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Pred 3, 1-14

Wer kennt ihn nicht, diesen Text: Alles hat seine Zeit.
Schon bei so mancher Trauerfeier habe ich diesen Text gelesen, aber noch nie in einem Sonntagsgottesdienst darüber gepredigt. Es ist ein biblisches Wort, das mich immer wieder anrührt. Es rührt mich an, weil darin das Leben auf so wunderbare weise verdichtet dargestellt ist.
Alles hat seine Zeit. Und dann folgt diese Aufzählung der vielen Lebensbereiche, die sich da gegenüberstehen, dieses Gegenteile, die so eng zusammengehören.
Wenn ich diese Worte höre, dann denke ich an den so viel gesagten Satz, dass wir in einer schnelllebigen Zeit leben. Diese Woche zeigt uns das ja im politischen Raum besonders. Innerhalb weniger Tage wird eine politische Partei auf den Kopf gestellt und auch die künftige Regierung sieht wieder ein wenig anders aus. Was gestern gesagt wurde, muss heute nicht mehr gelten. Alles verändert sich rasend schnell und wir hecheln oft hinterher – zumindest hinter den Nachrichten, die uns die Veränderungen der Welt vor Augen stellen.
Ich weiß nicht ob der Prediger heute auch noch so schreiben würde. Vielleicht nicht, umso dankbarer bin ich, dass es diese Worte gibt, dass er damals in aller Weisheit und aller Tiefe, diese Worte geprägt hat. Und man kann sich dabei ja auch vorstellen, dass dieser Wechsel der Lebenssituationen auch Raum hatte. Die Menschen damals hatte ihr Lebensumfeld, in dem das Leben sich in aller Ruhe abspielte. Neuigkeiten aus anderen Gegenden traten nur ins Leben, wenn Menschen aus der Ferne durch den Ort zogen. Ansonsten gab es die Veränderungen des alltäglichen Lebens. Natürlich auch dort immer wieder mal plötzlich, wenn Krankheit und Tod den Menschen betraf, aber dies war die Ausnahme, das Leben war ruhiger.
Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger. Alles in dieser Welt hat seinen Platz, seinen Raum, seine Bedeutung, eben seine Zeit, seine von Gott gegebene Zeit. Und das zu sehen und zu erkennen ist eine etwas ganz wichtiges, das unser ganz persönliches, aber auch gemeinsames Leben betrifft und bestimmt. Gerade in der vermeintlich schnelllebigen Zeit suchen wir eher nach Dauerhaftigkeit, nicht nach Wechsel, sondern nach Kontinuität. Im Großen wird es immer bedrängender, dass es nicht so weiter geht, aber im Kleinen möchten wir es doch gerne so haben. Doch der Prediger sagt, dass der Wechsel, die Veränderung, der Gegensatz, das Leben erst tief und reich macht.
Und er beginnt mit der Geburt und dem Ende. Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit. Anfang und Ende liegen in Gottes Hand. Es gehört zusammen. Nur dass es natürlich schöner ist einen Säugling auf den Armen zu tragen, als einem Verstorbenen die Hand zum letzten Gruß aufzulegen. Wir wissen es für uns und andere, dass wir endlich sind, nur wollen wir es nicht sehen, wollen es nicht wahrhaben. Müssen wir aber auch nicht immer, denn zwischen Anfang und Ende liegt vieles, was es zu gestalten gibt, wo der Gedanke an das Ende nicht hingehört, denn all unsere Kraft, all unsere Energie und Phantasie wird benötigt, um dieses Leben zu füllen. Und doch liegt in allem auch das Abschiednehmen, das Sterben im Kleinen, das Erkennen der Grenzen – manchmal schmerzlich, manchmal ungeheuer hilfreich und erleichternd.
Pflanzen an seine Zeit und ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit. Das weiß nicht nur der Gärtner, der sein Gemüsebeet vor Augen hat. Alles, was wir beginnen, womit wir Leben gestalten, das hat doch etwas mit pflanzen im weitesten Sinne zu tun. Wir möchten die Früchte ernten, die unser Leben in dieser Welt zeitigt. Aber es geht auch weiter und die jungen verändern diese Welt, bringen ihre Ideen, ihre Pflanzen aus, reißen aus, was war und gestalten die Welt neu. ES hat alles seine Zeit. Ich darf pflanzen, das Wachstum sehen, vielleicht Früchte ernten, aber es ist auch gut so, wenn das zu Ende geht, denn nur so ist Raum da für das Leben der anderen. Abbrechen hat seine Zeit – aufbauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit – lachen hat seine Zeit. Sehnsucht nach Glück, nach Freude, nach Erfüllung, das bestimmt unser Leben auf vielfältige Weise. Entsprechende Filme sprechen viele Menschen an, und auch die Werbung macht sich dies zu nutze: die angepriesenen Produkte versprechen immer das Glück und die Freude. Und das ist gewiss auch richtig so, dass sich der Mensch an der Freude ausrichtet. Das ist ja so etwas wie der Lebensmotor. Nur wissen wir eben auch, dass die Tränen dazu gehören. Das Weinen ob der nicht erfüllten Freude, des zerstörten Glücks, das ist so wichtig. Wie könnte ich das Glück richtig ermessen, wenn ich nicht auch das Gegenteil kennte. Das Weinen zeigt mir doch: das ist so wertvoll, so erfüllend, was mir da fehlt oder genommen wurde. Das Weinen macht das Verlorene in seiner Bedeutung für mich erst lebendig, auch wenn die damit verbundenen Gefühle uns runter ziehen, traurig machen und tief in uns schmerzen. Aber es hat seine Zeit, seine Bedeutung für unser Leben. Das gilt für das Kleinkind, das beim Verlust eines Spielzeuges merkt, was es bedeutet hat, genauso wie bei einem Menschen, der sein Unglück beweint und so die verlustig gegangene Freude erkennt. Klagen hat seine Zeit und tanzen hat seine Zeit.
