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Weihnachten 1999 – Kirchenjahr 2000, das heißt, dass wir heute
zumindest symbolisch die 2000. Geburtsnacht Jesu feiern. 2000 Jahre Christentum
– eine symbolische Zahl, die rein historisch gesehen sicher anzuzweifeln
ist, aber dann doch als symbolische Zahl Wirkung hat. Es ist ein besonderer
Geburtstag, ein besonderes Jahr für uns Christen, wenn wir auf eine
2000jährige Geschichte zurückblicken. Und wenn wir es noch ein
wenig genauer nehmen, dann ist die Geschichte ja viel älter, denn
wir gehen als Christen hervor aus dem jüdischen Glauben. Weissagungen,
Prophezeiungen, Hoffnungen des alten Israel sehen die Christen erfüllt
in dem Kind in der Krippe.
Was sich dort erfüllt und wie es sich erfüllt, das sollen
wir heute abend sehen, wenn wir eine dieser alten Prophezeiungen näher
in den Blick nehmen.
Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und
über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst
lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen,
wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute
austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer
Schulter und den Stecken des Treibers zerbrochen. Denn jeder Stiefel, der
mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird
verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn
ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft
groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in
seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht
und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer
des Herrn.
Die Vorstellung der Israeliten war, dass ein König kommt, ein
weltlicher Herrscher, der dem Land Befreiung bringt, der den Krieg beendet,
der die Soldatenstiefel und blutbeschmierten Mäntel verbrennt und
ein Reich in Frieden und Gerechtigkeit aufrichtet. Es sollte so sein, wie
zur Zeit des großen Königs David, als man wer war, als der Herrscher,
eingesetzt an Gottes Statt, das Reich in seinem Sinne zu regieren wußte.
Eine politische Hoffnung wurde laut in den Worten: Das Volk, das im Finstern
wandelt sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen
im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein
Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Die Schreiber dieser Worte hatten eine politische Hoffnung, die ihnen
Mut machte, die politische Situation ihres Landes nicht resignativ zu sehen.
Es lag viel Finsternis über den Menschen, die Hoffnung auf den kommenden
Herrscher sollte sie herausführen aus der Resignation. Eine Erfüllung
dieser politischen Hoffnung wird nirgendwo im Alten Testament berichtet.
Dieses hoffnungsvolle Kind kam erst sehr viel später zur Welt, 700
Jahre später.
Da nämlich wurde diese alte Verheißung des Jesaja mit Jesus
in Verbindung gebracht. Allerdings wurde diese Verheißung ganz anders
Wirklichkeit als die Menschen sich das 700 Jahre vorher vorgestellt haben.
Jesus war keine politische Größe, er war kein weltlicher Herrscher,
ja unter der Herrschaft der Welt ist er zerbrochen. Aber gerade darum hat
er ein Reich aufgerichtet, das weiter reicht als politische Gedanken es
je könnten. Die Herrschaft Jesu schließt politisches Handeln
ein, bleibt aber dabei nicht stehen, geht darin nicht auf. Er denkt und
handelt auch nicht nur in großen Zusammenhängen, sondert er
schenkt dem Einzelnen Beachtung. Er bleibt nicht stehen bei den aktuellen
Fragen seiner Zeit, sondern er gibt Antwort auf Lebensfragen, die die Zukunft
und letzten Dinge, die Ewigkeit mit einbeziehen. Jesus sucht nicht zeitlich,
weltliche Macht, seine Herrschaft hat weit größere Dimensionen,
die ganz anders sind, als wir uns das oft wünschen und vorstellen.
Dies alles wird deutlich, nicht nur in der Lebensgeschichte Jesu, sondern
eben auch in der 2000jährigen Geschichte des Christentums, die eine
Vielzahl von äußeren politischen Gegebenheiten durchlebt und
überlebt hat.
Die Herrschaft, von der gesprochen wurde, sie wurde mit Namen belegt:
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Das sind nicht nur
Namen, das ist auch Programm, das ist die Wirklichkeit, die Jesus in diese
Welt gebracht hat. Helmut Gollwitzer, ein Theologe, der vor allem im Dritten
Reich im Widerstand recht aktiv war, hat diese Namen einmal sehr schön
deutlich gemacht:
Jesus ist das Wunder des Anderssein Gottes, dessen Macht in der Armseligkeit
deutlich wird. Nicht unsere menschlichen Machtvorstellungen gelten, sondern
die Maßstäbe kehren sich um. Das Kind in der Krippe wird zum
Retter. Das führt zu einem Denken, das der menschlichen Macht eine
Rolle an zweiter Stelle gibt und die Armseligkeit des Menschen in zentrale
Position rückt.
