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Du stellst meine Füße auf weiten Raum. So heißt es im 31. Psalm. So lautet auch das Motto des Kirchentages, der in dieser Woche in Frankfurt stattgefunden hat. Mit uns feiern heute morgen viele ca. 80.000 Tausend Menschen in Frankfurt den Abschluss dieses großen kirchlichen Treffens. Wir, die wir heute morgen hier in der Kirche sind, sind nicht dabei gewesen. Vielleicht haben sie es nicht einmal richtig wahrgenommen, dass dieses Treffen stattgefunden hat. Ich selber wäre auch gerne dabei gewesen, denn dieses Treffen ist immer spannend, informativ und bietet eine Vielzahl von Ideen und Gedanken. Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Der Kirchentag ist so sein Raum, auf dem Christen ihren Glauben präsentieren, miteinander bedenken und sich darin stärken. Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Im Wissen um das, was auf einem Kirchentag alles geschieht, was dort gezeigt und gedacht wird, ist es eine wunderbare Beschreibung dessen, was im Glauben alles möglich ist. Doch wer dies noch nicht erlebt hat oder Kirche auch mehr aus der Distanz sieht, der hat oft ein ganz anderes Bild von der Gemeinschaft der Christen. Wir werden oft als eng, altmodisch und eingefahren gesehen. Wir müssen uns den modernen Gedanken anpassen, mit der Zeit gehen, neuzeitlich Denken, so wird dann gesagt. Meistens werden dann Beispiele der katholischen Äußerungen herangezogen, um diese Gedanken zu untermauern. Ich sehe gerade diese Gedanken jedoch anders. Gerade auf dem Hintergrund der Losung des Kirchentages: Du stellst meine Füße auf weiten Raum, muss man solche Gedanken sehr genau hinterfragen. Nehmen wir das Bild einmal auf. Gott stellt unser Füße auf weiten Raum. Wir haben als Menschen viele Möglichkeiten zu leben. Da ist es gar nicht so einfach seinen eigenen Lebensweg zu finden. Es ist gar nicht so leicht, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Die einen meinen, alles was ich sehe und erleben möchte, das darf ich auch. Andere dagegen legen sich vielleicht aus lauter Furcht, den Weg verlassen zu können, Scheuklappen an, damit sie nicht nach rechts oder links abseits des Weges schauen können. Beides scheint mir nicht gut zu sein. Alles zu tun, was möglich ist, das ist doch eigentlich ein zielloses Umherirren. Es fehlt an klarer Orientierung und so gerät das Leben auf dem weiten Raum auch ins Trudeln. Auf der anderen Seite, wer mit Scheuklappen durch das Leben marschiert, der trampelt nur schon längst ausgetretene Trampelpfade platt, ohne jede Chance, Neues für sich zu entdecken. Es gibt nur einen Weg, der dann aber alles Umliegende dessen, was Gott uns gibt, gar nicht mehr wahrnimmt. Gott stellt unsere Füße weiten Raum. Das heißt doch, er belässt uns nicht im viel zu heilig gesprochenen stillen Kämmerlein. Christinnen und Christen leben in einem weiten Raum. Ihr Glaube soll weit entfernt von aller Engherzigkeit sein und fern von aller Engstirnigkeit. Christinnen und Christen sollen sich im weiten Raum des Lebens auch nicht widerspruchslos und schweigend in die Enge eines gesellschaftlichen Abseits treiben lassen. Da gehören wir nicht hin. Gleichzeitig aber müssen wir auch nicht in dem weiten Raum des Lebens an jeder Stelle mitschwimmen um überall dabei zu sein. Der weite Raum gibt Möglichkeiten, das Leben auf vielfältige Weise im Angesicht Gottes zu gestalten. Dieser Raum ist geprägt von großer Freiheit und Weite. Wir Menschen dürfen diesen Raum durchschreiten und unsere Lebensmöglichkeiten darin ausloten. Je mehr Möglichkeiten sich für den Menschen eröffnen, desto mehr aber stellt sich dann die Frage: Wie finde ich mich in diesen weiten Räumen mit den vielen Möglichkeiten, die sie bieten, zurecht? Wo gibt es Orientierung? Gerade der Kirchentag hat sich dieser Frage in den letzten Tagen gestellt. Die Gentechnik, die Embryonenforschung, die Frage nach dem menschenwürdigen Sterben, all diese und viele andere Fragen standen auf den verschiedenen so genannten Diskussionsforen im Mittelpunkt der Gedanken. Dürfen wir alles tun, was uns möglich ist? Sind diesen weiten Räume, sind unseren Möglichkeiten nicht auch Grenzen gesetzt, die es einzuhalten gilt, die nicht überschritten werden dürfen? Was ist Leben? Wann fängt Leben an? Mit der Befruchtung der Eizelle? Mit drei Monaten? Mit der Geburt? In der Diskussion taucht immer wieder der Begriff auf