben geprägter Weg.
Bei all seinen schweren Erfahrungen war Bonhoeffer ein dankbarer Mensch
und deshalb ein so reicher Mensch. Die „guten Mächte“ waren für ihn
nicht die Adressaten seiner verzweifelten Stoßgebete, sondern das Licht,
von dem er lebte.
„Wir haben Gottes Segen empfangen im Glück und im Leiden“ – so sagt
er – „wer aber gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders, als diesen
Segen weiter geben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus
dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der
Segen Gottes.“
Aus der Macht, die nicht von Menschen kommt, aus einem Geist, der nicht
von Menschen erdacht, nicht von Menschen geprägt, nicht von Menschen
produzierbar ist, davon hat er gelebt, daraus zog er seine Kraft, um den
Weg des politischen, zutiefst menschlichen Engagement zu gehen.
Dietrich Bonhoeffer wusste genau: Gott ist der Herr, und nicht ein
Kaiser, ein König, nicht der Führer oder wer sich dafür hielt. Allein
Gott vermag diese Welt zu verändern. Aber er tut es nicht aus heiterem
Himmel, sondern immer mit den Menschen und durch sie. Darum auch ist
Gott Mensch geworden, darum ist Christus gekommen, an dem wir uns
orientieren können als dem, der Gottes Willen in dieser Welt
repräsentiert.
Vor allem am Leiden dieses Christus hat er sich orientiert, denn es war
für Bonhoeffer ein Leiden, das zum Leben führt und deshalb Menschen so
unendlich hilfreich sein kann, vor allem dann, wenn es um das Engagement
für die Schwachen angeht.
Er schreibt:
Vom Leiden
Es ist unendlich viel leichter, im Gehorsam gegen einen menschlichen
Befehl zu leiden als in der Freiheit eigenster verantwortlicher Tat.
Es ist unendlich viel leichter, in Gemeinschaft zu leiden als in
Einsamkeit.
Es ist unendlich viel leichter, öffentlich und unter Ehren zu leiden als
abseits und in Schanden.
Es ist unendlich viel leichter, durch den Einsatz des leiblichen Lebens
zu leiden als durch den Geist.
Christus litt in Freiheit, in Einsamkeit, abseits und in Schanden, an
Leib und Geist, und seither viele Christen mit ihm.
Das Vorbild Jesu macht deutlich, es ist möglich, ganz freiwillig, aus
eigenem Antrieb sich dem Leiden in der Welt entgegenzustellen, darin und
darunter selber Leid anzunehmen, denn die Liebe zu den Menschen, so wie
Jesus sie gelebt hat und wie sie ihn ins Leiden geführt hat, ist in
Christus die wichtigste Triebfeder solchen Handelns. Es ist ein schweres
Leiden, weil man das, was man dort tut, niemandem vorwerfen kann. Aber
gerade darin ist es ein Mitleiden im Sinne Christi.
Und darin kann man auch einsam sein, so wie Christus einsam gewesen ist.
Doch die Kirche sollte die Gemeinschaft sein, in der der Einsatz für die
Mensche, das Leiden für die Menschen aufgehoben und getragen wird.
Bonhoeffer wusste sich getragen von seinen Freunden, seiner Familie,
seinen Geschwistern im Glauben. Und gerade darin zeigt er auch wie
wichtig Kirche ist, wie wichtig die Gemeinschaft der Glaubenden ist, die
sich immer wieder auf dem Weg in der Nachfolge Christi ermutigen.
Sein zutiefst politisches und menschliches Denken resultiert aus einem
nicht einfachen geistlichen Gedanken, den er in verschiedensten
Variationen immer wieder neu durchdacht hat. Es geht dabei um ein Form
der Glaubens, die ganz im Hier und Jetzt ruht, die ganz auf diese Welt
hin orientiert ist und gleichzeitig alles von Gott erwartet.
Hören wir wieder Worte von Bonhoeffer:
Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit
des Christentums kennen und verstehen gelernt. Nicht ein religiöser
Mensch, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus Mensch
war.
