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Im heutigen Gottesdienst wollen wir Euch, liebe Konfirmanden, herzlich
willkommen heißen. Obwohl das eigentlich Unsinn ist, zumindest für
diejenigen unter Euch, die schon getauft sind. Denn ihr gehört ja
längst zu uns dazu, Ihr gehört seit der Taufe zur Kirchengemeinde.
Und dann müssen wir Euch eigentlich nicht extra willkommen heißen.
Dennoch tue ich es. Ich tue es, weil jetzt für Euch eine Zeit beginnt,
in der Ihr die Kirche näher kennenlernt. Ihr werdet jetzt etwa eineinhalb
Jahre recht intensiven Kontakt mit der Kirche, mit den Gedanken des Christentums
haben, Ihr werdet als eine Gruppe zusammenwachsen, werdet miteinander Erfahrungen
machen, und wir werden über vieles sprechen, das für Euch neu
ist oder zumindest ungewohnt darüber zu reden.
Drei Stichworte sind für mich dabei besonders wichtig und die
möchte ich hier einmal an die Tafel (Flipchart, Styroporwand oder
was immer in der Kirche möglich ist) schreiben:
GOTT
/
\
ICH ------ Welt
Um diese drei Stichworte wird es in der Zeit unseres Konfirmandenunterrichtes
hauptsächlich gehen. Und diese drei Stichworte möchte ich jetzt
kurz ansprechen.
An erste Stelle stelle ich das Wort ICH.
Im Konfer soll es, wenn es mir irgend gelingt, um Euch gehen. Um euer
Leben, um das, was darin geschieht, um das, was euer Leben ausmacht. Es
soll eine Zeit sein, in der Ihr ganz bewußt die Möglichkeit
habt, Eure Fragen zu stellen, Eure Gedanken mitzuteilen, etwas zu erfahren
über das Menschsein in dieser Welt. Woher komme ich, bin ich nur Kind
meiner Eltern? Was gibt mir Halt in meinem Leben? Wohin kann ich mich wenden,
wenn keiner da ist? Wer bin ich eigentlich? Ich habe einen Namen, einen
Wohnort. Aber wer bin ich eigentlich in dieser Welt? Was ist meine Aufgabe?
Welches Ziel hat mein Leben? Wohin geht mein Leben als Jugendlicher, als
Erwachsener, als Sterbender? Fragen über Fragen, die ich hier stelle,
die Ihr auf Eure Weise, mit anderen Worten sicher genauso stellt. Es sind
Fragen, auf die wir unter verschiedensten Gesichtspunkten Antworten suchen
wollen, Antworten, mit denen Ihr hoffentlich Euer Leben bereichern und
gut gestalten könnte. Wobei ich unter bereichern nicht Euer Konfirmationsgeld
meine, sondern eine innere Bereicherung eures Lebens.
Auf der anderen Seite des ICH steht das Wort WELT. Ihr lebt ja
nicht alleine. Neben Euch gibt es viele andere Menschen, die mit Euch leben,
die mit Euch das Leben auf dieser Erde leben. Eltern, Verwandte, Freunde,
Nachbarn, Mitbürger im Ort, Mitbürger in Deutschland, Mitbürger
auf der ganzen Erde. Menschen, die Euch ganz nahe stehen, die Ihr liebt,
die Euch lieben, mit denen Ihr gerne zusammen seid. Menschen, die Ihr immer
wieder seht, die Ihr grüßt, mit denen Ihr aber weiter nichts
zu tun habt. Menschen, die Ihr nicht leiden könnt, die Ihr ablehnt,
die Euch ablehnen. Und dann gibt es Millarden von Menschen, von denen Ihr
überhaupt nichts wißt, höchstens eben, dass sie existieren,
die einen in Reichtum, die anderen in Armut, die dritten irgendwo dazwischen.
Aber sie tauchen nur am Rande auf.
Wie lebe ich mit diesen Menschen? Wie müssen wir uns verhalten,
damit diese Gemeinschaft klappt? Wie ist der Umgang von Kindern und Eltern?
Wie komme ich gut neben diesen anderen durchs Leben? Was ist meine Aufgabe
unter so vielen Menschen auf dieser Erde? Wieder nur Fragen, aber solche,
die wir uns alle stellen müssen, nicht nur Ihr Konfirmanden.
Und dann gehört zur Welt ja auch noch die Natur dazu und alles,
was wir Menschen geschaffen haben. Auch da tauchen Fragen auf, die uns
beschäftigen werden. Woher kommt das alles? Wie sieht die Beziehung
zwischen Mensch und Natur aus? Was kann der Mensch tun, was sollte er nicht
tun? Wie können wir dazu beitragen, dass diese Welt eine gute Welt
wird? Das Fragen scheint nicht aufzuhören.
Ja und dann kommt auch noch dieses dritte Stichwort dazu: GOTT.