Als Wunderrat ist Jesus der Rat für das Handeln des Menschen außerhalb
des menschlichen Machtdenkens. Er gibt den Rat, Leben für alle lebenswert
zu gestalten und das eben nicht nur Anfang der dreißiger Jahre des
1. Jahrhunderts, sondern bis hin ins 3. Jahrtausend hinein.
Als Gottheld lässt er sich nicht tragen von der Kraft der
Menschen, deren Kräfte ja immer schwächer werden, bis eben auch
die Macht ihrer Herrschaft verloren geht – deutlichstes Beispiel ist im
Augenblick ja die Person des Altbundeskanzlers. Die Kraft, die Jesu Handeln
bestimmt, ist die Kraft Gottes, aus der schöpft er seine Kraft, um
seinen Weg zu gehen: den Weg eines Heldentums, das nicht im Sieg über
andere, sondern in der Hingabe für die Menschen besteht.
So wird der Weg von der Geburt bis Tod und Auferstehung ein Weg des
Sichtbarmachens der Väterlichkeit Gottes, die durch nichts begrenzt
wird. Weder Leid noch Schuld, weder Armut noch Tod können dieses väterliche
und mütterliche Antlitz Gottes verdecken. Durch die Feier des Kindes
in der Krippe machen wir deutlich, dass wir diese Güte Gottes nicht
als eine zeitlich gebundene Verstehen, sondern dass wir bis heute davon
leben, ja dass diese Güte ewig besteht. ER ist der Ewig-Vater für
uns Christen.
Und von Jesus Christus geht ein Friede aus, der weit höher ist
als alle menschliche Vernunft je begreifen kann, der weit höher ist,
als menschlicher Friede je sein könnte. Jesus ist der Fürst des
Friedens, der den politischen Frieden und den seelischen Frieden in seiner
Hand hat.
Darum glauben wir daran, dass die Geburt des Kindes in Bethlehem mehr
in die Welt gebracht hat, als nur einen neuen Herrscher. Mit ihm ist die
Welt anders geworden, auch wenn die Umstände jedes Jahr gleich sind:
Unfriede, Hunger, Elend, Not, Unglück, Trauer, Tod. Dies ist geblieben,
und doch ist mit dem Kind etwas in der Welt lebendig geworden, das uns
deutlich sagt: das ist nicht die gottgegebene Ordnung, das ist nicht das,
was Gott für die Welt will.
Wir haben durch ihn, von Gott gegeben, jemanden, der lebendig macht,
wie es anders sein soll, anders sein kann.
Bei ihm finden wir einen Rat, andere Wege einzuschlagen, z.B. Feindesliebe
statt Fremdenhass und Selbstbehauptung.
Wir finden bei ihm den Ort der Kraft, die mächtiger ist als menschliches
Wollen: Gott will es anders, sagt er in seinem Leben, also sagt nicht immer,
die Welt ist nun mal so, wir können nicht anders. Wir können
anders, denn Gott will es anders.
Wir finden bei Christus ein Heldentum, das nicht auf eigenen Ruhm und
Vorteil bedacht ist, sondern auf Opferbereitschaft, die den anderen wichtig
nimmt.
Wir finden bei Christus ein Angenommensein, das nicht Halt macht bei
unserer Schuld, wir haben auch mit unserer Schuld vor ihm und bei ihm Lebensrecht,
ja er befreit uns davon, damit wir wirklich frei leben können. Darin
gibt er Frieden, den wir jeden Tag neu im Leben brauchen.
Dies alles sind nicht nur schöne Worte der Auslegung einer alten
Verheißung des Alten Testamentes. Dies alles ist Wirklichkeit geworden,
es hat seinen Anfang genommen im Stall zu Bethlehem. Die Welt, wie wir
sie jeden Tag erleben, mag an vielen Stellen anders aussehen, sie mag dieses
Licht verdecken: gewollt, weil es menschliches Streben hindert, ungewollt,
weil menschliches Streben anderes oft nicht zulässt; gewollt,
weil Menschen diese Botschaft nicht interessiert, ungewollt, weil Menschen
gehindert werden, dieser Botschaft zu folgen. Und doch ist dieses Licht
in der Welt, ob wir das wollen oder nicht. Wir müssen manches mal gegen
den Augenschein daran festhalten, müssen allen Glauben zusammennehmen,
um an der sichtbare Realität nicht zu verzweifeln. Aber gerade darin
liegt auch das Besondere des Reiches Christi, das nun schon 2000 Jahre
überdauert hat, darin liegt das Besondere der Herrschaft Christi:
dass es eben nicht aufgeht, in dem, was wir vor Augen haben, dass es nicht
aufgeht in politischen, menschlichen Hoffnungen, sondern dass es immer
über das hinausreicht, was uns vor Augen ist. Das macht unseren christlichen
Glauben aus, das macht auch Weihnachten aus. In diesem Fest liegt eine
Wirklichkeit, die weit über das hinausgeht, was wir Menschen sehen.
Erfahren tun wir es nur, wenn wir uns auf dieses Kind und seine Herrschaft
einlassen. Und dazu helfe uns Gott. Amen.
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Die
Predigt wurde gehalten in
Groß Elbe,
Klein Elbe und Gustedt |
Weihnachten
25.12.1999 |
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