vom lebenwerten Leben? Wird damit nicht auch gesagt, dass es lebensunwertes Leben gibt? Und wann hört Leben auf? Mit dem Tod? Welchem Tod? Hirntod, Organtod. Oder ist das Leben zu Ende, wenn es in Pflegeheimen und Sterbekliniken keinen Sinn mehr zu machen scheint? Uns werden die Möglichkeiten der Heilung verheißen. Und wer wollte nicht alles tun, damit Menschen mit schweren Behinderungen geheilt werden können? Und umgekehrt: Was ist das für eine Heilung, die erst möglich wird, wenn dafür mit Stammzellen (ist das schon Leben?) oder gar mit Embryonen geforscht werden muss? Wann wird es möglich sein eine geklonte Kopie des eigenen Lebens in Laboren zu hinterlegen, die im Bedarfsfall Zellen oder gar Organe zu meiner Heilung zur Verfügung stellt? Können wir Forschern Vertrauen schenken, die uns sagen, wir werden uns begrenzen? Da ist vieles unsicher geworden, weil alte Werte befragt werden, weil der weite Raum der Möglichkeiten immer wieder überschritten werden will. Der Fragen sind viele und irgendwie scheint alles unsicher geworden zu sein. Und jeder einzelne von uns ist dann gefragt: Wie soll ich dazu stehen? Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Ja das ist wahr, Gott. Aber wie finde ich mich zurecht? Wohin soll ich gehen? Wer in dem weiten Raum des Lebens nicht untergehen will, der braucht Orientierung und Leitlinien, der braucht Werte, die im Dschungel des Lebens die Markierungen setzen, die man nicht überschreiten sollte, ohne Gefahr zu laufen darin unterzugehen. Diese Markierungen sind keine Zäune, die ein Weitergehen verhindern. Der Mensch hat die Möglichkeit, diese Markierungen links liegen zu lassen. Nur wer das tut, sollte das bewusst und mit guten Gründen tun, und nicht einfach nur, weil es möglich ist. Bleiben wir einmal bei den Fragen, die der Kirchentag heftig diskutiert hat. Wie ist das mit dem menschlichen Leben und dem Umgang damit? Eine der christlichen Wegmarkierungen heißt zunächst: der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Er hat eine unantastbare Würde, die nicht in der Hand der Menschen liegt. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Das bedeutet doch, er ist nicht ein Geschöpf des Menschen. Übrigens gilt dies auch für das Tier. Die Natur steht dem Menschen zur Verfügung, aber der Mensch hat keine Verfügung über die Natur. Schon naturwissenschaftlich muss man sagen, die Vorgänge der Natur sind so komplex, dass es einem Menschen nie möglich sein wird, alles zu erforschen und zu erkennen. Vor hundert Jahren wusste man nichts von Genen. Heute glauben wir die Struktur schon zu kennen. Wie sieht es in 100 Jahren aus, wenn die Forscher der kommenden Zeit über unsere Vorstellungen lachen werden? Nimmt man dann auch noch die ethischen Gedanken des Glaubens dazu, so führt die Ehrfurcht vor dem Leben dazu, dass wir äußerst vorsichtig mit der Veränderung der Natur umzugehen haben. Und das vor allem, wenn es um den Menschen geht. Der Mensch als herausgehobenes Wesen der Schöpfung, weil es Verstand hat und die Möglichkeit über sich und sein Handeln nachzudenken, steht unter einem besonderen Schutz Gottes. Die Forschung am Menschen oder gar die technische Produktion von Menschen gehört zu den Bereichen, wo dieser Schutz durchbrochen wird. Ich meine damit nicht, dass man nicht auch mit Menschen etwas ausprobieren muss. Medikamente müssen irgendwann auch durch Menschen getestet werden. Aber dies darf nur mit Wissen und Wollen der Beteiligten geschehen. Aber wo der Menschen, wie im dritten Reich oder in der Gen- und Stammzellenforschung zum Material der Naturwissenschaft verkommt, da wird eine Schwelle überschritten, die die Ehrfurcht vor dem Geschöpf Gottes mißachtet. Und da hilft es auch nichts, dass wirtschaftliche Argumente vorgebracht werden, nach dem Motto: wenn wir es nicht tun, dann tun es die anderen. Und um dabei zu sein, müssen wir eben mitmachen. Orientierung im weiten Raum des Lebens muss auch bedeuten, dass man ein klares Nein sagt zu bestimmten Handlungen in diesem weiten Lebensraum und es bedeutet auch den Verzicht. Und gleiches gilt auch für das Ende des Lebens und für den Umgang mit Kranken. Natürlich lässt es sich einfach darüber reden, wenn man davon im Augenblick nicht betroffen ist. Doch Werte bilden sich nicht in den Grenzsituationen, sondern im Nachdenken über Handlungsweisen. Der Schwerkranke, der Sterbende hat ein Recht auf menschenwürdige