Und da wird es dann ja noch mal viel schwieriger. Mich selber kann
ich sehen, wahrnehmen, kann meine Gefühle und Gedanken erkennen. Die
Menschen um mich herum kann ich sehen, anfassen, kann mit ihnen in Kontakt
treten. Die Welt kann ich im wahrsten Sinne des Worte be-greifen, aber
Gott, den kann ich nicht sehen, den kann ich nicht anfassen, der ist so
weit weg. Da sind die Fragen ja noch viel größer und schwieriger.
Und das was bis jetzt schon nach ungeheuer viel klang, wird dadurch auch
noch ins Unermeßliche gesteigert. Und das soll nun alles auf uns
zukommen?
Ja, das soll auf uns zukommen, jedoch nicht alles auf einmal und auch
nicht so geballt, wie es Euch heute vielleicht erscheint. Wir wollen gemeinsam
einen Weg gehen, einen gedanklichen Weg. Ich möchte Eure Fragen aufnehmen,
ich möchte Eure Gedanken ernst nehmen und wir wollen gemeinsam nach
Antworten suchen, nach Hilfen für unser Leben. Dabei möchte ich
ein Begleiter sein, der nicht alles besser weiß als Ihr, sondern
als einer der schon mehr Zeit hatte, über Fragen des Lebens nachzudenken
und der Euch seine Antworten anbieten möchte, Antworten, die auch
den christlichen Glauben erwachsen. Diesen Glauben sollt Ihr dabei näher
kennenlernen. Ihr sollt dabei kennenlernen, warum Ihr getauft seid, oder
getauft werdet, warum es sich lohnt, über Gott, über Jesus Christus
und die christlichen Gedanken nachzudenken. Ob mir das gelingt, das weiß
ich natürlich nicht, das kommt auch auf Euch an, wie Ihr diesen Weg
mit Euren Gedanken begleitet. Ermutigen möchte ich Euch dazu, ehrlich
zu sein, Eure Gedanken ehrlich auszusprechen, auch wenn Ihr meint, das
sei falsch oder das will der Pastor nicht hören. Ich will nämlich
nichts bestimmtes hören - außer Eure ganz ehrlichen Gedanken
zu einem Thema.
Und vielleicht kann ich das, was ich eben vielleicht auch etwas kompliziert
für Euch gesagt habe, noch einmal anders deutlich machen. In die Mitte
unseres Dreieckes klebe ich nun nämlich ein Papier mit Zeitungsüberschriften
der letzten Tage. Es sind ausgewählte Überschriften, die uns
auf Elend, Leid und Tod von Menschen hinweisen.
Vorlesen der Überschriften (wer die Predigt nutzt, wird aus seiner
Gegend und Zeitung entsprechende Überschriften finden.)
RAF-Terrorist Meyer in Wien erschossen - Anschläge
im Kosovo auf serbische Häuser - Mädchentrio raubte Schülerin
aus - Sechs Tote durch plötzlichen Sturzflug - Vermißte
Kristina im Bach ertrunken - DNA-test beweist Kindesmissbrauch
- Wieder Anschlag auf Wohnhaus in Russland – Amokläufer schoss wild
um sich- Bombenterror fordert erneut viele Opfer
Nun stehen diese Informationen in unserem Dreieck. Zuerst einmal gehören
diese Überschriften zu dem Stichwort WELT. So ist es in unserer Welt.
In ihr herrscht Gewalt. Menschen gehen gegen Menschen vor, töten sie,
mißbrauchen sie, schießen grundlos in der Gegend herum. Ihr
selber mögt davon hoffentlich nicht direkt betroffen sein, aber ich
denke, das hat dennoch etwas mit Eurem Leben zu tun. Wie steht Ihr zur
Gewalt? Wie erlebt Ihr Gewalt, z.B. in der Schule? Wie erlebt Ihr es, wenn
Ihr selber von Gewalt betroffen seid, wenn Ihr von Gewalt in der Welt hört?
Dann stellt sich ja auch die Frage, was kann ich dagegen tun? Was könnte
meine Aufgabe dabei sein, dass diese Welt gewaltloser wird? Und schon steht
das Stichwort ICH mitten im Raum, Eure Antworten sind gefragt.
Dies alles auf das Stichwort GOTT bezogen, das läßt Euch
und uns alle sicher sehr fragen. Wenn es Gott gibt, wie kann er so etwas
zulassen? Wie kann er Menschen unschuldig sterben lassen? Ist er denn wirklich
für uns da, oder ist er nicht doch nur eine schöne Idee von Menschen,
aber er selber ist doch weit weg.
Ich möchte Euch und uns dazu etwas aus der Bibel vorlesen, aus
dem Buch also, dass uns Gott vor Augen führt und Menschen, die an
Gott glauben.
Da sagt einer: (Klg. 3,1ff nach Gute Nachricht 1997)
Ich bin der Mann, der viel gelitten hat unter den zornigen Schlägen
Gottes. Ich bin es, den er vor sich hertrieb, immer tiefer in die dunkelste
Nacht, immer nur mich traf seine Faust, - Tag für Tag, ohne einzuhalten.