Behalten hat seine Zeit und wegwerfen hat seine Zeit. Am deutlichsten sichtbar an den Erinnerungsstücken in unserer Wohnung. Manch einer kann sich von nichts trennen, anderen fällt es schwerer, aber auch die haben ihre ganz wichtigen Erinnerungsstücke des Lebens. Wegwerfen, das heißt: es wirklich aus den Händen geben, loslassen, das Ende zugestehen. Ja, wie schwer fällt das bei manchen Gegenständen. Und wie schwer fällt das, wenn es um Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen geht. Sie sind tief verwurzelt und begleiten unser Leben, mal in guter Weise, mal in belastender Weise. Mal stehen die Guten im Wege, weil sie eine Sehnsucht nach einer Vergangenheit wach halten, die nie wieder zu erreichen ist, mal stehen die Belastenden im Wege, weil sie das Lichtvolle überschatten und uns so immer wieder betrüben. Wegwerfen hat seine Zeit, loslassen hat seine Zeit. Es aus den Händen geben, es aus der Bedeutungsebene der Seele herauszulassen, das wäre sicher gut bei vielen unserer Erinnerungen. Sagt nicht der Prediger, dass das sein darf. Es gibt eine Zeit, da darfst du dich verabschieden von deiner Vergangenheit, da darfst du sie beiseite legen, weil Gott dir eine neue Zeit schenkt. Steine sammeln hat seine Zeit – Steine wegwerfen hat seine Zeit.
Schweigen hat seine Zeit – reden hat seine Zeit. Ein ebenso wichtiger Satz. Wir wissen alle, was damit gemeint ist und doch frage ich mich, sehen wir, was Gott uns in diesem menschlichen Gedanken des Predigers vor Augen führt? Es wird so viel geredet, aber ist alles, was da geredet wird, auch etwas, was uns nach vorne bringt? Politik wird in Talkshows gemacht. Die Mikrophone der Medien wollen Worte hören und an uns weitergeben, möglichst jeden Tag schlagzeilenträchtige Worte. Müssten die Politiker nicht einmal Ruhe haben dürfen zum Denken, zum Schweigen, um dann mit gereiften Gedanken ins Gespräch zu kommen? Wie viele dieser Interviews und Sitzungen und Ausschüsse sind nur leere Worte, die schnelle vergangen sind. Nein Schweigen hat seine Zeit, braucht seine Zeit. Schweigen ist eben manchmal Gold.
Aber auch das Reden. Schweigen, das heißt, ich bleibe bei mir. Das ist wichtig, wenn ich mir über mich und meine Gedanken im Klaren werden will. Da ist Reden Gift. Aber wenn ich mit anderen zusammen lebe, mit ihnen zusammen etwas erreichen will, dann gilt es zu reden, sich zu öffnen. Nicht bei sich bleiben, sondern dem anderen die Möglichkeit geben, in mich hineinzuschauen, mich zu erkennen, wahrzunehmen, was mich bewegt, erfreut oder betrübt. Ihm meine Ziele auszubreiten, heißt ihn teilhaben lassen an meinem Leben. Jeder weiß, dass das auch Probleme bereitet, denn wer sich öffnet, der wird auch verletzlich. Aber ohne Öffnung keine Gemeinschaft. Es hat alles seine Zeit, sein Recht und seine Bedeutung. Dagegen anzugehen, das bringt nicht weiter, sagt der Prediger, man hat keinen Gewinn davon.
Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Auch ein tolles Gegensatzpaar, das der Prediger hier vor Augen stellt. Arbeit ist Mühe, ist Plage – immer wieder. Und doch: Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Auch in mühevoller Arbeit liegt etwas von dem göttlichen, von dem, was Leben ausmacht, was es reicht macht, was es zu etwas ganz Besonderem werden lässt. Nur sehen wir das nicht. Natürlich nicht: wenn die Arbeit mich drückt, wenn Arbeitslosigkeit mich niederdrückt, dann habe ich keine Augen für das Schöne, das Gott gemacht hat, für das große Ganze, dass durch Gott so unendlich wertvoll ist. Meine Augen sind gehalten, sie sind blind für das, was Gott schenkt. Da muss man sich schon ein wenig Abstand gönnen, Abstand von der Situation, Abstand von sich selber – z.B. durch den Besuch des Gottesdienstes, in dem wir eine andere Lebensperspektive vor Augen bekommen. Da kommt dann diese Prediger und sagt: alles hat seine Zeit und steht in Gottes Händen.
Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Mit diesen Worten beschreibt der Prediger nichts anderes als vertrauensvolles Leben. Essen und Trinken, das heißt: ich nehme Lebenskraft auf, um in diesem weiter gehen zu können. Ich lasse mich nähren von Gott, um in meinem Alltag ihm und seiner Welt zu dienen, das Leben zu genießen, es dankbar anzunehmen, es anzunehmen mit all den gegensätzlichen Erfahrungen, die es umgeben. Denn das ist das von Gott gegebene Leben, das ist die von Gott gegebene, gehaltene und begleitete Zeit, die ich habe. In diesem Vertrauen zu leben, heißt mit gutem Mut das anzunehmen, was mir in meinem entgegenkommt. Das heißt nicht, das ich alles mit Freude annehmen muss – lachen und weinen, klagen und tanzen – alles hat seinen Raum und seine Zeit. Aber die Gewissheit, dass in allem der gütige Gott präsent ist, die trägt und gibt dem Leben ein gutes Ziel und eine gute Richtung.
So schließe ich mit den Worten des Predigers:
Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man ihn ehren und achten und ihm vertrauen soll. Amen.