Behandlung. Er hat ein Recht auf Schmerzfreiheit und menschliche Nähe. Er hat das Recht auf menschenwürdige Behandlung. Die Angst vor all dem treibt Menschen dazu zu sagen: gebt mir die Spritze. Aber das heißt doch nur, dass man das Menschenunwürdige, die Schmerzen und die Einsamkeit nicht ertragen kann und will. Es ist einfacher zu sagen, dann lieber Sterben, als die Kraft und Zeit aufzubringen, den Weg des Leidens und Sterbens mitzugehen. Wir wollen eine möglichst leidfreie Welt. Aber vor allem deshalb weil wir es nicht mehr gelernt haben mit dem Leid zu leben, es als Teil des Lebens anzuerkennen. Aber gerade der Glaube an Jesus Christus lehrt uns, dass das Leiden mit dazugehört, dass wir es mit tragen müssen, wenn wir uns auf dem weiten Raum des Lebens befinden. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, dieses Leid zu lindern, es ertragbar zu machen, und gleichzeitig haben wir alles dafür zu tun, dass wir mit dem Leid leben und in Frieden sterben können. Abschieben, den Tod künstlich herbeiführen, das entspricht nicht der unantastbaren Würde des Menschen, dies widerspricht dem Lebenswillen Gottes. Ich weiß, dass dies ein für alle Beteiligten immer wieder schwerer Weg ist. Und es ist durchaus menschlich an dieser Stelle Gedanken der Sterbehilfe zu denken. Doch ein Mensch ist eben kein Gegenstand, den wir wegschmeißen, wenn er uns nur noch Probleme bereitet, oder wenn wir selber uns nicht mehr ertragen können. Der Mensch hat als Geschöpf Gottes etwas heiliges und unantastbares und das geht zu keinem Zeitpunkt des menschlichen Lebens verloren. Und das gilt bis hin in die Frage der Todesstrafe, die aus christlicher Sicht zu verabscheuen ist, auch wenn der Verbrecher ein grausames Blutbad angerichtet hat. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum, aber er gibt uns auch Orientierung, er gibt uns Leitlinien an die Hand, wie wir in diesem weiten Raum menschenwürdig leben können. Nicht immer ist die Antwort dafür leicht zu finden, da gibt es auch unterschiedliche Auffassungen. Und es wird immer wieder Situationen geben, wo wir auch als richtig anerkannte Leitlinien überschreiten müssen und dadurch vor Gott schuldig werden. Auch das gehört zum weiten Raum des Lebens. Aber diese Leitlinien immer wieder zu bedenken, sie in den verschiedensten Lebenssituationen und Zeiten zu überdenken, das ist Teil des Lebens und der Verantwortung vor Gott. Sich dieser Verantwortung nicht zu stellen, heißt sich der Verantwortung für das Leben zu entziehen. Gott schenkt uns große Möglichkeiten, er schafft einen wunderbaren Raum zum Leben. Wir sollen ihn nutzen für ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen. Amen (Ich danke Pfarrer Kurt Johann für die grundlegenden Gedanken dieser Predigt, die er bei www.kanzelgruss.de veröffentlich hat.) Liturgischer Ablauf Begrüßung - Orgelvorspiel Lied: 452,1-3 Psalm 34 EG 718 Eingangsliturgie - Gebet: Herr, gütiger Gott! Wir feiern Gottesdienst mit vielen Millionen von Christen, die sich heute versammeln. Lass du deinen Geist unter uns wehen, führe und leite uns zu einem guten Leben vor dir. Lass uns dazu dein Wort hören und danach leben. Das bitten wir ... Lesung: 5. Mose 6, 4-9 Lied: 432,1-3 Lesung: 2. Tim 3, 14 – 17 (= Marginaltext) Lesung aus NT von Zink Glaubensbekenntnis Lied: 419,1-5 Predigt Lied: 414,1-4 Abkündigungen – Fürbittengebet: Barherziger Vater! Wir danken dir, für das Leben, das du uns geschenkt hast. Wir haben so viel Möglichkeiten, nach unseren Vorstellungen vor dir zu leben und glücklich zu werden. Hilf uns, dies immer wieder zu erkennen. Wir suchen jeden Tag neu nach dem, was richtig ist vor dir. In kleinen und großen Entscheidungen sind wir immer wieder gefragt nach dem, was dir entspricht. So sei uns nahe und gib uns die Gedanken deiner Liebe und Barmherzigkeit, auf dass wir dem anderen gerecht werden. Wir bitten für alle Forscher, die an der Grenze des Möglichen arbeiten. Hilf ihnen, Eitelkeit und Ehrgeiz zu begrenzen, lass sie menschlich hilfreich arbeiten und gib ihnen den Mut, Arbeit zu beenden, wo sie in unmenschliche Bereich kommt. Wir bitten für alle, die menschliches Leiden begleiten oder in ihm leben. Gib ihnen die Kraft zum Aushalten des Leidens, lass sie erfahren, dass auch dort deine Liebe und Güte kein Ende hat. Persönliches – Stille - Vaterunser Segen Lied: 163 |
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