Nicht die platte und banale Diesseitigkeit der Aufgeklärten, der
Betriebsamen, der Bequemen oder der Anstößigen, sondern die tiefe
Diesseitigkeit, die voller Zucht ist, und in der die Erkenntnis des
Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist, meine ich. Ich glaube,
dass Luther in dieser Diesseitigkeit gelebt hat.
Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren mit einem
französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die
Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte
er: ich möchte ein Heiliger werden (-und ich halte für möglich, dass er
es geworden ist -); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem
widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen.
Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich
dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein
heiliges Leben zu führen versuchte. Als das Ende dieses Weges schrieb
ich wohl die »Nachfolge«. Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur
Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben
lernt.
(Die volle Diesseitigkeit das meint: in der Fülle der Aufgaben, Fragen,
Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben. JG)
Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu
machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen
Kirchenmann, einen Gerechten oder Ungerechten, einen Kranken oder einen
Gesunden - dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man
nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt
ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist
Glaube, das ist Umkehr; und so wird man ein Mensch, ein Christ (vgl.
Jer.45). Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Misserfolgen irre
werden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mit leidet?
Im Diesseits leben, sich ganz in diese, von Gott geliebte Welt hinein
geben, dort mit Christus lieben und leiden, danken und weinen, loben und
klagen, dieses Leben gleichsam auskosten, ohne darin unterzugehen, das
ist es, was Bonhoeffer als konsequente zu Ende denken der Tatsache
ansieht, dass Gott Mensch geworden ist.
Das Jenseitige ist nicht das unendlich ferne, sondern das Nächste. Es
ist das, was diese Welt, dieses Leben, diese Ereignisse mit Gott
verbinden. Jenseitig ist nicht die bessere Welt die kommt und auf die
wir nach dem Tode hoffen, gleichsam als eine dann bessere Welt, sondern
das Jenseitige ist das Erleben des Diesseits mit den Augen Gottes.
Glaube, das ist volle Teilhabe an der Welt und darin am Menschsein
Christi und Gottes. Und das ist tiefe Frömmigkeit, die sich hier äußert,
jedoch eine Frömmigkeit, die sich nicht der Welt entzieht, sondern
mitten in ihr wirksam ist.
Der letzte der drei Gedanken, die ich heute vor Augen führen möchte ist,
der Gedanke der teuren und der billigen Gnade. Oft wird ja gerade uns
evangelischen Christen die billige Gnade vorgeworfen. Bonhoeffer
schreibt dazu:
Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht
um die teure Gnade. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware,
verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes
Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der
mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird;
Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade,
dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die
gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind
die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten
des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht
billige Gnade ist?...
Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um
die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss.
Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie
in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen
das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt;
teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder
rechtfertigt... Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.
Am Beispiel des Mönchstum macht Bonhoeffer es deutlich: Als die Welt
christianisiert war, war das Mönchstum das Zeichen dafür, dass Glaube
auch Nachfolge fordert. Nur leider wurde daraus ein Werk der
Selbstgerechtigkeit. Mönche erlebten sich als die besseren Christen.
Luther ging auch ins Kloster, scheiterte aber gerade an diesem Gedanken.
Er führte gleichsam die Gnade wieder ans Licht und – und das ist etwas,
was wir evangelischen Christen immer wieder gerne vergessen – Luther
führte die Nachfolge Christi wieder ins Alltagleben zurück. Christsein
im Beruf umzusetzen, den Glauben im Alltag der Welt einzubringen, das
ist das, wozu die Gnade, das Geschenk der Rechtfertigung, uns treibt.
Die Nachfolge Jesu ist nicht verdienstliche Sonderleistung einzelner,
sondern göttliches Gebot an alle Christen .
Teure Gnade war Luther geschenkt worden. Gnade war es, weil sie Wasser
auf das durstige Land, Trost für die Angst, Befreiung von der
Knechtschaft des selbst gewählten Weges, Vergebung aller Sünden war.
Teuer war die Gnade, weil sie nicht dispensierte vom Werk, sondern den
Ruf in die Nachfolge unendlich verschärfte. Aber gerade worin sie teuer
war, darin war sie Gnade, und worin sie Gnade war, darin war sie teuer.