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Liturgischer Ablauf

Orgelvorspiel
Lied: 440,1-4
Psalm 39,5-8+13-14 EG 722
Eingangsliturgie
Gebet
Gütiger und barmherziger Vater!
Du hast uns einen neuen Tag geschenkt, ein neuer Tag unseres Lebens, Zeit aus deinen Händen. Wir danken dir dafür und bitten dich, schenke uns offene Ohren, wache Augen und fröhliche Herzen für das, was uns entgegenkommt. Lass es wirksam sein in uns, so wie du es für uns gedacht hast. Das bitten wir dich durch Jesus Christus ....
Lesung: Kol 1, 13-20
Lied: 302,1-3+8
Lesung: Pred 3, 1-14
Lied 184, 1-4
Predigt
Lied: Unser Anfang liegt bei dir guter Gott. Jürgen Grote
Abkündigungen
Fürbittengebet
Gott, unsere Zeit liegt in deinen Händen. Nicht immer sehen wir das, nicht immer spüren wir das, weil so vieles unseren Blick verstellt. Darum bitten wir dich für uns, dass wir die Erfahrungen unseres Lebens immer als etwas ansehen, was mit dir in Verbindung steht. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, die in Freude und Fröhlichkeit leben, dass sie dies genießen können und gestärkt werden, dass sie dankbar sein können in ihrer Freude. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, deren Leben dahinplätschert ohne Höhen und Tiefen. Lass auch sie dankbar sein dafür, offen für dich und die Menschen um sie herum. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten dich für alle Menschen, deren Leben betrübt ist, die von Sorgen geplagt sind oder die Schmerz und Trauer begleitet. Lass diese Zeit nicht endlos sein, gib Kraft durch das Tal hindurchzugehen. Lass ihnen dein Licht entgegenleuchten, auf dass neue Hoffnung sichtbar wird. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die Verantwortung tragen für diese Welt, vor allem für die Politiker unsers Landes, dass sie einen guten Weg finden, politischen Entscheidungen zu treffen, die dem Wohl der Menschen dient, die den Schwachen hilft und unserer Verantwortung in er Welt gerecht wird. Darum rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich.
Unser Leben ist so unterschiedlich, so bringen wir in der Stille unsere ganz persönlichen Anliegen vor Gott.
Vaterunser
Segen
163
 

Für eine Rückmeldung wäre ich dankbar.

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Die Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe und  Gustedt
  Sonntag
6.11.2005
Liturgischer
Ablauf
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