Er läßt meine Haut und mein Fleisch zerfallen und zerbricht
mir alle meine Knochen. Von allen Seiten schließt er mich ein, er
umstellt mich mit Bitterkeit und Qual. In Finsternis läßt er
mich wohnen wie die, die schon seit langem tot sind. Er hat mich ummauert
und in Ketten gelegt, aus diesem Gefängnis gibt es keinen Ausweg.
Ich kann um Hilfe schreien, soviel ich will - mein Rufen dringt
nicht durch bis an sein Ohr. Er hat mir den Weg mit Steinen versperrt,
so daß ich ständig in die Irre gehe. Wie ein Bär hat er
mir aufgelauert, wie ein Löwe in seinem Hinterhalt.
Er hat mich vom Weg heruntergezerrt, dann hat er mich zusammengeschlagen.
-
Er hat den Bogen auf mich angelegt und mich als Ziel für seine
Pfeile benutzt.
Pfeil auf Pfeil hat er abgeschossen und mir den Rücken damit
durchbohrt.
Die Leute meines Volkes lachen mich aus, täglich singen sie
ihr Spottlied über mich.
Er gab mir die bitterste Kost zu essen und ließ mich bitteren
Wermut trinken. Er hat mich in den Staub gedrückt und mich gezwungen,
Kies zu kauen. Das ruhige Leben hat er mir genommen; ich weiß nicht
mehr, was Glück bedeutet Ich habe keine Zukunft mehr, von Gott ist
nichts mehr zu erhoffen!
An all dieses rastlose Elend zu denken ist Gift für mich und
macht mich bitter. Doch immer wieder muß ich daran denken und bin
erfüllt von Verzweiflung und Schwermut
Da ist einer, der ist völlig fertig. Der hat das, was in unseren
Zeitungen steht, für sich selber erlebt. Er fühlt sich als einer,
der von Gott total verlassen ist. In sehr drastischen Bildern beschreibt
er seine Lebenssituation. Er selber ist am Ende, die Welt ist gegen ihn,
ja und von Gott fühlt er sich in all das sogar hineingestoßen.
Laut und deutlich spricht er seine Klage aus.
Aber dieser Mensch ist auch jemand, der sich erinnern läßt
an etwas anderes. Der nicht nur die dramatischen Ereignisse des eigenen
Lebens und der Welt sieht, sondern der sich daran erinnert, dass es auch
noch etwas anderes im Leben gab und gibt. Mit seinen Worten drückt
er es dann so aus:
Ich will mich an etwas anderes erinnern, damit meine Hoffnung wiederkommt:
Von Gottes Güte kommt es, daß wir noch leben.
Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende, seine Liebe ist jeden Morgen
neu und seine Treue unfaßbar groß. Ich sage: Gott ist mein
ein und alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn. Gott ist gut zu
denen,
die nach ihm fragen, zu allen, die seine Nähe suchen. Darum
ist es das beste, zu schweigen und auf die Hilfe Gottes zu warten.
Gott verstößt uns nicht für immer. Auch wenn er
uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine
Liebe so reich und groß ist.
Mitten im Leiden erinnert sich dieser Mensch also daran, dass Gott
da ist, dass er für uns da ist. Gottes Güte ist nicht zu Ende,
die ist lebendig, auch wenn wir sie nicht sehen.
Was also erzählt uns dieser Mensch angesichts unserer Zeitungsüberschriften:
er erzählt uns zum einen, dass es in unserem Leben vieles gibt, was
nicht richtig ist, was zu beklagen ist. Und diese Klage sollen wir auch
an Gott richten, er soll wissen, wie die Welt aussieht, wie wir sie erleben,
wie wir selber uns darin fühlen. Und dieses Klagen macht uns dann
auch frei, zu sehen, was wir tun können oder was wir nicht tun können.
Inmitten der Klage wird vielleicht deutlich, dass wir Gottes Güte
z.B. durch mehr Friedfertigkeit wieder lebendig machen können. Dass
wir Gottes Güte durch Nähe zum Leidenden wieder vor Augen führen
können. Und wir können Gott auch bitten, dass er uns Leiden ertragen
läßt, die wir nicht ändern können, damit wir
neuen Mut bekommen, das Leben zu meistern und nicht in Verzweiflung und
Trostlosigkeit untergehen. Nur dazu muß man eben auch mit Gott in
Kontakt sein, müssen wir unser Leben auf Gott beziehen, so wie der
Mensch es getan hat, von dem wir eben etwas gehört haben.
Und das möchte ich Euch Konfirmanden, aber auch jeden Sonntag
uns allen mitgeben, dass unser Leben von diesem Gott begleitet ist, dass
wir unser Leben nicht ohne ihn führen, selbst dann nicht, wenn unser
Fragen groß sind, und unsere Antworten dagegen klein. Laßt
uns also miteinander den Weg gemeinsam gehen, um in dem Dreieck ICH-WELT-GOTT
unseren eigenen Stand zu finden. Möge es gelingen und möge Gott
seinen Segen dazu geben. Amen.
oben
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe, Klein Elbe und Gustedt |
16. n. Trin. - Begrüßungs-
gottesdienst für die Vorkonfirmanden
1998 |
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