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Psalm 119 i.A.

Insgesamt 176 Verse hat der 119. Psalm. Als Überschrift trägt es in der Lutherbibel die Worte: Die Herrlichkeit des Wortes Gottes. Aufgeteilt ist dieser Vers in 21 Abschnitte, nach den 21 Buchstaben des hebräischen Alphabetes. Insofern steht in Klammern in der Lutherbibel: Das güldene ABC)
Das ABC deutet es schon an, es geht um Worte in diesem Psalm, genauer gesagt um die Worte Gottes. So ist der Psalm ein Loblied auf das Wort Gottes, es ist eine Auseinandersetzung mit diesem Wort und seiner Bedeutung in unserer Welt und im Leben eines jeden Einzelnen.
Nun könnten wir alle Verse dieses Psalmes lesen, dann wäre der Gottesdienst bald um.
Ich möchte mich beschränken auf die Verse, die uns das Gesangbuch vorgibt, also auf die Verse, die wir zu Beginn miteinander gesprochen haben. Schlagen Sie diesen Psalm ruhig auf und lesen Sie während der Predigt ruhig immer wieder einmal mit, denn es sollen ja Worte sein, die uns die nächsten Gottesdienste begleiten werden.

Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.
Der Psalm beginnt mit einer Art Seligpreisung: wohl denen. Denen, die das folgende erfüllen wird Wohlergehen verheißen und wer mochte nicht, dass es einem wohl ergeht. Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln.
Mir geht es gut, wenn ich so leben kann, wie ich möchte, wenn ich mich frei bewegen kann, wenn ich meine Vorstellungen umsetzen kann, wenn niemand meine Wünsche beschneidet. So würde man sicherlich in heutiger Zeit sagen, würden wir gefragt, was lässt uns wohlergehen außerhalb von materiellen Gütern. Und darin ist gewiss viel, was richtig und wichtig ist. Die Freiheit, die Möglichkeit seine eigenen Lebensvorstellungen umzusetzen, das ist ein ungeheuer großes Gut und viele Menschen, denen diese Freiheit nicht vergönnt ist, begehren auf, ja setzen sogar ihr Leben ein, um diese Freiheit zu bekommen, wo Menschen sie z.B. in Diktaturen beschneiden wollen. Dietrich Bonhoeffer, von dem wir letzten Sonntag einiges gehört haben, gehört zu solchen Widerstandskämpfern, die um der Freiheit willen, ihr Leben lassen mussten.
Der Psalm benennt nun etwas anderes, was auf den ersten Blick gerade diese Freiheitsgedanken einzuschränken scheint.
Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Gesetz, das ist doch etwas, was Einschränkungen festlegen muss. Im Gesetz werden Grenzen aufgezeigt, die bei Überschreitung geahndet werden. Insofern schränken diese Gesetze die Freiheit auch ein, begrenzen die Möglichkeiten des Menschen.
Doch unter Gesetz versteht das Alte Testament besonders die ersten Bücher Mose. Natürlich auch die Gebote und die anderen Vorschriften, die das Alte Testament besondern im 3. Buch Mose beschreibt, aber es ist auch ein zusammenfassender Begriff für „das Wort Gottes“. Wohl denen, die ohne Tadel leben, die gemäß dem Wort Gottes wandeln.
Im Wort Gottes sehen die Menschen des Alten Testamentes keine Lebenseinschränkung oder gar eine Freiheitsbegrenzung, nein, gerade die wichtigste Geschichte, nämlich die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten ist seit Jahrtausenden eine ganz bedeutsame Glaubensgeschichte, die immer wieder deutlich macht, dass Gott ein Gott ist, der sein Volk in Freiheit leben lassen will, der ihm alle Lebensmöglichkeiten eröffnen will. Und in Jesus wurde dieser Freiheitsgedanke noch vertieft.
Aber jede Freiheit ist immer nur dann wirkliche Freiheit, wenn sie die Grenzen erkennt, wenn man die Freiheit in ihrer Bedeutung für das Ganze erkennt. Ich kann eben in einem Mietshaus nicht nachts um 2 das Radio superlaut aufdrehen, nur weil mir gerade dazu zumute ist. Ich kann nicht einfach die Sachen meines Nachbarn nehmen, nur weil sie gerade dastehen und ich sie gebrauchen kann. Jede Form von Freiheit braucht auch Begrenzungen, denn die eigene Freiheit berührt immer auch die Freiheit des anderen. Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln! Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.