Das war das Geheimnis des reformatorischen Evangeliums, das Geheimnis
der Rechtfertigung des Sünders.
Dietrich Bonhoeffer hat dies nicht nur als Theologe intellektuell
gewusst, sondern er hat es gelebt. Er hat mit seinem Weg diesen Weg der
Nachfolge lebendig gemacht in einer Zeit, als dies wirklich und
wahrhaftig lebensgefährlich war. Und er hat mit seinem Leben bezahlt.
Gerade darum kann er uns Heiliger sein, evangelischer Heiliger in dem
Sinne, dass er Vorbild des Glaubens ist, wenn wir unseren Weg durch das
Leben in dieser Welt gehen. Bonhoeffer war ein Stein, der ins Wasser
geworfen wurde, und der weiter Kreise zieht. IN diesem Gottesdienst kann
das nur angedeutet werden. Vielleicht macht es Lust sich tiefer mit ihm
zu beschäftigen. Amen
oben
Liturgischer Ablauf
Orgelvorspiel
Lied: 70, 1+3-5
Psalm 105
Eingangsliturgie
Gebet
Dietrich Bonhoeffers Morgengebet:
Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages.
Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu Dir;
Ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster, aber bei Dir ist das Licht;
Ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht;
Ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe;
Ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede;
In mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist Geduld;
Ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich.
Amen
Biographisches aus dem Leben von Dietrich Bonhoeffer
Lied 73, 1-5
Lesung: Mt 13, 44.46
Glaubensbekenntnis
Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann
und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten
dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben
will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns
nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem
Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit
unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf
aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Amen
Lied: 65, 1-4
Predigt
Lied 603, 1-3
Abkündigungen
Fürbittengebet
Ewiger Gott, Vater im Himmel.
Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue in unserem Leben. Du
hast uns viel Gutes erwiesen, so lass uns auch das Schwere aus deiner
Hand annehmen. Du wirst uns nicht mehr auflegen, als wir tragen können.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum Besten dienen.
Du bist die lebendige Quelle des Lebens und in deinem Licht sehen wir
das Licht. Deshalb rufen wir zu Dir:
Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus,
meine Zuversicht, auf dich vertraue ich und fürcht´ mich nicht, auf dich
vertraue ich und fürcht´ mich nicht!
Herr Jesus Christus.
Du warst arm und elend, gefangen und verlassen. Du kennst alle Not der
Menschen. Du bleibst bei uns, wenn kein Mensch uns beisteht. Du vergisst
uns nicht und suchst uns. Denn du willst, dass wir dich erkennen, uns zu
dir kehren und dir nachfolgen.
Wir bitten dich für alle Opfer von Verdächtigungen und Verleumdungen,
für alle, denen kein Verständnis begegnet: Zeige uns, Herr, im Fremden
die Schwester und den Bruder, zeige uns Wege zueinander. Hilf uns, dem
Hass zu wehren.
Deshalb rufen wir zu Dir: Meine Hoffnung und meine Freude,
Heiliger Geist, gib uns den Glauben, der uns vor Verzweiflung, Sucht,
aber auch vor Gleichgültigkeit rettet.
Gib uns die Liebe zu Gott und den Menschen, die allen Hass und
Bitterkeit vertilgt, gib uns die Hoffnung, die uns von Furcht und
Verzagtheit und Trauer befreit, damit wir alle zu Zeugen Jesu Christi
werden, ein jeder an seinem Platz.
Deshalb rufen wir zu Dir: Meine Hoffnung und meine Freude, ..
Heiliger, barmherziger Gott: Was dieser Tag heute und unser Leben hier
auch bringen mag: Dein Name sei gelobt.
Vaterunser
Segen
65, 5+6
Die Gebete sind aus dem Buch: Widerstand und Ergebung.
Viele Anregungen habe ich durch ein Manuskript des
Radiogottesdienstes am 5. 2. 06 Kirche am Rockenhof von Propst Hartwig
Liebich
Für eine Rückmeldung wäre
ich dankbar.
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