Wohl denen, die auf ihren Weg der Freiheit wissen, wer ihnen Grenzen setzt und welchen guten Sinn diese Grenzen auch haben. Gottes Gebot ist Eröffnung von Freiheit und Begrenzung derselben, Gottes Wort führt in ein Leben hinein, das innerhalb dieser Begrenzungen, die Möglichkeiten der Freiheit ausschöpft und dies in Liebe gegenüber Gott und den Menschen.
Dabei geht es nicht um penible Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, sondern es geht darum, den Geist der Güte und Zuwendung Gottes zu uns Menschen im ganz persönlichen Leben – im kleinen Kreis unseres persönlichen Lebensumfeldes, aber auch im großes Kreis des gesellschaftlichen und politischen Lebens umzusetzen.
Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden. Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.
Bei der Umsetzung dieser Zuwendung Gottes, da geht es darum zu wissen, wer gibt mir das Maß des Lebens, wo ist so etwas wie Grundorientierung zu finden. Wenn ich Gott als meinen Schöpfer ansehen, wie es die ersten Worte „des Gesetzes „ – also der Schriften des Alten Testamentes – sagen, dann weiß ich, er kann mir die Richtschnur geben, die mir hilft, mein Leben gut zu gestalten. Denn ich lebe aus der grundlosen Güte dessen, der mir das Leben geschenkt hat und sein Wille ist es, dass wir nicht allein, sondern in Gemeinschaft leben können. Und diese Gemeinschaft gilt es zu gestalten, sie braucht ihre Ordnung, eine Ordnung die geprägt ist von der Gerechtigkeit Gottes. Und die Gerechtigkeit Gottes hat nichts mit unserem Gedanken der Gerechtigkeit zu tun, wo es darum geht, dass jeder das gleiche bekommt. Gottes Gerechtigkeit ist immer eine zugewandte, den Einzelnen vor Augen habende Gerechtigkeit, die da sagt: gerecht ist, dass dir das zukommt, was du jetzt brauchst. Es ist liebende Gerechtigkeit, die den Mensch sucht in seiner Not und Bedürftigkeit und nicht eine die davon ausgeht, das jedem dasselbe zusteht. So ist die Ordnung Gottes, eine Ordnung der Liebe, eine Ordnung, die dem Menschen hilfreich sein will, die dazu aufruft, danach zu schauen, was tut Not, was ist wirklich hilfreich für diesen Menschen.
Gottes Wort lehrt uns so, dass wir in Gott geborgen sind, von ihm alles erwarten dürfen, dass wir in ihm größtmögliche Freiheit haben, die gebunden ist an das Wohl derer, die neben uns leben. So sieht sich der Beter des 119. Psalmes in der Lage zu sagen: wenn ich dies vor Augen habe, dann habe ich genug für mein Leben. Dann werde ich nicht zuschanden, dann lebe ich so, dass wir alle gut miteinander auskommen können auf dieser Welt.
Deine Gebote will ich halten; Verlass mich nimmermehr!
Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

Nun ist dieses Denken angesichts des Gesetzes angesichts des Wortes Gottes nicht einfach so vorhanden. Oftmals stehen wir selber uns ja im Wege, wenn wir die Bibel lesen und nach den Buchstaben etwas wahrnehmen, was uns gar nicht eingängig ist oder was uns bedrängt. Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir, denn ich bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
Gott ein eifernder Gott. Nun könnten wir uns einen geifernden Gott vorstellen, der nur darauf aus ist, unsere Fehler und Schwächen aufzuspüren. Der Angst einjagende Gott, der auf Rache aus ist. Eifersucht hat aber etwas mit Liebe zu tun, und Gott eifert in Liebe um uns Menschen. Sein Eifer ist darauf ausgerichtet, dass wir eben nicht auf den falschen Weg gelangen, auf dem wir scheitern, auf dem wir bis ins dritte und vierte Glied hinein zu tragen haben an den Folgen dieser Fehler. Die Geschichte des dritten Reiches ist für mich immer wieder ein lebendiges Beispiel dafür, wie nachfolgende Generationen an der Schuld zu tragen haben. Im Sinne des Lernen aus Fehlern halte ich das auch für wichtig. Und im Sinne der Umkehr und der Hoffnung, dass diese Umkehr in Wohltat umschlägt und die Barmherzigkeit eben die größere Kraft ist, die nicht nur vier Generationen hält, sondern tausenden zukommen soll.
Um dies zu sehen, zu erkennen, um aus den Worten Gottes die gute Botschaft zu hören, brauchen wir Zeit und brauchen wir Gottes guten Geist. Darum auch die Bitte: Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.
Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende.
Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort. Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich? Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

In Gottes Wort liegt Heil. In diesem Wort liegt etwas, das wir für die Gestaltung unseres Lebens dringend brauchen. Wer im Dunkeln wandelt der braucht ein Licht, eine Leuchte, die den Weg zeigt, die Orientierung gibt, die den Weg nach vorne weist. Eine Leuchte, sei es nun eine Kerze oder Taschenlampe erleuchten dabei niemals alles, genauso wenig wie wir Gottes Wort, Gottes Wege, Gottes Gesetz und Barmherzigkeit je ganz ausleuchten, ganz verstehen können. Aber wir haben in der Bibel eine Orientierung, die uns in ein Leben hineinführt, das in aller Freiheit, die wir haben und auch durch die Bibel ermöglicht bekommen, auch die Grenzen sieht, und so auch auswählen kann zwischen dem, wo wir Freiheit und menschliche Möglichkeit missbrauchen oder im Dienste der Liebe Gottes zum Wohle für die Menschen gebrauchen. Natürlich nicht im Sinne einer Gebrauchsanweisung, aber doch so, dass wir aus dem Geist dieser guten Botschaft schöpfen können, um die jeweils aktuellen Probleme so gut es geht zu lösen.
Dazu bedarf es des Gebetes, dazu bedarf es der steten Auseinandersetzung mit diesem Wort Gottes. Man muss damit leben, um es immer wieder neu zu durchdringen und zu verstehen, denn so fest es auch durch die Buchstaben geschrieben steht, es ist lebendig, es spricht immer wieder neu an, es muss immer wieder neu durchdrungen werden, um daraus zu schöpfen, was für uns und unser Leben wichtig ist. Insofern ist auch der Schluss des Psalmes wichtig:
Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung. Stärke mich, dass ich gerettet werde, so will ich stets Freude haben an deinen Geboten.
Mögen wir von dieser Freude ergriffen werden in unserem Wandeln nach Gottes Wort.
Sein Wort sei unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 440, 1-4
Psalm 119
Ps 119,1-3.6-8.18.33.81-82.92.105.116-117 (EGNsB 748)
Eingangsliturgie
Gebet EGb S 287 Gebet 2
Lesung Jer 9, 22-23
Lied: Meine Hoffnung und meine Freude (Taizé)
Lesung Mt 20, 1-16a
Glaubensbekenntnis
Lied 378, 1-5
Predigt
Lied 295, 1-4
Abkündigungen
Fürbittengebet
Barmherziger Gott!
Von dir kommen wir, zu dir gehen wir. Du bist Halt und Trost, du bist Stärke und Zuversicht, du bist die Kraft, die uns leben lässt. Auch wenn wir an vielen Stellen des Lebens auf uns selber bauen, im letzten bist du doch der, der alles hält und trägt. Darum bitten wir dich
Du, mein Gott, sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meine Wege.
Gib uns dein Licht auf dem Weg durch die guten Tage unseres Lebens. Lass uns nicht auf uns selber vertrauen, lass uns nicht nur unsere eigenen Wünsche verwirklichen, sondern öffne unsere Augen für das, was du für unser Leben willst, wo du uns brauchst in dieser Welt. Darum bitten wir dich:
Gib dein Licht für alle Menschen, denen der Blick zu dir schwer fällt, weil so vieles Dunkle sie umschattet. Wir denken an die Familien, die von dem Busunglück in Cloppenburg betroffen sind, von den Angehörigen von Helfern, die in Bayern ihr Leben einsetzen und schon verloren haben, die an den vielen Orten dieser Welt leben, wo Unglücke die Herzen der Menschen beschweren. Für sie bitten wir:
Möge dein Licht allen leuchten, die in unseren Gemeinden krank danieder liegen, deren Lebenshoffnungen zerstört wurden, deren Leben belastet ist von vergangenem. Lass sie erkennen, wie nahe du ihnen bist und wie sehr du ihnen Hoffnung und Zuversicht schenken willst. Für sie bitten wir:
Wir bitten für alle, die von den Auseinandersetzungen um die Karikaturen in Dänemark betroffen sind. Gib du Gott, dass Menschen nicht Gewalt üben, sondern über friedliche Wege ihren Glauben schützen, und lass uns einander achten in dem Glauben, in dem wir leben. Darum bitten wir:
Stille
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und  Gustedt
  Sonntag
12.2.2006
Liturgischer
Ablauf
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